Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1972
- Issue
- No. 32 (September 1972)
- Date
- 1972-09-01
- Page
- Seite 6 (sequence 2024)
- Language
- German
- Belongs to
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Die „Gesellschaft der Freunde" in Breslau ODER „DAS LIED VON DER FREUDE 1. "Des Jubelkinds Wiege, wir schaukeln sie flott, Es nahet ein festlicher Reigen. Es stampft mit dem Dreizack den Boden der Gott: Alt-Breslau, jetzt magst Du Dich zeigen.” Nach diesen Worten aus dem Festspiel Georg Tarnowskis stieg in dem herrlichen Festsaale im Hause der "Freunde” auf der Neuen Graupenstr. in Breslau Gott Neptun alias der "‘alle Gabeljürge” vom Neumarkt von seinem Podest herab und stellte sich an die Spitze eines Festzuges, durch den unter der Devise “Alt-Breslau” die “Gesellschaft der Freunde” ihr 90. Jubiläum feierte. Das war im Januar 1911. Auf der Höhe waren: das Deutsche Reich Otto von Bismarcks, die ungerechtfertigte Selbstsicherheit der deutschen Juden und damit die Freude bei den “Freunden” Vorangetragen wurden dem Festzuge Bilder verstorbener Mitglieder; Meister Laboschin hatte sie gemalt, der in seinem Atelier am Tauentzienplatz eine ähnliche Rolle für Breslau spielte wie am Pariser Platz Liebermann für Berlin Laboschin war gross als Radierer und hat viele Ansichten von Breslau geschaffen, darunter auch zwei vom Gesellschaftshause der “Freunde”. Seine Oeibilder waren weniger vortrefflich und wurden als “Laboschinken” verspottet. Seine Bilder des Freundehauses befinden sich auf und in der “Festschrift” zum 100. Jubiläum der Gesellschaft, die von den Schriftführern San.-Rat Dr. Richard Kayser und Rechtsanwalt Dr. Georg Tarnowski abgefasst wurde. Für die ersten 50 Jahre basiert sie auf den “Erinnerungsblättern” meines Grossvaters Julius Hainauer, des damaligen ersten Direktors, die gelegentlich des 50. Jubiläums der Gesellschaft am 9.1.1871 in Form eines Büchleins erschienen. — An der Geschichte der “Gesellschaft der Freunde” in Breslau kann man die Geschichte der deutschen Assimilationszeit ablesen. 2. Zwei junge Männer, Henry Maria Melford und Joel Bernard, “beide gesellige und mittteilsame Naturen” hatten sich in der “Tabagie” im ersten Stock des Hauses “zur Krone” am Ringe recht wohl gefühlt bis durch einen Zufall bekannt wurde, dass sie Juden seien. Von da ab fanden sie an keinem Tische mehr Platz. So fassten sie auf Anraten Melfords den Entschluss, eine eigene Gesellschaft zu gründen, der am 2. November 1820 dreissig junge Männer beitraten. Der eigentliche Gründungstag war der 9. Januar 1821. Dr. Kayser in der “Festschrift” sagt: “Die Gründung der Gesellschaft... wirft ein grelles Schlaglicht auf die Zustände in Preussen vor 100 Jahren. Nachdem der fremde Eroberer... aus Deutschland vertrieben war... erlangten... die regierenden Klassen ihre frühere Machtstellung und Festigkeit wieder. Jetzt versuchten sie, die ...abgerungenen Reformen und Zugeständnisse soweit als möglich aufzuheben oder abzuschwächen. Und wie immer trat als deutliches Zeichen der Reaktion der Judenhass zutage”. Das deutsche Volk hat die von Napoleon dekretierte Judenfreiung niemals akzeptiert und sie in der Literatur immer wieder bekämpft. Die Geschichte der “Freunde” hat mit Judenhass begonnen wie sie mit