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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1974-04-01 · No. 35 (April 1974) · p. Seite 14

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1974
Issue
No. 35 (April 1974)
Date
1974-04-01
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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Friedrich der Grosse und die Familie Pinczower In den meisten jüdischen Familien existieren Geschichten oder Anekdoten, die von den Grosseltern erzählt werden, die diese wiederum von ihren Grosseltern gehört haben und eine Reihe von Generationen zurückliegen. Meistens basieren diese Geschichten auf einer historischen Begebenheit, die aber im Laufe der Zeit manche Wandlungen erfahren haben. Meine Grossmutter Franziska Pinczower — Ihr Andenken sei zum Segen- Frau des Religionslehrer Elieser P. s.A. der der älteren Generation ehemaliger Breslauer noch bestens in Erinnerung ist. — Er war Hauslehrer der hochangesehenen und bekannten Familie Kober und gleichzeitig Lehrer an verschiedenen Breslauer Schulen. Uber ihn war bereits im: Jahre 1962 aus Anlass seines 50. Todestages (siehe No. 6/7 dieser Zeitung) ausführlich berichtet worden. Also meine Grossmutter erzählte ihren Enkeln folgende Geschichte: Es war um die Zeit der Schlesischen Kriege. Friedrich der Grosse hatte Schlesien erobert und sein Hauptquartier in einem grösseren Orte aufgeschlagen. Wie damals üblich wurden die Offiziere in Privatquartieren untergebracht und so kam Friedrich der Grosse zusammen mit seinem Adjudanten in das Haus meiner Vorfahren. Nach Abschluss des Krieges äusserte sich der Peussische König sehr anerkennend, über die gute Aufnahme die er im Hause seiner Quartiergeber gefunden hatte, und da er sah, dass die Hausfrau -meine Urahnesich in anderen Umständen befand, sagte er, “wenn es ein Junge wird, so soll er den Namen meines Generals Joachim Hans von Ziethen tragen.” Auf uns Kinder machte diese Erzählung natürlich einen grossen Eindruck. Friedrich der Grosse über den wir in der Schule viel gelernt hatten und Joachim Hans von Ziethen, von dem ein Lied existierte, das wir im Schulchore öfters sangen u. das mit d. Worten anfing “Joachim Hans von Ziethen Husaren General” waren für uns bekannte Begriffe. Jedesmal, wenn die Grossmutter kam, es war leider nicht so oft baten wir sie die Geschichte nochmals zu erzählen. Meine Eltern wohnten in Berlin und von Breslau nach Berlin war es eine grosse und lange Reise. Und immer wusste sie noch weitere Einzelheiten hinzuzufügen. So einmal , dass tatsächlich ein Junge geboren wurde, der später Rabbiner in Langendorf war. Ferner, dass Friedrich der Grosse ausserdem noch ein schönes Geschenk in Form eines Kachelofens gemacht hatte der noch heute (d. h. etwa 1916) in einem Breslauer Museum zu sehen sei. Ferner hörten wir etwas, was nicht ganz salonfähig ist, aber trotzdem, weil es von meiner sei. Grossmutter stammt, hier wiedergegeben werden soll. Wer sie kannte, weiss, was für eine feine und ehrsame Frau sie war. Sie erzählte die Urahne sei sehr dick gewesen. Da damals die Bequemlichkeiten, wie hier im Lande so dezent gesagt wird- (in Hebräisch ‘Nochioth”) wobei man an ein stilles Örtchen denkt, das sich im Hofe befand, was besonders im Winter recht unangenehm war, so musste infolge des grossen Körperumfangs der Urahne ein besonderes Nachtgeschirr für sie angefertigt werden. In der Schule im Geschichtsunterricht hatten wir über den preussischen König viel gelernt. Besonders seine These, dass in seinem Reiche jeder nach seiner Facon selig werden könne, liess uns den Glauben an einen toleranten und gerechten König aufkommen, der sicherlich auch gut zu den Juden war, sodass die Erzählung der Grossmutter uns duchaus glaubhaft erschien. Als ich mich in späteren Jahren mit der Jüdischen Geschichte etwas eingehender beschäftigte und zu diesem Zwecke Dubnow’s Welt¬ EINE MERKWÜRDIGE GESCHICHTE VON FELIX DANIEL PINCZOWER, TEL AVIV geschichte des Jüdischen Volkes durchlas, der auch sehr eingehend über die Epoche Friedrichs und sein Verhältnis zu den Juden berichtete, stiegen in mir schwere Zweifel an der historischen Wahrheit der Erzählung der Grossmutter auf. Elieser Pinczower ftsS® Wmi Der Preusssenkönig war in Wirklichkeit alles andere als ein Judenfreund. Es existierten besondere Judengesetze, die den Juden schwere Steuern auferlegten und ihnen verboten ein Handwerk zu ergreifen und Landwirtschaft zu treiben. Die Zahl der Juden sollte sich nicht erhöhen, und daher durfte nur ein Sohn in der Familie heiraten. Eheschliessungen bedurften einer besonderen Erlaubnis, die mit einer hohen Steuer verbunden war. Später wurden jüdischen