Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1974
- Issue
- No. 35 (April 1974)
- Date
- 1974-04-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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BÜCHERSCHAU: MICHAEL HORBACH: JÜDISCHE PERSÖENLICHKEITEN AUS Nächstes Jahr in Jerusalem Es gibt heute Schriftsteller und Wissenschaftler, die nicht wie früher im europäischen Bezirk mit vom Christentum her beschränkten Blick das Judentum und seine besonderen Menschengruppen als “verworfen” ansehen; sondern sie nehmen das Phänomen dieser Jahrtausende währenden Selbstidentifikation ohne Voreingenommenheit auf. So sieht H. R. Schlette in einer “Einführung in das Studium der Religionen” dass die Thora, die jüdische Lehre, “im Dienst einer grossen Heils-und Friedenserwartung steht, die alle Völker, ja selbst den Kosmos umspannt.” Menschen wissen sich im Dienste Gottes verantwortlich, “dass Recht aufgerichtet, Menschlichkeit geübt und Friede gehalten wird”. In diesem Sinne hat der Schriftsteller Michael Horbach die Wiederaufrichtung des jüdischen Staates tief erfasst. “Nächstes Jahr in Jerusalem”; so nennt er seinen letzten Roman — nach den sehnsüchtigen Gebetsworten, die dem Erlösungsglauben des Judentums während den Jahrhunderten der Zerstreuung entströmt sind. Wie Horbach auf diesen Weg gekommen sein mag, dürfen wir an einer seiner früheren Veröffentlichungen "Wenige Zeugnisse der Menschlichkeit” verstehn und ablesen. In ihr hat er überdie von Deutschen versteckten und geretteten Juden berichtet, die er persönlich aufgesucht hat. In seinem neuen Roman verfolgt er die Geschichte der Staatswerdung von der Gründung der Untergrundbewegung in den dreissiger Jahren bis zum Sechs Tage-Krieg. Er gibt ein Bild des Zusammenwirkens aller Kräfte, die das Wunder der Rückkehr und die Errichtung des Staates getragen haben. Die Erzählung beginnt mit der heimlichen Zusammenkunft des “Irgun Zwai”, einer Gruppe von Radikalen, die von der Hagana (Selbstwehr) abgesplittert ist und den Aufruhr gegen die Britten plant. Sie fühlen sich nach dem Versprechen der Balfour Deklaration im 1. Weltkrieg von den Engländer verraten. (21.) “Wenn wir den Männern in London nicht zeigen, dass wir Freie sein wollen, werden wir nie Freie sein”. Dann führt die Erzählung in die Höhlen der Partisanen im 2. Weltkrieg. Ein kranker alter Rebbe weissagt in der fürchterlichen, fast aussichtslosen Situation den Untergang des jetzigen Pharao mit Rossen und Streitwagen und tröstet die Verzweifelten mit den Gebetsworten: “Nächstes Jahr in Jerusalem”. Ein Mädchen Esther bringt von gefährlichen nächtlichen Streifzügen Nahrungsmittel von den Bauernhöfen für die Versteckten. Sie hat einen furchtbaren Überfall erlebt und ist vergewaltigt worden. Kurz vor seinem Tod sagt der Rebbe zu ihr: “Geh nach Jerusalem”. Ihr Kind wird in einem Flüchtlingslager geboren. Es gelingt ihr, mit ihm auf ein illegales Flüchtlingsschiff zu kommen. Wir werden Zeuge eines ersten erschütternden Treffens von Flüchtlingen mit den Soldaten der jüdischen Brigade. Auf einem illegalen, kaum seetüchtigen Flüchtlingsschiff bricht eine schwere Krankheit aus. Da geeignete Medizin fehlt, verlangt der Arzt Anlaufen eines türkischen Hafens. Doch dort droht ihnen interniert oder zurückgeschickt zu werden. Horbach schildert diese und andere Gefahren, die die Flüchtlinge bestehen, bis sie ans Ufer des ersehnten Landes gelangen und dort von Untergrundkämpfern in umliegenden Dörfern versteckt werden. 10 Jahre hat er Material gesammelt. In Form eines historischen Romans bringt dieser Deutsche die furchtbaren Kämpfe der Untergrundverbände dem Leser nahe, die zum Abzug der Engländer, zur Abstimmung der United Nations und zur Verkündung des Staates geführt haben. Also ein politisches Geschehnis als Thriller? So kann man es sehen. Aber nicht das ist die Hauptsache. Vielmehr geht es ihm darum, im aktuellen Geschehen das Wunder der Rückkehr zu erfassen. Warum er gerade als Deutscher sich hierum bemüht, ist aus einer Episode des Romans zu ersehen. Auf dem Flüchtlingsschiff hat sich ein jüngerer Mensch befunden, den der Kapitän für einen Nazispion hielt. Zur Rede gestellt, springt er ins Wasser und erreicht das Ufer. In Tel Aviv wird er für die Hagana angeworben. Jetzt erst erfährt man, dass er der Sohn einer christlichen Mutter und eines jüdischen Vaters ist und sich an Nazijugendorganisationen beteiligt hat. Sein