Judenhass endete. Zweck der Gesellschaft sollte es sein, “den Mitgliedern Gelegenheit zu geben, dass sie in edler Gesellschaft und in traulichem Kreise die Abende verbrachten und die geistigen Kräfte in wohlthätiger Übung erhielten”. Nur unverheiratete Männer nach zurückgelegtem 18. Lebensjahre sollten Aufnahme finden. Später wurden auch Vereiratete als Ressourcen - Mitglieder aufgenommen, was viel Widerspruch erregte. Es war also eine Art jüdischer Club, der der Freundschaft, Geselligkeit, der Ablenkung von Tagessorgen, kurz der Freude diente. Und es kann vorwegnehmend gesagt werden, dass die Gesellschaft diese ihre Hauptaufgabe über 115 Jahre lang vorbildlich gelöst und damit vielen jüdischen Menschen einen gesellschaftlichen Zusammenhang, ja oft einen Lebensinhalt gegeben hat. “Wem der grosse Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein...” Sehr bald nach der Gründung aber wurde es den jungen Leuten klar, dass Geselligkeit, Freundschaft, Ablenkung kein hinreichender Inhalt für einen gesellschaftlichen Zusammenschluss bilde und so wurde der Gesellschaft ein weiterer Inhalt gegeben: die Wohltätigkeit. Im Laufe der über hundert Jahre ihres Bestehens hat die Gesellschaft diese Wohltätigkeit gegenüber notleidenden Mitgliedern, Witwen und Waisen grosszügig geübt. Der Witwenfonds und der Waisenfonds betrugen im Jahre 1920 (der letzten greifbaren Zahl) 2 81.384.— Mark. Das ist ein Betrag, mit dessen Zinsen schon allerhand Gutes getan werden konnte. Trotzdem würde man fehlgehen, wollte man die Wohltätigkeit für den Hauptinhalt der “Gesellschaft der Freunde” halten. Er war die Hauptsache an der Peripherie dieses Menschenkreises, den Mittelpunkt bildete das Gesellschaftliche. Das schöne Haus auf der Graupenstrasse war nicht eine Auszahlungskasse sondern ein Gesellschaftshaus, das den Mitgliedern in zweifacher Weise Ablenkung bot. Da war zunächst der Alltag, den am Nachmittag und Abend viele Mitglieder bei Spielen verbrachten: hauptsächlich Skat und Schach oder Billard; das Dominospiel verlor mit der Zeit an Interesse. Die grosse Masse der Mitglieder aber hatte ihre Freude an den grossen Veranstaltungen: Vorträgen, musikalischen Darbietungen, Teenachmittagen und vor allem an den gewissermassen berühmten Ballabenden, die meist unter einer bestimmten Devise standen. Da war: der “Märchenhafte Tag in Kairo” am 9.11. 1889, das “Chrysantemumfest” am 18.3.1899, “Des Kindes Traumwelt" am 24.2.1903 mit reizvollen Märchenspielen. “Die Einweihung der Markthallen in Kleinstädter’ am 28.1.1905, Der “Wollmarkt in Breslau” am 7.3.1908. “Freude heisst die starke Feder In der ewigen Natur. Freude, Freude treibt die Räder In der grossen Weltenuhr...” 3. Die Gesellschaft hatte in ihren ersten 55 Jahren viele verschiedene Lokale für ihre Zwecke benutzt, angefangen vom Hause Antonienstrasse 30 über das “Goldene Kreuz” am Ringe bis endlich 1863 nach langen Mühen der Gesellschaft “die Rechte einer juristischen Person in Gnaden verliehen“ wurden und sie das Hotel “König von Ungarn” auf der Bischofstrasse kaufen konnte. Auch diese Räume erwiesen sich als zu klein, und so ist es denn schliesslich 1877 zu dem grössten Schritte gekommen, zu dem Bau des schönen Hauses auf der Neuen Graupenstrasse. Der Bau, von Architekt Steier