Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1974
- Issue
- No. 36 (September 1974)
- Date
- 1974-09-01
- Page
- Seite 13 (sequence 2141)
- Language
- German
- Belongs to
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dann auf. Was wir daraus gelernt hatten war, dass man bei grosser Hitze keine kalten Getränke zu sich nehmen soll. Eine Tasse heisser Tee löscht den Durst besser und hat keine so üblen Nachwirkungen. Die vorerwähnten Kübel wurden jeden Morgen von Kulis in grosse Sammelwagen entleert und auf die Rieselfelder gebracht. Diese Wagen ziehen jeden Morgen zwischen 6 und 7 Uhr durch die Strassen, da ganze Stadtteile auf diese Weise bedient werden und den Geruch, den sie verbreiten, kann sich jeder lebhaft vorstellen. Wir nannten sie die 4711 Wagen, aber es war ein notwendiges Übel, da ca. 90% der Stadt keine W.C.S hatten und auf diese Weise wenigstens ein Minimum von Sauberkeit herrschte. Im Oktober dieses Jahres ging dem jüdischen Hilfskommittee das Geld aus und es konnte uns kein Zimmerzuschuss mehr gezahlt werden. Wir mussten also das Zimmer kündigen und ins Heim ziehen, dieses Mal das Alcock Road Heim, in der Strasse gleichen Namens gelegen. Wir kamen in ein Zimmer zusammen mit 6 anderen Personen. An den drei Stellwänden des Zimmers standen insgesamt 5 Doppelbetten, jedes bestehend aus Ober¬ und Unterbett. Das machte also insgesamt 10 Betten, von denen 9 belegt waren, während wir das 10. Bett als' Gepäckablage benützten. Die vierte Wand bestand aus einem Fenster mit Sicht auf die Alcock Road. In der Mitte des Zimmers, das eine Gesamtfläche von etwa 24 qm. hatte, stand als einziges Möbel ein langer roher Holztisch und etwa 3 oder 4 Hocker, die man nach Gebrauch unter den Tisch schieben konnte, sodass sie keinen Platz Wegnahmen. Unter den Betten und auf dem überigen imbenutzten Bette hatten wir unser Handgepäck, wie auch Koffer und Bettsäcke untergebracht. Das Zimmer war, ausser von uns, bewohnt von einem Ehepaar und einer Familie von 4 Personen, Mann, Frau und zwei Jungen von 11 und 14 Jahren.' Wir alle stammten aus Breslau und da wir dadurch viele gemeinsame Erinnerungen hatten, war eine gewisse familiäre Atmosphere gesichert. In diesem Zimmer wohnten wir bis April 1940. Schon im Februar bekam ich auf einen Antrag hin, den ich noch vor meiner Auswanderung gestellt hatte, von der HICEM in Paris einen Betrag von US $ 100.—. Ich inserierte in der “Shanghai Jewish Chronicle”, einer deutschsprachigen Zeitung von Emigranten für Emigranten gegründet und kaufte alte Bücher hauptsächlich Romane, Novellen etc. auf, meistens in deutscher Sprache und später auch englischsprachige, um eine Leihbücherei zu eröffnen. Da ich keinen Platz hatte die aufgekauften Bücher, die bald in die hunderte gingen, aufzubewahren, legte ich diese auf mein Bett und schlief mehrere Wochen auf denselben. Wir suchten uns wieder ein Zimmer, diesmal auf eigene Rechnung, und fanden eins in der Seward Road Laue 810. Auch fand ich ein Geschätfslokal in Untermiete in einem Laden, wo ein Herr eine Annoncen-Annahme für alle Shanghaier Zeitungen unterhielt. Dort zog ich am 1. Mai 1940 mit sämtlichen inzwischen aufgekauften Büchern ein und nach ein paar Vorbereitungsarbeiten, wie numerieren der etwa 500 Bücher, Anlegung einer Kundenkartei etc. etc. eröffneten wir wenige Tage später die “Hongkew Library” (Leihbücherei), die von Anfang an ein regelmässiges, wenn auch sehr bescheidenes, Einkommen sicherte. Mein Ladensocius war klamm mit Geld gewesen, hatte sich etwas geborgt und war in die Hände eines Wucheres gefallen. Da ich von den US $ 100.