Mannheim
Compact Memory

Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1974-09-01 · No. 36 (September 1974) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1974
Issue
No. 36 (September 1974)
Date
1974-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2130)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/7411685-7412391-7412412--0489-7412414
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

13 entity mentions

BERNHARD BRILLING Die Beziehungen der schlesischen Juden (1. FORTSETZUNG) Nach der Besitznahme Schlesiens durch Preussen im Jahre 1742 wurde wieder offiziell eine jüdische Gemeinde in Breslau gegründet, nachdem sich die Stadt Breslau auf Grund des im Jahre 1453 bei der Vertreibung der Juden aus Breslau erworbenen kaiserlichen Privilegs de non tolerandis Judaeis (das Recht, Juden nicht aufnehmen zu müssen) bis dahin geweigert hatte, Juden die Niederlassung zu gewähren. Jetzt erteilte Friedrich II (der Grosse) am 6. Mai 1744 die Genehmigung zur Gründung einer jüdischen Gemeinde in Breslau fmit Synagoge und Friedhof), deren Rabbiner zugleich den Titel eines Landrabbiners führte. Da unter der preussischen Regierung das Sammelverbot der österreichischen Behörden nicht mehr zu gelten schien, wurden wieder Sammlungen für die Juden Palästinas durch Sendboten veranstaltet. Die ältesten Akten der Breslauer jüdischen Gemeinde sind kaum erhalten, so dass wir nur aus zufälligen Erwähnungen die Namen einzelner Meschullachim erfahren. Aus der Zeit des ersten Breslauer Rabbiners Baruch Bendix ben Rüben Gumpertz Wesel (1744— 1754) sind keine Mitteilungen darüber überliefert, wohl aber aus der Zeit seines Nachfolgers Isaak Joseph ben Chajim , Jona Theumim Frankel (1754—1793). So erschienen im Jahre 1768 in Breslau wiederum zwei Sendboten aus Hebron, Abraham Rubin und Raphael Schabbathai Hakohen, die ein Empfehlungsschreiben an den Breslauer Vorsteher Jacob Jereslaw (1723—1790) mit sich führten. Als “Judenvorsteher” (1761) und “Lazarettvorsteher” spielte er im Leben der Breslauer Gemeinde eine wichtige Rolle, d.h. er gehörte zu den massgebenden Leuten der “Chewra Kadischa” und war wohl auch an der Palästina- Geldsammlung interessiert. Jereslaw war auch als Gelehrter und Hebraist bekannt. Seine Enkel waren die Brüder Joseph und Abraham Muhr in Berlin bzw. Pless O/S. Am, 22.8.1791 erschienen in Breslau zwei Sendboten aus Tiberias: Abraham Asulai, ein Sohn des berühmten Gelehrten und Schriftstellers Chajim David Asulai, der im Auftrag der sephardischen Gemeinde auftrat, und Ascher Aschkenasi namens der aschkenasischen Gemeinde von Tiberias. Die Sendboten waren über Italien und Polen nach Schlesien gereist, wo sie den neuen mitgebrachten Pinkas (Buch für die Eintragungen der Spender und Spenden) eröffneten. Auf der ersten Seite dieses Spendenbuches wurde eine Empfehlung der Vorsteher der Breslauer jüdischen Gemeinde eingetragen, die allerdings nicht, wie bisher üblich, ihre Namen, sondern nur die Siegel der Gemeinde darunter setzen liessen. Dies war ein Zeichen für die inneren Umwälzungen, die damals in der Breslauer jüdischen Gemeinde vor sich gegangen waren. Ein Jahr vor dem Eintreffen dieser beiden Sendboten aus Palästina hatte König Friedrich Wilhelm II. (am 21.5.1790) ein neues Gesetz für die Breslauer jüdische Gemeinde erlassen, das von den Vorkämpfern der Aufklärung als ein wichtiger Erfolg betrachtet wurde. Durch dieses Gesetz waren Veränderungen in der Verwaltung der Breslauer jüdischen Gemeinde eingeführt worden, zu denen auch die Anwendung der deutschen Sprache und Schrift (anstelle der bisherigen hebräischen Schrift) im Büro der Gemeinde gehörte. Die Gemeinde bestand jetzt aus drei bzw. in Wirklichkeit aus zwei Gruppen von Juden, den sogenannten "Stamm-Nummeranten”, den eigentlichen Gemeindemitgliedern, deren Zahl auf 160 Besitzer einer sogenannten “Stammnummer” begrenzt war, und einer geringen Zahl von “Generalprivilegierten”, zu denen noch als dritte Gruppe die Gemeinde- und Privatbedienten kamen, die in der Gemeinde aber nichts zu sagen hatten. Die bisherigen Vorsteher mussten zurücktreten. Die Verwaltung der Gemeinde wurde einem lököpfigen, meist aus Generalprivilegierten bestehenden Kollegium übertragen, dii. den Juden, die für die Assimilation, wie sie durch die Aufklärung gefördert und gefordert wurde, sehr anfällig und bezüglich ihrer Stellung als Bürger und Patrioten sehr empfindlich waren. An den Sitzungen dieses Kollegiums nahm erstmalig ein christlicher Regierungsbeamter (F. A. Zimmermann, Verfasser einer 1791 erschienenen “Geschichte und Verfassung der Juden in der Provinz Schlesien”) teil. Dies und die erwähnte Empfindlichkeit dieser Vorsteher dürfte der Hauptgrund dafür gewesen sein, dass die Vorsteher nicht selbst die Empfehlung für die Sendboten unterschrieben und auch nicht den jüdischen Notar der Gemeinde beauftragt hatten, in ihrem Namen zu unterschreiben. Die neuen Vorsteher der Breslauer jüdischen Gemeinde wollten sich anscheinend nicht durch ihre persönliche Unterschrift verpflichten, und ferner auch nicht ihren christlichen “Mitbeisitzer” von dieser Sammelaktion benachrichtigen, da ihnen anscheinend die Aufbringung von Geldern für die Juden im Heiligen Lande nicht im Einklang mit ihrer preussischen Gesinnung zu stehen schien. Es genügte ihnen daher, dass sie nur den Gemeindestempel unter die Aufforderung zum Sammeln setzten. In Glogau, wo inzwischen die Aufklärer an die Spitze der Gemeinde getreten waren, waren diese so ganz von ihrer Sendung erfüllt, dass sie sich überhaupt nicht um die Palästinaboten kümmerten, sondern die Beschäftigung mit den Sendboten und das Einsammeln der Gelder dem dortigen Rabbiner überliessen. Diese beiden Fälle der Breslauer und Glogauer jüdischen Vorsteher zeugen von der durch die Emanzipationszeit veränderten Haltung der in den Gemeinden führenden Schichten, die sich jetzt von den ausländischen und auch von den Juden Palästinas distanzieren wollten. Diese Schicht der Generalprivilegierten bildete eine besondere Art preussischer Hofjuden, die noch zuviel Sentimentalität gegenüber dem Judentum besassen, um sich von ihm zu trennen (was ihre Kinder ohne überflüssige Gefühle und Gewissensbisse sehr schnell taten). Sia glaubten, dass für ihre Person und Familien, die einen grossen Reichtum besassen und sich fast alles leisten konnten, schon beinahe die messianische Zeit gekommen sei, die sie in der völligen Gleichberechtigung und Assimilation erblickten. In den Sammlungen für Palästina und in der Liebe zum Heiligen Land glaubten sie zugleich ein Hindernis für die Erreichung der von ihnen ersehnten völligen Staatsbürgerrechte und zugleich ein Hindernis für die Bestätigung ihres preussischen Patriotismus zu sehen. Während vorher — bis zur Emanzipationszeit — die Aufbringung von Geldern für das Heilige Land bzw. für die dortigen Juden zu den Aufgabengebieten der jüdischen Gemeinden gehörte und zu den religiösen Geboten, die von den Gemeinden öffentlich gefördert wurden, versuchten die neuen Vorsteher aus den Reihen der Hofjuden und Generalprivilegierten die Palästina-Sammeltätigkeit zu einer Privataktion su stempeln, die