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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1974-09-01 · No. 36 (September 1974) · p. Seite 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1974
Issue
No. 36 (September 1974)
Date
1974-09-01
Page
Seite 16 (sequence 2144)
Language
German
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der Einführung des Distrikts für Zimmer innerhalb desselben grosse Vermittlungsgebühren verlangt wurden, wäre es uns wahrscheinlich unmöglich gewesen, ein Privatzimmer zu nehmen und wir hätten wieder ins Heim ziehen müssen. Das blieb uns, wie gesagt, erspart, aber es hatte auch verschiedene Nachteile. Zunächst war es das erste Mal, dass wir in einem Hause wohnten, in dem fast unsere sämtlichen Nachbarn Chinesen waren, an deren Sitten und Gebräuchen innerhalb einer so beengten Umgebung wir ja nicht gewöhnt waren. Wie es sich herausstellte, waren unsere chinesischen Nachbarn durchaus verträgliche Menschen, mit denen lüan in Ruhe und Frieden auskommen konnte, wenn man ihnen gleichermassen entgegenkam. Zum Beispiel hatten wir an unserem Zimmer mindestens zwei Jahre lang kein Türschloss, aber es fehlte uns die ganze Zeit nicht eine Stecknadel. Das Zimmer lag wie immer im Oberstock, nur war es sehr klein. Wir hatten für uns drei Personen nicht mehr als neun Quadratmeter Raum. Aber unsere chinesischen Zimmernachbarn waren noch schlechter dran, 2 Erwachsene und 2 Kinde auf einem Raum von höchstens sieben Quadratmetern. Diese Familie hatte als Mobilar ein grosses breites Bett, eine Kommode, einen kleinen Tisch u. zwei Hokker. Der kleine Raum vor unseren beiden Zimmern, von dem eine herunterklappbare Treppe auf die Dachterasse führte, wo im Sommer die Wäsche zum Trocknen aufgehängt wurde, war teilweise mit einem Hocker belegt, auf dem ein chinesischer Ofen in Betrieb war, auf dem das Essen für diese Familie gekocht wurde. Ein weiterer Nachteil war, dass das ganze Haus völlig verwanzt war, wenigstens als wir dort einzogen. Das war weniger die Schuld der Chinesen als der Hausgesellschaften, die jahrzehntelang nichts für ihre Häuser getan hatten. Ich habe niemals im Leben, weder vorher noch nachher, so viele Wanzen auf einem Fleck gesehen. Ich hatte in den ersten Tagen als wir dort wohnten kein Bett und musste auf einer Matratze auf dem Fussboden schlafen. Wenn ich nachts aufwachte, fegte ich mit einer für diesen Zweck bereitgelegten Bürste die buchstäblich hunderte von Wanzen, die das Kopfkissen bedeckten, in eine ebenfalls für diesen Zweck bereitgestellte mit Wasser gefüllte Schüssel, eine Prozedur, die ich alle halben Stunden wiederholen musste. Meine Frau sorgte dafür, dass der Zimmerfussboden täglich mit Petroleum gewischt wurde; ausserdem streuten wir japanisches Wanzenpulver in alle Ecken und in ganz kurzer Zeit war die Wanzenplage im ganzen Hause behoben, zumal wir die Chinesen bewogen, ebenfalls das japanische Wanzenpulver zu benutzen, was wegen der gegen die Japaner herrschende feindliche Stimmung keine leichte Aufgabe war. In diesem Hause wohnten wir über 4 Jahre, obwohl wir zu Anfang geglaubt hatten, es keine 4 Wochen aushalten zu können. Unser Zimmernachbar war in einer Zigarettenfabrik angestellt und erhielt ausser seinem Lohn wöchentlich 100 Zigaretten als Bonifikation. Er selbst war Nichtraucher, aber anstatt diese Zigaretten zu verkaufen, was er leicht hätte tun können, schenkte er uns dieselben, da er festgestellt hatte, dass es uns noch dreckiger ging als ihm. Wärend der schweren amerikanischen Bombenangriffe schickte er seine Frau und seine beiden kleinen Söhne Ho Ksin und Ho Kwe zu Verwandten aufs Land, wo sie einigermassen ausser Gefahr waren. Während dieser Zeit kochte er sich selbst, aber wenn er merkte, dass wir, weis oft genug vorkam, nichts zu