Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1974
- Issue
- No. 35 (April 1974)
- Date
- 1974-04-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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„Kulturelles und religiöses Leben in Palästina'" Anlässlich des Gemeindeabends in der alten Synagoge vom 30. Dezember hielt Herr Rabbiner Dr. Simonsohn einen von Psalmen des Chors umrahmten Vortrag über “Kulturelles und religiöses Leben in Palästina”. Der Redner begann seinen Vortrag mit einem grosszügigen geschichtlichen Überblick. Wie Jaakob und Josef darnach verlangten, im gelobten Land begraben zu sein, so sehnten sich die Geschlechter nach der Verbannung, wenigstens im Lande der Väter sterben zu dürfen. Die ganze Diaspora betrachtete zur Zeit des zweiten Tempels Palästina als das Zentrum des Volkes und den Tempel als die Stätte der wahren Gottesverehrung. Nach der Zerstörung des Tempels fliessen die Spenden der Diaspora in die palästinensischen Lehrhäuser. Obwohl nach der Redaktion der Mischna die Hochschulen Palästinas den babylonischen gegenüber an Bedeutung verlieren, weigerten sich palästinensische Gelehrte, Erez zu verlassen, zieht es babylonische Gelehrte ins Land der Verlieissung. Jahrhunderte der Dunkelheit hüllen den palästinensischen Jischuw ein. Wenig Nachricht haben wir aus der Zeit der Völkerwanderung. Später wird das Land zum Kalifat Omars geschlagen, Seldschuken und Kreuzfahrer streiten sich in der Folge um den Besitz des Landes. Der Jischuw leidet schwer unter den Kämpfen. Doch niemals verlöscht die Flamme der Sehnsucht nach dem Land. Jehuda HaleVi singt seine Zionide und spricht im “Kusari” von der Zionsliebe. Um 1200 berichtet Benjamin von Tudela aus Palästina, Bald darauf erfüllt Nachmanides das Gebot “Ihr (Fortsetzung von S. 2) Falk, erster Rabbinatsassessor in Breslau, dessen ältester Sohn, der Rabbinatsassessor R. Jehoschia Falk, der auch das Vorsteheramt versah, die Rabbinatsassessoren R. Josef Löbben Abraham Feder, eine anerkannte Autorität auf talmudischem und dezisorischem Gebiete, und R. Schije Lewinsky, die Gelehrten R. Jakob Löb Kroch, R. Jaske fJosef) Rawitsch, R. Samuel Nelken, dessen Enkel und Urenkel noch heute Synagogenbesucher dort sind, R. Wolf ben Abraham Wreschner, dessen Enkel noch heute Mitglied ist. R. Mordechai Hausdorff, R. Josef Hirschberg, sowie der Kurator der Fränkelschen Stiftungen und Kaufmann Samuel Jakob Levy, der die Synagoge auch in seinem Testamente bedachte. Seitdem der genannte R. Jehoschia Falk Synagogenvorsteher war, blieb das Amt in den Händen seiner Nachkommen ununterbrochen bis zur Gegenwart. Dessen Brüder Meier, Tobias und Emanuel waren treue Pfleger des Institutes. Meiers Sohn Josef war einige dreissig Jahre “Gabbai”. Nach seinem 1902 erfolgten Tode führte es sein Bruder Wilhelm in Gemeinschaft mit Josefs Sohn Willy fort, welch letzterer es noch heute nach fünfundzwanzigjähriger Tätigkeit verwaltet. Meiers Söhne und Enkel bilden heute die Hauptstützen dieser Religionsstätte. In unentwegter Treue und wundersamer Pietät wird die Pflanzung der Altvordern fortgeführt, unter grossen Opfern, von keiner anderen Seite subvensioniert, Unabhängigkeit und Freiheit wahrend, täglich dem Gottesdienste und fast täglich der Gotteslehre geweiht, heute gleichwie am Sterbetage des Stifters, an dessen Lebenswerk mehr als anderthalb Jahrhunderte das prophetische Wort