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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1974-09-01 · No. 36 (September 1974) · p. Seite 10

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1974
Issue
No. 36 (September 1974)
Date
1974-09-01
Page
Seite 10 (sequence 2138)
Language
German
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DIE NEUE SYNAGOGE IN BRESLAU BÜCHERSCHAU Monika Taubitz: Tagebuch einer Reise: Schlesien. Verlag' Jarratsch, 792 Heidenheim. Interessiert es uns noch, die wir tief verbunden das Schicksal unserer Heimat Israel durchleben, welche Veränderungen in jenen Bezirken vor sich gegangen sind, in denen wir und viele unserer Vorfahren einst gelebt haben? Diese Frage stieg mir auf, als die Lyrikerin Monika Taubitz mir ihr Reisetagebuch über Schlesien sandte. Sie schwebt auch über ihrem Buch und über einigen ihrer Gedichte. “Ich habe kein Recht / im sicheren Hafen / vor Anker zu liegen / ... vor Anker / bei den versunkenen Schätzen / am Grunde / auf Ländern, die waren. ...” Nur “nach langem Zögern”, schreibt sie selbst in der Einleitung, habe sie die Reise unternommen, denn die Bilder der Erinnerung, die man mit sich trägt, können leiden und verwischt werden. Ihr erster Eindruck ist der Verfall; die Städte sind nur zum Teil wieder aufgebaut und das Land ist vernachlässigt. Ein Mitreisender, der seinen einstigen Hof besuchte und ihn verwahrlost vorfand, brach ohnmächtig zusammen. Die in Schlesien neu angesiedelten Polen waren zu arm und erhielten zu wenig Unterstützung, um den Wiederaufbau voranzutreiben. Sie traf Deutsche. Einer schalt sich selbst einen Narren, dass er nicht wie sein Bruder nach Kanada gegangen war. Eine Deutsche klagt ihr, dass ihr nicht erlaubt wird, ihre Verwandten im Westen zu besuchen. Sie beschreibt den verzweifelten Abschied am Autobus von denen ihrer Reisegefährten, die ihre Verwandten besucht haben. Nach Breslau hinein kamen sie vom Südteil der Stadt, der am Ende des Krieges dem Erdboden gleich gemacht wurde. Durch Kaiser Wilhelmstrasse, Gartenstrasse, vorbei am Hauptbahnhof kommen sie zum Hotel “Panorama”, das “seinen Namen zu Recht trägt”. Es hat nämlich freien Ausblick bis hin zum Rathausturm, denn ganze Häuser- VON DER SCHWEIDNITZERSTR. (Fortsetzung von Seite 9) stand das absichtlich niedrig gehaltene Kaufhaus, das später das Mossehaus war. Es war schön und störte den Blick auf die Kirche nicht. Auf dem Terrain der Johanniter aber entstanden zwei denkwürdige Gebäude: die Kommandantur, d. das Entzücken des jungen Emil Ludwig bildete, weil sie dem Palazzo Pitti in Florenz nachgebildet war, und das schöne Stadttheater mit seinem grossen Säulenbalkon. Damit hatte der Strassenzug schon ein prachtvolles Äusseres erhalten. Ende des 19. Jahrhunderts, 1896, wurde dann das grosse Kaiser Wi.helm Denkmal am Stadtgraben eingeweiht, das ich immer für sehr schön gehalten habe. Aber die Ansichten darüber waren geteilt. Jedenfalls hatte Breslau einen solchen Erinnerungsbau noch nicht besessen. Erst unser Jahrhundert hat dann, Ende der zwanziger Jahre, das grösste Bauvorhaben gebracht, das Breslau je erlebt hat: den Abriss eines ganzen Stadtviertels, begrenzt im Westen durch die Schweidnitzer Strasse, im Osten durch den Salvatorplatz, im Süden durch den Tauentzienplatz und im Norden durch den Schweidnitzer Stadtgraben. Dutzende von Geschäften wurden geopfert und das riesige Residenzhotel nebst Cafe und Kino. So enstand der Wertheimbau, der sich in seiner kostbaren Einfachheit glänzend in das Bild dieser Prachtstrasse einfügte. Und heute ist es wieder anders: es fehlen Kaiser Wilhelm Denkmal und Kommandantur. Es wird wohl kaum der letzte Wandel dieses Strassenzuges gewesen sein. WALTER B. GOLDSTEIN viertel sind weggemäht. Aber die Erhabenheit des gothischen Baues der Maria Magdalenen Kirche, wo grade das Tedeum Bruckners erklang, ergreift sie tief. Sie ist zurückgekehrt zu der Stätte, wo sie geboren war; aber Fremde gehen auf den Strassen. Das kostbare alte Rathaus und die schmalen Altstadthäuser rings um den Ring sind sorgfältig restauriert worden bis zum "Käseböhm”, jener malerischen Ecke, wo die Kanonenkugel (das Klössel) auf dem Torbogen liegt, über den die Kirchenkuppel herüberschaut. Andre Strassenzüge wirken trostlos, ruinenhaft, sodass vor ihren Augen die Vision der brennenden Stadt aufsteigt. Die Schweidnitzer Strasse ist belebt; aber Lichtreklame, wie in Westen, gibt es nicht. Die Universität ist prachtvoll