essen hatten, kam er zu uns ins Zimmer und brachte uns zu essen. Wenn er durch die uns verbindende Holzwand hörte, dass wir die Schüsseln auskratzten, brachte er uns noch mehr und wir durften nicht ablehnen, um ihn nicht zu beleidigen. Unser Hauswirt Mr. Lo, der im Unterstock zwei Zimmer und Küche mit seiner Familie innehatte, lud uns im Februar 1947 zum chinesischen Neujahrsessen ein. Seine Frau kochte mindestens 3 Tage lang an einem Essen, das uns zu Ehren gegeben wurde und an dem sie selbst nach chinesischer Sitte nicht teilnahm. Als wir im Juni desselben Jahres auswanderten, bot mir Mr. Lo Geld an für den Fall, dass ich knapp bei Kasse sein sollte. Als ich ihm sagte, dass ich das nicht annehmen könnte, da ich nicht wüsste, wie ich es ihm zurückzahlen könnte, sagte er mir: “Mr. Langel, wenn Du mir das Geld zurückschickst, so werde ich wissen, dass es dir gut. geht und werde mich freuen. Und wenn Du es mir nicht zurückschickst, so werde ich wissen, dass Du nicht dazu in der Lage bist u. werde mich freuen, eine gute Tat getan zu haben”. Das ist d. chinesische Mentalität zu denken, und ich glaube nicht, dass es viel gleichartiges auf dieser Welt gibt. Aber wir hatten noch andere chinesische Bekannte in der Lane, wie es ja, wenn man 4 Jahre lang sich täglich mehrmals trifft und grüsst, unvermeidlich ist. Als wir am 29. Juni 1947 das Taxi bestiegen, das uns zum Schiff führen sollte, standen ein gutes hundert Chinesen, Männer, Frauen und Kinder um uns herum und viele hatten Tränen in den Augen. Es war ein Anblick, den man nicht so leicht vergessen kann. So zog sich die Zeit hin, aus den Wochen wurden Monate und aus den Monaten wurden Jahre. Aber plötzlich, eines Tages, war auch der Krieg in Ostasien aus, nachdem er schon ein paar Monate vorher in Europa zuende gegangen war. Die Freude in Shanghai im allgemeinen und im Ghetto im besonderen war unbeschreiblich gross. Fast jeder Emigrant hatte sich für diese Gelegenheit eine Flasche Schnaps aufbewahrt und singende und johlende mehr oder weniger besoffene Gruppen zogen durch die Strassen. Die Chinesen feierten das Ereignis mit etwas mehr Würde und Ernst. In vielen Fällen sassen sie auf der Strasse um ein altes Trichter - gramofon herum auf dem sie die chinesische Nationalhymne spielten, die jahrelang von den Japanern verboten gewesen war. Es vergingen ein paar Tage und dann traf die amerikanische Flotte im Shanghaier Hafen ein. Schätzungsweise eine Million Menschen waren am “Bund” versammelt, als die Kreuzer und Kanonenboote den Whangpoo heraufdampften, um gegenüber dem Cathag-Hotel Anker zu werfen. Die Fenster dieses Hotels sowie die der benachbarten Gebäude waren bis zum Dach hinauf mit tausenden von Menschen besetzt, die sich dieses Schauspiel nicht entgehen lassen wollten. — Ich habe noch vergessen eine Episode zu berichten. Die italienische Schiffahrtsgesellschaft “Lloyd Triestino” hatte im Ostasiendienst ausser dem bereits erwähnten “Giulio Cesare” noch 2 oder 3 weitere Schiffe eingesetzt, die regelmässig Shanghai anliefen. Darunter war auch die “Conte Verde” deren merkwürdiges Schicksal ich hiermit beschreiben will. Besagte “Conte Verde” war durch den Krieg in Ostasien im Shanghaier Hafen überrascht worden. Im Jahre 1943 sollte sie nach Laurenzo Marquez in Portugiesisch Ostafrika fahren, um dort japanische Verwundete gegen solche der Alliierten umzutauschen. Um sie für die Reise kenntlich zu machen, wurde sie neu gestrichen, hellgrau mit weissen Kreuzen. Als es aber zur Ausfahrt kam, stellte es sich heraus, dass im Laufe der zwei vergangenen Jahre viele Dinge gestohlen worden waren, darunter auch lebenswichtige Teile der Maschinen. Die “Conte Verde” wurde also ins Schlepptau genommen und nach Japan ins Trockendock gebracht, wo man sie wieder so aufbügelte, dass