aus den Sprüchen der Väter (LV14) in Erfüllung ging: “Jede Gemeinschaft, die um des Himmels willen wirkt, wird am Ende segensreich fortwirken.” sollt das Land in Besitz nehmen”, das ihm für eines der 613 Gebote gilt. 300 Rabbiner aus Frankreich und England gehen in das Land. Um 1480 schreibt der Mischnakommentator Obadja von Bartinuro interessante Briefe aus Palästina. Einen grossen Aufschwung nimmt der Jischuw nach der Vertreibung aus Spanien. Safed und Tiberias geben der Mystik und Gesetzeslehre eine Stätte. Dort lehren Isaak Luria und Josef Karo. Um 1700 beginnen polnische Aschkenasim einzuwar.dern. Wir finden Chassidim sowohl wie auch Anhänger des Wilnaer Gaon. Aus ihnen entwickelt sich durch natürlichen Zuwachs und Einwanderung die Bevölkerung des alten Jischuw, die uns noch heute in die Augen fällt. Die Jugend wird mit eiserner Konsequenz in dem Geist der Tradition erzogen. Diese Juden wehren sich gegen das Eindringen europäischer Bildung, fürchten sich vor ihren Resultaten. “Wir wollen nicht das Geschlecht sein”, sagen sie, wollen keine Schuld an der Preisgabe der Jüdischkeit tragen. — Langsam bröckelt der alte Jischuw ab, aber ein Kern wird sich erhalten. Nicht ganz so streng sind die sefardischen Juden und die kleineren Gruppen orientalischer Juden, etwa aus Bagdad oder Ninive. In besonderen Quartieren wohnen die bucharischen Juden, die urpsrünglich aus Zentralasien stammen. Die Vornehmsten wurden einst aus der Heimat ins heilige Land abgesandt. Sie nahmen sich die armen persischen Juden als Nachbarn. Noch heute sind ihre Synagogen nach der Sitte ihrer Heimat eingerichtet. Ihr Reichtum ist sehr gesunken, da der Wohlstand ihrer Heimat durch die Sowjets vernichtet wurde. Sie sind sehr konservativ und pflegen die talmudische Bildung. Wir können beobachten, wie bucharische Sacknäher ihre Kinder Talmud abhören. Am interessantesten sind die jemenitischen Juden. Sie gelten als ‘Zaddikim”, sind überaus fromm bei einem völlig anspruchslosen und bescheidenen Leben. Dr. Simonsohn gab anschliessend einen kurzen überblick über die Geschichte des neuen Jischuw. Infolge der Bemühungen Moses Montefiores entstehen die ersten Ackerbauschulen und modernen Siedlungen. Wir haben die Siedlungen der : :Alliance”, die Ackerbaukolonien des Barons Rothschild. Mit den Bilu-Kolonisten kommt 1882 ein ganz neues Element ins Land. Bis dahin kamen alte Juden, die im Land lernen, beten und sterben wollten. Nun kommen junge Menschen mit moderner Bildung, die im Kampf gegen die Unduldsamkeit des Ghetto, durch die “Haskala” zu einem neuen jüdischen Nationalismus gekommen sind. Sie suchen eine neue Heimat, ein Leben der Freiheit und der Arbeit. In Europa entsteht der politische Zionismus. In der Verbindung mit sozialistischem Gedankengut erhält der jüdische Nationalismus die Unüberwindlichkeit, die mit allen Schwierigkeiten fertig wird. So wird die Arbeiterschaft zur Trägerin des Aufbaus. Wenn gesagt wird, die Arbeiterschaft sei nicht religiös, so ist zu erwidern, dass daran eine verfehlte Erziehung schuld ist, die Unfähigkeit der Eltern und Lehrer in den jüdischen Massen Russlands und Polens, einer neuen Zeit gerecht zu werden. Diesen Menschen wurde die Religion verleidet, wenn sich Schacher und Religiosität zu vertragen schienen. Den Begabtesten versperrte das Gewaltregiment des Zarismus den Weg und trieb sie in die Bahnen der Revolution. Es ist