restauriert. Die Liebichshöhe steht im Dunkel. Ein Schild warnt: “Betreten verboten. Einsturzgefahr”. In der Strasse, wo sie gespielt hat, wächst Gras. Das Haus, in dem sie gewohnt hat, steht nicht mehr. In andern Vierteln erheben sich aus dem glattgewalzten Schuttmassengrund neue Wohnhäuser. Auch hat die polnische Regierung durch Gründung neuer Unterrichtsstätten von Fach- und Hochschulen viel Jugend nach Breslau gezogen, um junge Generation an die Stadt zu binden. Dann fahren sie weiter ins Glatzer Land. Ihr fällt der schwache Autoverkehr auf. Die Pferde sind noch nicht verschwunden, * wie im Westen. Im Riesengebirge: Ober Landshut, Schmiedeberg kommen sie nach Krummhübel. Dort sieht es mit Rücksicht auf den Fremdenverkehr gepflegter aus. Im Anblick “der mächtigen, breiten Bergrükken, des königlichen Kamms mit der Schneekoppe” fallen ihr Worte eines Gedichtes von Carl Hauptmann ein: “...wenn ich hoch oben geh, wird mir so frei /” Auf der Rückfahrt, als sie die Oder wieder überqueren, durch dringt sie ein tröstliches Gefühl. Die Städte existieren, aber die Dörfer vegetieren. Sie fragt sich, ob die Neuangesiedelten das Land denn nicht lieben, weil es so heruntergekommen wirkt. Die Wälder sind einst gerodet worden. Sie werden wieder das Land bedecken. Die Natur bleibt stärker als der Mensch. Wie tief das Fragen nach dem Sinn des Lebens ihr ganzes Sein beherrscht, darf man in den Zeilen ihres Gedichts: “Nachtfahrt” erkennen. “Nicht von den Riffen der Angst / an denen die Schiffe zerschellen /” will sie erzählen. Hier klingt wohl noch das Kindheitserlebnis der Flucht an. “... und nicht von der masslosen Welle / die mich herwarf. / Nur von den fernen Ufern aus Licht / und von dem geheimnisvollen Wetterleuchten / das manchmal meine schweren Lider hebt/ ”. Man darf einen Klang Schlesischer Mystik in der Weltschau ihrer Gedichte spijren. Tief erfasst diese Lyrikerin das furchtbare Problem unserer Zeit, wenn sie dichtet über “Das Jahrhundert des Fortschritts”; “ — und unsere Hände / die guten Willens sind / entlassen Erfindungen / die in ihrer Kehrseite / immer genialere Waffen sind / ” In seinem Aufsatze: “Von der Vertreibung zur Wiederbegegnung” wandte sich Peter Nasarski im Namen der Vertriebenen an die Altansässigen in Westdeutschland; “Lasst uns doch, wie wir sind... Begreift endlich, dass Anderssein weder Bessersein noch Schlechtersein bedeutet”... / Hier verstehen wir, wie wichtig es ist, dass eine Dichterin, die den Menschen positiven Lebenssinn wieder aufschliessen kann, ihre Kontinuität festhalten muss. In ihr ist jenes Schlesien, das Begegnungsort verschiedener Kulturen war, noch lebendig. Sie kann helfen, dass Vertriebene nicht mehr als fremd empfunden, sondern verstanden werden. Wir dürfen darin etwas Verwandtes erkennen, denn wenn nicht das Geistige Jahrhunderte wachgeblieben wäre, wäre ja alles “vom Winde verweht.”. Anni Löwenstein-Priebatsch, Ramat-Chen mm * '■'V&fWK.X Die Aufnahme der zerstörten Neuen Synagoge in Breslau ist von unserem Mitglied Peter Comberti im Jahre 1941 vom Polizei Präsidium. Breslau, aus, aufgenommen worden. Peter Comberti, Sohn «ines jüdischen Vaters, mit dem Namen Cohn und einer christlichen Mutter, Maria Comberti sA., die wir in unserem Blatt bereits ehrten, war im 2. Weltkrieg italienischer Offizier. Er kam in voller Uniform nach Breslau und hat sich nicht ge- 41 schämt, im Jahre 1941 die Synagogen-Gemeinde Breslau, Wallstr. 5 sowie das Grab seines Vaters, auf dem Friedhof Cosel, aufzusuchen. Peter Comberti war bereits mehrere Male in Israel, ist mit einer Jüdin aus Israel verheiratet, besuchte unser Büro und hat durch unser Verbar.dsblatt seine früheren jüdischen Mitschüler vom Zwinger-Gymnasium, Breslau, gefunden. Wir danken ihm von dieser Stelle aus für die Bereitstellung dieses traurigen Bildes, das uns als Mahnmal für die Zukunft gelten soll. Dr. MAX SALZBERGER ZUM 90ten GEBURTSTAG Von dieser Stelle aus wollen wir unserem lieben Dr. MAX SALZBERGER, Montevideo, Uruguay, Jose Marti 3188, unsere herzlichste Gratulation senden. Neben seiner umfassenden medizinischen Tätigkeit, deren Ruf bereits in Breslau bekannt war, widmet er sich der Natur-Wissenschaft und ist als Zeichner und Maler (Oelgemälde) berühmt. Im deutschsprachigen Rundfunk hört man ihn in geistiger Frische und ist von seiner warmen Menschlichkeit eingenommen. Möge er noch viele Jahre in körperlicher und geistiger Frische wirken. 10

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