Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1973
- Issue
- No. 33 (April 1973)
- Date
- 1973-04-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/7411685-7412337-7493573--0428-7412354- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
I I *:-Aus meiner Breslauer Militärzeit-- Nach bestandenem Abitur war ich ausgemustert und erklärt als k.v. Feld-Artillerie, da der Oberarzt Dr. G. leichte Anlage zum Plattfuss festgestellt hatte, den ich zwar bis heute mit 74 Jahren noch nicht habe, wofür ich ihm aber dankbar sein müsste, weil ich ihm vielleicht dadurch mein Leben verdanke. Ich fuhr also nach der Hauptstadt Breslau und kam nach dem Bürgerwerder, zum Feld-Artillerie Regiment 6. Dort sollte ich meine erste Enttäuschung erfahren. Mein guter Vater hatte mir extra ein schönes Portemonnaie geschenkt mit etwas Kleingeld, hier sagt man: Changemonnaie, darin. Aber, kaum angekommen, kam der Befehl! Hinauf zur Kleiderkammer! Dort herrschte ein wildes, wirres Treiben. Der Unteroffizier sagte: Hier haste die Hosen, komm her, passt, hier ein Rock, eine Litewka und los, anziehen. Zivilsachen abgeben!, und als ich wie betäubt herunterkam, vermisste ich die Börse mit dem Geld. Ich, sofort herauf, sagte: In meiner Hose ist die Geldbörse! Was? Sieh nach! — Natürlich war nichts mehr in der Hose drin-Also, klein beigegeben, und ich sagte nur: forget about, aber natürlich in Deutsch. Beim Militär galt nämlich eine schöne Regel: Nicht der, der klaut, wird bestraft sondern der, der dem anderen die Gelegenheit dazu gegeben hat.!- Nun lebte man im Bürgerwerder ganz leidlich. Abends nach getaner Arbeit, dli. Exercieren, Putz- und Flickstunde usw., war Ausgang. Man ging ein kleines Stückchen weg, die Werderstrasse herauf, und war am Königsplatz, dort war die bekannte Konditorei von Hundeck und Appelt, wo man seinen Kaffee trank und ein Stückchen Torte mit Schlagsahne ass, weiter die Königstrasse herunter, links um die Ecke, war die Kipke-Brauerei, wo man ein gutes Glas Bier für billiges Geld herunterkippte so weit der Vorrat von der Dekade-Lösung reichte. Das war alles schön und gut, aber eines Tages kam es anders. Der Vize-Wachtmeister, ein Mann von grosser Statur und offenbar grossem Antisemitismus, kommandierte: Angetreten, und nun ging er die Reihe durch, die jungen Kameraden, wie Moses und Mendelsohn usw. sahen offenbar nicht so prononciert jüdisch aus, ich aber, mit meiner etwas griechisch - römischen und etwas lang geratenen Nase, mit breitem Ansatz fiel auf. Ich und einige andere mussten raustreten. Rechts um, lings schwenk, marsch. Natürlich wussten wir nicht, was der Grund war, und ich sang, aber natürlich nur leise, das Lied des unbekannten Dichters: Ich weiss nicht, was soll es bedeuten?-Also, wir kriegten unsere Sachen, oder, wie wir sagten, unser "Gelumpe”, und marschierten ab nach Karlowitz, die Jungs von der "Schepine” nannten es “Korlewitz”. Dort angekommen, war das Erste: Wir wurden gemustert beim etatsmässigen Wachtmeister Fritz: “Du hast Reitstiefeln an, bist Du ein Fahrer?”