Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1972
- Issue
- No. 32 (September 1972)
- Date
- 1972-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 2023)
- Language
- German
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OSTJUDEN IN BRESLAU geordnete wirtschafliche Existenz zu ermöglichen. Manche von ihnen waren Handwerker und konnten sich als solche etablieren; wir hatten ihnen nur bei der Beschaffung eines geeigneten Baumes behilflich zu sein. Andere begannen mit einem kleinen Handel (oft als Hausierer), den sie allmählich ausbauten; manche von ihnen brachten es zu recht ansehnlichen Geschäften. Die Unterbringung in Anstellungs- oder Arbeitsverhältnissen war anfangs möglich, wurde aber dann immer schwerer. Als Arbeitserlaubnisse nicht oder nur noch selten zu beschaffen waren, gründeten wü Eingetragene Genossenschaften. Die Mitglieder einer solchen Genossenschaft galten als “Selbständige” und bedurften keiner Arbeits-Erlaubnis. Etliche junge Leute gingen auch aufs Land als Arbeiter bei Bauern. Das “Märchen” von dem arbeitenden Juden sprach sich herum, und die Bauern aus Nachbardörfern kamen, um diesen ungewohnten Anblick eines arbeitenden Juden zu geniessen. Oft hatten wir vor planlosen Unternehmungen zu warnen. Menschen meldeten ein Gewerbe an und gaben für die Eröffnung eines Betriebes Geld aus, um nach kurzer Zeit einzusehen, dass sie keine Ware bekamen, kein Betriebskapital und keine Ahnung vom Geschäftsleben hatten. Unsere Tätigkeit für die Ostjuden erstreckte sich auf alle Gebiete bei denen der Bürger und vor allem der Ausländer mit den Behörden des Staates in Berührung kommt. Das war besonders in jenen ersten Jahren nach dem Kriege ein sehr weites Gebiet. Es darf auch nicht verheimlicht werden, dass Devisen- Gesetzgebung und Zwangswirtschaft auf vielen Gebieten, vor allem mit Lebensmitteln, für Menschen, die nicht eben zur gehorsamen Befolgung von Staatsgesetzen erzogen waren, einen ernsten Anreiz zu illegaler Tätigkeit boten. Dabei verschliesse ich mich übrigens nicht der Tatsache, dass sehr viele Deutsche, vielleicht ihre Mehrzahl, unter ihnen Menschen aller Kategorien, auch Angehörige der gehobenen und höchsten Stände, am schwarzen Markt kauften, und dass die Grossgrundbesitzer, die sich als Elite des deutschen Volkes fühlten, sehr gern Gewinne am schwarzen Markt machten. Aber die illegalen Geschäfte des “kleinen Mannes”, der einerseits gar nicht “dazu gehörte” und andererseits in einer ihm feindlichen Umgebung in der Umgehung von Gesetzen geschult war, waren nun einmal besonders verpönt — im Gegensatz zu den “honorigen” schwarzen Käufen und Verkäufen der “obersten Zehntausend”. Uns war klar, dass illegale Betätigung der eingewanderten Ostjuden, wenn sie sich zu einer Massenerscheinung entwickelte, ihre Situation ernstlich gefährden könnte. Wir versuchten deshalb jegliche Art persönlichen Einwirkung, um solche Betätigung einzudammen und wir hatten auch einen gewissen Erfolg damit — vor Eillem dann, wenn es uns gelang, den Menschen eine gesunde, wenn auch bescheidene Existenz zu beschaffen und das gelang in der Mehrzahl der Fälle. Den Kampf um die Rechte der Ostjuden und um ihre Eingliederung in die umgebende Welt hatten wir noch nach einer anderen Seite zu führen: Mit der überwiegenden Mehrheit der eingesessenen Judenheit. Die deutschen Juden in ihrer Mehrheit liebten es nicht “aufzufallen”. Man verheimlichte nicht etwa sein Judentum, aber man liebte es nicht, daran in der nicht jüdischen Umwelt erinnert zu werden. Man zog es vor den anderen, d.h. den Nicht-Juden, möglichst gleich zu scheinen. Hier nun tauchten Menschen auf, denen man ihr Jude-sein sozusagen “von weitem ansah”. Sie sprachen jiddisch oder ein vom Jiddischen erheblich beeinflusstes