Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1973
- Issue
- No. 33 (April 1973)
- Date
- 1973-04-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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1 Jakob Wassermann, der Jude Zu seinem lOOten Geburtstage am 10. März 1973 VORSTELLUNG Von meinen eigenen Dingen pflege ich sonst nicht zu reden; in diesemFalle aber dürfte es angebracht sein: allzuviel ist in den vergangenen vierzig Jahren verloren gegangen und vergessen worden. “Als ich auf halbem Weg stand meines Lebens...” habe ich zwei Arbeiten über Jakob Wassermann veröffentlicht: ein dickes Buch und eine dünne Broschüre. Das Buch trug den Titel “Wassermann, Sein Kampf um Wahrheit”, Grethlein, Leipzig-Zürich 1929. Es hatte in Europa und besonders in Deutschland eine ausgezeichnete Presse. Die Broschüre hiess “Jakob Wassermann, der Mann von sechzig Jahren”, Berlin 1933; sie ist rieht mehr in den Handel gekommen und im ganzen zugrunde gegangen. Wassermann selbst aber hat sie noch gekannt und mir einen schönen Brief darüber geschrieben. Ich habe 1928 Wassermann in Alt-Aussee besucht und Briefe mit ihm gewechselt, deren Photokopien sich jetzt in der Stadtbibliothek von Nürnberg befinden, wo sie gelegentlich der Jakob Wassermann - Ausstellung 1973 Verwendung finden sollen. EIN ZITAT In der genannten Broschüre hiess es: “Wir wissen, dass der Anfang Heinrich Heine heisst und dass durch seine unbestreitbar grosse dichteriche Leistung der Bruch geht, der Heine im Ganzen charakterisiert: die Unsicherheit und die daraus resultierende Furcht vor der Tiefe. Daher kommt dann die ewige Sucht, auszubiegen, einen geistigen Hasenhaken zu schlagen, den Ernst mit Witzelei zu beschwichtigen und zu umgehen. — Der Weg des deutschen Juden von Heine zu Wassermann ist der Weg von der Unsicherheit zu neu errungener Sicherheit, von der geistigen Feigheit zum Mut, von der Witzelei zum Ernst, von der Oberfläche zur Tiefe. Und ganz gewiss hat Wassermann selbst an diesem Fortschritt einen sehr grossen persönlichen Anteil; denn als er zu schreiben begann, da waren die Dinge im Guten wie im schlechten noch lange nicht soweit gediehen wie heute: da hoffte man mit Tarnung, Mimikry und Witzelei vielleicht doch noch die jüdische Veranlagung in sich selbst verdrängen zu können”. An diesen Sätzen habe ich heute (1972) nur das eine zu berichtigen, dass die “neu gewonnene Sicherheit” der deutschen Juden eine Scheinsicherheit war. DER JUDEN-CHRIST Es heisst dann in der Broschüre weiter: “Es ist kein Zufall, dass Wassermann selbst mehrfach schreibt, gerade Christen hätten sich über seine Fähigkeit gewundert, den christlichen Deutschen zu begreifen und gewissermassen ein Mittelding zu zeichnen: den Juden-Christen. Dieses Mittelding ist ja doch trotz allen Geschreis der Strasse unleugbar vorhanden — eben als Resultat der praktischen Synthese. Wassermann steht am Höhepunkt dieser Entwicklung, denn man kann annehmen, dass sich die Dinge von beiden Seiten her künftig rückläufig entwickeln werden”. Auch mit mir hat Jakob Wassermann in Alt- Aussee über dieses Problem des Juden-Christen gesprochen, und er sah darin einen Beweis für die Richtigkeit seiner Lebensauffassung. Er sei nicht anders als die anderen. Was er könne, das könnten die anderen auch; vielleicht ein wenig später; vielleicht sei er der Zeit ein wenig voraus, aber grundsätzlich sei da kein