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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1974-09-01 · No. 36 (September 1974) · p. Seite 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1974
Issue
No. 36 (September 1974)
Date
1974-09-01
Page
Seite 15 (sequence 2143)
Language
German
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3 Stunden später zugestellt. Ich kenne keine andere Grosstadt der Welt, die einen ebenso gut organisierten Postdienst hat. Ich habe weiter oben die Gardenbridge erwähnt. Das war die Hauptverbindung zwischen Hongkew und den übrigen Teilen der Stadt, wie internationales Settlement, Frenchtown und Nantao, letzteres das ursprüngliche Shanghai. Diese Brücke führte über den Soochow-Creek, einen etwa 20 bis 25 Meter breiten Zufluss des Whangoo Flusses, dessen Delta das Hafenbecken von Shanghai bildet. Wie gesagt, war Hongkew damals von den Japanern besetzt, die um allen ihre Oberhoheit zu zeigen, auf der Gardenbrücke direkt in der Mitte rechts und links Wachtposten stationiert hatten. Jede vorbeifahrende Strassenbahn musste mitten auf der Brücke anhalten und der Schaffner musste eine Hand an den Mützenrand, die andere an die Hosennaht legen und den Posten mit Stentorstimme um die Erlaubnis bitten, vorbeifahren zu dürfen. Chinesen sind im allgemeinen solchem Brimborium stark abgeneigt, aber sie machten gute Miene zum bösen Spiel und machten die vorgeschriebenen Männchen. Aber einmal ausser Hörweite des Wachtpostens lachten sie sich die Hucke voll. — Ausser der Gardenbridge führen noch viele Brücken über den Soochowcreek. Und wenn man sich auf eine dieser Brücken stellt, kann man interessante Beobachtungen machen. Am Rande des Creeks liegen rechts und links Hausboote, die jeweils von einer chinesischen Familie bewohnt werden. Auf so einem Hausboot isst man, schläft man, es werden Kinder gezeugt, Hühner, Ziegen und Schweine laufen auf Deck herum. Die Notdurft wird meistens direkt ins Wasser verrichtet und man kann von der Brücke aus plötzlich einen Mann oder eine Frau sehen, die sich die Hosen herunter lässt, den nackten Hintern übers Wasser hält und seine Notdurft verrichtet. — Wie ich schon gesagt habe, bombardierten die Japaner am 8. Dezember 1941 die amerikanische Flotte in Hawai. In derselben Nacht wurden wir von Artillerieschüssen aus dem Schlafe geweckt und erfuhren am nächsten Morgen aus den Zeitungen, was geschehen war. Im Shanghaier Hafen lagen ein britisches und ein amerikanisches Kanonenboot direkt neben einem japanischen Panzerkreuzer. Die Japaner forderten beide Schiffe zur Übergabe auf. Aber während die Amerikaner in dieser aussichtslosen Situation sich vernünftigerweise sofort ergaben, schoss das britische Schiffchen eine Salve auf den japanischen Kreuzer ab. Die Reaktion der Japaner hatte selbstverständlich disaströse Folgen für das kleine britische Schiffchen und es gab genügend Tote und Verletzte an Deck. Anfang 1943 fiel es den Japanern^ plötzlich ein (man sagt unter deutschem Einfluss) ein Ghetto für die mitteleuropäischen Flüchtlinge aufzumachen, d.h. innerhalb Hongkews wurde ein Teil abgegrenat und für Flüchtlinge, die ja zu 99 Prozent Juden waren, bestimmt. Innerhalb dieser Grenzen mussten alle Flüchtlinge Wohnung nehmen und durften diesen Distrikt auch tagsüber nicht verlassen. Wer irgendwelche berufliche Tätigkeit ausserhalb des Distikts nachweisen konnte, bekam einen Spezialpass, der ihn berechtigte, an bestimmten Tagen und zu bestimmten Tageszeiten diesen Distrikt zu verlassen. Dieser Spezialpass musste alle ein bis drei Monate von den japanischen Behörden erneuert werden. Ich selbst hatte als Inseratenvertreter einen Dreimonatspass, der mich berechtigte von früh um 8 Uhr bis nachmittag um 6 Uhr in Hongkew, Internationalem Settlement und