Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1974
- Issue
- No. 35 (April 1974)
- Date
- 1974-04-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Schlesien und Jüdisches Gemeindeleben in Chile In der in Buenos Aires erschienenen Wochenschrift “Semana Israelita” von 18. Januar, 1955 schrieb ihr Herausgeber Hardy Swarsensky s.A. nach einem Besuch in Chile: “Gemeindejugend, wo immer sie tätig wurden oder werden, ob in Berlin oder Breslau, Santiago oder Buenos Aires, haben keinen langen Bestand”. Dieser ironisch gemeinte Hinweis auf Breslau war zutreffend. An der Wiege des Gemeindelebens der aus Zentraleuropa in den Jahren 1933-1940 nach Chile eingewanderten Juden standen viele, die aus Schlesien kamen. In erwähntem Artikel macht Dr. Swarsensky auch auf die Ähnlichkeit in der Struktur der Gemeinde zwischen Montevideo in Uruguay und Santiago de Chile aufmerksam. Auch dies scheint kein Zufall zu sein. In der “Nueva Comunidad Israelita de Montevideo” haben gleichfalls gebürtige Schlesier mitgewirkt. Ich erinnere mich an Stadrat Georg Less s.A. Louis Neumann s.A. sowie seine Söhne, an Georg Neuländer s.A. (Beuthen). Mit Hans Leschnitzer, der unermüdliche Mitarbeiter in dem Dachverband unserer südamerikanischen Gemeinden-CENTRA-,jetzt geleitet von Wolfgang SiebneT (Breslau) aus Sao Paulo, und Dr. Hans Feuereisen (Beuthen-jetzt in Rio de Janeiro haben wir lange Zeit zusammen gearbeitet. Beide Gemeinden wurden bewusst als Einheitsgemeinden gegründet. Unter ihrem Dach sollte jeder Jude seinen Platz finden, ungeachtet seiner religiösen und nationalen Einstellung. Sie entwickelten sich anfänglich ohne Kontakt untereinander. Juden ähnlicher Herkunft entfalteten in ihnen ihr religiöses Leben, nationale Aktivitäten, Kulturarbeit, Wohlfahrt, Geselligkeit, Jugendarbeit und Altersheim. Wir hatten für diesen Neuaufbau jüdiscshen Lebens in einem fremden Kontinent kein geschichtliches Vorbild. Unsere schon vorher existierenden Schwesternorganisationen hatte sich auf ganz anderen Grundlagen entwickelt. Zweifellos hat unsere gemeinsame Herkunft zu dieser Ähnlichkeit in der Gemeindeentwicklungunabhängig voneinander-geführt. Ein Charakteristikum der Gemeindegeschichte in Schlesien war, dass die leidenschaftlichen religiösen Kämpfe einer überwundenen Vergangenheit angehörten. Inden Gemeindestuben hatte man nach religiösen Stürmen des vergangenen Jahrhunderts den Weg zur Zusammenarbeit gefunden. In Schlesien war man kaum extrem. Man zog es vor von konservativem Judentum im Sinne der Treue zum Gesetz zu sprechen. Orthodoxie klang nach Fanatismus. Auch der religiöse Liberalismus blieb hier gemässigt. In der Entwicklung hat das “graue Haus” in der Wallstr. 14-das Breslauer Rabbinerseminar-eine wichtige Rolle gespielt. Hinzu kam die geographische Lage Schlesiens als Grenzgebiet im Osten Deutschlands. Osten und Westen stiessen aufeinander. Das führte zu grösserer Aufgeschlossenheit.Die Meisten stamm ten aus Posen oder noch weiter östlich. Jüdisches Traditionsgut war noch lebendig. So charakterisierte Dr. Ernst G. Löwenthal im Organ des C.V. vom 14. Januar, 1937 die Breslauer Gmeinde: “Breslau ist ein Resevoir echt jüdischer Menschen, die jüdische Tradition pflegen und jüdisches Wissen in sich tragen” Die Tatsache dass in den Monaten nach dem tragischen 9/10. November 1938 Chile Einwanderungsmöglichkeiten bot brachte eine relativ grössere Zahl von Schlesiern innerhalb weniger Monate in dieses Land. Sie fanden die "Chewra, Kultus- und Beerdigungsgemeinschaft" vor, die am 27, Juni, 1938 von deutschsprachigen Juden gegründet worden war. Ihr Name wurde bald in “Sociedad Cultural Israelita B’ne