Unterschied. An diesem Punkte lag einer der schrecklichen Denkfehler Wasermanns: er setzte Geschriebenes mit dem wirklichen Leben gleich. Er glaubte, dass ein literarischer Homunculus gleichbedeutend sei mit der Entwicklung des realen Daseins. Das war grundfalsch und hat sich an ihm schrecklich geraecht. — Tatsache ist ja, dass er persönlich das Problem auf seine Weise auch in der Wirklichkeit gelöst hat; denn er hat ja seinen Lieblingssohn Uli aus zweiter Ehe “seiner Frau zuliebe” taufen lassen, aus ihm also sozusagen einen Juden-Christen gemacht. Das aber hat keinerlei Allgemeingültigkeit. DAS “GÄNSENMÄNNCHEN” In einer seiner schönsten Romane hat Wassermann die Geschichte des Daniel Nothafft geschildert, der zwischen zwei Frauen lebte, so wie das Gänsenmännchen auf dem Brunnen in Nürnberg mit seinen zwei Gänsen unter den Armen. Auch Jakob Wassermann selbst ist so ein “Gänsenmännchen” gewesen, und auch das wurde ihm letztlich zum Unglück: von der ersten Frau, Julie Speyer, kam er innerlich nie ganz los, von der zweiten, Martha Karlweis, äusserlich nicht. Und auch das hat seinen Grund letztlich im Jüdischen, ein Faktor, der in den beiden Darstellungen der ersten Ehe fortgelassen wird. Ich meine das Ganna-Kapitel im Kerkhoven Roman und das Buch der Frau Julie “Das lebendige Herz”, Dinge, die hier nur angedeutet werden können und die ich in anderem Zusammenhänge ausführlich behandle. In beiden Schriftwerken ist von dieser kardinalen Verschiedenheit nicht die Rede, was ihren Wert vermindert. Frau Julie war Jüdin: liberale, entgottete Jüdift; Frau Martha aber tat sich auf ihr Christentum nicht wenig zugute, wie aus Ulis Taufe hervorgeht. Ich habe dann hier im Lande ihren Namen im — Philo-Lexikon gefunden. Es scheint also mit ihrem Christentum nicht gar soweit her gewesen zu sein. Auf Wassermann aber hat es zweifellos sehr stark gewirkt; denn seine Neigung zum Christentum geht ja doch aus jedem seiner Worte hervor. VON KINDHEIT AN... Das grösste persönliche Unglück Jakob Wassermanns ist der allzu frühe Tod seiner Mutter gewesen. Er hat zwei bittere Folgen gehabt: zunächst eben das Fehlen der eigenen Mutter und das Hinzutreten der Stiefmutter, mit der Wassermann — gelinde gesagt — äusserst schlecht stand, wie in “Mein Weg als Deutscher und Jude” nachzulesen wäre. Das zweite aber war die Tatsache, dass den Knaben das Kaddischsagen am frühen Morgen, oft bei Regen und Kälte, frühzeitig dem Judentume entfremdete. Diese Fälle sind ja leider nicht so selten; bei dem Knaben Jakob war es ganz ausgesprochen so. Lange waren die Folgen dieser Entfremdung nicht spürbar; denn der Dichter konnte ja den Roman “Die Juden von Zirndorf” schreiben, der ihm einen Riesenerfolg im Judentume eintrug. Ich entsinne mich, wie er mit mir in seiner Bibliothek die endlose Reihe seiner fremdsprachlichen Ausgaben abschritt und mir stolz die hebräische Ausgabe seiner “Juden von Zirndorf” wies. Erst später trat etwas hinzu, das nicht ganz leicht zu umreissen ist. Es gibt bei uns Juden eine Krankheit, die man Christengier nennen könnte. Ein jüdischer Mensch, der von dieser hässlichen Krankheit befallen wird, ruht nicht, bevor er nicht mit einem Christen im Bette liegt. Und hat er sein Ziel erreicht, so kommt gegen dieses Glück nichts anderes mehr auf: kein Ehepartner, kein Ehevertrag, nicht Kind, nicht Lebensglück. Sein Schlachtruf ist: “O, man goy...”, wie der