— die ich inzwischen in Shanghaier Währung zum Kurse von 14 : 1 umgetauscht hatte, noch ein paar hundert Shanghaidollar übrig hatte, löste ich die Schul meines Ladensocius bei dem Wucherer ab, gegen eine Beteiligung an der Annorcen-Expedition. Am gleichen Tage waren wir auch in unsere neue Wohnung gezogen, die wir selbst mit billigen Möbeln ausgestattet hatten. Wir hatten wieder ein grosses Oberzimmer, diesesmal aber noch mit einem kleinen Nebenraum, der auch eine Wasserleitung hatte und uns als Küche und Kinderschlafzimmer diente, da noch Platz für unser mitgebrachtes Kinderbett blieb. Wir besassen jetzt auch einen Petroleumkocher, meine Frau ging jeden Tag zui nächsten Markthalle, um- Einkäufe zu machen und in verhältnismässig kurzer Zeit hatte wieder ein geregeltes bürgerliches Leben eingesetzt. Um unser sehr bescheidenes ' Einkommen zu verbessern, lernte sowohl meine Frau als auch ich Kravattenzuschneiden und nähen. Nach einiger Zeit hatten wir ein paar Vertreter herumlaufen, meistens Frauen, die nachts Bars und Nachtklubs besuchten und den Anwesenden Gästen Kravatten verkauften. Als Gehilfin für die Näharbeit hatten wir eine taubstimme Chinesin, mit der wir uns mit Hilfe eines englisch-chinesischen Lexikon’s verständigten. Aber wie alles in der Emigration und vor allem, wenn man so knapp mit Geld war, wie wir, und immer improvisieren' muss, war unsere Kravattenfabrikation nicht von langer Dauer. Am 8. Dezember 1941 fiel es nämlich den Japanern ein, Pearl Harbour zu bombardieren und die in Honolulu liegende amerikanische Flotte zu versenken. Der daraus resultierende Kriegsausbruch zwischen Amerika und Japan war der Anlass, dass ein paar grosse im amerikanischen Besitz befindliche Kravattenfabriken auflösten und ihre1 Warenläger zu Schundpreisen auf den Markt brachten, eine Konkurrenz, der wir keineswegs gewachsen waren. Wir mussten auflösen und tauschten eine für die Kravattenfabrikation gekaufte Nähmaschine gegen ein Fahrrad um, mit dem ich Botenfahrten machte. Auch übernahm ich mit Hilfe von chinesischen Karrenkulis kleine Umzüge, da unsere Emigranten sehr ziehfreudig waren und ihre Zimmer oft wechselten. Ich trat in diesem Falle als Vertrauensmann auf, schaffte die Kulis heran und überwachte den Transport der wenigen Habseligkeiten meiner Mandanten. Für diese Dienste kassierte ich einen bescheidenen Betrag, der nach Abzug der Spesen, wie Zahlung an den Kuli, Fahrradreparaturen usw. noch bescheidener wurde. Der Kriegsausbruch im Fernen Osten hatte weiter zur Folge, dass das jüdische Hilfskommittee, das in der Hauptsache von Geldern gelebt hatte, die aus Amerika hereinkamen, von dort aus nichts mehr erhielt u. seine Hilfe auf ein Minimum einschränken musste. Es reichte knapp um die Camps aufrecht zu erhalten, von Essenausgeben war nicht mehr die Rede und hunderte wenn nicht tausende standen von einem Tag zum anderen dem Hunger gegenüber. Es war in dieser wahrscheinlich schwersten Zeit der Emigration, dass viele anfingen ihre mitgebrachten Habseligkeiten zu verkaufen, um wenigstens nicht zu verhungern. Die Trauringe kamen meistens zuerst dran, da sie so ziemlich der einzige Wertgegenstand waren, dessen Mitnahme die Nazis erlaubt hatten. Aber auch Töpfe, Geschirr, Handtücher, Tischtücher, Bettwäsche und hunderte andere Sachen, die mir im Moment nicht einfallen, wurden nach und nach auf den Markt gebracht und sozusagen langsam aufgegessen. Die Wochen und Monate die vergingen, bis sich das jüdische Hilfskommittee mit Hilfe von wohlhabenden Chinesen, die auf das blosse Versprechen hin, dass der Jüdische Joint nach dem Kriege alles vergüten würde, mit Geld und Lebensmitteln unterstützten, wieder reorganisiert hatte, waren wohl die schwerste Zeit der Shanghaier Emigration. Wir selbst zogen wieder einmal aus, und da wir diesmal ein möbliertes Zimmer nahmen, verkauften wir wieder