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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1973-09-01 · No. 34 (September 1973) · p. Seite 6

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1973
Issue
No. 34 (September 1973)
Date
1973-09-01
Page
Seite 6 (sequence 2082)
Language
German
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Kein direkt schlesischer Bericht “ JäHEE Liebe Breslauerl Ich möchte um Verzeihung bitten, wenn ich Sie, meine alten, wenngleich mir persönlich unbekannten, Landsleute, jetzt drüben im Mittel-Osten, von den leider so unangenehmen Be-Drohungen und -ängstigungen mit Nachfolgendem abzulenken versuche. Ich habe lange gezögert wieder im Breslauer Blättlein zu erscheinen, aber schliesslich und endlich, wer unter uns macht noch eine 8-Länder-Reise so schnell wieder, zumal wenn er (bzw. sie) sich eilenden!?) Fusses dem 3/4 Jahrhundert nähert und demgemäss nicht nur diesem, sondern dem “insgesamten” Ende, alas! über Ihr neu-altes Land nachdenkend, das ich nicht kenne und nie kennen lernen werde, so fasziniert es mich darum vielleicht sehr wie Alice im Wunderland dieses bestaunte, nicht nur seiner bemerkenswerten Citrus-Früchte wegen, sondern ganz allgemein, dass Sie absolut neuen Wein in alte Schläuche füllten und die letzteren bei diesem kühnen Experiment nicht etwa zerbarsten, sondern stärker wurden; als Beispiel hierfür die Ehegesetze, die von Gläubigen ausgedacht und strikt, so höre ich, durchgeführt, alle, auch nicht- Gläubige treffen. Aber der Orient ist ja voll von Paradoxen, wie ich es s.Zt. bei meinem fernöstlichen langen Aufenthalt in den Tropen, China und Japan so oft erlebt habe. Nun von Israel auf eine seltsam abenteuerliche Europa-Reise herüberzuspringen, ist eben dann ein weiteres Paradox, für das ich um liebenswürdiges Verständnis bitte; ich verspreche Ihnen, sowie Ihrem bewundernswerten Herausgeber, dass ein Sie betreffender — hoffentlich würdiger — Schluss sich anreihen wird, sodass die Schlange sich in den Schwanz beisst, sodass also Alice dann in die Realität zurückkehrt. Ich bin die letzte unserer Familie, und so war dies auch meine letzte grosse Reise, die ich in kalten dunklen, Nächten erträumt und ausgearbeitet hatte. Die Auspizien von Anfang an waren nicht günstig, denn wir hatten wieder einmal einen “anderen” Streik, der uns Reisende betraf, nämlich den von Bahnbeamten und Transportarbeitern; abgesehen von den “technischen” Behinderungen war es eigentlich ganz amüsant leere Bahnhöfe und Schifftsstationen zu sehen, so nur die “heftig” beladenen Mitreisenden und das Schiffspersonal (es war ein belgisches Fährschiff) tätig waren. “Fliegen” liegt mir nicht, der Zeitunterschied ist auch nicht so gross, und wenn man schon umkommen soll, so ist es vielleicht besser, auf der Erde, bzw. See als im Jet verbrannt zu werden. So war es wieder Dover-Ostende (Belgien) und eine morgendliche Fahrt durch die jetzt so friedlich erscheinende Fluss- und Ardennen- Landschaft, das war also Land No. 1. No. 2. war dann natürlich B.R.D., das immer so gastliche Westdeutschland, das heute keine Heimat mehr ist, das ich aber meiner zahlreichen dortigen Freunde wegen ziemlich durchstreifen musste; menschliche Kontakte sind ja doch das Wichtigste im Leben, meine ich. Als ich vor Jahren aus Australien nach Europa zurückkam und deutschen Boden zum ersten Male nach mehr als 30 Jahren betrat und überall unsere Sprache hörte, da fühlte man sich, sozusagen, wie in einem Heiligtum, aber die Macht der Ereignisse änderte viel. Berlin, die Doppelstadt, kam dann zunächst auf meiner Liste, das bedeutete Land No. 3; denn wenn dort auch dieselbe Sprache