-“Nein”, Herr Wachtmeister Kanonier. “Warum hast Du Reitstiefel an?” Ich bin Einjähriger (die Einjährigen im Bürgerwerder sollten nämlich Reiten lernen).” Was, Einjähriger? “-Das Wort exestierte für diesen Herrn nicht. Sergeant Dannemann (jüdisch, aus Stettin stammend), der Mann kriegt Kanonierstiefel. Bei den Preussen nannte man das: "Rin in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln.” Und so war ich quasi degradiert, aber nicht direkt aus Antisemitismus. Das Leben dort in Karlowitz war das Übliche: Exerzieren, Gewehrezerzieren, an der Kanone, Hinlegen, Auf, Hinlegen, an die Kaserne, Marsch-Marsch! Nim war ich aber bemüht, wenigstens als Student an der Universität eingetragen zu werden und bekam Urlaub zur: Immatrikulation (kein jüdischer Feiertag!). Wir erhielten vom damaligen Rektor Schott eine Urkunde, die ich bis auf den heutigen Tag aufgehoben habe: Im Namen Seiner Majestät, Kaiser Wilhelm II., hat der Student sowieso durch Handschlag gelobt — — —. Nur war ich also nicht bloss Militärsoldat oder “Muschkote”, sondern auch Student, und als solcher wurde ich bei verschiedenen Vereinigungen eingeladenl, oder, wie es so damals hiess: “gekeilt”. Also, um die Sache kurz zu machen, ich war eingeladen zu einer Kneipe beim KJV (Kartell jüdischer Verbindungen), angekommen im Lokal an der Karlsstrasse, wurde ich einem Offiziers- Stellvertreter Raehr von den Funkern in Karlowitz vorgestellt und unter seine Obhut genommen. Übrigens war einst in der Karlstrasse das Geschäft des Vaters von Ferdinand Lassalle, eines Seidenhändlers. Und nun sassen wir auf der Kneipe in der Karlstrasse und tranken Bier, und wir sangen frisch, froh, frei, fromm: Trink,'' Brüderlein, trink!-Lass die Sorgen zu Haus (ich meinte: In der Kaserne!). Kommandos erschallten: Ibite, Bibite!-und: Adexercitium Salamandri- und: Füchse, in die Kanne! und Ex!, dh. auf Deutsch: Austrinken auf einen Zug. Ich denke da immer an den Alt-Bürgermeister Nusch in Rothenburg a.d. Tauber, der den grossen Humpen Wein auf einen Zug leeren musste auf Geheiss des Feldherrn Tilly, um die Stadt vor der Zerstörung zu bewahren. Dies ist zu sehen täglich um 12 Uhr mittags am Rathaus-Fenster dortselbst. — Ich persönlich trinke gern ein Glas Bier, aber auf Kommando “Extrinken” das lag mir nicht, und das Kommandieren überliess ich seit meiner Militärzeit immer den Preussen!-• Aber die deutschen Studenten, ob jüdisch, oder nichtjüdisch, hatten sich das commandmässige Trinken so angewöhnt. — — Der Herr von Treitschke warf zwar dem deutschen Dichter Heine vor, dass er der einzige der Lyriker war, der niemals ein Trinklied gedichtet hat: "Nach Germanenart zum Zechen vermochte der Orientale nicht — “Bravo!-Nun, ich kenne ein schönes Trinklied, das der Dichter Lessing, einst gedichtet hat, der auch einmal in Breslau in der “Goldenen Gans” gewohnt hat. Ich zitiere es aus dem Gedächtnis: Es lautet etwa: Trinket Brüder, lasst uns trinken-bis wir bezecht zu Boden sinken — doch achtet wohl, dass Könige nicht trinken! —, denn, wenn sie unbezecht die halbe Welt zerstören, — was würden sie wohl tun, — wenn sie betrunken wären.- Aber alles in allem, auf der Kneipe beim KJV war es recht gemütlich, und die Jungens waren alle sehr nett und liebenswert. Und so verging die Zeit, wie wir damals sagten, im “Schweinsgalopp”. Und als ich auf die Uhr sah, war es kurz nach 12 Uhr nachts. Ich hatte aber Theater-Urlaub eingereicht, das ging nur bis 12 Uhr 30, aber bis Karlowitz zu kommen, in der kurzen Zeit, war rein unmöglich, und eine Strassenbahn ging um die Zeit ohnehin nicht mehr. So machten wir beide uns auf den Weg, der Offizier-Stellvertreter mit der langen Plempe, und ich mit dem kürzeren Seitengewehr. Wir rannten beide, wie Nurmi, von der Karlsstrasse zur Schweidnitzerstrasse über den Ring zur