Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1972
- Issue
- No. 32 (September 1972)
- Date
- 1972-09-01
- Page
- Seite 11 (sequence 2029)
- Language
- German
- Belongs to
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Medizin - da gibt’s nichts zu lachen oder doch? Die Lehre von der Krankheit beschäftigt schon im Altertum die Angehörigen der Priesterkaste. Später finden sich im Mittelalter bedeutende Vertreter der Heilkunst bei den Juden. Bekannt ist Rabbi Moses ben Maimon oder Maimonides, mehr bekannt unter dem abgekürzten Namen Rambam, eine überaus angesehene Persönlichkeit, die in Aegypten eine hohe Stellung innehatte, zumal ihn sein Herrscher Saladin zum Leibarzt ernannte. — Die noch jetzt Bewunderung heischenden Werke und seine noch heut bestehende Geltung wurde mir recht eigentlich klar, als ich 1928 in Kairo das dortige jüdische Krankenhaus besuchte. Als der leitende Arzt für den kommenden Tag eine Operation anberaumen wollte, machte die begleitende Schwester darauf aufmerksam, dass der Kranke noch nicht den “Rambam” besucht hätte. Auf meine erstaunte Frage erfuhr ich, dass die gläubigen Juden die Nacht vor der Operation in dem noch existierenden rituellen Badehaus (Mikweh) des Rambam verbringen. Aber auch in der späteren Zeit finden sich führende Mediziner, Forscher und Praktiker. Oft haben sie freilich die angestammte Religion gewechselt, um die ersehnte Stellung eines akademischen Klinikers an der Universität zu erreichen. Ich überblicke in Gedanken die medizinische Fakultät Breslaus, wo ich vor ca. 50 Jahren mein Studium der Medizin begann, und wo eine beträchtliche Zahl getaufter Juden als hervorragende Dozenten tätig waren. Viele von ihnen waren geistreiche und witzige Herren. Ich denke da an. zwei Renegaten. Der eine, Prof. Pohl, der Pharmakologe, der andere Prof. Bielschowski, ein gesuchter Augenarzt, der sich durch seine vielen erfolgreichen Schieioperationen den Namen "Schielbowski” aquiriert hatte. Das Kultusministerium wollte ihn als Nachfolger des arischen Geheimrat Uthoff berufen. Die bei der Berufung mitzusprechende medizinische Fakultät Breslau lehnte ihn jedoch ab. Als er aber doch nach Breslau kam und seine Antrittsvisite bei Pohl machte, begrüsste ihn dieser witzige Herr mit den Worten: “Grüss Sie G”tt, sind Sie “unberufen” auch hier? Nicht nur unter vier Augen kannte man solchen Esprit, auch in den Vorlesungen der Klinik gab es mitunter unfreiwillige witzige Situationen. Bei der Besprechung von angeborenen körperlichen Fehlem fragte der Ordinarius der chirurgischen Klinik Geheimrat Prof. Küttner den Praktikanten — es war gerade eine Studentin — was versteht man unter einer Hasenscharte? “Wenn die Lippen nicht Zusammenkommen.” Die Studenten brüllten vor Lachen über diese Antwort der jungen Collegin obwohl sie, vom anatomischen Gesichtspunkte betrachtet, vollkommen richtig war. Aber den eigentlichen Humor sollte ich erst später erleben, als ich mich im Jüdischen Krankenhause Breslau betätigte. Ich fing schon recht frühzeitig hier an praktisch zu arbeiten, um die Handgriffe zu lernen, die eine tüchtige Krankenschwester oft besser beherrscht als der junge Assistent. Diese meine Lehrjahre begannen an der Inneren Abteilung des Krankenhauses, deren Leiter der bekannte Geheimrat Dr. Sandberg war. Er versammelte alle seine Assistenten einmal wöchentlich abends. Neben den medizinischen Referaten, die jeder Teilnehmer an Hand der wöchentlich erscheinenden medizinischen Zeitschriften zu halten hatte, offerierte der Chefarzt die auf einem Tableau entzückend arrangierten Früchte. Man hörte nicht nur von den neuesten Ergebnissen der Medizin, der Chefarzt äusserte auf Von Dr. SEEW WILLIAM BOSS, Tel-Aviv — Jad Elijahu, Margolinstr. 