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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1973-09-01 · No. 34 (September 1973) · p. Seite 4

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1973
Issue
No. 34 (September 1973)
Date
1973-09-01
Page
Seite 4 (sequence 2080)
Language
German
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Jüdische Arbeit in Breslau (Fort, von Seite 3) merarbeiten und Buchführung. Die Ausbildungsmöglichkeiten der jüdischen Jugend werden durch die Nähe der grossen jüdischen Lehrgüter Gross- Breesen, bei Obernigk und Eilgut h-S t e inau (Kreis Neustadt O.-S.) günstig beeinflusst). Die 1933 als eine der ersten Stellen in Deutschland errichtete Beratungsstelle der Synagogengemeinde zählt ausser den genannten Kursen und mehreren Sprachkursen vor allem die produktive Wirtschaftshilfe zu ihrem Aufgabenkreis. Sie fungiert auch als Zweigstelle der Zentralstelle für jüdische Darlehnskassen in Berlin u. schlichtet in gewissem Umfange rechtliche, wirtschaftliche und sonstige Streitigkeiten. Den Arbeitsräumen der Beratungsstelle ist räumlich und sachlich das Jüdische Wohlfahrtsamt benachbart. Seine Aufgaben sind in den letzten Jahren naturgemäss gewachsen, und wahrscheinlich wird es neue Arbeitsmethoden suchen müssen. Im Berichtsjahr 1937/38 wurden u.a. 20.900 Portionen Essen in der Jüdischen Volksküche, 26.500 Lebensmittelmarken und über 10.000 Brotmarken ausgegeben, wodurch auch den jüdischen Gewerbetreibenden und Bäckern ein zusätzlicher Verdienst ermöglicht wurde. Sehr bewährt hat sich die Jüdische Frauenhilfe. Starkes Interesse wendet das Wohlfahrtsamt den beiden für die Betreuung wirtschaftlich Schwacher errichteten Altenheimen (Brotzen und Wohnheim Hadda) zu, in denen zusammen 52 Personen wohnen. Eine wertvolle Ergänzung der Wohlfahrtsarbeit bilden die Speisungen des Religiös-Liberalen Vereins, des Reichsbundes jüdischer Frontsoldatenund des Konservativen Gemeindevereins. Die Jüdische Winterhilfe betreute über ein Viertel der jüdischen Bevölkerung Breslaus. Die Einrichtungen des Jüdischen Frauenbundes, u.a. das Kleinkinderheim Breslau-Krietern und das Kinderlandheim Bad Flinsberg, in dem auch Frauen Erholung finden, erleichtern die Kinder- und Er holungsfürsorge. Die vielen durch private Initiative entstandenen jüdischen Wohlfahrtseinrichtun-i gen, an der Spitze die Krankenverpflegungs-An- «talt, führen ihre Arbeit unverändert fort. Das Krankenhaus hat lediglich zwei seiner Gebäude zu Altersheimen hergerichtet. Sie reihen sich würdig dem Beate-Gutmann-Heim des Jüdischen Frauenbundes, dem Siechenhaus, der Altersversorgungs-Anstalt und einer Anzahl von Stiftungshäusern in verschiedenen Stadtteilen an, von denen ausser den bekannten Fränckelschen Stiftungen nur die Gotthelf-Stiftung die Wollenberg- und die Caro-Stiftung genannt seien. Besonders zu erwähnen sind die Bauten der Paul- und Julius Österreicher-Stiftung in der Roonstrasse, einer modernen Siedlungsstrasse am Rande der Stadt. Hier hat die Synagogengemeinde aus den Mitteln der Österreicher-Stiftung bereits 1936 zwei Wohnhäuser errichtet, denen im Sommer dieses Jahres zwei weitere Neubauten an der Ecke Roon- und Kürassierstrasse mit 22 Wohnungen für Kinderreiche, Kriegsverletzte und sonstige Bedürftige gefolgt sind. Die Gemeinde hat dadurch und auch durch die Erneuerungsarbeiten im Freunde-Saal ur.d in anderen Gebäuden zunächst jüdischen Handwerkern Arbeit und jüdischen Lehrlingen Ausbildungsmöglichkelten gegeben, dann aber für billige und in jeder Hinsicht neuzeutliche Wohnungen gesorgt. Alle Räume sind modern u. zweckmässig angelegt, durch breite