Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1973
- Issue
- No. 34 (September 1973)
- Date
- 1973-09-01
- Page
- Seite 14 (sequence 2090)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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isINE WAHRE GESCHICHTE VON FELIX DANIEL PINCZOWER TEL-AVIV ~ Die Thora-Rolle meines Grossvaters Das ist die Geschichte einer Thora-Rolle, die von Oberschlesien nach Jerusalem kam, eine Reise, die etwa 100 Jahre mit langen Zwischenstationen dauerte. Die Thora-Rolle gehörte meinem seligen Grossvater dem Religions-Lehrer Elieser Pinczower, der vielen Breslauern der älteren Generation noch bekannt sein dürfte. Mein Grossvater heiratete im Jahre 1869 und ich vermute, dass zu den Hochzeits-Geschenken auch die Thora-Rolle gehörte. Er lebte in Nicolai ging dann nach Kempen, wo er längere Zeit eine Religionsschule leitete und kam dann im Jahre 1889 nach Breslau, wo er im Jahre 1912 verstarb. In seinem Testament bestimmte er, dass die Thora-Rolle sein ältester Sohn Jehudah Arjeh Pinczower in Berlin erhalten sollte und so kam die Sefer Thora nach Berlin. Wie sich herausstellte war die Thora-Rolle passul dh. die Farbe war bei einigen Buchstaben abgesprdngen, sodass sie im religionsgesetzlichen Sinne für die Vorlesung in der Synagoge untauglich war. Ich nehme an, dass mein sei. Vater alles unternahm, um sie reparieren zu lassen, was ihm jedoch nicht gelang. Vermutlich waren damels keine Sofrim in Berlin, die das bewerkstelligen konnten oder wollten. Mein Vater übergab sie leihweise der Synagoge “Lev Yehuda” in der Fransecky Str. im Norden Berlins gelegen, wo man sie nur einmal im Jahre benutzen konnte und zwar am Simchat Thora, um damit “Hakafoth” zu machen. Ich entsinne mich noch sehr gut, wie wir (meine beiden Brüder und ich) jeden Simchat- Thora in die Schul in der Fransecky Str. — so wurde sie allgemein genannt — gingen um die Hakafoth zu machen. Der Schamash rief dann mit lauter Stimme die einzelnen Leute zur Hakafah auf und meinen sei. Vater mit den Worten “Reb Yehuda Arieh Pinczower die erste Hakofe mit eigenem Sefer”. Wer Fransecky war nach dem wir die Schul benannten, wusste ich nie. Erst als ich vor etwa 4 Jahren in Zürich in eine Buchhandlung ging, um Bücher zu kaufen, stiess ich auf einen dicken Wälzer, der eine Biographie von Fransecky enthielt. Danach war dieser F. General der preussischen Armee, der im Krieg in Böhmen im Jahre 1866 die Schlacht von Königrätz zu einem siegreichen Ende führte. Der Buchhändler ln Zürich, war erstaunt über meinen Kauf und sagte: “das Buch liegt hier 15 Jahre bei mir, ich habe es im Preis mehrfach heruntergesetzt und keiner wollte cs kaufen, umso mehr wundere ich mich, dass ein Buchhändler aus Israel daran interessiert ist”. Doch sind ein paar Worte über die Schul in der Franseckystr. am Platze. Es war eine kleine Schul, die sich im 2. Stock eines Wohnhauses befand. Ursprünglich war es eine 4-Zimmer Wohnung aus der die Zwischen-Wände entfernt waren, sodass es ein grosser Raum war in dem etwa 100 Personen Platz finden konnten. Mitglied der Schul konnte nur jemand werden, der den Shabbath aufs strengste hielt. Einen Rabbiner konnte sich die Schul nicht halten und so kamen abwechselnd Rabbiner Dr. Munk und Rabbiner Dr. Meir Hildesheimer, um an den Feiertagen zu predigen. Auch ein Chasan war nicht vorhanden doch gab es eine Reihe von Baale Tefillah, u.a. der kürzlich verstorbene Bibliothekar und Wissenschaftler Dr. Ernst Daniel Goldschmidt, damals noch Student, dessen schöne und starke Stimme mir heute noch in Erinnerung ist. Auch der Vorsteher Nathan Pollak — “Reb Nossen” genannt — sei erwähnt, der zu den aktivsten Mitgliedern dieser Gemeinde gehörte. Während mein Vater des öfteren auch während des Jahres diese Schul aufsuchte, blieb der Besuch von mir und meinen Geschwistern nur auf Simchat Thorah beschränkt. Im Jahre 1933, als die Nazis an die Regierung kamen, kündigte der Hausbesitzer seinen Mietsvertrag mit der Synagoge, mit der Begründung er wolle keine Juden-Schul mehr in seinem Hause haben. Glücklicherweise erklärte sich ein jüdischer Hausbesitzer, der in der Nähe ein Haus hatte und zwar in der Schönhauser Allee bereit, eine Wohnung die gerade leer war, zur Verfügung zu stellen. Die Räume waren etwas kleiner aber auch die Mitgliederzahl hatte infolge Auswanderung stark abgenommen. So gingen wir wieder jedes Jahr zu Simchat Thora nach Schul um die Hakafoth “mit dem eigenen Sefer” zu machen. t * ■V ‘■»‘i’ii's ' % •fmsaiinsr'ssi«!.