4 Grund seiner langjährigen Erfahrungen seine eigene Meinung. “Also”, begann er am ersten Abend meines Dortseins: “fangen wir mit dem jüngsten Collegen an’.’ Worüber werden Sie sprechen? “Icn beabsichtige — war meine etwas zurückhaltende Antwort — eigentlich erst mal zu hören und zu erfahren, wie sich hier die Angelegenheit abspielt. — ‘Ach so, meinte der Herr Geheimrat”, Sie wollen heute also nur “aufnehmen” und schob mir mit diesen Worten das Obst zu. Ich habe die für mich etwas lächerliche Situation in der folgenden Woche wieder ausgeglichen, indem ich an Hand der soeben erschienenen Medizinischen Presse einen Auszug aus meiner Dr. Dissertation (Gallenblasenoperationen- und Magenchemismus), die Geh. Rat Küttner als eine Arbeit aus seiner chirurgischen Klinik zur Veröffentlichung eingereicht hatte, referierte. Sandberg schmunzelte “Da muss ich jetzt wohl revozieren?” Und ich erwiderte zurückhaltend zwar, im Jargon der Studenten” Aber Sie haben doch damit begonnen mich zu “fordern”. Die anwesende Tafelrunde bestaunte meine schlagfertige Antwort, vielleicht nicht minder als die von führender medizinischer Autorität anerkannte wissenschaftliche Arbeit. Beides hatte vielleicht zur Folge, dass ich als bald von meinem Platz als Anfänger höher eingestuft wurde. Vor Beginn der eigentlichen Röntgenuntersuchung war es damals noch üblich den schattengebenden, jedoch nicht gut schmeckenden Bismutbrei dem Patienten zu verabreichen. Den ersten Löffel, den ich dem russisch-polnischen Patienten zu schlucken gab, spukte dieser sofort wieder aus. “Wenn Sie diesen Brei nicht hintereinander zu sich nehmen, kann man nachher die Röntgenuntersuchung nicht durchführen”. Und schon kam die Stimme des Herrn Geh. Rats aus dem benachbarten Röntgenuntersuchungsraum: “Der Nächste bitte.” — Und ich:, Herr Geh. Rat, der Patient weigert sich entschieden diesen Gips zu sich zu nehmen”, darauf Sandberg: Er streift sich die dicken schützenden Lederhandschuhe ab ebenso die Lederschürze, zieht seine goldene Uhr aus der Westenasche und sagt: “Lieber Herr Alexandrowitsch, ich warte jetzt, jedoch jede Minute meines Wartens kostet Sie 20 Mark extra. Diese Drohung wirkte frappant. In wenigen Minuten war der ganze Teller leer gemacht. — Und ich zog im Stillen die Konsequenzen. Um einen Erfolg zu erzielen, muss der Arzt bei aller Liebenswürdigkeit vor allem auch Psychologe sein. Bei der täglich stattfindenden Krankenvisite am Vormittag begleitete den Geh. Rat sein Oberarzt Dr. Salzberger und ich als Sekretär. Man begann bei einem Privatpatienten mittleren Alters. Sein Bett wurde flankiert von Vater und Mutter, beide mit einem Notizblock in der Hand. Und nun begannen diese übersorgsamen Eltern abwechselnd vorzutragen: 6.15 morgens etwas Husten mit wenig Auswurf, 6.20 Entleerung des Morgenurins, der etwas trübe erschien, 6.35 Die Schwester verabreicht dem Kranken einen Einlauf, da er Bauchdrücken hatte, 7.10 Patient verlangt dringend Tee, da er völlig ausgetrocknet ist. Und die treusorgende Mutter klingelt Sturm, da der Sohn noch kein Frühstück erhalten hat. Der Geh. Rat zupft seinen Oberarzt am Ärmel und sagt: “Salzberger, morgen früh hier Visite um 6 Uhr morgens”. Die Diagnosen