Titel des Romanes einer “liberalen” französischen Jüdin lautete. Das war, wie schon gesagt, die Situation des “Gänsemännchens” zwischen den beiden Frauen. Das war die Stärke von Frau Martha, das war die Schwäche von Frau Julie. Jakob Wassermann hat sich auf diese Weise dem Judentume immer mehr und mehr entfremdet. Er sprach in Alt-Aussee auch mit mir über diese Dinge. Er sagte mir, was er ja auch zu Professor Weizmann bei der Überfahrt nach Amerika gesagt hatte, dass der Zionismus nichts für ihn sei. Das war ja nicht verwunderlich, da der Zug zum Deutschtume und zum Christentum gar so stark in ihm war. Ich entsinne mich an den Satz: “Was wollen sie: das bisschen Blut in den Adern...” Ich hätte darauf antworten können: “Blut ist ein ganz besondrer Saft”. Aber das war kein Augenblick zum Diskutieren von Lebensanschauungen. Er sprach, wie gesagt, vom Juden-Christen und davon, dass auch die anderen könnten, was er könne, vielleicht ein wenig später. Er war in seine Ansichten eisenfest verrannt, zwanzig Jahre älter als ich und für mich der verehrte Meister. Es ging ihm mit dem Judentume wie mit Frau Julie: er konnte nicht mit und nicht ohne es leben. Er kam vom'Judentume so wenig los wie von seiner ersten Frau und plante gegen Ende seines Lebens die Konzeption eines Ahasverus - Romans. Im “Weg” sagt er, dass er nichts Jüdisches an sich gehabt hätte, vor allem keine krumme Nase. Stimmt. Aber darum nichts Jüdisches? Seine beste Schilderung gibt Frau Julie am Anfänge ihres Buches:” ...war ein untersetzter, kaum mittelgrosser Mann mit jünglinghaften, feurigen Kohlenaugen, die tief nachdenklich von unten nach oben blickten”. Als er mir durch die hohe Tür des Mittelsalons, der im ersten Stock seines Hauses seine eigenen Räume von denen seiner Frau trennte, entgegentrat: kohlschwarzes Haar, kohlschwarze Augen, kohlschwarzer Schnurrbart, dunkelbraun verbrannt und von Kopf bis Fuss sehloh - weiss angezogen, — da war ich derart perplex vor diesem schwarzbraunen Zwerglein, dass ich im ersten Augenblick glaubte, es könne unmöglich mein grosser Jakob Wassermann sein. Heute würde ich sagen, er habe wie drei Spharden ausgesehen. Wer aus seinem eigenen Ich herauszutreten versucht, ohne doch ein anderes wirklich dafür finden zu können, wer derart einen Teil seines eigenen Ichs verrät und aufgibt, der kann an dem inneren Zwiespalt seelisch zerbrechen. — Das letzte, was ich von Wassermann hörte, war im Jahre 1933 eine Rundfunksendung aus Prag. Ich war durch Zufall hineingeraten und hatte die tiefe Stimme zunächst gar nicht erkannt. Allmählich erst wurde mir die Situation klar. Ich war bereits in den Vorbereitungen der Alijah nach Erez Israel und entsetzt über die Einstellung Wassermanns. Der letzte Satz, den ich von ihm hörte, lautete: “Ich lasse mir mein Deutschtum nicht nehmen...” Da stellte ich den Apparat ab. Die Nachricht von seinem Tode erhielt ich beim Packen des Bücherlifts. Er wurde auf dem katholischen Friedhofe neben seinem Hause begraben, man sagt, es sei ein Rabbiner dabei gewesen. Wieviel hätte ein Mann von seiner geistigen Kapazität den Juden in den kommenden Jahren sein können. Was er mir hätte sein können, davon will ich nicht reden. Er ruhe in Frieden! Er war einer der grössten deutschen Romanciers, ein grosses Genie der Epik, er war ein verirrter Jude. WAREMME Einer der Beweise für diese Verirrung ist die (Forts. Seite 5) 4