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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1974-09-01 · No. 36 (September 1974) · p. Seite 12

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1974
Issue
No. 36 (September 1974)
Date
1974-09-01
Page
Seite 12 (sequence 2140)
Language
German
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Ein Bresla Unter obigem Titel erhielten wir von unserem Mitglied “Herrn Bodo Langer“, Santiago de Chile, früher Breslau, einen umfassenden Beitrag. Aus Platzmangel ist es uns leider unmöglich, den ganzen übersandten Aufsatz zu veröffentlichen. Wir bringen daher diesmal den Teil, der die Erlebnisse von Familie Langer in Shanghai zum Inhalt hat. In den vorangegangenen Kapiteln beschreibt Herr Langer seine Jugendzeit, Familie, Ausbildung Arbeit, Haftzeit und schliesslich die Emigration. ANMERKUNG DER REDAKTION Von Colombo fuhren wir nunmehr direkt ohne weiteren Aufenthalt nach Shanghai, wo wir am Morgen des 15. Mai 1939 ankamen. Da so grosse Schiffe wie der “Giulio Cesare” nicht am Kay anlegen konnten, mussten wir auf Faehrbote umsteigen und führet! mit deren Hilfe in den Hafen ein. Für einfache Menschen, wie wir und die meisten Emigranten es waren, die nicht viel über die Grenzen ihrer Wohnorte hinausgekommen waren, war der erste Blick auf die “Skyline” von Shanghai etwas, was man mit gemischten Gefühlen betrachtete. Ich weiss noch, dass beim Anblick der Hochhäuser, der berühmten Uhr auf dem Zollhaus und dem Gewimmel von tausenden von Chinesen, Strassenbahnen, Autos, Bussen und Rickschahs mein erster Gedanke war: “Und hier sollst Du leben und Geld verdienen. Der Grösse dieser Aufgabe gegenüber fühlt man sich impotent. Doch dauerte dieses Gefühl nur kurze Zeit, denn jetzt übernahm das Shankhaier Jüdische Hilfskommittee das Komando. Wir bekamen alle Quartierzettel und wurden stehend auf Lastkraftwagen verladen und nach unserem jeweiligen Bestimmungsort — eines der vielen Emigrantenauffangsläger — gebracht. Meine Familie und ich kamen ins Chaouffong Road Heim in der Strasse gleichen Namens gelegen und etwa eine halbe Stunde Fahrzeit vom Hafen entfernt. Wir kamen mit neun anderen Personen, meistens Ehepaare teils mit, teils ohne Kinder, in einen Raum von etwa 20 qm. der mit Matratzen ausgelegt war. Ein paar Decken wurden uns zugeteilt und dann konnte es sich jeder "gemütlich” machen, soweit das auf Matratzen auf dem blanken Fussboden möglich ist. So hausten wir eine volle Woche, bis man uns mitteilte, dass Familien mit Kindern sich auf Kosten des Kommittees Zimmer suchen könnten. Am ersten Tage im Heim ging ich früh mit ein paar Leider sgenossen nach dem Zollhaus zurück, wo wir tags zuvor angekommen waren. Mangels an Verkehrsmitteln mussten wir zu Fuss gehen, ein Weg v. etwa IV2 Stunden. Aber es war insofern lehrreich, als wir dadurch die Gegend kennen lernten, in der wir gelandet waren. Die Chaouffong Road lag im Stadtteil Hongkew, mitten im Kriegsgebiet, wo im Jahre 1938 kurz vor unserer Ankunft schwere Kämpfe zwischen den verteidigenden Chinesen und den angreif er. den Japanern stattgefunden hatten. “Hongkew” heisst Flussdistrickt und liegt auf dem linken Ufer des Wongpoo Flusses. Da die Japaner mit Schiffsartillerie in diesen Stadtteil hineingeschossen hatten, bestand dieser nurmehr aus Häuserruinen. Die Strassen waren mit Schutt bedeckt und schon aus diesem Grunde hätten Verkehrsmittel dort garricht fahren können. Ausserdem war der ganze Stadtteil noch