aus Tempelhof stammend, kostete 217.000 Mark; die Einweihung erfolgte am 11. November 1877. Der südliche Anbau nach dem Garten zu, Anfang 1901 beendet, kostete noch einj» mal 90.000 Mark. In diesem neuen Hause hat die “Gesellschaft der Freunde” ihre höchste Blüte erlebt. Schon Grossvater Hainauer hat berichtet, dass bei einem Ballfest am 24. Februar 1861 nicht weniger als 1200 Personen teilnahmen. Im Februar 1887 musste ein Kostümfest abgesagt werden, da die Teilnahme mit 562 Personen für das Gesellschaftshaus zu gross war. Die Gesellschaft hatte noch ein besonderes Glück, da ihr in der Person. des Kaufmann Richard Lobethal ein Festarrangeur von hohen Graden erwuchs. In diesem Manne muss ein Regisseur verloren gegangen sein. Der Hausdichter Carl Biberfeld hat ihm einen gedichteten Nachruf gewidmet, in dem es unter anderem heisst: “Wo froh die Zungen, die Geister, Bacchus zu lösen wusst’, Warst Du der Lehrer, der Meister, Der Herold lachender Lust!” Und nach Georg Tarnowski, der Verfasser des Teiles “das Gesellschaftliche Leben” in der Festschrift zum 100. Jubiläum spricht von Lobethals Hingabe an die Gesellschaft in den höchsten Tönen. So kamen die grossartigen Feste zustande, von denen einige oben zitiert wurden. Richard Lobethal, der schon 1909 starb, hat keinen gleichwertigen Nachfolger mehr gefunden. Die Zeiten verschlechterten sich ständig. Die Lage des Gesellschaftshauses war anfänglich schlechthin ideal gewesen. Die Juden Breslaus kamen von der Ursulinerstrasse nahe der Burg, wohnten dann später In der Umgebung des Karlsplatzes und der Hundegasse (Antonienstrasse) und zogen allmählich in die Umgebung des Berlinerplatzes. Vor allem war es die Freiburgerstrasse, die man nahezu eine Judengasse hätte nennen können. Das Gesellschaftshaus gegenüber dem Eingang der Freiburgerstrasse lag also vorzüglich. Leider blieb das nicht so. Schon in den achtziger Jahren setzte der Zug nach dem Süden ein, der dem Zug nach dem Westen m Berlin entsprach. Von der Südstadt aber war die Graupenstrasse nur schwer zu erreichen. Es kam hinzu, dass die öffentlichen Vorträge und musikalischen Darbietungen in Breslau zahlreicher wurden, so dass sie bei den “Freunden” an Reiz verloren. 4. Es hat in der "Gesellschaft der Freunde” noch eine weitere Tendenz gegeben, die in den Statuten nicht erwähnt ist, aber Grossvater Hainauer spricht sie an einer Stelle unverblühmt aus. Im Dezember (offenbar 1840) ging bei der Direktion ein Schreiben des berühmten Rabbiners Dr. Geiger ein mit der Bitte, sich bei dem geplanten Bau einer grossen Synagoge finanziell zu beteiligen. “Die Verwaltung... konnte dem Wunsche nicht entsprechen, weil die Direktion damals wie heute (1871) Alles fern hielt, was nicht in den Wirkungskreis des Vereins gehörte und Aufregung in den Gemütern zu erzeugen angethan war”. In gleichem Sinne wird an anderer Stelle inbezug auf die Revolutionsjahre 1848/9 gesagt: ”mit Stolz kann die Gesellschaft sagen, dass vor ihrer Tür alle Parteileidenschaft, jeder Zwist, jede Uneinigkeit Halt gemacht und nie die Schwelle überschritten hat.” Wer das Tor des Tempels der Laetia hinter sich schloss, liess die rauhe Wirklichkeit gewissermassen draussen. Hier lag die Stärke, hier lag die Schwäche der "Gesellschaft der Freude” in Breslau. 6