Gewissenskonflikt trieb ihn nach Israel zu gehen, um als Sühne im Befreiungskrieg mitzukämpfen. Er wird verwundet. Bevor er stirbt, erkennt ihn der Aktionsleiter des Flüchtlingsschiffes wieder. Doch nicht nur heroische Figuren lernen wir kennen. Der Sohn eines Irgun Zwai-Kämpfers, der von den Engländern gehängt worden war. will von Israel nichts wissen und verlässt aus Trotz das Land, um nach Frankreich zu gehen. Esther, die in den Höhlen der Partisanen in Polen den Rebben und seine Familie mit Nahrung versorgt hatte, finden wir bei den Widerstandskämpfern in Jerusalem wieder. Das furchtbare Erlebnis der Vergangenheit beschattet ihr Leben und macht es ihr unmöglich, dass junge Menschen ihr näher kommen. Sie wird nie heiraten. Als ihr Sohn die Barmizwah feiert, weiss sie, dass nun der Moment gekommen ist, ihm zu enthüllen wer sein Vater war. Sie zittert davor. Doch seine Reaktion ist völlig unerwartet: Er will kämpfen, dass einem Mädchen so etwas nicht mehr geschehen kann. Da er nun erwachsen ist und sich als Herr im Haus fühlt, wünscht er, dass seine Mutter heiraten soll. Sie lächelt unter Tränen. Dann lässt uns der Dichter den seltsamen Moment erleben, da ein deutscher Besucher, ein anerkannter Graphiker, von seinem Touristenchauffeur zu seiner Gruppe von früheren Widerstandskämpfern gebracht wird. Er zeigt ihnen dessen Buch: “Eine Handvoll Menschlichkeit”. Auch Esther und ihr Sohn sind von der Partie. Sie spüren plötzlich: da ist keine Feindschaft, kein Hass mehr. Der Titel des Buches, das der Chauffeur zeigt, erinnert an das Buch das Horbach selbst geschrieben hat. Man darf erkennen, dass ihm selbst solche Begegnungen geschahen. Wir verstehen, wie er dazu kam, sich so tief in dieses Wieder-Erkämpfen des jüdischen Staates zu versenken und wünschen ihm viele Leser. Anni Löwenstein (Priebatsch) Ramat Chen, Haggai 12 NACHBEMERKUNG DER REDAKTION Alle ehemaligen Schüler und Schülerinnen, die etwas Interessantes von ihrem Lehrer Elieser PINCZOWER s.A. berichten können, insbesondere etwas über seine Lehrmethoden und Geschichten, die er dabei eingeflochten hat, werden gebeten, diese unserer Zeitung oder direkt Herrn F D. Pinczower, Tel-Aviv, Sokolow Str. 83 mitzuteilen. Sofern diese Berichte allgemeines Interesse haben, werden wir diese in einer unserer nächsten Nummern unter Nennung des Einsenders zum Abdruck bringen. Dasselbe bezieht sich auch auf den Rabbiner Israel Chajim PINCZOWER aus Langendorf, über den eine Reihe von Anekdoten existieren sollen. BRESLAU UND SCHLESIEN. Gemeinde-Rabbiner Dr. Ferdinand Rosenfhal s.A. Auch diesmal wieder wollen wir — wie versprochen — eine jüdische Persönlichkeit in unser Blatt aufnehmen. Die ältere Generation wird sich seiner in Ehrfurcht und Liebe erinnern. Er war eine Persönlichkeit ersten Ranges, beliebt bei seiner Gemeinde und in der nichtjüdischen Welt, geboren 1838 in Genese (Ungarn), promovierte Rosenthal nach Studien in .verschiedenen Jeschiwoth u. a. in Eisenstadt unter Rabb. Esriel Hildesheimer an der Universität Berlin und Leipzig, wurde 1868 Rabbiner in Beuthen O/S, wo er an der Organisierung der oberschlesischen Gemeinden mitarbeitete. 1887 wurde er zum Gemeinde-Rabbiner in Breslau berufen, wo er bis zu seinem Tode 1921 im Amte blieb. Rabb. Dr. Rosenthal war weithin bekannt wegen seiner Herzensgute und Milde, er war der erste konservative Rabbiner, der sich dem allgemeinen Deutschen Rabbinerverband anschloss. Er veröffentlichte viele Broschüren und Werke, insbesondere ein Gedenkbuch für David Kaufmann, zusammen mit Prof. Markus Brann, dem Dozenten am Rabbiner-Seminar. Als Gemeinde-Rabbiner streng konservativer Richtung, war er niemals fanatisch, sondern verstand mit den Liberalen in der Gemeinde zusammen zu arbeiten. Seine Predigten waren ein Erlebnis. Seine Vorträge, bezw. Schiurim, insbesondere über den “Kusari” am Freitagabend, klingen einem heute noch im Ohr. Bei seinem Hinscheiden schrieb die “Allgemeine Presse” in Breslau, am 7. März 1921: Der Gemeinde-Rabbiner Dr. Rosenthal ist gestorben, ein Mann von dem man behaupten kann, er hatte keine Feinde. Ich könnte auf ihn das Wort aus Faust anwenden: “Sein hoher Gang, seine edle Gestalt, seines Mundes Lächeln, seiner Augen, sein Händedruck besagte, dass er es mit jedem gut meinte und jedem ein Freund war”. Er ruhe ln Frieden.” Der Gemeinde-Rabbiner Dr. Ferdinand Rosenthal gehört in die Geschichte der Gemeinde Breslau. 13