Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1972
- Issue
- No. 32 (September 1972)
- Date
- 1972-09-01
- Page
- Seite 3 (sequence 2021)
- Language
- German
- Belongs to
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OSTJUDEN IN BRESLAU reu Kampfes, um sie für die Sache zu gewinnen. Seit wir ein Büro und einen Angestellten hatten, nahm die Tätigkeit feste Formen an. Der erste Akt unserer Arbeit war in der Mehrzahl der Fälle: Stellung eines Verteidigers für das Strafverfahren wegen unerlaubter Grenzüberschreitung (mitunter auch wegen anderer Delikte, z.B. wegen Versuches, den überwachenden Grenzbeamten zu bestechen). Dann kam die Sorge um Arbeit oder Gewerbe- Anmeldung, um Wohnung etc. Auf vielen Gebieten bestand eine grosse Rechtsunkenntnis bei den Behörden. Es kam mitunter zu Vorfällen, die der Komik nicht entbehrten. Einige Beispiele mögen hier angeführt sein: Einem jüngener Ostjuden wurde (auf Grund der neuen Demobilmachungs- Bestimmungen) die Arbeitserlaubnis versagt. Ich ging zur Bezirksregierung und wurde dort von einem älteren Regierungsrat empfangen, der noch in den Begriffen der “guten alten Zeit” verwurzelt war. Als ich ihm den Fall erzählt hatte, erwiderte er: “Ein Mensch will arbeiten, und man erlaubt es ihm nicht? So etwas gibt es nicht.” Der junge Mensch erhielt auf der Stelle die Arbeitserlaubnis. — Ein Magistratsrat der Stadt Breslau gab eines Tages seinem Sekretariat die Anweisung, keine Gewerbe-Anmeldungen von Ausländern entgegenzunehmen. Ich ging mit dem Friedensvertrag in der Hand zu ihm und fragte ihn, ob er Deutchland in einen neuen Krieg verwickeln wollte. Er erschrak heftig, als er sich davon überzeugen musste, dass seine Massnahme gegen den Friedensvertrag verstiess. — Einem zugewanderten jüdischen Kaufmann wurde eine Warensendung, die nach Ratibor gerichtet war, wegen Verstosses gegen Ausfuhr-Bestimmungen beschlagnahmt. Er machte geltend, dass die Sendung nicht für das Ausland, sondern wirklich für Ratibor bestimmt war. Darauf kam vom Reichswirtschaftsamt in Berlin die ironische Antwort: “Soviel hier bekannt ist, gehört Ratibor zu Polen.” Tatsache aber war, dass Ratibor zu Deutschland gehörte. Was an diesen Fällen interessant ist, das ist die Tatsache, dass viele Beamte ln jener Zeit sich in den neuen Zuständen und Gesetzen noch nicht zurecht fanden. Es gelang uns in kurzer Zeit, Ordnung in die bis dahin chaotische Situation der Ostjuden in Breslau zu bringen. Sie fanden bei uns Rat und Hilfe und begannen, sich unter unserem Schutz irgendwie geborgen zu fühlen. Das gefiel dem Polizeipräsidenten nicht. Die Ausländer in Breslau waren ihm ein Dom im Auge. Zwar war er Sozialdemokrat — aber der Widerwille, mit d. der deutsche “Patriot” das Wort “polnischer Jude” auszusprechen pflegte, sass ihm tief im Blute. Er nahm also die Sache entschlossen in seine Hand und arrangierte zur Erörterung des Problems eine Zusammenkunft, zu der er auf der einen Seite die Vertreter aller in Breslau ansä'ssigen Behörden (Oberpräsident der Provinz, Regierungspräsident, General-Kommandeur, Festungs-Kommandantur, Landes-Grenzpolizei usw.), auf der anderen Seite die Vertreter der örtlichen jüdischen Organisationen einlud. Man muss dazu wissen, dass zu jener Zeit keine zentrale Regelung der einschlägigen Fragen bestand und die örtlichen Behörden über das Schicksal von Ausländern befanden. Die jüdischen Vertreter trafen sich zu einer Vorbesprechung. Man machte den Vorschlag, Aufenthaltsrecht für diejenigen zu verlangen, die vor dem 1.8.1918 nach Deutschland gekommen waren (in der Mehrzahl zwangsweise durch das Militär nach Deutschland zum Arbeitsdienst verschleppt), und sich mit der Ausweisung aller anderen abzufinden. Ich erhob heftigen Einspruch und verlangte, dass wir jeglichen Stichtag ablehnen und uns jeder Ausweisung widersetzen sollten mit der Begründung, dass es sich um Flüchtlinge handele, die aus einer Zwangslage heraus nach Deutchland gekommen seien. Es gelang mir nicht, mit meiner Ansicht durchzudringen. Ich blieb allein. Alle anderen wurden sich darüber einig, den 1.8.1918 als Stichtag zu akzeptieren. Ich erklärte, dass ich mich nicht an diesen Entschluss binde, und dass