gesprochen war, so trennt doch die sichtbare und mehr noch unsichtbare Mauer dazwischen, wie die Erde vom Mond; mehr als ein Raumschiff ist nötig jenes fremdartige Gelände zu erforschen. Meine Tage bewegten sich recht nervenermüdend von West nach Ost und umgekehrt mit Besuchen bei ‘freien“ und “unfreien” Freunden dort, wie hier, dazwischen eine herzerfreuende Müggelseebootfahrt für ca. 1/4 der im Westen dafür erforderlich gewesenen Fahrpreise, und einem herrlichen Grunewald- Pfaueninsel-Ausflug mit hiesigen und dortigen alten Freunden. Aber offengestanden war ich froh, als der Nachtzug mich nach einigen Tagen von der nicht ganz ungefährlichen Stätte entfernte. Wie seltsam doch: Der Bahnhof “Zoo”, die einzig gebliebene “westliche” Station, der — war es vor einem Jahrhundert? — von Zügen und Reisenden tags- und nachtsüber nur so wimmelte, weist heute nur einen winzigen Fahrplan auf, der aus, ich glaube 4 Tag- und ebensovielen Nachtzügen besteht, und jeder weiss wohl, was “Interzonenzug” bedeutet, dessen Fahrtende man nur zu gern erwartet. Ich selbst habe diese Art Fahrten schon öfters gemacht, aber es ist immer noch unheimlich an absolut leeren Bahnhöfen langsam vorbeizufahren, bzw. zu halten, wo man in kompletter Isolation nur die wiederhallenden Marschschritte bewaffneter Wachen hört, bzw. deren drohende Schatten wahrnimmt, und alles dies in Deutsch, für resp. gegen Deutsche ausgeteilt und ausgehandelt; wer kann diese unheimliche Paradox verstehen; ich kann nur sagen, dass ich froh war im neu erstandenen Würzburg und endlich in Nürnberg zu landen, um mich dort am nächsten Tage nach einem weiteren enigmatischen “Ost-Lande”, d.i. No. 4, "einzuschiffen”. No. 4 war die auch heute noch unglaublich schöne, auf Erlösung wartende Czechoslovakei. Bert Brecht in seinem “Der brave Soldat Schwejk im 2. Weltkriege” fand allein gute Worte tröstlicher Hoffnung, ich will sie hier zitieren: Das Lied von der Moldau: “Am Grunde der Moldau wandern die Steine. Es liegen drei Kaiser begraben in Prag. Das Grosse bleibt gross nicht und klein nicht das Kleine. Die Nacht hat 12 Stunden, dann kommt schon der Tag. Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt. Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne; Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt Am Grunde der Moldau wandern die Steine. Es liegen drei Kaiser begraben in Prag. Das Grosse bleibt gross nicht und klein nicht das Kleine. Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.” Sollten Sudetendeutsche sich über meine anscheinend pro-czechische Einstellung empören, — obgleich ich nicht glaube, dass unter den alten Breslauern sich solche befinden, — so möchte ich nur bemerken, dass ich ganz unpolitisch bin zudem kein Bundesrepublikangehöriger, aber selbst mir konnte es Im immer noch goldenen Prag nicht entgehen, unter welchem Angst- und Druckgefühl die Menschen dort lebten, immer scheu über die linke Schulter sehend ob niemand folgte, genau so wie es in Ostberlin ist und wie es anderorts 12 Jahre lang war. Aber die Moldau fliesst immer noch und verschlingt sich mit den beiden Teilen der Stadt, die uralte Brücken verbinden, zu einem einzigen, imvergesslichen Bilde. Sehen Sie, über Prag allein kann man ein Buch, nicht nur einen kurzen Artikel, schreiben; es gibt den uralten Rathausplatz mit seinen ihn allseitig umgebenden all-stilartigen Patrizierhäusern, deren Eingangshallen in der früheren Zeit Umschlagswaren-Lagerräume waren, und vor allem steht heute noch wie, vordem, das vornehme alte Rathaus mit seiner weltberühmten astronomischen Uhr und seinem so ge- und beliebten Gloclcen- Apostelspiel, das zu jeder vollen