Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1974
- Issue
- No. 35 (April 1974)
- Date
- 1974-04-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Zionistische Erlebnisse in Oberschlesien In den Jahren 1933 bis 1938 arbeitete ich als zionistischer Sekräter der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und gemeinsam. mit Arnold Wiener s.A. als Leiter des Palästina-Amtes für Oberschlesien. Es war in ernsten Zeiten eine Periode voll Aktivität und sinnvoller Tätigkeit, befriedigend, weil man Manchem helfen konnte. Einige Erlebnisse seien hier erzählt: Durch den Versailler Vertrag war im Jahre 1922 das sogenannte “Genfer Abkommen” (15 Jahre für Deutschland und Polen gültig), geschlossen worden. Dadurch sollten die jeweiligen Minderheiten in den beiden Teilen Oberschlesiens nach der Abstimmung geschützt sein. Dieses Abkommen enthielt auch Bestimmungen für die Juden. 1933 mit dem Beginn der Nazi-Zeit war es also die Aufgabe der jüdischen Minderheit in Deutsch-Oberschlesien ihr Recht beim Völkerbund wahrzunehmen. Es begann, mit der durch führende Zionisten des Auslandes zum Erfolg geführten “Bernheim-Petition”. Aber die tatsächliche Lage hatte sich damit in Oberschlesien keineswegs verändert. Nach langen Mühen der Zionisten Oberschlesiens gelang es am 11. Juni 1933 im Rahmen des oberschlesischen Synagogenverbandes ein Aktionskommitee zur Wahrnehmung der Rechte zu schaffen. Dr. Georg Weissmann s.A. wurde als Geschäftsführer gewählt. Im September 1933 wurde es klar, dass alle Eingaben an die Deutsche Regierung keinen Erfolg hatten, und der Terror und der Boykott genau wie im Reich durchgeführt wurde. Deshalb musste das Wagnis auf sich genommen werden, sich direkt an die internationale Instanz nach Genf zu wenden. Am 16. September 1933 bat mich Dr. Weissmann die Eingabe und das Material, gemeinsam mit meiner Frau über die polnische Grenze nach Kattowitz zu bringen. Denn aus begreiflichen Günden konnte man diese Dokumente nicht von Deutschland aus absenden. Wir fuhren also klopfenden Herzens mit den gut behueteten Papieren, glücklicher Weise unbehelligt durch die Grenzkontrolle, nach Kattowitz/Polnisch-Oberschlesien, wo wir von Helene Neumann, der späteren Gattin von Dr. Weissmann schon sehr erwartet wurden. Von dort ist die Eingabe nach Genf weitergeleitet worden. Es war ein “Ritt über den Bodensee”. — Als Folge davon gab es bis Juli 1937 keine Benachteiligung mehr. Natürlich waren doch öfters Beschwerden an den Presidenten der Gemischten Kommission Kalonder einzureichen, die alle positiv erledigt wurden. Oberschlesien wurde, wie man es damals nannte ein “Naturschutzpark.” Ich besuchte alle grösseren Städte und auch kleine Orte regelmässig, um zionistische Vorträge zu halten, Palästinafilme zu zeigen, für die Fonds zu werben und Rat in Auswanderungsfragen zu geben. Durch die fortschreitende Isolierung der Juden waren die Gemeinden sehr dankbar dafür. In den kleinen Städten gab es keine Räume für die Veranstaltungen, sodass ich — was ich mir nie vorgestellt hätte — auf den Kanzeln von Synagogen gesprochen habe. Zu meinem grossen Erstaunen zeigten mir die ältesten Mitglieder, besonders in den kleinen Gemeinden aus einer ehemals vorhandenen zionistischen Bibliothek Bücher, weil vor zwei Jahrzehnten schon dort zionistische Ortsgruppen bstanden haben, die später natürlich wieder eingeschlafen sind. Gegründet hatte diese