ein Glück, dass sich zu ihren sozialistischen Ideen die Liebe zum jüdischen Volk und Land gesellte. Ohne diese Verbindung würden sie heute als geschworene Feinde des Judentums In Russland sitzen. Die Arbeiter sind die Träger des kulturellen Lebens im neuen Jischuw. Sie haben das Land aufgebaut, ihre Gesinnung gibt die Gewähr, dass der Jischuw dauern wird. Um so grösser und verantwortlicher ist die Aufgabe, die denen erwächst, die davon überzeugt sind, dass Land und Sprache allein ein jüdischs Leben noch nicht zu gewährleisten vermögen, dass eine echte, auf der Tradition ruhende jüdische Kultur hinzukommen muss. Diese Erkenntnis ist im Jischuw schon heute weithin durchgedrungen, von der Rechten über Bialik und Ussischkin bis in die Kreise der Arbeiterschaft hinein, wenn man von ein paar “doktrinärischen” Führern absieht. Wir haben heute schon starke Kräfte, die sich bemühen, den alten Jischuw zu wecken und den neuen zur Tradition zurückzuführen. Unendliches Verdienst um die Erfüllung des Sabbat hat sich Nachman Bialik durch seinen Oneg Schabbat in Tel Awiw erworben. Von den 1500 Menschen, die hier Lieder singen, Vorträge hören und auf die Habdala warten, hat so mancher erst hier seinen Sabbat wiedergefunden. Schon heute finden wir in Palästina eine Sabbatruhe wie sonst nirgend, ohne gesetzlichen Zwang. Einen hohen Faktor des kulturellen Aufbaus stellt ferner das Schulwerk des Misrachi dar. Wenn auch die weltanschauliche Erziehung noch unter der Indifferenz der Eltern leidet, die zum grossen Teil aus bürgerlichen Schichten stammen, so ist doch der wissensmässige Erfolg — etwa auf talmudischem Gebiet — bereits sehr gross. Diesem Schulwerk fällt die doppelte Aufgabe zu, in den Städten des alten Jischuw die notwendige Synthese zwischen Überlieferung und Leben zu vermitteln, in den Städten des neuen Jischuw die Verbindung mit den geistigen Gütern der Tradition herzustellen. Nicht zuletzt bedeutete die eindrucksvolle Persönlichkeit des Rabbi Kook eine wesentliche Stütze des religiösen Aufbaus. Er geniesst die Bewunderung des ganzen Volkes. In einem Brief vertrat er einmal die Auffassung, die Seele jedes Juden sei aus zwei Elementen zusammengesetzt, dem “Chelek Hassegula”, dem Ererbten und Überkommenen und dem “Chelek Habechira”, dem Element der freien Willensentscheidung. Das erste Element ist unzerstörbar, aber manchmal verstaubt und überwuchert. In unserer Zeit ist weithin an seine Stelle die Liebe zum K’lal, zum Boden, zur Heimat getreten. Es ist Sache des Talmid Chacham, durch erziehende Liebe auf diese Menschen zu wirken. Als vor 25 Jahren Tel-Avlv begründet wurde, erlaubte Rabbi Kook die Ansiedlung, obwohl es kein “Beth Haknesseth” in Tel-Aviv gab. Er sprach die Hoffnung aus, dass, wo Juden leben, auch ein “Beth Haknesseth” entstehen würde. Heute haben wir in Tel-Awiw über 90 Bethäuser. Das sind Symbole für den inneren Aufbau. Der Fortschritt des Inneren Aufbaus wird auch seine Bedeutung für die Beziehungsbildung mit den anderen Völker haben, wie es der Midrasch von den Königen Kanaans sagt, die auf einem Kriegszug in der Wüste Israel begegnen, das die Gebeine Josefs mit sich führt. Sie sehen die Krone Josefs, nehmen ergriffen ihre Kronen ab und legen sie auf den Sarg. Wenn aber der Leichenzug Josefs einen solchen Eindruck machte, wie sollte der Zug seiner lebendigen Nachkommen die Wirkung auf die Völker verfehlen? K.R. 3