Fenster flutet, das Licht herein, und Loggien und Hofgärten ermöglichen den Aufenthalt im Freien. Das Israelitische Mädchen-Heim, das Schwesternheim und die Waisenverpflegungsanstalt, an deren Spitze seit einigen Monaten Direktor Martin Norden (früher Hamburg) an Stelle des in den Ruhestand getretenen Direktors Julius Kolodzinski steht, betreuen die ihnen gestellten Aufgaben. Die Sprechstunden der Beratungsstelle und des Wohlfahrtsamtes sind überfüllt, den stärksten Ansturm hat aber die ebenfalls im Gebäude der Gemeindeverwaltung untergebrachte Jüdische Auswandererberatungsstelle des Hilfsvereins auszuhalten. Die Berater (Rechtsanwalt Erich Spitz, Dr. Gurt Honigbaum und Rechtsanwalt Dr. Ernst Scheyer und ihre Mitarbeiter) sind bemüht, den vermehrten Anforderungen gerecht zu werden. In allen Fragen der Gesetzgebung, des Arbeitsrechtes und der wirtschaftlichen Abwicklung und Auswanderungsvertretung steht der Landesverband des -Jüdischen Central-Vereins, Junkernstrasse 19 (Vorsitzender: Rechtsanwalt Dr. Georg Tarnowski, Syndikus: Dr. Rudolf Breitbarth) den jüdischen Ratsuchenden zur Seite. Das Palästina-Amt (Leitung: Lina Levy) und die Zionistische Vereinigung, betreuen die Palästinawanderung. In der Beamtenschaft der Gemeinde sind einige Veränderungen eingetreten. An die Neue Synagoge ist nach dem Ableben des unvergessenen Rabbiners Dr. Jakob Sänger der bisherige Königsberger Gemeinderabbiner Dr. Reinhold Lewin berufen worden der neben den unermüdlich wirkenden Gemeinderabbiner Dr. Hermann Vogelstein treten und in Kürze nach Breslau übersiedeln wird. Für den nach Toronto berufenen Organisten Erich Schäffer und den nach den Vereinigten Staaten gegangenen Kantor Alfred Rosbasch sind endgültige Nachfolger noch nicht bestimmt. Die Zusammensetzung des Gemeindevorstandes, an dessen Spitze seit Jahren Stadtrat a. D. Georg Less steht, und der Gemeindevertretung hat sich verschiedentlich geändert. Aus der eigentlichen Gemeindeverwaltung ist Dr. Conrad Cohn an die Zentral-Wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland nach Berlin berufen. Für ihn tritt Dr. Weissenberg, der bisherige Leiter der Beratungsstelle, in die allgemeine Verwaltung der Gemeinde über, wo ausserdem unverändert Dr. Ernst Rechnitz wirkt. Das Wohlfahrtsamt leitet nach wie vor Direktor Gustav Glaser. So steht die Breslauer Gemeinde mitten in der Arbeit. Sie hilft den vielen Menschen, die sich in der Ferne ein neues Leben aufbauen wollen, die Vorbereitung für den neuen Weg zu treffen und bleibt unermüdlich tätig in der Fürsorge und Betreuung der Zurückbleibenden. Der jüdische Mensch, der in Breslau seinen Weg nach dem Hauptbahnhof nimmt sieht geradeüber dem Bahnhofsgebäude die stillen Weiden hervorleuchten, die den alten Friedhof in der Classenstrasse beschatten. Diese Stätte des Friedens ist ihm gleichsam das letzte Symbol, dass die Breslauer Gemeinde getreu ihrer Pflicht ihre Aufgaben weiter erfüllen wird. * NACHTRAG Herr Prof. Dr. KURT SCHWERIN, 6230 North Kenmore Ave. Chicago, 111.6066Q, hat uns liebenswürdigerweise die Photocopie der letzten CV. Zeitung überlassen, die gerade einige Tage vor der Zerstörung der Synagogen am 9. November 1938 ihr Erscheinen eingestellt hat. Sie finden in diesem Artikel die grossen Aufgaben, die sich die damals noch stark pulsierende Breslauer Gemeinde gestellt hat. Vielen von uns wird dieser Aufsatz eine wehmütige Erinnerung an unsere Gemeinde sein. Schuf -Erinnerungen Das Johannes Gymnasium in Breslau war eine einzigartige Erziehungsanstalt, über der — im Gegensatz zum “Zwingergymnasium” — was für ein Name für eine Schule — der Geist