Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1974
- Issue
- No. 35 (April 1974)
- Date
- 1974-04-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/7411685-7412391-7493589--0473-7412398- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
In rascher Fahrt rollt der Zug auf dem Hange des Karstgebirges hinunter, der blauen Adria entgegen. Juden, Männer und Frauen, jung und alt, grundverschieden im Wesen und Aussehen, Sprache und Schichtung bevölkern den langen Eisenbahnzug. Man blickt zum Fenster hinaus: ein Anblick der jungen Nadelbäume, die die noch vor Kurzem kahle, felsige Karsthöhe — die Wälder hatten doch einst die Venezianer ausgerodet — mit tiefem Grün bekleiden, lenkt wie von selbst auf Erez Jisrael doch die Paraleie, hier und dort wird das Land aufgeforstet. Eifrige Diskussion mit neuen Bekannten, die allesamt demselben Ziele Zuströmen, ist in vollem Gange. Die Erinnerung an den rührenden, bangen Münchener Abschied am Wiener oder Münchner Bahnhof am Abend vorher ist wie verweht. Triest: In der Bahnhofshalle nahmen uns die Leute vom Palästinaamt das Gepäck ohne Bestätigung ab und stellen uns Wiedersehen mit unseren Koffern bei der Einschiffung in sichere Aussicht. Soeben hat es zehn geschlagen, das Schiff geht erst in drei Stunden ab, man ist frei. Man schlendert nun gemächlich der Stadt zu, sonnt sich ein klein wenig auf der geräumigen Piazza vor dem Cafe Specchi, schreibt noch den letzten Gruss an seine Lieben vom Festland und nimmt sich vor, durch die Stadt zu schlendern. Wie still ist doch diese sonst so lebhafte, geräuschvolle, vom hastigen Treiben erfüllte Stadt geworden. Einmal in der Woche, Dienstag abend, wenn die ersten Gruppen der Palästinafahrer eintreffen, belebt sich die Hafenstadt Triest von Neuem. Es ist aber ein falscher Zauber, denn er hält nur kurze Zeit vor: Mittwoch Mittag, mit der Abfanrt des Dampfers nach Jaffa, bricht er und dann geht das grosse Schweigen wieder an. Eine Viertelstunde, also mehr als zwei Stunden bis zum Abgang des Dampfers. Eine sonderbare Unruhe überkommt einen, man guckt der Form halber in ein-zwei altertümliche Gässlein hinter dem Rathaus und plötzlich ertappt man sich dabei, unterwegs nach dem Molo der Bersaglieri zu sein, wo einem der grosse weisse Leib des Dampfers “Gerusalemme” entgegenzuwinken schein. Passrevision, Devisenkontrolle, Zollbehandlung wie die sonstigen angenehmen Begleiterscheinungen des modernen Reiseverkehres alle heissen, sind bald überwunden und man klettert über einen Turm an Bord. Elf Uhr ist;s erst und doch herrscht schon hastiges, von jüdischer Unruhe bewegtes Leben auf Deck. Der eine findet seine Kabine nicht, der zweite jagt in voller Erregung Koffern nach, während der dritte, Tränen in den Augen, zappelnd auf seine Angehörigen wartet, die für eine halbe Stunde in die Stadt fuhren. Die Aufregung wächst in steigendem Masse. Eine feste Dame packt einen jungen italienischen Matrosen beim Krawattl und erklärt ihm in unverfälschtem Krakauer Jidisch, ihn erst loszulassen, bis er alle ihre Koffer zustandegebracht hat. Indessen haben die schlanken Krane die Gepäckstücke an Bord geschafft — kein einziges fehlt, die Ausflüger sind zurückgekehrt, die Erregung ist überwunden, allmählich tritt Beruhigung ein. Der schrille Pfiff der Sirene ertönt, das grosse weisse Schiff lichtet die Anker, macht sich langsam vom Festland los u. gleitet in die blaue Bucht hinaus. Einige Jugendliche versuchen ein hebräisches Lied anzustimmen, die Töne fallen aber gleichsam ins Wasser, niemand ist da, der sie am Molo