von den Japanern besetzt, die uns durch verschiedene Strassen nicht passieren Hessen und uns mit aufgepflanztem Bajonett und tierischem Gebrüll wegjagten Aber schliesslich u er reist um die Welt LEBENSERINNERUNGEN VON BODO LANGER w mm mm am « ■■■ mm mr mm mm mm m kamen wir am Zollhaus an und es gelang uns, unser Gepäck zusammenzusuchen und einen Spediteur mit d. Abtransport unseres Hab und Guts zu beauftragen. Ich hatte noch einen Shanghaidollar Zollgebühren zu zahlen für eine alte Schreibmaschine. Da ich kein Geld bei mir hatte, streckte mir einer meiner Leidensgenossen das Geld vor. Dann zogen wir nach hause, d.h. ins vorerwähnte Chaouffong Heim zurück. Da wir erst am späten nachmittag dort ankamen und die Ausgabe des Mittagessens im Heim versäumt hatten, hatten unsere Familien inzwischen für uns Essen reservieren lassen. So brauchten wir wenigstens nicht hungrig ins Bett, d.h. auf die Matratze, zu gehen. Am späten Abend brachten die Spediteure noch unser Gepäck und wir packten aus, was wir dringend brauchten, darunter auch einen Photoapparat, den ich zu dem Zweck gekauft hatte, ihn baldmöglichst zu verkaufen, was ich auch am nächsten Tage tat. EHbrachte mir genau das, was er gekostet hatte, nämlich US Dollar 20.—. Das waren in Shanghaier Währung etwa Shanghai Dollar 120.— und es war der einzige, hundertprozentige Transfer, den ich bei der ganzen Auswanderung machte. Wenige Tage später gingen wir ein Zimmer suchen, um nun endlich aus dem Heim rauszukommen. Wir fanden auch eines in der Ward Road 343, wo wir bis Oktober desselben Jahres verblieben. Wenn ich geschrieben habe, dass die' Häuser in Hongkew nur Trümmerhaufen waren, so muss ich das teilweise berichtigen. Fast sämtliche Häuser in Shanghai gehörten ein paar grossen Landgesellschaften. Diese Häuser waren fast alle von dem selben Typ. Im Untergeschoss ein grosses Zimmer sowie ein Badezimmer und ein Durchgang nach der Hinterseite des Hauses. In diesem Durchgang war meistens ein grosses Bekken aus Zement und ein Wasserhahn. Im Halbstock war ein kleines Zimmer wo sich auch die, elektrische Zähluhr befand, und das wir deshalb kurz das “Zählerzimmer” nannten. Im Oberstock befand sich noch ein grosses Zimmer, das oft mit Hilfe von hölzernen Zwischenwänden in zwei oder drei kleinere Räume geteilt wurde. Ein solches Haus diente normalerweise einer chinesischen Familie als Wohnstätte. Aber die Landgesellschaften verkauften diese Häuser nicht, sondern vermieteten sie nur. Als nun im Jahre 1938 die ersten jüdischen Emigranten nach Shanghai kamen, hatten viele von ihnen solche Häuser gemietet. Als im Jahre 1939 die Zahl der jüdischen Einwanderer auf über 20,000.— stieg, machten sich viele der Mieter das zunutze und vermieteten die Häuser zimmerweise an andere Immigranten. Nach Zahlung der Miete an die Landgesellschaft liess ihnen dies einen kleinen Überschuss und evtl, noch einen Wohnraum für sie selbst. Nun gut, wenn man Zimmer vermieten will, erwartet der Untermieter, dass das Dach dicht ist/ und die Wände eirigermassen gestrichen. Deswegen muss ich nun sagen dass, wenn auch der grösste Teil der Häuser in Hongkew zerstört war, man inzwischen viele von ihnen ausgebessert und wiederhergerichtet hatte. Die Häuser standen in sogenannten “Lanes” (d.h. Gassen), die aus einer Hauptlane bestanden, von der rechts und links Nebenlanes abgirgen. So eir. Häuserkomplex bestand oft aus 80 bis 100 Häusern und die an der Hauptstrasse gelegenen Häuser hatten an Stelle des