Jisroel" geändert und damit die weiter gesteckten Ziele angedeutet. Die treibende Kraft dieser 1 500 Familien umfassenden Gemeinde war Dr. Joseph Hirschberg s.A. Rabb. E. I. Löwenstein Jerusalem der sich zusammen mit anderen bemühte, dem entwurzelten Einwandererstrom eine neue seelische Heimat zu bieten. Nur fünf Präsidenten haben bis jetzt in 37 Jahren ihres Bestehens die Gemeinde geführt, davon 3 aus Breslau. Nach der patriarchalischen Gestalt Siegmunds Freudenthals s.A. aus Eschwege kam Joseph Hirschberg, der Sohn von Justizrat Felix Hirschberg s.A., dessen Leben dem Judentum in Breslau gewidmet war. Der Sohn war sich bewusst, dass er die Fundamente für seine jüdische Arbeit seinem Elternhaus zu verdanken hatte. Mit Opferbereitschaft und Dynamik legte er zusammen mit anderen-unter denen vor allem Leon Rosenthal s.A. Berlin) erwähnt zu werden verdient die Grund lagen für diese Einheitsgemeinde. Es war nicht leicht, diese Neueinwanderer aus d. verschiedensten Landesteilen Mitteleuropas unter das Dach einer einheitlichen Gemeinde zu bringen. Der Zufall wollte es, dass auch die beiden Rabb. M. Lubliner und E. I. Löwenstein sowie der Kultusbeamte Adolf Ehrlich s.A. von Breslaus Traditionen geprägt waren. Mitarbeiter waren auch u. a. Dr. Ernst Rechnitz s.A., der einstige Verwaltungsdirektor der Gemeinde Breslau, (der von der Gestapo wegen eines Artikels im Gemeindeblatt-“Ich suche meine Brüder”-verhaftet worden war), sowie der allseitig geschätzte Dr. Leopold Rosenbaum s.A., der die Gemeindekasse verwaltete; Dt. Benno Kiwi s.A. (Neisse) mit seiner Intelligenz und Ausgeglichenheit; Dr. Max Sklarz s.A. mit seinem überdurchschnittlich jüdischen Wissen; Alfred Feldmann s.A. (Görlitz) in allen Kreisen verehrt und geachtet; Alexander Lande s_A. dessen Ausgeglichenheit vor allem im Kultus Gegensätze überbrückte; Alfred Berliner (Liegnitz), der seit vielen Jahren-auch in den Jahren des Sturms-den Finanzapparat verwaltet; Dr. Erich Bry und Adolf Chemke sä.. (Liegnitz), die sich der Bne Brith widmeten; Dazu kamen Ismar Schütten s.A. und der kürzlich hier eingewanderte Georg Nathan, die in der Kultuskommission unter der vorbildlichen Leitung von Heymann Abramzyk (Posen/Berlin-jetzt Haifa) mitarbeiteten; Felix Pinczower s.A. (Beuthen), Carlos Werner s.A. Detmar Gluskinos s.A. die jeder auf verschiedenen Gebieten ihre Erfahrungen in den Dienst der Sache stellten. Leider war es der verdientsvollen Grete Bial und dem ehemaligen Kurator des Bresl. Rabbinerseminars Dr. Hans Kober s.A. nicht vergönnt, sich lange der neugewonnenen Freiheit zu erfreuen. Auch der so frühzeitig bei einem Schneesturm in den Anden umgekommene Dr. Erich Hirschberg s.A. dessen ausgewogene Intelligenz vor allem in der Kulturarbeit von Bedeutung war, muss erwähnt werden. Seine Gattin Trude widmet sich noch heute der sozialarbeit. Besonders verdienen Hugo Schüftan s.A. (Beuthen/Breslau) und Adolf Ebstein hervorgehoben zu werden. Die Gemeinde verdankt Hugo Schüftan die vorbildliche Organisation der Taharakommission für die er in mehr als 50 jähriger Tätigkeit reiche Erfahrungen mitbrachte. Dabei wurde er von Männern wie dem leider kürzlich hier dahingegangenen Max Ehrlich s.A. unterstützt. Adolf Ebstein widmet sich mit gleicher Hingabe der Gemeinde dem Kultus, den zionistischen Fonds, der Wohlfahrt und dem Altersheim, für die er Vorbildliches leistet. So überrascht es nicht, wenn ironisch behauptet wurde, dass in dieser Gemeinde nur Mitglieder aus Breslau und Umgebung mitarbeiten dürfen. Der stolzeste Tag in der Geschichte dieser Gemeinde war wohl als Joseph Hirschberg am 3. September 1950 in Gegenwart des damaligen Vizepräsidenten