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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1972-09-01 · No. 32 (September 1972) · p. Seite 18

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1972
Issue
No. 32 (September 1972)
Date
1972-09-01
Page
Seite 18 (sequence 2036)
Language
German
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In Memoriam Dr. Georg Seidel Unser jüdisches Reform-Realgymnasium im Aufbau am Rhediger Platz in Breslau zählte in den ersten Jahren seines Bestehens (ab 1923) so wenige Schüler, dass an über die Unter-Sekunda hinausgehenden Klassen nicht zu denken war. Den — 1929 — erstmaligen Absolventen der Oberklasse U II blieb daher nur der Weg in das Reform Realgymnasium zum Heiligen Geist offen, der einzigen Anstalt des gleichen, nicht sehr verbreiteten Bildungsganges in. Breslau. Diese ausgesprochen evangelische Schule (ihren katholischen Namen verdankte sie dem Schulgebäude, das früher einmal einem Kloster gehört hatte) war bisher im Gegensatz etwa zu dem “verjudc-- ten” Johannesgymnasium — kaum von Juden besucht worden. Auch aus diesem Grund war der Übergang von der vertrauten jüdischen Schule in die neue Lehranstalt für uns mit nicht geringen seelischen Schwierigkeiten verbunden, zumal das kleine “Fähnlein der sieben Aufrechten" auf drei Parallelklassen verteilt wurde. Es kam hinzu, dass der “Heilige Geist” ausgesprochen rechts, wenn auch nicht gerade extrem national - sozialistisch ausgerichtet war. Zwar war die Haltung der Lehrer uns gegenüber im allgemeinen korrekt — von vereinzelten antisemitischen Spitzeleien abgesehen — doch kam es zu keinen näheren Beziehungen, wie wir sie von der jüdischen Schule her gewohnt waren. Auch Freundschaften mit Schülern gehörten zur Seltenheit, da diese, mehr noch als ihre Lehrer zur deutschen Rechten neigten und teilweise militanten nationalistischen Verbänden angehörten. Zu den wenigen Lehrern, die demokratisch eingestellt waren und aus ihrer Überzeugung keinen Hehl machten, gehörte Dr. Georg Seidel Studienrat für Französisch und Geschichte. Als Mitglied der religiös sozialistischen “Thora we Awo da” Bewegung fühlte ich mich zu ihm, dem ebenfalls religiös empfindenden Sozialisten, besonders hingezogen. So war es mir ein Bedürfnis, ihn nach bestandenem Abitur aufzusuchen, um mich vor meinem Eintritt in das Kölner Lehrer- Seminar zu verabschieden. Ich hatte mir für einen deutschen Juden nicht eben ungewöhnlich-Deutsch als mündliches Wahlfach ausgesucht und mich über Heinrich Heine prüfen lassen. Nun bemerkte ich gesprächsweise nebenbei, ich hätte Heine ganz bewusst zum Prüfungsgegenstand genommen. “Es war dies eine günstige Gelegenheit meinen Lehrern einmal sagen zu können, was ein einzelner und vereinzelter Jude oftmals in und gegenüber Deutschland empfindet. “Seidel blickte auf und sah mich gross und durchdringend an: “Man soll auch mit seinen eigenen Leiden nicht kokettieren.” Was er damit meinte, verstand ich in diesem Augenblick nur halb, aber schon damals — im Frühjahr 1932 — spürte ich den tiefen Sinn dieser Erwiderung, deren ich mich später, selbst Lehrer geworden, jungen Menschen gegenüber noch oft bedienen sollte. Von der unausdenkbaren Grausamkeit und Unmenschlichkeit der uns bevorstehenden Leiden konnten wir beide zu dieser Stunde noch nichts ahnen. Als ich 1 Jahr später nach Breslau zurückkehrte, erfuhr ich, dass Seidel bereits auf die “schwarze Liste” gesetzt worden war. Sein Bruder, Lehrer wie er, hatte das Hitlerbild aus seinem Klassenzimmer entfernt und war gemassregelt worden. Seidel selbst war in der