von Sandberg waren berühmt, sie wurden mitunter sogar in den Vorlesungen der medizinischen Universitätsklinik als vorbildlich kolportiert. Er konnte freilich auch Schnelldiagnosen stellen, mitunter oft nur um Eindruck bei seinen Assistenten zu erzielen. Ich erinnere mich, wie in der Poliklinik des Krankenhauses ein Mann mit gaumiger Stimme grüsste: Guten Tag, Herr Geheimrat... Und dieser sagte im Weitergehen ohne Untersuchung: “Der Mann hat einen Abcess auf der linken Gaumenmandel und muss operiert werden. Nachdem dies geschehen war, sagte ich dem verehrten Lehrer: “Gestatten Sie mir eine Frage": Die Diagnose “Mandelabcess” konnte der Erfahrene heraushören. Aber woher wussten Sie, ohne zu untersuchen, dass die linke Seite betroffen war? Darauf S. indem er mir lächelnd auf die Schulter klopfte, Lieber Freund, in 50% hatte ich doch von vornherein recht.” Später spielte sich meine Tätigkeit hauptsächlich auf der chirurgischen Abteilung ab., deren Chefarzt Prof. Dr. G. Gottstein war, der den etwas herben Ton aus seiner 15jährigen Assistenten Tätigkeit an der chirurgischen Universitätsklinik (Direktor Geh. Rat Prof. v. Mikulicz- Radetzki) nie völlig abgelegt hatte. Kein Wunder, dass manche empfindsamen Patienten die Behandlung lieber durch den damaligen Oberarzt wünschten. Aber noch war ich junger Anfänger, als am 31. Dezember 1930 eine Frau mit einem eingeklemmten Bruch abends eingeliefert wurde. Die übrigen Assistenten feierten “Sylvester” ausserhalb des Krankenhauses. Ich läutete den Chef sofort an, und dieser sagte, offenbar auch in gehobener Stimmung: “Na, da operieren Sie doch. Die erfahrene Operations - Krankenschwester Ida wird Ihnen schon assistieren". Und in der Tat ging alles gut von statten. Ich Neuling habe freilich nachts kein Auge zugemacht, sondern alles Selterwasser aus dem Aerzte-Kasir.o vertilgt. Tags darauf ging ich alle paar Stunden zu meiner Operierten, um mich über ihr Befinden zu orientieren. Da zitierte mich plötzlich der Professor mit meinem Klingelzeichen in sein Zimmer. “Herr College, sagte er, Es ist hier auf meiner Abteilung üblich, dass morgens der Assistent seine Visite macht, am Vormittag der Chefarzt und nachmittags der Oberarzt mit dem Assistenten. Wenn Sie so häufig, wie gegenwärtig zu Ihrer Patientin gehen, wird sie vielleicht glauben, sie sei besonders schwer krank und würde dadurch Schaden leiden. Halten Sie sich also bitte an die Hausordnung”. Als die Patientin gesund entlassen werden sollte und wie in solchen Fällen stets dem Chefarzt vorgestellt wurde, wollte sie seine Hand küssen und sagte: Wie soll ich Ihnen danken, mein Lebensretter?” Dr. Boss steht neben mir, ihm können Sie danken, dass er Ihnen das Leben gerettet hat.” Diese im Grunde ehrliche Art meines Chefs verfehlte auch nicht bei den ihm anvertrauten Kranken Achtung und Dank. Ein aus Polen stammender Kranker kam, als Gottstein auf Urlaub ging, in meine Weiterbehandlung. Als ich nach der vermehrten Anstrengung durch die Vertretung endlich einmal in der Mittagsstunde ausruhen wollte, klopfte dieser Patient an meiner Zimmertür. “Verzeihen Sie, Herr Doktor, nur eine Frage”, was verdient so ein Professor? Dieses Zutrauen hat mir der gute Mann aus Czenstochau auch nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus bewahrt. Eines Tages erhielt ich aus seinem polnischen Wohnort ein Telegramm folgenden Inhalts: Sohn mit Abcess am After schwer erkrankt, muss sofort ope- (Fortsetzung auf Seite 12) 11