Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1973
- Issue
- No. 34 (September 1973)
- Date
- 1973-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 2081)
- Language
- German
- Belongs to
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Rabbiner Dr. B. BRILL ING Die Beziehungen der schlesischen Juden zu Erez Israel i. Seit jeher galt es als eine grosse Mizwa, Gelder für die im Heiligen Lande lebenden Juden zu sammeln. Aber eine organisatorische Form dürften diese Sammlungen erst im 17. Jahrhundert erhalten haben. Anlässlich einer Hilfsaktion für das von Pest und Hungersnot heimgesuchte palästinensische Judentum entstand kurz nach 1600 in Venedig eine spezielle Palästina Hilfsorganisation. Von hier aus breiteten sich ähnliche Palästina Unterstützungskassen und auch Vereine, die diesem Zwecke dienten, vorzüglich dank der Propaganda des rührigen und viel befehdeten Leon (Jehuda) da Modena über ganz Europa aus, so dass es bald keine jüdische Gemeinde und keine Landjudenschaft (Vereinigung jüdischer Gemeinden in einem Territorium) gab, in denen kein Geld für Israel gesammelt wurde. Jede neue Unterdrückung und jede neue Not in Palästina löste neue Hilfsaktionen unter den Juden der Galuth aus, die dazu beitrugen, den Gedanken besonderer Hilfsaktionen und Vereine für Palästina zu verbreiten. Bereits um die Mitte des 17. Jahrhunderts hatte dieser Gedanke im europäischen Judentum so festen Fuss gefasst, dass man daran denken konnte, die Sammlung von Geldern für die Juden Erez Israels zu einer Aufgabe der jüdischen Gemeinden zu machen und ein Amt besonderer Gabbae Erez Israel (Kassierer für die Juden Erez Israels) zu schaffen. In allen grossen und vielen kleinen jüdischen Gemeinden wurden den Gabbae Erez Israel Sitze im Vorstand eingeräumt, ebenso wie in, den verschiedenen Organisationen der Judensehaften, bzw. Waadim. Die Hauptsammelbüros der deutschen Judensehaften befanden sich in Amsterdam, Hamburg, Frankfurt aM. und Fürth. Dorthin wurden jeweils die in den benachbarten Gemeinden gesammelten Erez Israel-Gelder geschickt. Die Hauptsammelstelle für Österreich war in Wien, solange dort eine jüdische Gemeinde existierte. Daneben wurde eine Zentralstelle für Palästina-Gelder in Prag eingerichtet, bei der die Gelder der Juden aus Böhmen, Mähren und Schlesien eingezahlt wurden. n Nach der Vertreibung der schlesischen Juden im Mittelalter entstanden erst im 17. Jahrhundert wieder neue jüdische Gemeinden in Schlesien. Sie setzten sich meist aus Zuzüglern aus den beiden benachbarten Ländern Polen und Böhmen-Mähren zusammen. Die ersten privilegierten grösseren Gemeinden waren Glogau (Niederschlesien) und Ziilz (Oberschlesien). In Breslau durften erst seit der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts einige wenige privilegierte kaiserliche und städtische Schutzjuden (Münzlieferanten und Schammesse, dJi., Funktionäre der verschiedenen, die Breslauer Messe besuchenden Judensehaften), sich wohnhaft niederlassen. Aber auf den Breslauer Messen und Märkten trafen sich die Juden aus Polen und aus Österreich. Dort pflegten ihre Vorsteher Sitzungen abzuhalten und neben den geschäftlichen, auch wichtige gemeinschaftliche Angelegenheiten zu besprechen. Dazu gehörte auch die Aufbringung der für den Lebensunterhalt der in Erez Israel wohnenden Juden benötigten Gelder. Die in den jüdischen Gemeinden Schlesiens durch Sammlungen, Spenden und Gemeindeumlagen aufgebrachten Geldsummen flössen in Breslau zusammen, wo sich während der Zeit der Zugehörigkeit Österreichs zu Schlesien ein