« V ‘■Vnr-’a-rftfjVü'T \ Die Thorarolle mit dem neuen Mäntelchen Ist zum Andenken an Jehuda Arien Pinczower und seiner Frau Judith geb. Freimann Dann kam der 10. November 1938, wo der grösste Teil der Synagogen verbrannt oder zerstört wurde. Aber diese Schul hatten die Nazis scheinbar vergessen und so blieb sie intakt und es wurde weiter jeden Tag gebetet. Doch die Gestapo befahl im Januar 1939 auch die Schliessung dieser kleinen Synagoge. Ich entsinne mich, es war ein Montag, Morgen, wo das letzte Minjan stattfand, und jeder von den Mitgliedern, die eine Sefer Thora besassen, nahm sie mit nach Hause. Es war Ende Februar 1939. Meine Auswanderung mit Frau und Kind war vorbereitet. Einen Lift hatten wir bereits abgeschickt und es war nur noch ein Koffer zu packen. Da sagte mir mein sei. Vater “Nimm die Sefer Thora mit und wenn Du einmal zu Geld kommst, dann sollst du das Sefer reparieren lassen”. Am 1. März verliessen wir Berlin und kamen in Haifa am 13. März 1939 an. Wie bekannt, war die Einordnung damals sehr schwer, die Verdienstmöglichkeiten waren gering und so beschloss ich, dasselbe zu tim, was mein Vater auch in Berlin getan hatte, das Sefer zur Aufbewahrung In eine Synagoge im Zafon von Tel Aviv, die ich ständig besuchte, zu stellen. Als ich mit dem Vorsteher dieser Schul sprach, lehnte er die Aufbewahrung des Sefer Thorah mit den Worten ab “was soll ich mit einer posselen Sefer Thora”. So blieb sie denn in meiner Wohnung. Die Jahre vergingen. Es kam der 2. Weltkrieg. Es enstand die Medinath Israel und meine wirtschaftliche Lage besserte sich. Ich bestellte einen Sofer. Er sah sich die Sefer Thora genau an und sagte dann, für dasselbe Geld, was sie die Reparatur kostet, kann ich Ihnen eine neue Sefer Thora schreiben. Das kam für mich natürlich nicht in Frage, denn mir lag an dem Sefer meines sei. Grossvaters. Wieder vergingen eine Reihe von Jahren. Da hörte ich, dass aus Rumänien 300 Sifre Thora gebracht wurden und ein Bekannter erklärte mir, dass die Möglichkeit besteht, einige Telle, die besonders beschädigt waren, auszuwechseln. Wieder bestellte ich einen Sofer, der sich das Sefer ansah und nach langer Durchsicht erklärte, auch eine Auswechslung von Seiten, würde nicht viel helfen. Das Sefer dessen Höhe nur 40 cm ist, sei zu klein, da die anderen Sefarim aus Rumänien meistens die Normal Grösse von 70-80 cm hätten. Ich war enttäuscht und wieder stellte ich es in meine Wohnung. Vor etwa 3 Jahren hatte ich einen Traum. Mein Vater und ich sind an einem Shabbath in einer Synagoge, es war ein Shabbath an dem man den Wochenabschnitt mit den 10 Geboten vorlesen musste. Ich wurde zur Thora aufgerufen und nach mir bekam mein Vater eine Alij ah und zwar zu dem Abschnitt, der die 10 Gebote enthält, was eine besondere Ehre ist. Der Baal Koreh fing den Abschnitt an. Alle Beter erhoben sich, um die 10 Gebote anzuhören. Wie er zum 5. Gebote kam “Kabed et Awicha veet Imecha” hörte er plötzlich mit dem Leinen auf, zeigte aufgeregt auf ein Wort, auch die ihn umstehenden Gabbaim sahen auf die angezeigte Stelle und riefen den anwesenden Rabbiner “Passul” sagte der Rabbiner. Da brach plötzlich in der Synagoge ein grosser Tumult aus. Alle schrien durcheinander und ich erwachte aus meinem Traum. Man sagt Träume sind Schäume und meistens vergisst man nach kurzer Zeit den Traum völlig; Aber der Traum wich nicht aus meinem Gedächtnis, und ich konnte mich nicht beruhigen. Was ist das für ein merkwürdiger Traum? Das ging so einige Tage, bis ich zur Erkenntnis gelangte, das ist ein Wink vom Himmel. Jetzt ist die Zeit gekommen einen ernsten Schritt zur Reparierung der Sefer Thorah zu unternehmen. Am darauffolgenden Freitag packte ich die Sefer Thora ln einen Koffer, fuhr zu meinen Kindern nach Jerusalem und sprach mit meinem Schwiegersohn, Aron Langermann, dass man etwas Energisches zur Reparierung des Sefer unternehmen müsse’ Es wurde in die Synagoge in der Rabbi Esriel Hildesheimer Str. gebracht, wo mein Schwiegersohn betete. Man, bestellte einen Sofer und erzählte ihm die ganze Geschichte, wie kein Sofer etwas unternehmen wollte. Der Sofer sah sich das Sefer genau an rollte es hin und her, und erklärte dann “Ich weiss nicht, was die Leute (er meinte die anderen Sofrim) wollen. Das Sefer ist zwar sehr alt — Schätzungsweise 150 Jahre — aber das Pergament auf dem es geschrieben wurde, ist gut. Man kann es reparieren. Aber es ist eine grosse Arbeit”. Kurz und gut. Es dauerte etwa 8 Monate und am Shavuoth des Jahres 1971 war es fertig und man fing wieder an regelmässig daraus zu lainei>. Jeden Montag und Donnerstag und zu besonderen Gelegenheiten und natürlich machte man am Simchat Thorah damit Hakafoth. Gleichzeitig wurde ein neues Mäntelchen für die Sefer Thorah angefertigt mit der (Fort. Seite 15) 14