Ortsgruppen kein geringerer als Kurt Blumenfeld, der im Jahre 1910 als erster zionistischer Sekretär einige Wochen in Oberschlesien gearbeitet hatte. Im Dezember 1933 besuchte ich das kleine Städtchen Neustadt. In diesem Ort befand sich die Weltfirma “Leinenfabrik S. Fränkel”, deren Inhaber Kommerzienrat Max Pinkus war. Die Stadt hatte der Familie Pinkus imgeheuer viel zu verdanken. Fast alle öffentlichen Institutionen wie Schwimmbad, Altersheim, Krankenhaus waren Stiftungen von Pinkus. Vor Beginn meines Vortrages hörte ich ein erregtes Flüstern der Zuhörerschaft “der Kommerzienrat selbst kommt”. Und tatsächlich kam der kranke damals 73 jährige Max Pinkus mit seinem Sohn zu meinem Vortrag. Anschliessend führte ich mit seinem Sohn Hans eine interessante Diskussion. Er war ein hochgeistiger Mensch, nicht Zionist. Der Kommerzienrat lud mich für den nächsten Vormittag in seine Villa ein. Ich erlebte unvergessliche Stunden im Gespräch mit ihm in der Stille seines herrlichen Besitzes. Er sagte zu mir: “Da habe ich geglaubt für die Zukunft ein grosses Unternehmen aufgebaut zu haben, davon spricht heute niemand mehr, sondern nur noch von meiner Bibliothek. In dieser “Schlesierbücherei”, wie sie genannt worden ist, und über die schon sehr viel geschrieben und veröffentlicht wurde, führte mich nun der wunderbare Mann, der in Jahrzehnten diese einzigartige Bibliothek aufgebaut hat. Die Bücherei zählte fast 25000 Bände. Einmalig darstehend und fast vollständig waren Erstdrucke, Manuskripte, Briefe von den schlesischen Mystikern Jakob Böhme, Angelus Silesius, über die Dichter Schlesiens, von Johann Christian Günther, Schleiermacher, Eichendorff etc., bis zu den damals lebenden wie besonders Hermann Stehr und Carl und Gerhardt Hauptmann in dieser Sammlung. Mit Gerhardt Hauptmann verband ihn eine jahrzehntelange, innige und enge Freundschaft. Max Pinkus war ein Mäzen für die schlesischen Dichter. Vielen hat er grosse materielle u. geistige Hilfe geleistet. Hauptmann hat ihm in einigen seiner Spätwerke ein literarisches Denkmal gesetzt, besonders in seinem letzten Werk “Finsternisse”, welches eigentlich ein Requiem für Max Pinkus ist. Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, wenn ich noch mehr über das unvergessliche Erlebnis, der gemeinsamen Stunden mit diesem liebenswerten und bedeutenden Menschen, von dem gütige Menschlichkeit ausstrahlte, erzählen würde. Und wie alle wahrhaft Grossen war er schlicht und einfach. Die "Schlesierbücherei” ist trotz aller Rettungsversuche in der letzten Periode der Nazizeit untergegangen und damit einzigartige, imersetzbare Translateur leitete eine Unterhaltungskapelle, die in den grossen Cafes und Etablissements' der Zeit um 1900 und nachher hauptsächlich in Berlin für Bombenbetrieb und Stimmung sorgte. In diesen Jahren gab es die sogenannte “Salon-Orchester Besetzung”, mehr Streicher, als wie jetzt Saxophon- Klänge. Translateur war kein Taktschläger, vielmehr ein Interpret des Komponisten. Er brachte eine füllig klingende, dynamisch abschattierte Unterhaltungsmusik, Opernauszüge, Ouvertüren, klassische Operette, Potpourris und Fantasien. Seine Kapelle bestach durch temperamentvolles, gediegenes Können. Auch die öfter eingelegten Instrumenten-Soli seiner Kapellenmitglieder wurden mit grossem, schönen Ton geboten. Er kam geschickt dem Publikumsgeschmack entgegen, bot auch dem Musikkenner