Deutsch. Sie “sahen jüdisch aus”. Man sah sie vielfach auf den Strassen (überall in der Welt, auch in Israel, ist “der Neue” naturgemäss mehr unterwegs als der sesshaft Gewordene). Sie hatten auch keine-“Kultur”, dh. nicht diejenige Kultur, in der die deutschen Juden aufgewachsen waren, die deutsche Kultur. Dass manche oder viele von ihnen jüdische Kultur mit sich brachten, war nur ein weiteres missliebiges Moment. Die Reaktion des durchschnittlichen deutschen Juden, wenn er kein Zionist war, war doppelt: Er befürchtete von dieser Art der Zuwanderung ein Anwachsen des Antisemitismus und er wünschte nicht, als wesentlich mit diesem ihm neuen und als fremd empfundenen Element angesehen zu werden, weder bei sich selbst, noch bei anderen. Wenn ich hier eine Art “mittlere Linie” kennzeichne, so möchte ich mich ausdrücklich gegen den Verdacht einer ungerechten Verallgemeinerung schützen. Es gab auch andere, Menschen die sich vorbehaltlos für die Ostjuden einsetzten. Der prominente Vertreter einer solchen Haltung war der Gemeinde-Rabbiner Dr. Vogelstein s.A. Er war ein extremer Antizionist und liess sich im Kampfe gegen den Zionismus oft zu geradezu exzessiven Verhalten hinreissen. Vielleicht steigerte gerade dieses sein Verhalten den Wunsch, seine innere Verbundenheit mit jedem Juden auf andere Art zu demonstrieren. Das jüdische Arbeiterfürsorgeamt bat ihn des öfteren, bei Behörden zu intervenieren, wenn wir namiich den Eindruck hatten, dass das Ercheinen des Gemeinderabbiners der Sache eines Ostjuden nützlich sein könnte. Dr. Vogelstein hat jeden “Auftrag” dieser Art sofort und unter Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit erfüllt. Er war nicht der einzige Gutgesinnte. Es gab auch noch einige andere. Aber die grosse Mehrheit musste wie schon gesagt, erst erobert werden. Einer der ersten, die wir gewinnen wollten, war Eduard Sachs Vorsitzender der Synagogen- Gemeinde Breslau. Er war damals wohl schon 90 Jahre alt, aber im vollen Besitz seiner beträchtlichen geistigen Potenz und überall hoch angesehen. Seine liberalen Kollegen, die ihn in sein Amt eingesetzt hatten, wagten nicht, ihm in irgend einer Sache zu widersprechen. Ich war damals ganz frisch als Vertreter der Zionisten in die Repräsentantenversammlung eingezogen und bei weitem der Jüngste in diesem Forum. Auf meinen Antrag dass die Gemeinde sich am Arbeiter- Fürsorgeamt beteilige, erwiderte Sachs in sehr unfreundlicher Form und mit verletzenden Berner kungen über das zuwandernde Element. Da geschah etwas Ungewohntes und Unerwartetes: Ich verteidigte nicht nur die Ostjuden, sondern wies die absprechenden Bemerkungen des Vorsitzenden mit Schärfe zurück. Eduard Sachs hatte eine solche Sprache offenbar noch nie zu hören bekommen. Er reagierte, wie nur Menschen von nobler Gesinnung zu reagieren wissen: Wenige Wochen später lud er mich zu einer Unterhaltung ein und eröffnete mir, dass er für die Beteiligung der Gemeinde am Arbeiterfürsorgeamt eintreten werde. Ich habe Einzelfälle geschildert, und bei beiden handelte es sich um ungewöhnliche Persönlichkeiten. Trotzdem kann man aus diesen Fällen bereits lernen, worauf es uns ankam: Wir bekamen von deutschen Juden, die den Zionismus ablehnten, sehr oft zu hören, dass ihnen Judentum und Judenheit nicht weniger bedeute als uns Zionisten. Hier nun sollte sich erweisen, wie sie sich zu einer Sache stellten, die — besonders nach ihrer Mentalität — nicht immer angenehm war und ihre eigene Situation (wieder in ihrem Sinne gesprochen) doch wohl gefährdete, die aber nun einmal eine jüdische Angelegenheit war. Wir Hessen nicht ab, ihnen diese Frage vorzulegen. Viele von ihnen waren der Frage, ob ihr Jude-sein praktische Konsequenzen für sie habe, ausgewichen. Sie gingen feiertags in