auffangen würde. Bevor es einem noch so recht zum Bewusstsein kommt, befinden wir uns schon in voller Fahrt nach Erez Jisrael. Erez Jisrael, Die zwei Worte, die bereits in Triest auf dem Schilde der Schiffsstation in stolzen hebräischen Lettern prangen, sie sind wie ein Fluidum, das die Atmosphäre diese Fahrt ausströmt u. die Reisenden mit einander verbrüdert. Über Länder, kulturelle und soziale Schranken. politische Überzeugungen und traditionelle Lebensanschauungen hinweg üben diese zwei Worte ihren einigenden Zauber aus. Selbst die Pforten der ersten Klasse erschliessen sich, die Wogen branden hin und her und man wird bald ein einig Volk von Brüdern. Wenige Stunden nach der Abfahrt sind schon Gruppen entstanden, die miteinander enge Freundschaft geschlossen haben. Das Scheidende ist bald überwunden, ein Gefühl trauter Brüderlichkeit unmschliesst die Fahrgäste. Freilich das ewig Weibliche verfehlt auch hier nicht seine Wirkung: so mancher Kreis gruppiert sich um eine schöne Frau, andere Damen hinwieder ziehen es vor, einsam mit ihren Kavalieren über Deck und Steg zu wandeln. Zwei junge Menschen aus Wien, ein Arzt und seine Kollegin, fahren mit einem Zertifikat hinüber. Ach, wie werden die beiden beneidet, die jedoch selbst mit hangen und Bangen der Zukunft entgegenblicken, gibt es doch schon viel Ärzte im Lande! Ein sympathischer junger Mann aus Pressburg, von seiner bildhübschen Frau begleitet, hat hingegen schon einen festen Posten als Möbeltischler in einer Fabrik in Petach Tiqua. Eine Gruppe litauischer Juden, an sechzig Prsonen, festes, altes russisches Judentum in Tradition verwurzelt, Mittelständler (was man heu te bei uns Juden Mittelständler nenne) hält sich bescheiden im Hintergrund, während das Auftreten DR. JOMTOV LUDWIG BATO Ein Fahrt nach Erez Jisrael vor etwa vierzig Jahren der deutschen Juden, die die grosse Mehrheit an Bord bilden, selbstbewusster, akzentuierter ist. Gewissermassen den Übergang stellen die Ostjuden dar, die lange Jahre in Deutschland gelebt haben. Alle sind sie guter Laune, lachen und scherzen, aber wer genauer zuschaut, merkt, dass der Frohsinn nicht aus dem Herzen kommt, denn in einem verborgenen Winkel des Herzens kauert die Sorge. Die Sorge um das tägliche Brot, um die Kinder, um die Zukunft in der neuen Heimat. Hier und da erzählt einer von dem Grauenhaften, das er erlebt habe. Da ververdüstert sich die Stimmung, denn fast alle haben dasselbe erlebt. Zwischendurch beklagt einer den gewaltsamen Tod eines Angehörigen oder Freundes. Aber der Trübsinn auf dem Schiffe, das nach dem Lande der Hoffnung fährt,ist nur eine vorbeieilende Wolke. Sie schwebt dahin und wieder strahlt die Sonne. Dami werden eifrig Zukunftspläne erwogen. Alles durcheinander. Und wenn man so einiges mit angehört hat, so erscheint einem oft das Einzellos als Volksscnicksal en miniature. Sind sie alle Touristen, die sich so nennen? Ja und nein. Wenn sie auch nicht alle gleich drüben zu bleiben beabsichtigen, alle, alle, ohne Unterschied träumen von einer Heimkehr ins Gelobte Land. Leuchtende Farben verleihen dem Bilde an Bord die Jugendlichen von der erst vor Kurzem ins Leben gerufenen Jugend-Alija aus Deutschland, die, aus der Hölle errettet, frohen Mutes, nach Israel gehen um dort ihre schwachen Kräfte am Aufbau des Landes zu stählen. Sie ersetzen die Chaluzim an Bord, deren Fehlen — die Verteilung der neuen Zertifikate hat noch nicht begonnen — sich gefühlsmässig bemerkbar macht. Aber auch so wird die Stimmung immer gehobener, je mehr man sich dem Lande nähert. Aus dem