die Gemeinde an sich nichts anging. Dabei versuchten sie ihre ablehnende Haltung such mit rationalen Grünzu Erez Israel den zu unterstützen. Man wollte die fremdartigen Sendboten nicht in den Strassen Berlins und Breslaus sehen, da sie die noch nicht erloschene Abneigung gegen die Juden wieder aufflackern lassen könnten. Sie erklärten, dass es richtiger wäre, den Sendboten, die zumeist ältere und würdige Leute waren, die Mühen des Reisens abzunehmen, wodurch zugleich die Reisekosten und sonstigen Ausgaben der Sendboten erspart würden. Zudem versprachen die Vorsteher der Breslauer Gemeinde, dass die Einnahmen für Palästina und die dortigen Juden nicht verringert, sondern vergrössert würden, indem man nach der Sitte der süddeutschen Gemeinden den Brauch einführen wollte, an den Morgengottesdiensten der Vorabende der Feiertage, sowie an den 10 Busstagen und am Purim in den Synagogen Sammelbüchsen herumgehen zu lassen. Das dabei zusammengebrachte. Geld würde nach Palästina geschickt werden, sobald eine Anforderung aus Jerusalem käme. Der damalige schlesische Landrabbiner, der zugleich der Rabbiner der Breslauer jüdischen Gemeinde war und auch ein Privileg als Generalprivilegierter besass, Isaak Joseph ben Chajim Jona Theumim Fränkel (1754—1793), stimmte den Vorschlägen seiner Vorsteher zu. Die Vorsteher erlaubten auch den beiden Sendboten aus Tiberias, die Juden in Breslau aufzusuchen und bei ihnen zu sammeln. Diese Besuche bei Privatleuten und jüdischen Vereinen erbrachten zusammen einen Betrag von 150 Rtl. (im Verhältnis zur Grösse der Breslauer jüdischen Gemeinde und zum Reichtum der Mitglieder ein geringer Betrag); dazu erhielten sie noch aus der Gemeindekasse die geringe Summe von 30 Rtl. Sie verliessen Breslau, und besuchten das kleine Städtchen Dyhernfurth, wo eine bekannte hebräische Buchdruckerei in der der Talmud in der Zeit von 1800— 1820 in 2 Auflagen erschienen ist, aber nur eine kleine jüdische Gemeinde existierte. Von dort zogen sie nach Glogau, in deren Mauern die zweitgrösste jüdische Gemeinde Schlesiens nach Breslau bestand (im Jahre 1791 gab es in Breslau 2484, in Glogau 1791 Juden). Die Senbdboten hielten sich 8 Tage in Glogau auf und versuchten von den Vorstehern die Erlaubnis zu erhalten, bei den jüdischen Familien zu sammeln. Die Vorsteher, die in ihrer “fortschrittlichen” Haltung die Sammlung ablehnten, erteilten im Gegensatz zu Breslau die Genehmigung nicht. Sie kümmerten sich auch sonst nicht um die beiden Boten. Zum Glück gab es in Glogau einen Rabbiner namens Zwi Hirsch ben Benjamin Baschke aus Samotsch (der 1801 als Oberrabbiner nach Altona berufen wurde); er erteilte ihnen seine Empfehlung, die er in ihren Pinkas eintrug. Ferner zahlte er ihnen die in der Gemeindekasse in der Zwischenzeit aufgelaufenen Palästinagelder in Höhe von 80 Rtl. aus. Auch gaben ihnen noch einzelne mitleidige Privatpersonen geringe Beträge, die zusammen 11 Rtl. ausmachten, eine sehr geringe Summe im Verhältnis zur Grösse der Glogauer Gemeinde. Übrigens befürwortete der Rabbiner in seiner Empfehlung das Sammeln von Geldern für Juden im Heiligen Lande, wandte sich aber auch gegen das Institut der Sendboten und schlug daher vor, dass die Gemeinde Tiberias in einer grösseren Stadt einen Vertreter ernenne, an den die gesammelten Gelder alle drei oder vier Jahre geschickt weiden sollten, so dass man dann auf die Sendboten verzichten könne. Wer allerdings die Propaganda für das Einsammeln der Gelder für Palästina machen sollte, gab er nicht an.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.