Lessings, Schillers und Goethes schwebte, obgleich der Direktor Prof. Laudien angeblich öfters Audienzen bei S. M. Wilhelm dem Zweiten hatte. Dieser Direktor führte uns die römische Kultur lebhaft und eindrucksvoll vor Augen. Vergil und Horaz waren seine erklärten Lieblinge und wir wurden informiert, dass Horaz sich auf sein “Landjütchen” zurückzog, wenn er Müsse brauchte, um die Tugenden der Mässigkeit, des Gleichmuts und der Kaiser-verehrung in Verse zu bringen. Die Namen verschiedener Lehrer sind mir noch in Erinnerung — von Interesse wohl nur für 70—90 jährige Leser —: Badt, Körber, Böttcher, Sagawe, Toeplitz, Wohlauer, Schwarzer, Habel, Jüttrier und Gusinde. Letzterer war eines der frühesten Opfer des ersten Weltkrieges. Erschütternd war seine Abschiedsbotschaft an seine Schüler, bevor er ins Feld zog. Wohlauer, genannnt “Kulle” wegen seiner rundlichen Figur, war von mutigem Eintreten für liberales Denken. Seine Lieblinge waren natürlich die humanistischen Dichter und Denker, doch war er auch realistisch denkend. So erklärte er die französische Revolution lediglich als eine “Magenfrage”. So wurden uns allen — nicht etwa nur in unsrem recht liberalen Johannesgymnasium — das humanistische Ideal gepredigt, das sobald die Schule verlassen war oder oft schon vorher — dem Willen zur Macht Platz machte. Einige andre Lehrertypen: Prof. Habel machte interessante geologische Ausflüge mit uns. Einmal kam er etwas spät zur Schule, ohne seinen Schlips, was wir äusserst amüsant fanden. Seine französische Aussprache ist vielleicht ersichtlich durch das Wort “Sippjonktiff” für subjunctive. Wenn er uns in etwas prüfte und wenig oder kein Resultat von seinem Schüler erwartete, leitete er dies mit den Worten ein: Hat’s Zweck? und schon hatte man eine 4 oder 5 in seinem Notizbuch. Auf diese Weise wurde viel Zeit gespart. Ein besonders pädagogisches Talent muss Prof. Schwär zer gehabt haben. Er liess uns den Atlas vornehmen und die Namen aller Städte und Dörfer einer bestimmten Gegend vorlesen. — Prof. Töplitz, ein ausgezeichneter Lehrer, litt an sehr fortgeschrittener allgemeiner Gelenkentzündung. Einmal — vor einer entscheidenden Klassenarbeit — versperrte man ihm den Zimmereingang, sodass er den Pedell rufen musste. Es war einer von jenen grausamen Jugendstreichen. Ich war mathematisch ein ziemlich hoffnungsloser Fall und als Prof. Toeplitz mich in der neuen Klasse wiedersah, brach er verzweiflungsvoll in die Worte aus: “Sachs, Sie verfolgen mich”. Dr. Jüttner, ein andrer Mathematiklehrer soll eine Art Vorgänger von Einstein gewesen sein. Soviel ich weiss, wurde er nur von wenigen verstanden. Dieses Schicksal teilte er mit dem sympathischen, philosophisch - intellektuellen Dr. Stenzei, dessen Unterricht aus einem Dialog zwischen ihm und einem philosophisch interessierten Jungen bestand. Dr. St. erwähnte nicht selten, wie froh er war, dass er wegen eines chronischen Leidens nicht zum Militär eingezogen wurde. — Ein sehr fähiger, junger Jüdischer Lehrer, Dr. Metis — er las mit uns ein Werk von Tocquville — erlag der damals beginnenden Grippe - Epidemie. Nicht in meiner Klasse, aber in meiner Schule war Dietrich Bonhöffer, der später als Pastor gegen Hitler protestierte und erschossen wurde. Im ganzen ist zu sagen, dass während meiner Schulzeit, die 1917 beendet war, die deutsche Lehrerschaft in meiner Schule zwar patriotisch, aber keineswegs übersteigert nationalistisch war und dass ich mich freue, dass ich in meiner Jugend eine humanistische Erziehung hatte. Dr. CARL SACHS 606 Crescent Ave Plainfield, N. J. 07060 4,

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