sie die Reise nach Afrika überstehen konnte. Nach ihrer Rückkehr von dort, mehrere Monate später, lag sie wieder \ wie früher am “Bund” in Shanghai. Aber nicht mehr für lange. Eines Morgens rief der Kapitän des Schiffes die gesamte Mannschaft an Deck und teilte' ihr mit, dass sie die "Conte Verde” sofort verlassen müssten, da das Schiff in etwa 15 Minuten sinken werde. Es war nämlich Italien aus dem Kriege ausgeschieden und der Kapitän hatte Befehl, sein Schiff nicht in die Hände der Japaner fallen zu lassen. Die Besatzung konnte sich mit vieler Mühe an Land retten bis, so erzählte man mir, auf einen Koch, der so dick war, dass er nicht durch die Türe konnte. Kapitän, Offiziere und Musiker wurden von den Japanern im Casa Italia interniert, während die übrige Besatzung in der Altstadt Shanghai’s in einem Kloster untergebracht wurde. Die “Conte Verde” lag mitten im Hafenbecken von Shanghai. Sie lag auf der Seite wie ein riesiger Wal und war eine grosse Belästigung für die übrige Schiffahrt. Die Japaner machten daher grosse Anstrengungen, sie zu heben. Aber das war keine leichte Aufgabe. Es wurden am Schiff armdicke Drahtseile befestigt und diese an Land um das Gebäude der Standard-Esso Company herumgelegt, das einen ganzen Strassenblock ausfüllte und sich genau gegenüber dem versenkten Schiffe befand. Dann wurden die Seile langsam angezogen, ein Prozess der mehrere Monate in Anspruch nahm, aber als dann nach langer Zeit man so etwas wie Erfolg sehen konnte, warf ein amerikanisches Flugzeug eine gutgezielte Bombe ab, die das Schicksal der “Conte Verde” nunmehr endgültig besiegelte. Im Verlaufe der Versuche das Schiff zu heben, soll ein japanischer-Ingenieur Harakiri verübt haben. Nach Kriegsende wurde die gesamte Besatzung der “Conte Verde” auf ein Kanonenboot geladen und nach Italien gefahren. — Während der vielen Jahre, die die “Conte Verde” in Shanghai war und Offiziere und Mannschaft jederzeit an Land gehen konnten, ist es natürlich unvermeidlich, dass sich die gestrandeten Italiener eng an die Emigranten aus Mitteleuropa anschlossen, die sich ja auch als gestrandete fühlten und nur den einen Wunsch hatten, nach Beendigung des Krieges wieder in ihre Heimat zurückzukehren. So kamen zwischen beiden Gruppen viele Freundschaften zustande und bei der Abfahrt der Italiener gab es herzzerreissende Scenen. Jacob Karliner zum 80ten Eine besondere Freude ist es uns, dem früheren 1. Vorsitzenden des Verbandes ehemaliger Oberschlesier in Haifa, zu seinem 80ten Geburtstag zu gratulieren. Er wohnt jetzt in Natania im ELTERNHEIM “TIFERET BANIM”, Simtat Reines, und ist unberufen körperlich und geistig jung. In Oppeln O/S geboren, feierte er seine Bar Mizwa dort und die Ansprache seines grossen Lehrers, Rabb. Leo Baeck, lebt in ihm weiter und ist sein Lebensziel. “Gesegnet sei der Mann, der auf G”tt vertraut”. Sein Lebensweg in Kürze: Gründung des jüd. Jugendbundes in Oppeln O/S, innige Freundschaft mit dem Nachfolger Leo Baecks, Rabb. Dr. Felix Goldmann, Oppeln O/S, später Leipzig, Frontsoldat 4 Jahre, führend in der Schuhbranche bei Klausner und Salamander, Rettung einer Sefer-Thora aus der brennenden Synagoge in Rostock, Mai 1939 nach England, im Kitchener Camp und auf Isle of Man Jüdischkeit organisiert, 1200 Menschen haben an den hohen Feiertagen unter seiner Führung gemeinsam gebetet. 1946 nach Palästina gekommen ist er ein Chewre Mann in des Wortes schönster Bedeutung. In Haifa war er der glänzende Organisator des Verbandes ehemaliger Oberschlesier, Kulturabende, Veranstaltun gen aller Art, verdanken ihm die Mitglieder des Verbandes. Auch im Elternheim ist er beliebt und geehrt. Innige Verbundenheit und grosse Liebe erntet er von seinen Kindern und Enkelkindern. 16

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