Stunde lOOe, ja lOOOe interessierter Zuschauer (und nicht nur etwa Touristen) arzieht, aber jener berühmte Markt-' platz sah tiefste Tragödie, z.B., damals zu Beginn des 30jährigen Krieges, nachdem die Schlacht am Weissen Berge so unglücklich für König Jakob’s Schwiegersohn, den sogenannten Winterkönig, ausgefallen war, und 2 aus den adligsten Geschlechtern Böhmens angesichts aller hingerichtet wurden, zur sogenannten Feier des diesmal katholischen Sieges. Wenden wir uns weiter: In wenigen Minuten landen wir vor dem alten jüdischen Rathaus, auch mit einer berühmten Uhr und umgeben von den ältesten Synagogen Europas, vor allem der Alt-Neuschul, aus dem 12. Jahrhundert stammend, tief Untergrund, wo auch heute noch Gottesdienste abgehalien werden, und gegenüber, einer kleinen Gasse folgend, kommen wir zum wirklich allerorts und wahrlich nicht nur unter unseren Glaubensgenossen berühmten jüdischen Friedhof, in dem viele Generationen Verstorbener aus Platzmangel, gehörte er doch zum früheren Ghetto in der Josefstadt — schichtweise über einander ruhen; das bemerkenswerte Denkmal-Monument von Rabbi Loew (Jehuda Loew bar Bezallel, bar Chaim), mit seiner geheimnisvollen Spalte für Bittgesuche, obwohl es wahrlich nicht mehr das ursprüngliche, weit einfachere ist, zieht heute noch jeden gefühls- und aufnahmefähigen an. — Leider ich befürchte, dass Ihr, verehrter Herr Herausgeber, anfangen wird zu “streichen”, weil ich zu sehr ausspinne Verzeihung, lieber Herr, es bricht wahrlich mein Herz, aber ich muss Sie von nun an auf einen “Führer” verweisen. Eines jedoch bleibt zu berichten, der königliche Prozessionsweg aus der Altstadt über die Karlsbrücke (Karlov Most) mit ihren weltberühmten 30 Statuen durch die Brücken türme hindurch hinauf zum Diadem der goldenen Stadt, der Prager Burg, dem Hradschin, der das Stadt- und Flussbild beherrscht mit dem wundervollen, erhabenen Veitsdom. Soll ich nicht doch noch das Waldstein-Palais mit seinen lieblichen Gärten und Teichen erwähnen, das der kaiserliche Generalismus nach eigenen Plänen errichten liess, nicht, nicht doch noch die wunderlieblichen hängenden Gärten, die hinauf zur Burg führen, und last not least wird das “Muss” die Bertramka, wo Wolfgang Amadeus Mozart seinen Don Giovanni komponierte als Gast des Musiker-Ehepaares Dusek, und wo heute noch, wie ehedem, Mozart-Konzerte Im Garten stattfinden. Leider, kam ich während der Ferien und konnte keinem beiwohnen, aber vielleicht wird es dieses Jahr doch noch, falls ich meine Freunde wieder besuchen kann. Schliesslich und endlich, lebt man von der Hoffnung, aber nun endlich auf nach Land 5; Felix? Austria, und gleich in medias res nach einem bemerkenswerten Aufenthalt in BRNO (Brünn) durch ein kleines, anscheinend harmloses, aber wahrhaftig scharf bewachtes Ausfalltor in 2 Stunden nach Viden-Praterstern, also i.a.W. WIEN mitten in der Prater (Nordbahnhof), also eine ganz andere Welt, hinein, wo man sich erst an die Freiheit sowohl wie an die seltsame Shilling-Währung, die mit der englischen gerade nur den Namen gemein hatte, gewöhnen muss. Czechische Währung: Korunas, brauchbar und noch nicht schlecht im Werte, unausführbar, österreichische Shilling hingegen börsennotiert, und auch ausführbar natürlich, aber in ihrem Werte nicht sehr erfreulich, aber das war vor Italien. Vergessen wir das leidige Geld — wenn möglich — wir sind in der Stadt der überwältigenden Vergangenheit, wie der pulsierenden Gegenwart, wir sehen den zu Himmel hinaufstrebenden Stefansdom, sehen die Kapuzinergruft, wo es einen vor den vielen stillen Sarkophagen der Habsburger 6

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