Frenchtown zu arbeiten. Sehr oft wurde ich länger aufgehalten und verhindert um 6 Uhr oder früher in den Distrikt zurückzukehren. Aber auch dafür gab es Auswege. Einer war auf Schleichwegen bis an die Distriktsgrenze zu laufen und zu warten, bis der Wachtposten den Rücken drehte oder nach der anderen Seite sah. Diesen Moment benützte man, um die Grenze zu überschreiten. Eine zweite war die Distriktsgrenze in der von Chinesen überfüllten Strassenbahn zu überschreiten. Die Chinesen, die genau wussten, worum es sich handelte und die jede Gelegenheit beutzten, den Japanern eins auszuwischen, versteckten mich dann in ihrer Mitte, bis wir die Inspektion an der Grenze überstanden hatten. Ein berühmter Sport des chinesischen Personals der Strassenbahn war, die bei Kriegsausbruch von den Japanern beschlagnahmte Strassenbahn-Gesellschaft zu schädigen. Um die Gesellschaft um einen grossen Teil ihrer Einnahmen zu bringen, hatte man folgendes Schema ausgearbeitet. Der Schaffner kassierte bei den Fahrgästen den vollen Fahrpreis, ohne ihnen ein Billet zu geben. Stand an der nächsten Haltestelle ein Inspektor, so gab der Führer des Wagens von vorn ein Klingelzeichen und verlangsamte gleichzeitig die Fahrt. Und der Schaffner, alarmiert durch das Glockensignal begann Billets auszuteilen an alle, die keines hatten. Stand aber kein Inspektor an der Haltestelle und es verliessen Fahrgäste den Wagen, so war das eben reiner Verdienst für Schaffner und Strassenbahnführer. Da wir alle den Japanern zur Niederlage verhelfen wollten, so unterstützten wir gerne das chinesische Personal. — Aber auch auf anderen Gebieten schädigten die Chinesen die Japaner, wo sie nur konnten. Es passierte oft genug, dass ein einzelner japanischer Soldat auf offener Strasse mitten in der Menschenmenge erstochen wurde. In diesem Falle wurde sofort ein ganzer Stadtteil abgeriegelt und Alarm gegeben. Von allen Seiten stürmten bewaffnete Japaner heran, liessen alle, die auf der Strasse waren, antreten und durchsuchten sie auf Waffen. Ich erinnere mich, dass einmal bei einer solchen Gelegenheit ich mit den Händen über dem Kopf dastand und wartete, untersucht zu werden. Der Japaner tastete mich ab und glaubte schon einen guten Fang gemacht zu haben, da er einen harten Gegenstand mit den Umrissen einer Pistole in meiner Jackentasche fühlte. Er fuhr mir in die Tasche und zog zum allgemeinen Gelächter der Umstehenden meine Tabakspfeife heraus. — Der Chinese, wie alle Orientalen, ist ein starker Zigarettenraucher. Da die ersten Zigarettenfabriken in Shanghai von Engländern gegründet wurden, war der Einschlag chinesischer Zigaretten fast ausschliesslich englisch, d.h. nur blonder Tabak wurde verwendet. Die Fabrikation chinesischer Zigaretten ist ein Kapitel für sich. Die meisten Fabriken, wenn sie neu aufmachten oder wenn sie nur eine neue Marke einführten, brachten zu Anfang ein gutes Produkt heraus, verminderten aber im Laufe der Monate und Jahre die Qualität langsam aber sicher in der Annahme dass es die Raucher nicht merken würden. Aber Raucher kann man nicht so leicht betrügen und wenn sich die ersten Anzeichen bemerkbar machten, dass die Qualität einer Marke nachliess, gingen sie sofort auf eine andere Sorte über. So kam es, dass Fabriken aufmachten und nach 8—10 Monaten wieder einschliefen, während die britische Zigarettenfabrik, deren Hauptmarke “Ruby Queen” war, ihre Ware Jahr um Jahr in der gleichen Qualität erzeugte. Amerikanische Zigaretten waren bei den Chinesen nicht sehr beliebt. Nur Ausländer rauchten sie. Aber für einen armen Kuli ist jede fabriksmässig hergestellte Zigarette zu teuer, so billig sie relativ auch sein mag. Es wurde daher ein lebhafter Handel und Fabrikation von selbstgemachten Zigaretten betrieben. Der Tabak für diese Art von Zigaretten