der Knesset, Dr. Joseph Burg, das neue Gemeindehaus einweihen konnte. In einem tragischen Brand hatte die Gemeinde 1944 ihr Haus und 14 aus Deutschland gerettete Torahrollen verloren. Aus den Mitteln der Gemeindemitglieder-noch ohne Wiedergutmachungsgelder-war ein Gebäude errichtet worden, von dem Dr. Burg in seiner Ansprache sagte: “Ich wünschte wir hätten in Israel so schöne und repräsentative Gebäude”. (G. s. D. ist dieser Wunsch inzwischen erfüllt worden). Joseph Hirschberg war nicht nur ein-manchmal eigenwilliger-Kämpfer sondern er rang auch um die Verwirklichung seiner Ideale. So trat der einstmalige Nichtzionist die Alija an zusammen mit seiner allseitig beliebten und um die Wizo verdienten Gattin Lotte. Leider war es ihm nicht lange vergönnt, sich in dem Lande seiner Sehnsucht an dem verwirklichten Ideal zu erfreuen. In der Gemeinde hatte er die Fundamente gelegt. Nach dem plötzlichen und überaus schmerzlichen Ableben seines Nachfolgers Dr. Siegfried Landau s.A. Leipzig der eine besondere Würdigung verdient-.führte wieder ein Breslauer viele Jahre die Gemeinde, Dr. Hans Reich s.A. Er hatte sich schon in jungen Jahren als Staatsanwalt einen Namen erworben. Ihm gelang es vor allem, die Stellung dieser Gemeinde innerhalb des südamerikanischen Judentums zu festigen und den Übergang zur nächsten Generation zu vollziehen. Der Erfolg zeigt sich in der Tatsache, dass nach seinem unerwarteten Ableben der in Breslau geborene Adolf Schnitzer die Gemeindeführung übernahm, der sie in den letzter» für Chile so überaus schweren Jahren erfolgreich und mit Hingabe lenkt. U. A. steht ihm auch Walter Schüftan-Sohn von Hugo Sch.-zur Seite. Aus der gleichen Generation stammt auch der Breslauer Günther Böhm, der jetzt an der Spitze des von der Staatsuniversität gegründeten Zentrums für jüdische Studien steht. Aber der Einfluss des schlesischen Judentums reicht über die Haupstadt Santiago hinaus. Unvergessen bleibt in Valparaiso der noch in hohem Alter aktive Adolf Böhm s.A. und der kulturelle Beitrag seines Sohnes Ludwig Böhm. In Concepcion ist seit ihrer Gründung die Gemeinde ohne Max Tichauer (Beuthen) nicht zu denken. In Temuco verstand es Arturo Loewe, zu den die Gemeinde beherrschenden Sefardim den Kontakt aufzunehmen. In Valdivia pflegt Dagobert Boroschek (Hindenburg) erfolgreich den Kontakt zu den städischen Autoritäten. In Puerto Montt bemühten sich einst die Brüder Dettmar Foerder s.A. und der jetzt in Berlin wohnende Erich Foerder das religiöse Leben dieser kleinen Gemeinde aufrecht zu erhalten. Viele Namen sind erwähnt und vielleicht auch d. eine oder andere vergessen worden .Aber es sollte nur-dem Rahmen dieser Zeitschrift entsprechendaufgezeigt werden welchen reichen Beitrag Menschen aus Schlesien in einem fernen Land zum Wiederaufbau jüdischen Lebens geleistet haben. Vielleicht kann Ähnliches auch für andere Gemeinden gezeigt werden. Breslau wurde zu einem Reservoir für neues jüdisches Leben aus den Ruinen des unlergehenden Judentums in Deutschland. Diese Zeilen werden für die Pessachnummer geschrieben. Darum will ich sie mit dem Schlusswort eines Pessachartikels von Joseph Hirschberg aus dem Jahre 1944 abschliessen: "Der Seder schliesse mit dem Ruf: L’schana habaa bTruschalaim”. Dort an der Stätte des Heiligen Tempels sollen die Juden wieder ihrem G"tte dienen, auf dem eigenen Boden, der einst das Land ihrer Ahnen war, nachdem Moses sie aus Ägypten geführt hatte und sollen in Freiheit ihren Beitrag zur Kultur der Menschheit leisten. Dieser Freiheit, dem höchsten Besitz des Menschen und der Völker, ist der Sederabend, das traditionelle, jüdische Familienfest gewidmet”. 9