die Synagoge, sie gaben Geld für die Bedürftigen, sie unterstützten den Kampf gegen den Antisemitismus. Das alles griff in ihren Lebensbereich kaum ein. Jetzt aber hatten wir sie in eine Situation gebracht, in der sie gezwungen waren, Stellung zu nehmen. Sie mussten entweder ihren Teil an unserem Hilfswerk auf sich nehmen (materiell, aber vor allem moralisch) und sich damit sozusagen bürgerlich und gesellschaftlich kompromittieren — oder sie mussten sich der Aufgabe entziehen, und damit nahmen sie das Odium auf sich, die jüdische Sache im Stfch gelassen zu haben. Es war nicht leicht, die Herzen zu erobern — aber es gelang. Wir machten Propaganda für unsere Sache in Versammlungen, ln den Logen, in Versammlungen der verschiedensten jüdischen Organisationen, in engeren Kreisen in Privathäusern — und der Erfolg überraschte uns selbst. Diejenigen, die sich “deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens” nannten, traten unserer Sache bei, förderten sie und brachten damit — mitunter vielleicht ungewusst und ungewollt — zum Ausdruck, dass sie an das Judentum auch noch etwas anderes als "der Glaube” band — nämlich die Solidarität aller Juden. Es war — so glaubte ich damals, und so glaube ich auch jetzt noch — keine schlechte zionistische Propädeutik. Unsere Hilfsarbeit für die Rechte der Juden lenkte seit etwa 1924 in ein ruhigeres Tempo ein. Der Zustrom war feist ganz versiegt, die schon Angeklagten hatten zumeist ihr Leben und ihre Existenz irgendwie organisiert. Schon etwas früher hatte sich eine enge Zusammenarbeit zwischen uns und dem Palästina-Amt entwickelt. Wir brachten Jugendliche in Hachscharah-Zentren unter. Wir verschafften nicht wenigen von ihnen Zertifikate für Einwanderung nach Erez-Israel. Aber die Notwendigkeit, vielen Einzelnen in ihren politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Angelegenheiten beizustehen, blieb bestehen. Hin und wieder ereignete sich auch ein Fall von Ausweisung. Eine solche Massnahme hatte immer triftige Gründe. z.B. Kriminalität, politisch verfehmte Umtriebe etc. Meist aber blieb es bei dem Ausweisungs- Befehl; seine Durchführung machte den Behörden viel Kopfzerbrechen weil die Betroffenen staatenlos waren oder ihre Staatsangehörigkeit unklar war und also die Nachbarstaaten zur Übernahme des Ausgewiesenen nicht bereit waren. Da erfanden die zuständigen Behörden etwas Neues: Anstatt den Ausgewiesenen über die Grenze abzuschieben, befahlen sie ihm, das Reichsgebiet zu verlassen, und drohten Ihm für den Fall, dass er den Befehl nicht innerhalb bestimmter Frist befolge, eine “Erzwingungs-Strafe” an. Diese Strafe bestand aus 2—6 Wochen Gefängnis, und sie konnte beliebig oft wiederholt werden, sodass der Betroffene der ständigen Drangsalierung nicht mehr standhalten konnte. Aber auch gegenüber dieser Tätigkeit blieben wir nicht ohnmächtig. Ich will zur Illustration einen Fall erzählen: E. war von Rumänien nach Polen, von Polen wieder nach Rumänien abgeschoben worden, in beiden Ländern gleichwohl wegen Fahnenflucht bestraft. Nachdem er reichlich umhergetrieben war, kam er nach Breslau. Er machte uns von Anfang an den Eindruck, als ob er etwas verheimlichte. Nach einiger Zeit warnte uns die Polizei: E. sei Kommunist und nehme aktiven Anteil an kommunistischen Aktionen. Ich bestellte ihn zu mir und riet ihm dringend, seine politische Betätigung aufzugeben; ich versuchte ihn davon zu überzeugen, dass er — unbeschadet seiner Gesinnung, die niemanden etwas anginge — sich als Gast in Deutschland betrachten müsse und das Gastrecht nicht verletzten dürfe. Ich machte ihm natürlich auch klar, dass er die Ausweisung riskierte. Seine Antwort war verblüffend: “Ich will Ihnen die Wahrheit sagen. Ich war in Rumänien (Fortsetzung auf Seite 8) 5