Schmiedebrücke, Universiiätsbrücke und Mathiasstrasse bis zur Endstation der Strassenbahn. Von da war es aber noch ca. 20 bis 25 Minuten zur Kaserne, also Dauerlauf weiter. Um ca. 12 Uhr 45 waren wir an der Kaserne, der Offiziers-Stellvertreter beteuerte seine Unschuld, er glaubte nämlich, ich wohne als Einjähriger ausserhalb der Kaserne. So schmuggelte er mich in die Kaserne hinein, indem er zum Wachhabenden sagte: Lassen Sie mal den Mann durch, wir haben uns etwas verspätet. Der Wachhabende Soldat antwortete darauf: Kamerad, geh schnell durch, denn der Offizier von der Runde kann jeden Moment hier vorbeikommen, und ich war drin in der Kasserne. So war ich durch die KJV Einladung in eine heikle Situation hineingekommen, aber durch den Herrn “Beinah-Offizier” vom KJV wieder herausgekommen, im anderen Falle hätte ich vielleicht 3 Tage Kasten-Arrest, oder Strafexerzieren erwarten können (d.h. Hinlegen, Auf-, Hinlegen, aufan die Mauer Marsch-, Marsch, zurück, Marsch, Marsch usw. das ging dann gewöhnlich bis zur Ermattung). — — — In dem Buch “Breslau”, herausgegeben von Herbert Hupka, sind zwei ganz differente Urteile über Alt-Breslau zu lesen: 1. Breslau ist die schönste Stadt, die ich nach Wien in Deutschland besucht habe (Guiseppe Garampi 1776). 2. Nun sind wir wieder in dem lärmenden, schmutzigen, stinkenden Breslau, aus dem ich bald erlöst zu sein wünsche. (Johann Wolfgang v. Goethe, 1790). Aber hier, irrt Goethe, obwohl ich nicht weiss, wie Breslau in damaliger Zeit ausgesehen hat. Zu unserer Zeit, ich meine die Zeit vor Hitler, war Breslau stets bekannt als eine schöne, saubere, nicht lärmende Stadt, die ich auch als Garnisonsstadt schätzen lernte. In dieser fanden wir das ruhige und gemütliche Cafe Fahrig mit den vielen Zeitungen, darunter auch englische und französische Zeitungen. Ausserdem die alten, anheimelnden Kissling-Bierstuben und zur Unterhaltung das Stadttheater mit seinen, guten Opernkräften und die anderen kleineren Theater, ferner das Cabaret Kaiserkrone und das Liebigtheater, das grosse Varietee des Ostens. Hier sah und hörte ich: Max Pallenberg in der Familie Schimek, Otto Reuter und Fritz Grünbaum. Als Soldat amüsierte ich mich köstlich über den sächsischen Komiker Paul Becker, der in seiner komischen Mundrat schilderte, wie er wegen übergrosser “intelligenz” vom Militär entlassen wurde. Wenn der Unter-Offizier kommandierte: Rechts um, machte er links um und umgekehrt, und ganz zum Schluss sagte er: Da haben sie mir alles weggenommen, bloss hier die Bommel haben sie mir gelassen, wobei er: die Bommel hochheit! — —. Dr. Arthur Lowenstam, J.408 S. Barry Ave. Los Angeles, Calif. 90025 USA. RICHTIGSTELLUNG Die Mitteilung über einen Freitod der Studienassessorin Fräulein Betty Foerder in einem Bericht über die jüdischen Schulen in Breslau ist falsch. Fräulein Foerder war seit Auflösung der jüdischen Schulen als Hilfsarbeiterin dem jüdischen Krankenhaus zugewiesen und war dort als Helferin im Operationssaal beim Chefarzt Herrn Dr. Hadda tätig. Sie arbeitete dort bis zur Auflösung des Krankenhauses im Frühjahr 1943 und kam mit dem letzten grossen Transport von Breslauer Juden nach dem Osten. Ich war als Schwester “Ruth” vom 15/11 1939 — Januar 1945 bis zum Ende des Krankenhauses und der jüdischen Krankenstation, Ende 1944 tätig und mache obige Angaben nach besten Wissen und Gewissen. Fulda, den 2 Febr. 1973 Irmgard Gerson geb. Roth “genannt Schwester Ruth” 17