schlesischen Nationalsozialistischen Tageszeitung in einem Artikel mit der Überschrift: “Wie lange noch soll Herr Seidel die Seelen unserer Jugend vergiften?” — angegriffen worden und konnte von seinem deutschnationalen Direktor nur mit Mühe geschützt werden. Als ich ihn in den Sommerferien 1934 aufsuchte, erzählte er mir, dass er beobachtet würde und jeden Verkehr mit seinen langjährigen jüdischen Bekannten und Freunden hatte abbrechen müssen. Wieder war das Gespräch auf das deutsch-jüdischen Verhältnis gekommen und ich, von Kindheit auf zionistisch erzogen, bemühte mich (und auch das war damals nichts Ungewöhnliches), die politischen Wandlungen objektiv zu beurteilen. “Wir Juden haben uns vielleicht wirklich zu sehr vorgedrängt und eine Rolle einzunehmen versucht, die Hass und Widerstand hervorrufen musste." Während ich also versuchte, den Beweggründen des anwachsenden Antisemitismus Verständnis entgegenzubringen, war Seidel rot und unruhig geworden. Jetzt sprang er auf, schlug auf den Tisch und fast schreiend brach es aus dem sonst so beherrschten Mann heraus:” Das muss ich, ein Deutscher, erleben, dass ein Jude versucht die Nationalsozialisten zu verteidigen.” Ich war ergriffen, vielleicht auch ein wenig beschämt, aber die ganze Tiefe und Tragik dieses Ausbruches konnte ich damals — Sommer 1934 —• nicht erfassen. Jahre sollten vergehen, Jahre, die hier durch Alijah, Einordnung und Verwachsen mit Erez Israel, dort durch Verpönung, Vertreibung und Ausrottung gekennzeichnet waren, bis ich Seidels Reaktion voll und ganz zu würdigen wusste. Von der alles menschliche Begreifen übersteigenden “Endlösung” konnten wir beide zu jener Stunde noch nichts ahnen. Es blieb, unter dem Druck der Verhältnisse, unser letztes Gespräch. Von jüngeren, jüdischen Schülern des Heiligen Geistes erfuhr ich nach Kriegsende, dass Seidel ihnen gegenüber auch weiterhin seine Sympathie bekundet habe. Später wurde er in eine ganz und gar gleichgeschaltete (das frühere Johannes- Gymnasium) Strafversetzt und hatte dort, wie mir seine Witwe berichtete, mit grossen Widerwärtigkeiten zu kämpfen. 1945 wurde er im Volkssturm eingesetzt und kehrte nicht mehr zurück. “Ich werde niemals innerlich Nationalsozialist werden”, hatte er mir beim Abschied, sich gleichsam für sein Verbleiben in Deutschland entschuldigend, erklärt und ich glaubte es ihm damals wie auch heute noch. In meiner und meiner Mitschüler Erinnerung gehört er zu denen, die uns in den langen, qualvollen Stunden der Verfinsterung die Hoffnung auf das Licht erhalten haben. Dr. JOSEPH WALK DR. ERNST WARSCHAUER, Mit grossem Schmerz haben wir von dem Hinscheiden dieses in allen Gremien so bekannten und beliebten Mannes erfahren. Was wir seit langem befürchtet haben ist leider eingetroffen. Dr. Ernst Warschauer, der bekannte Rechtsanwalt und Notar in Oels in Schlesien, der grosse Kämpfer für das Recht und die Freiheit, der beliebte Journalist, der grosse Anhänger Julius Babs und vieler grosser Philosophen ist nicht mehr. Wir Breslauer verlieren in ihm einen Menschen, der die Interessen unseres Verbandes immer aufs Beste wahrr.ahm, der unser “Verbandsblatt” mit seinen ausgezeichneten, tiefgründigen und oft sehr humoristischen Aufsätzen bereicherte. Ob im Aufbau, in' massgebenden englischen Zeitschriften oder sonst in der Welt verstand er es Erinnerungen aufzufrischen und zu Tagesfragen Stellung zu nehmen. Die Korrespondenz mit ihm war immer ein Erlebnis. Wir sprechen nochmals von dieser Stelle aus seiner Gattin unser innigstes Beileid aus. Ein bedeutender Mann — in Bescheidenheit gelebt — hat