Unterkassierer der Prager Zentrale für Palästina-Geldsammlungen befand. Zu den Prager Oberkassierern, die den Titel “Nessi Erez Israel” (Fürst von Erez Israel) führten, gehörte auch der als Bibliophile bekannte Rabbiner David Oppenheim in Prag, seit 1690 mährischer Landesrabbiner und seit 1703 Rabbiner in Prag, der am 1. Schewat (10. Jan.) 1701 zum Nassi (für Prag) ernannt worden war. Ihm unterstand damals in Breslau als Unterkassierer der kaiserliche Münzlieferant Lazarus Zacharias (Eleasar ben Serach halewi), ein reicher und angesehener Mann, ein Sohn des ersten Breslauer jüdischen kaiserlichen Münzlieferanten (und damit des ersten seit dem Mittelalter wieder in Breslau wohnberechtigten Juden) Zacharias Lazarus aus Nachod, der wegen seiner Lieferungen für die Münze in Breslau privilegiert und niederlassungsberechtigt war. In seinem Haus hielt er eine Privatsynagoge, die als ein Zusammenkunftsort fremder jüdischer Messebesucher diente. Er galt als Vertrauensperson, dem die Einsammlung der in Schlesien für Erez Israel gesammelten Gelder, sowie auch die Weiterbeförderung eines Teils der In Polen gesammelten Gelder übertragen wurde. Von Zeit zu Zeit erschienen bei ihm Sendboten aus Erez Israel, die auf der Durchreise von Deutschland nach Polen, bzw. in umgekehrter Richtung waren. Wir kennen die Namen einiger dieser palästinensischen, bzw. Jerusalemer Sendboten, die in Breslau erschienen und dort Gelder sammelten: 1702 erschienen Aron Beer und Abraham Jude (vielleicht mit dem bekannten Meschullach Abraham Konki identisch), sowie Marcus Scheibitz und Jochen von Jerusalem, der auch 1703 wieder In Breslau war; 1704 wird Gottschalk Meier aus Jerusalem genannt, dem Salomo ben Chajim halewi folgte. Eine besondere Hilfsaktion-wurde um 1710 nötig. Die Lage der um 1700 nach Jerusalem ausgewanderten aschkenasisch-polnischen Juden, die unter Führung der Kabbalisten Jehuda Chassid und Chajim Malach ihre Heimat -verlassen hatten, hatte sich ausserordentlich verschlechtert. Die Jerusalemer Juden sandten nun Sendboten und Bittschreiben an alle jüdischen Gemeinden, darunter auch eines an den Vorstand der gar nicht existierenden Breslauer jüdischen Gemeinde zu Händen des Lazarus Zacharias, dessen Existenz allgemein bekannt war, und baten darin um die beschleunigte Übersendung der in Schlesien gesammelten und in Jerusalem dringend benötigten Gelder. Ausserdem sollte Lazarus Zacharias für die Überweisung des über ihn gehenden Anteils der Palästinagelder der polnischen Judenheit sorgen. Die Juden in allen, europäischen Ländern beteiligten sich an dieser Hilfsaktion. An der Spitze der Aktion stand in Österreich Samson Wertheim in Wien, der bekannte kaiserliche Oberhoffaktor, und sein Sohn Simon Wolf. David Oppenheimer, der 1717 einen persönlichen Brief aus Jerusalem in dieser Angelegenheit erhalten hatte, beteiligte sich selbstverständlich als Leiter der Prager Palästina-Kasse daran; aber er geriet dabei in einen Prozess. Ein damals zufällig in Palästina weilender Jude, Jacob Simon Toff (?), hatte der in Not befindlichen Jerusalemer aschkenasischen Judengemeinde 300 Dukaten in Gold geliehen und zwar gegen eine von zwölf dortigen aschkenasischen Rabbinern Unterzeichnete Obligation, laut der ihm dieses Geld aus der Palästina-Kasse ersetzt werden sollte. Er sollte sich zu diesem Zweck an den Vertrauensmann in Konstantinopel, den Leibarzt des Sultans, Dr. Joseph, der ein gebürtiger Prager war, oder an den Prager Nassi David Oppenheim wenden. Dieser erklärte sich bereit, 844 Gulden auf diesen Schein hin auszuzahlen, was