Sprachengewirr ertönt die kristalhelle wenn auch freilich noch dünne Stimme des Ivrith. Manche sprechen es tadellos, mit spielender Leichtigkeit, andere radebrechen es noch. Es hapert freilich an allen Ecken, aber viele, viele studieren eifrig an Bord ihren hebräischen Sprachführer und es ist geradezu rührend, wie alte Männer, däruner so mancher, der im “Lernen” ergraut ist, mit jugendlicher Zähigkeit den Anschluss an das moderne Ivrith macht. Ach, wo sind die Zeiten, wo es zum guten Ton gehört hat, mit der völligen Unkenntnis des Hebräischen zu prahlen! Stehst Du in der Früh auf und du kannst ja gar nicht anders; Die, Sonne lockt dich aus dem Bett und willst du nicht gehorchen, so sollst du bald dem Steward fluchen, der knapp nach sieben Uhr, die Glocke schwingend, wie ein Amokläufer durch die Korridore rennt und die Faulen aus den Federn scheucht, gehst du zuerst auf Deck. Das kleine Bethaus — sinnvoll zwischen Bar und Kino untergebracht — bevölkert sich bald. Viele versammeln sich da zum Schacharitgebet, um ihrem Schöpfer zu danken. Und nun hebt das Tagewerk an. Vor allem geht es in den Speisesaal zum Frühstück, dann reckt man sich im Streckstuhl auf Deck und lässt sich von der Sonne knusprigbraun brennen, andere sprechen hebräisch. Der alte Herr dort lernt noch ein Perek Mischnajot und andere junge, mit unter auch alte Herren flirten für ihr Leben gern, in einer Ecke lehnen am Reeling in eifriger Wechselrede ein Zürcher Chefredakteur und seine Frau, ein Wiener Schriftsteller, ein Frankfurter Fabrikant, ein Rechtsanwalt aus Budapest und ein blutjunger Bankbeamter aus Frankfurt, Letzterer ein eifriger Agudist. Freilich bleiben sie bei der Diskussion nicht allein, andere gesellen sich ihnen zu. Diesweil entstehen auf der anderen Seite Konkurrenzgruppen, die ernstlich bemüht sind, alle jüdische Fragen aufs genauste und ausführlichste durchzusprechen. Indes, unbekümmert um Juden und ihre Probleme, zieht der Riesenleib des Schiffes tiefe Furchen durch die Wasser des Meeres, lässt sich von den Wogen liebkosen und koketiert eifrig mit den ihn unermüdlich begleitenden weissen Möwen. Die alte befestigte Hafenstadt Brindisi, wo einst Rabbi Akiba auf einer Fahrt nach Rom gelandet haben soll, die griechischen Inseln und Ufer, das sagenhafte Eiland Ithaka, die von den hellenischen Dichtem besungenen felsigen Klippen, sie alle schweben an uns wie im Traum vorbei. Es wird von Tag zu Tag heisser, die Umhüllen und Strickwesten verschwinden, der Hemdsärmel tritt in seine Rechte Orient haucht uns warme Luft entgegen, Erez naht. Die Nächte werden heller, leuchtender, die Sterne verdoppeln ihren funkelnden Schein, die harrende Stimmung wird immer gespannter. Zwischendurch vergeht die Zeit in raschem Tempo, was umso staunenswerter ist, als ja niemand was zu tun hat. Doch, doch: dort sitzen in der Bar an einem Tisch in harter Fron und mit ernster Amtsmiene zwei Leiter des Keren Kayemet, der junge Mann aus Pressburg mit seiner Frau und ein Wiener Ingeniuer. Sie schreiben und streiten und mit ihnen der Aufseher der koscheren Küche, der an Bord mannigfache Funktionen zu versehen hat. Mysteriöse Dinge werden hier gebraut Ein Bordfest, tuschelt man sich zu. Und indessen verhandeln die Vielbschäftigten mit kunstbefliessenen jungen Damen, mit einem Chasan aus New York, mit der Kinder-Alija, und weisen hierbei aufs Klavier im Musikzimmer. Da fährt aber plötzlich die Donnerstimme des Steward dazwischen: “Koscher, erste Serie”. Die Betonung des Wortes “Koscher” in seinem Munde hat einen (Fortsetzung Seite 8) 7