die Welt verlassen. Er wird uns' fehlen. Verband ehemaliger Breslauer in Israel HUGO SCHUEFTAN s.A, Vor wenigen Wochen lasen wir in der grossen Abschiedsrede unseres Mosche Rabbenu: “Und Du sollst gedenken des ganzen Weges, den Dich der Ewige, Dein G’tt, vierzig Jahre in der Wüste geführt...” Diese Worte sagen vieles von dem aus, was den Schreiber dieser Zeilen mit Hugo Schüftan in achtungsvoller Verehrung verbunden hat. Immer kleiner wird der Kreis derer, mit denen wir 40 Jahre durch die Wüste des Lebens hindurchgegangen sind. Hugo Schüftan kam Anfang der zwanziger Jahre mit seiner unvergessenen Lebenskameradin Hulda geb. Heymann aus Beuthen O/S nach Breslau. Schon dort erfüllte er in der Brudergesellschaft die heiligste aller Mizwot. Zusammen mit Rav M. Simonsohn s.A. gehörte er zu denen, die halfen, das jüdische Schulwerk ins Leben zu rufen. Zeit seines Lebens war er stolz darauf. Oft trafen wir uns in der Krankenhaussynagoge am Schabbat und Jom tov. In Santiago de Chile gehörte er zu denen, die von Dr. Joseph Hirschberg s.A. gerufen wurden um die Gemeinde der Juden aus Deutschland, die B’ne Jisroel, aufzubauen. In mehr als 30 Jahren stellte er seine hervorragenden jüdischen und menschlischen Qualitäten in ihren Dienst, auch in den schweren Jahren des Aufbaus seiner materiellen Existenz. So wurde er einer ihren ersten Direktoren und Mitbegründer der Kultuskommission. Vor allem galt seine Hingabe der Taharakommission. Stets nahm er bei der “Simchat Tora Seuda” das Wort und forderte die Heranziehung jüngerer Menschen zu diesem heiligen Werk. Ihm wurde verdankt, dass diese höchste Mizwa in Santiago de Chile nur in unserer Gemeinde ausschliesslich von ehrenamtlich wirkenden Männern und Frauen erfüllt wurde. Ihm wurden die höchsten Ehren zu teil, die eine Gemeinde zu vergeben hat: Die Ehrenmitgliedschaft und die Eintragung in das “Goldene Buch” des K.K.L. Er liebte unser Land nicht nur darum, weil einer seiner Söhne seit fast 40 Jahren hier lebt. Als wir 1956 mit ihm zusammen im Lande waren, träumte er davon, seinen Lebensabend hier zu beschliessen. Er blieb ein aktiver Mensch bis ins hohe Alter, dessen Rat allgemein gehört und geschätzt wurde. Er wurde begnadet, die Familie seiner drei Söhne und seiner Tochter wachsen zu sehen. Unvergessen bleibt jener Tag der Bar Mizwa seines Urenkelsohnes, der — trotzdem sein Augenlicht schon sehr geschwächt war-einer der Höhepunkte seines Lebens wurde. Trotz der Liebe, die ihm v. seinen Kindern und ihren Familien entgegengebracht wurde, trotz der Verehrung, die ihm seine Freunde und Gemeindemitglieder bezeugten, hat er niemals das frühzeitige Hinscheiden seiner Lebenskameradin überwunden. Am Schabbat Nasso, des 27. Mai,, 1972, erlosch sein Lebenslicht. Er ging mit 93 Jahren dahin so wie er sich gewünscht hat an einem Schabbat und ohne Schmerzen...’ Er ist im wahrsten Sinne des Wortes in die andere Welt geschlafen und alle seine Wünsche haben sich erfüllt”, wie sein Sohn Walter uns schrieb. Wenigen nur wird ein solch g’ttbegnadetes Leben su teil. Unser Gedenken an Hugo Schüftan s.A. ist ausführlicher geworden als es üblich sein mag. Aber es wird viele ehemalige Mitglieder der Gemeinden Beuthen und Breslau geben, die seiner mit derselben Verehrung und Wertschätzung gedenken wie all jene, mit denen er die letzten 32 Jahre seines Daseins gelebt hat. 40 Jahre eines gemeinsamen Lebensweges in schweren wie auch in guten Tagen verdienen ein ausfiirlich.es Gedenken. Rabbiner Israel Egon Löwenstein Jerusalem, Alfasi Str. 37 18

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