Toff aber ausschlug, da er 1200 Fl. verlangte; allerdings liess er sich nach und nach von dem Unterkassierer R. Engel (Anschel) Nikolsburg 215 Fl. auszahlen. Als Toff sich 1716 in Wien taufen liess und von Oppenheim die Auszahlung der Obligation forderte, wies ihn dieser ab. Daraufhin wurde die Forderung auf dem Prozessweg beim staatlichen Gericht ausgeklagt. Die Obligation scheint aber nicht in Ordnung gewesen zu sein, denn Oppenheim wurde laut Urteil des Appellationsgerichts von der Zahlungsverpflichtung freigesprochen. Auch der endgültige Bescheid des Kaisers Karl VI. änderte nichts an diesem Freispruch. Trotzdem hatte dieser Prozess nachteilige Folgen weniger für David Oppenheim selbst als für die Palästina-Sammlungen. David Oppenheim wurde vorgeworfen, sich unberechtiger Titel anzumassen; er Hesse sich von den Juden der Welt als König und Fürst von Jerusalem betiteln, ein Titel, der eigentlich nur dem Kaiser von Österreich zukäme. Der österreichischen Regierung war aber durch den Prozess bekannt geworden, dass eine besondere Palästina-Sammel-Organtsation innerhalb der Judenheit existierte, und dass die in den Kronländern Böhmen, Mähren und Schlesien wohnenden Juden ihre Gelder nach Prag überwiesen. Die österreichische Regierung war über diese “Devisenausfuhr” ohne Gegenleistung sehr verwundert, umso mehr, als die glaubte, die Juden sowieso schon bis aufs äusserste geschröpft zu haben. Aufgrund des in diesen beiden Angelegenheiten angestrengten Prozesses gegen David Oppenheim erliess Kaiser Karl VI. am 30.1.1723 ein Rescript, welches dem Prager Oberrabbiner David Oppenheim die Führung “zweideutiger und ungebührlicher Titulaturen in Briefen und Büchern untersagte und zugleich verbot, Sammlungen für die “hlerosolymitanische Kassa” mit Rücksicht darauf, dass die Judenschaft” stark in Steuerresten stecke, d.h., Steuerschulden habe, weiterhin durchzuführen. Es sollten also die Sammlungen für die “sogenannte deutsche Gemeinde” in Jerusalem wegen Abtragung ihrer Tribute an die ottomanische Pforte — sei es durch Kollekten, sei es durch Boten — “wozu denn auch die Judenschaft im Herzogtum Schlesien ein grosses beitragen solle”, verboten werden, weil die Juden dadurch noch zahlungsunfähiger gemacht würden. Daraufhin erfolgte am 25.2.1723 ein von Hans Anton Graf Schaffgotsch Unterzeichneter oberamtlicher Erlass für ganz Schlesien, sowie am 8.4.1723 ein spezieller Erlass für das Fürstentum Liegnitz, in dem Gross-Glogau lag. In diesen Dekreten wurde das Sammelverbot den in Schlesien, bzw. den im Fürstentum Liegnitz befindlichen jüdischen Gemeinden zur Kenntnis gebracht. Kurz vor dem Erlass des Sammelverbotes waren Im Jahre 1722 zwei Sendboten aus Hebron, David Melamed und Israel hakohen, in Breslau erschienen und von dort weiter nach Mähren gereist. Weitere Angaben über Sendboten aus der österreichischen Zeit Schlesiens Hessen sich nicht ermitteln. AUerdings ist nicht bekannt, ob und wann die österreichische Regierung diese Verbote bezüglich der Geldsammlung für die Juden im Heiligen Lande aufgehoben hat. Aber bereits im Jahre 1730 erschien ln Breslau David Isaac Levl aus Jerusalem, der wahrscheinlich auch ein Sendbote war. Bei den für Erez Israel gesammelten Geldern handelte es sich gar nicht um so geringe Summen. Beim Bankier Wolf Wertheimer in Wien waren bis 1724, wohl im Zusammenhang mit der Hilfsaktion von 1710, nicht weniger als 22.000 Gulden an Erez-Israel-Geldem eingelaufen, unter denen sich auch die Beträge der schlesischen Judenheit befunden haben dürften. (Forsetzung folgt). 5