Familien bei Verheiratung eines Sohnes verpflichtet von der Königlichen Porzellan Manufactur, Porzellan im Werte von 300 bis zu 500 Talern zu kaufen. Sie durften zwar das Porzellan weiter verkaufen, natürlich mit Verlust. Es gab zwar eine Reihe von privilegierten Juden, Bankiers, die dem preussischen König halfen den siebenjährigen Krieg zu finanzieren, die besser gestellt waren. Als nach dem schlesischen Kriege sich die Zahl der Juden noch wesentlich durch die besetzten Gebiete vermehrte, war der Preussen-König von diesem Zustand nicht erbaut. Die Breslauer Juden, die vorher unter der Regierung der österreichischen Kaiserin Maria Theresia schwer zu leiden hatten, hofften unter Friedrich dem Grossen eine Besserung ihrer Verhältnisse. Der damalige Rabbiner Gumpertz sandte an den preussischen König ein von ihm verfasstes Gedicht in Deutsch und Hebräisch in dem er den neuen Herrscher auf das herzlichste begrüsste. Aber das hatte keinen Einfluss. Auf eine Bittschrift der Breslauer Kaufleute Itzig u. Ephraim im Jahre 1778, sie in ihren Rechten zu schützen, sah sich der König zu folgender eigenhändiger Antwort veranlasst, die hier in dem falschen orthographischen Texte wiedergegeben wird: “Was wegen ihres Handels ist, behalten sie. Aber das sie ganze Foelkerschaften von Juden zu Breslau anbringen und ein ganzes Jerusalem draus machen wollen, das kann nicht seynd.” Ein nichtjüdischer Historiker Professor Eberty fasst die Lage der Juden mit den Worten zusammen “Die Juden sind bis 1812 von der preussischen Gesetzgebung wie ausländische Vagabunden behandelt worden! Nach diesen historischen Daten geriet immer mehr und mehr der Nymbus des preussischen Königs, der uns in der Schule gelehrt wurde, ins Wanken und damit auch die mit ihm verbundene Geschichte meiner Grossmutter. Als ich mich aus Anlass des 50. Todestages meines sei. Grossvaters Elieser P. eingehender mit der Geschichte der Familie Pinczower befasste, setzte ich mich mit Herrn Rabbiner Dr. Brilling, der heute als der beste Experte auf dem Gebiete der Geschichte der Juden in Schlesien anzusehen ist, in Verbindung. Zahlreiche Bücher und unzählige Zeitschriften- Artikel u. a. auch in diesem Mitteilungs-Blatte sind bisher aus seiner Feder erschienen und es ist zu hoffen, dass weitere grössere Arbeiten demnächst herauskommen werden. Unter anderem teilte mir Dr. Brilling mit, dass der Stammvater der Familie Pinczower, der Rabbiner in Langendorf war, — nur er kam für die Geschichte meiner Grossmutter in Frageim Jahre 1768 in Kempen (damals noch Polen) geboren wurde. Damit war sowohl zeitlich als auch örtlich die Unglaubwürdigkeit der Geschichte erwiesen. Es ist kaum anzunehmen, dass die Eltern des späteren Rabbiners vor dessen Geburt nach Schlesien gezogen sind. Die Schlesischen Kriege endeten im Jahre 1763. Das ganze war nur eine Legende. Trotzdem scheint es interessant zu erforschen, wie solche Legende entstehen konnte. Eine Tatsache ist, dass der Name Joachim mehrfach in der Familie P. vorkam. Bekanntlich pflegte man Kinder meistens nach den Namen der Grosseltern zu nennen. Es muss also ein Joachim in der Familie gewesen sein. Ausserdem bestand vor dem 1. Weltkriege die Tendenz, nicht nur in assimilierten sondern auch in religiösen Kreisen, die regierenden Fürsten, Könige und Kaiser als verehrenswürdige Gestalten anzusehen, die den Juden wohlgesinnt waren, auch wenn es nicht der Fall war. Das gehörte damals, d. h. vor 1918 zu der patriotischen Erziehung. Es blieb also die Frage offen, wie kam der Name Joachim in die Familie hinein. Vor einer Reihe von Jahren erhielt ich ein historisches Dokument, es war zwar kein Original nur eine Photokopie, die eine Art Einbürgerungsurkunde darstellte. Auf Grund eines Gesetzes aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts mussten alle Juden Familiennamen annehmen und so lautete das Dokument - auf den Namen Jisroel Chajim Joachim Pinczower Das war der offizielle Name des Rabbiners in Langendorf. Wieso er gerade darauf kam sich Joachim zu nennen, ist ganz einfach. Man nehme die beiden hebräischen Vornamen JISROEL CHAJIM Tn Jisroel finden wir bereits JO das A nehmen wir aus ChA jIM heraus, stellen es also nur etwas um und der Name Joachim ist fertig. Es besteht kein Zweifel, dass meine Grossmutter uns etwas erzählt hat, das sie selber von ihren Vorfahren gehört hatte. Es war nach obigen Ausführungen eine Legende, die den Enkeln viel Freude bereitet hat. Auf unsere gütige Grossmutterder Garten Eden sei ihre Ruhestättekann das Wort unserer Weisen angewandt werden "Wer Legenden erzählt, der gleicht einem Menschen der Edelsteine verteilt”. U

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