stammte von den Stummeln her,' die auf der Strasse weggeworfen und von älteren Männern aufgeklaubt wurden. Der Tabak, der sich selbstverständlich aus vielen Marken, zusammensetzte, wurde herausgeklaubt und in Zigarettenpapier eingerollt. Das ergab neue Zigaretten, die man einzeln und ungefähr zum zehnten Teil einer fabriksmässig hergestellten Zigarette verkaufen konnte. Die Presse in Shanghai war sehr international. Neben chinesischen Zeitungen gab es solche in japanischer, russischer, französischer, englischer und deutscher Sprache. Da ich mehrere Jahre als Agent für Anzeigen in Shanghai arbeitete, weiss ich hier ziemlich genau Bescheid. Auch die Radiostationen sandten in den vorerwähnten Sprachen, nur dass die Interessen und die Propaganda, soweit sie politisch war, etwas auseinandergingen. So konnte es Vorkommen, dass die deutschsprachige deutsche Sendestation von grossen Siegen Deutschlands an der Ostfront erzählte, während eine russische Station, die aber ebenfalls in deutscher Sprache sandte, genau das Gegenteil meldete. Wir Emigranten hatten uns im grossen Aufenthaltsraum des Alcockroad Heims eine grosse Landkarte von der deutsch-russischen Front aufgemacht und steckten Fähnchen gemäss den Radioansagen des deutschsprachigen russischen Senders, den wir für vertrauenswürdiger hielten. So konnten wir den Vormarsch der Russen täglich verfolgen und ziemlich genau das Ende des Krieges Voraussagen, Aber beinahe hätte uns das wenig genützt. Gegen Ende des Krieges begannen nämlich die Amerikaner in immer grösserem Umfange Shanghai zu bombardieren. Am 17. Juli 1945 bombardierten sie die japanische Radio Station, die innerhalb des oben beschriebenen Ghettos lag und wie nicht anders zu erwarten, hatten allein die jüdischen Emigranten an diesem Tage 32 Tote und zahlreiche Verletzte zu beklagen. Mehrere hunderte waren ausgebomt worden und mussten Notquartiere in der Jüdischen Schule bekommen, wo sie auch täglich verpflegt wurden. Nachts wurde, alles vom jüdischen Ordnungsdienst überwacht. Damit komme ich zum Kapitel “Jüdischer Ordnungsdienst”. Schon 1939 bei der Ankunft grösserer Mengen von Emigranten war vom jüdischen Hilfskommittee eine Art Polizei gegründet worden. Sie wurde aus den Reihen der Einwanderer rekrutiert und diente hauptsächlich dazu, Ordnung in den zahlreichen Refugee-Camps zu halten. Sie hiess auch zunächst Heimpolizei, später Ordnungsdienst und nach Kriegsbeginn im Dezember 1941 Security Service for the Jewish Refugee Camps (Sicherheitsdienst für die jüdischen Flüchtlingsläger). Nach d. Anfangsbuchstaben d. beiden ersten Worte im englischen Titel wur den wir auch S.S. genannt. Da der Dienst dort nicht sehr intensiv war — acht Stunden Dienst und 24 Stunden dienstfrei — so war ich etwa in 1943 dort eingetreten, da das Taschengeld, das man dafür erhielt, ein kleiner Nebenverdienst war. Aber auch andere Vorteile waren damit verbunden, z.B. freies Essen für sich selbst und die Familie. Meine Frau arbeitete schon seit vielen Jahren wieder, aber mangels anderer Gelegenheiten meistens als Dienstmädchen und Waschfrau. Ich selbst hatte aUsser meinen Einnahmen vom Ordnungsdienst noch solche bestehend aus Kommissionen, die mir die Leute zahlten, die nicht selbst beim Hilfskommittee ihre monatliche Barunterstützung kassieren oder wollten, aus Krankheits- oder anderen Gründen und die mich gegen Zahlung eines kleinen Prozentsatzes mit der Einkassierung beauftragten. Alles was wir beide zusammen verdienten, reichte gerade um sich notdürftig durchzuschlagen und nicht hungers zu sterben. Manchesmal hatten wir auch Glück und einer dieser Glücksfälle war, dass das Zimmer in der Kwer.ming Road innerhalb des ein paar Wochen später errichteten Ghettos lag. Da nach 15

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