Urterzimmers einen Laden ausgebaut, worin das Familienoberhaupt, sei es chinesisch oder europäisch, sein Geschäft, Handwerk oder Gewerbe betriebt. Der ganze Hauserkomplex wurde nachts mit Eisengittern geschlossen und es wurde nur eine kleine Tür im Gitter offengelassen, wo sich in einem Wachthäuschen ein Wächter befand, sodass, wenn jemand spät nachts nach hause kam, er keine Angst zu haben brauchte, nicht in seine Lane zu können. Da der chinesische Wächter jeden in der Lane wohnenden kannte, liess er auch keinen Fremden hinein und Einbrüche und Diebstähle waren ziemlich selten. — Wir hatten also in einem dieser Häuser in der Ward Road 343 ein möbliertes Zimmer gemietet und zogen mit unserem Gepäck, worunter sich auch ein Kinderbett befand, ein. Das Mobiliar bestand aus einem Kleiderschrank, einem Tisch, 4 Stühlen und 2 Schlafcouches. Die Möbel waren von billigster Qualität, aber sie erfüllten ihren Zweck. Wir stellten noch zwei Rohrplattenkoffer auf, mit denen der kleine Raum von vielleicht 9 qm. reichlich gefüllt war, während wir zwei im Reisegepäck mitgebrachte Holzkisten auf einer kleinen Dachterasse, die ebenfalls im Mietspreis einbegriffen war, unterbrachten, in denen wir einen Teil von Geschirr, Toepfen und anderen Dingen, die wir im Moment nicht brauchten, verstauten. Meine Frau fand eine Stellung als Näherin bei einer Immigrantin, die sich auf Kinderkleidung spezialisiert hatte. Das Frühstück mussten wir jeden Tag aus der nächsten Heimküche holen, die sich in unserem Ecken von unserer Wohnung entfernt, befand. Ich zog also jeden Morgen loS und holte für die Familie Tee und trockenes Brot. Von dem Verkauf des Photoapparates hatten wir noch ein paar Shanghaidollar übrig und konnten uns etwas Belag, meistens Margarine und Marmelade, kaufen. Zum Mittagessen zog die ganze Familie ins Heim, wo in einem riesigen Essaal an langen Holztischen die Flüchtlinge sassen und eine Schüssel Mohrrüben, oder Reis mit Sosse, oder Hülsenfrüchte oder was es gerade gab, zu sich nahmen. Es war genügend zu essen da und auf Wunsch gab es Nachschlag, sodass wenigstens keiner zu hungern brauchte. Am späten Nachmittag gab es wieder Brot, manchesmal mit Margarine und Wurst, und Tee. Nach ein paar Monaten verlor meine Frau ihren job, aber inzwischen hatte ich angefangen zu arbeiten. Unser Hauswirt betrieb einen kleinen Engroshandel mit Kartoffeln, Obst lind Gemüse und ich arbeitete als sein Vertreter und besuchte täglich kleine Restaurants und Vorkostgeschäfte, um die Ware abzusetzen. Die verkaufte Ware wurde am nächsten Morgen von meinem Brotgeber mit Hilfe eines chinesischen Kulis geliefert und ich selbst bekam für meine Bemühungen eine kleine Kommission. Das Leben war nicht leicht, besonders in den ersten Wochen und Monaten. Wir mussten uns vor allem an die infernalische Hitze gewöhnen. Auch war die aus Europa mitgebrachte Kleidung absolut ungeeignet und insbesondere die Unterwäsche zerfiel uns auf dem Körper. Um den Durst zu stillen, nahmen wir viel zu viel kalte Getränke zu uns. Das schaffte wieder ein neues Problem; wir bekamen fürchterlichen Durchfall und die zwei im Hause befindlichen Kübel (in diesem Hause gab es kein Wasserklosett) reichten für den Bedarf von etwa 15 Personen, die in diesem Hause wohnten und die alle unter denselben Erscheinungen litten, natürlich nicht aus. Nach etwa 10 Tagen und dem Genuss von 8—10 Bananen pro Person hörten die Durchfälle 12

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