wertvolle Anregung. Geschickter Einsatz der Instrumente machte ferner seine Tanzmusik farbig und packend. So gab es einst wirksame Walzer, federnde Polkas und Rheinländer, wie natürlich ebenfalls die beliebte Werte und Dokumente. Max Pinkus starb am 14. Juni 1934 im Alter von 74 Jahren. Der einzige deutsche Dichter von Rang, der bei seiner Beisetzung anwesend war, war Gerhardt Hauptmann. Anfang 1937 war es klar, dass das Genfer Abkommen Mitte des Jahres zu Ende gehen wird und damit natürlich auch die Rechte der Minderheiten. Die Informationen bekam ich von Dr. Weissmann rechtzeitig. Interessanter Weise hätte das Abkommen Deutschland gern verlängert, doch Polen war dagegen. Ich hielt nun in allen Städten Oberschlesiens Vorträge, um unsere Menschen eindringlich darauf hinzuweisen, dass sie sich auf den neuen Zustand einstellen und ihre Auswanderung betreiben müssten, überall wo ich gesprochen hatte, erschien einige Tage später der damalige Syndikus vom C.V. und erklärte, dass das Abkommen sicher nicht gekündigt werde, und ich nur Panik verbreite. Auch dieses ist ein interessanter Beitrag zur Erkenntnis, wie gern der Mensch unangenehme Fakten aus seinem Bewusstsein drängt, bis die Tatsachen Wirklichkeit werden. Immerhin wurde die Auswanderung, auch nach Palästina grösser. Zertifikate nach Palästina zu erhalten war schon schwierig. So entstand bei uns der Plan eine neue landwirtschaftliche Siedlung für die Interessenten dafür zu schaffen. Besonders Dr. Förder s.A. Dr. Franz Meyer s.A. und die Rassco halfen uns bei der Verwirklichung. Sde Warburg verdankt diesen Bemühungen sein Entstehen. Ende des Jahre 1938 wurde, wie bekannt, die Situation unhaltbar. Ich wurde wiederholt zur Gestapo gerufen, es lagen Anklagen wegen Geheimbündelei vor, da natürlich in meiner Wohnung oft Zusammenkünfte und Versammlungen stattfanden. Ende Dezember 1938 forderte mich die Gestapo auf, eine spezifizierte Liste der Gemeindemitglieder, eingeteilt nach ihrer Zugehörigkeit zu den jüdischen Parteien, Angaben über ihre wirtschaftliche Lage etc., abzugeben. Diesem Befehl wollte ich unter keinen Umständen nachkommen, und verliess sofort mit meiner Frau, noch einige Wochen vor dem Termin unserer Abreise mit der Galilaea meine Vaterstad Beuthen O/S. Durch die Bemühungen besonders von Benno Cohn, dem lezten Vorsitzenden der Z.V.f.D. hatte ich das Zertifikat schon in Händen. Dunkle Ahnungen über das Schicksal der Zurückgebliebenen beschwerte uns das Herz, als wie Europa verliessen. FRITZ TAU Beth Jizchak Quadrille (Francaise), die damals viel exekutiert wurde. Er gastierte mit der Kapelle in vielen Orten, wo es monatliche Engagements erster Unterhaltungsstätten gab. Immer wurde er prolongiert, weil er mit seiner Kapelle eine starke Attraktion war. Und überall führte er seine eigenen Walzerkompositionen vor. Sie wurden richtig populär, so “Was Blumen träumen” oder das “Praterleben”, das sogar zum “Sport-Palast-Walzer “in Berlin auserkoren wurde. Schmucke Konzertstücke voller Empfinden und Seele sind diese seine Tanzwalzer. Wo er auch auftrat-, spontan jubelte das Publikum dem Leiter der Kapelle und den Musikern beifallsfreudig zu. Er war Gründer und Inhaber des Lyra- Verlages, Berlin. Erinnern wir uns unserer Jugendzeit, als wir nach den Klängen seiner Musik das Tanzbein geschwungen haben. Es war einmal. Julius Sachs SIEGFRIED TRANSLATEUR (geb. in Carlsruhe O/S) 11