unsere gesamte Einrichtung die wir VA Jahre vorher erstanden hatten. Das neue Zimmer war riesengross und lag in der Macgregor Road. Wir hatten riesige sehr imposant ausehende Möbel, die aber so leicht waren, dass man das Esszimmerbuffet bequem mit einem Finger anheben konnte. Dazu war das Zimmer vollkommen verwanzt und nass, da es diesen Winter viel regnete und das Regenwasser eine Wand langlief. Wir waren ständig erkältet und da wir nicht genug zu essen hatten, froren wir alle schrecklich. Trotz aller Schwierigkeiten war es eine der lustigsten Zeiten die wir in Shanghai verbrachten. Das ganze Haus war sehr international. Neben uns wohnte ein Japaner, Herr Ando, unter uns im ersten Stock des Hauses wohnte ein anderer Japaner, Herr Nagata. Im ersten Stock wohnten ausserdem noch ein russischer Flusstaucher und ein russicher Kontrabassist vom Municipalorchester. Die übrigen drei oder vier Parteien waren, ebenso wie wir, deutsch jüdische Emigranten. Unser Nachbar, Herr Ando, war ein ganz irrer Hund. Wenn er im Sommer nachts aufwachte und Durst hatte, trank er nicht nur selbst etwas, sondern klopfte wie ein Rasender an unsere Zimmertür, und wenn wir schlaftrunken öffneten, rannte er in unseren Raum mit einer Flasche Sodawasser in der Hand und schenkte auch uns zu trinken ein. Unter den in diesem Hause lebenden jüdischen Emigranten war auch ein Herr Wartenberger, ehemaliger Kantor an der Neuen Synagoge in Breslau, der auch in Shanghai an den jüdischen Feiertagen als Vorbeter fungierte. Dieser hatte von den beiden Japanern im Hause ein paar japanische Lieder gelernt und da er eine angenehme Stimme hatte, musste er diese Lieder den Japaner immer und immer wieder Vorsingen. Seine Gesangskunst wurde im allgemeinen mit einem Sack Reis belohnt. Ein gleichfalls im Hause wohnender jüdischer Violinist, der in Shanghai als Bargeiger arbeitete, war mit einer ganz hellblonden Frau verheiratet, die offenbar Nagata-San (Herrn Nagata) gut gefiel. Er versuchte in Abwesenheit des Mannes in ihr Zimmer einzudringen und als er die Tür verschlossen fand und die Frau ihm nicht öffnen wollte, schlug er die Tür mit einer Axt ein. Auf der Dachterasse des Hauses befand sich auch eine Dusche, die selbstverständlich von allen Hausbewohnern fleissig benutzt wurde. Aber während die Europäer diese meistens in den Morgenstunden frequentierten und sich dabei mit einer Badehose oder einem Badeanzug bedeckten, benutzten die Japaner meistens die Nachtstunden, und zwar zu einer Zeit wenn viele der europäischen Bewohner sich auf der Terasse auf Liegestühlen ausgestreckt hatten, um wenigstens für ein paar Stunden zu schlafen und der opressiven Hitze in ihren Zimmern zu entgehen, und zwar Männlein und Weiblein in völlig unbekleidetem Zuustande. — Von der MacGregor Road zogen wir Anfang 1943 in d. Kwenming Road, wo wir bis zu unserer Abreise im Jahre 1947 verblieben. — Nun gut, ich kann natürlich nicht die ganzen 8 Jahre die wir in Shanghai lebten, Tag für Tag schildern. Ich will aber versuchen einen allgemeinen Überblick über das Leben dort zu geben, um den Lesern den Unterschied des Lebens in China und Europa klar zu machen. Fangen wir also den Tag früh um 6 Uhr an, wenn die ersten 4711 Wagen (Siehe oben) in die Lane einfuhren. Die chinesischen Frauen erschienen mit Ihren Kübeln und einem Besen aus Bambuszweigen. Der Kübel wurde erst in den Wagen entleert und dann mit Hilfe von Wasser und dem Bambusbesen gereinigt. Da die Bambusbesen ziemlich hart sind, hörte man eine halbe Stunde lang kratzende Geräusche, als die Chinesinnen das Innere der Kübel mit dem Besen bearbeiteten, um auch das kleinste Partikel abzukratzen. Wegen Mangel an Brennstoff wurde heisses Wasser nicht im Hause gekocht, man 13