ich meinen eigenen Standpunkt vertreten würde. Es kam zur Sitzung. Sie war voll beschickt. Es war eine erlauchte Gesellschaft — wenn man den Dingen noch mit dem Respekt begegnete, den jeder gute Deutsche in der wilhelminischen Zeit vor dem hohen Amtsträger hatte. Der Polizei- Präsident hielt das einleitende Referat. Er wollte diese Ausländer, die ihm Scherereien machten, los sein, und ausserdem liebte er diese Juden nicht. Aber in seinem Eifer liess er sich zu Fehlern hinreissen. Er gab über die Zahl der in Breslau befindlichen Ausländer etwa das Dreifache dessen an, was man mir einige Tage vorher in seinem eigenen Büro gesagt hatte. Er sprach den völlig unbelegten Verdacht aus, dass irgend eine grosse “Schiebung”, von der die Zeitungen damals berichteten, durch Ausländer verübt worden sei. Diese Entgleisungen waren gutes Material für unsere Sache. Es gelang mir, als erster nach dem Referat zu Worte zu körnen. Ich wies dem Polizei Präsidenten seine Unrichtigkeiten nach und argumentierte ausführlich zur Sache selbst, wobei ich fühlte, dass ich Boden gewann. Da aber geschah das Unheil: Einer der Vertreter der anderen jüdischen Organisationen erhob sich, sprach viele schöne mitleidige Worte und erklärte, dass alle anwesenden jüdischen Organisationen, ausgenommen allein die Zionistische Ortsgruppe, deren Vertreter soeben gesprochen habe, sich dahin geeinigt hätten, den 1.8.1918 als Stichtag anzuerkennen. Er „bat” von einer Ausweisung derer, die vor dem Stichtage gekommen seien, abzusehen. Was nun geschah, braucht kaum noch erzählt zu werden: Der Vertreter des Regierungspräsidenten verbreitete sich über das Problem und sagte abschliessend, dass man den 1.8.1918 als Stichtag ansehen müsse, da doch die Vertreter der jüdischen Organisationen selbst dieser Ansicht seien. Die Schlacht war also offensichtlich verloren. Und doch war sie es nicht. In Breslau bestand damals eine sonderbare Behörde. Es gab einen “Kommissar für öffentliche Ruhe und Ordnung”. Er hiess Hörsing und war ein alter, gutherziger Arbeiterführer. Seine Kompetenzen waren völlig unklar. Die Regierung der Volksbeauftragten hatte ihn sein Amt eingesetzt, und er hatte keine, das heisst — nach damaligen Begriffen — alle Zuständigkeiten. Auf ihn setzte ich meine Hoffnung. Aber wie sollte ich zu ihm Vordringen? Da erfuhr ich, dass er als “Justitiar” den jüdischen zionistischen Rechtsanwalt G. hatte. Ich wandte mich an G., und er erbot sich, für mich um eine Audienz bei Hörsing zu bitten. Ich sagte ihm, dass mir viel daran gelegen wäre, nicht als Bittsteller zu erscheinen, im Gegenteil, von Hörsing eingeladen zu werden. Er begriff und verwickelte Hörsing eines Tages in ein Gespräch über die Frage der Ostjuden. Inmitten des Gespräches sagte er zu Hörsing: “Ich weiss darüber nicht so genau Bescheid, wenn Sie sich mit jemandem unterhalten wollen, der in diesen Dingen bewandert ist, laden Sie doch meinen Kollegen Jacobsohn zu sich ein.” Darauf Hörsing: “Wird er denn bereit sein, zu kommen?” G. versicherte ihm, dass er mich zu einem Besuch bei Hörsing würde bewegen können. Es wurde eine sehr lange Unterredung. Ich fühlte deutlich, dass Hörsing ein Herz hatte für alle, die in Not waren. Das allein gewann ihn für die Ostjuden, um deren Schutz ich ihn bat. Er erklärte sich bereit einzugreifen, fügte aber hinzu, dass er das nicht auf Bitten eines Einzelnen tun könne, sondern dass ich ihm ein Memorandum einer (möglichst grossen und anerkannten) jüdischen Organisation bringen müsse. Das versprach ich, ohne im Augenblick zu wissen, welche Organisation ich für diesen Zweck mobilisieren könnte. Ein Memorandum unserer Breslauer Zionistischen Vereinigung hätte leicht mit der entgegengesetzten Haltung der anderen Kreise abgetan werden können. Daher entschloss ich mich für einen anderen Weg. Ich sandte dem Jüdischen Arbeiterfürsorgeamt in Berlin den fertigen Entwurf eines langen Memorandums mit der Bitte, ihn zu unterschreiben und an Hörsing zu senden. Ich wurde nicht enttäuscht. Berlin unterschrieb, Hörsing bekam die Darstellung und schrieb an den Polizeipräsidenten sofort einen Brief, der den den einzigen lakonischen Satz enthielt: “Ich verbiete bis auf weiteres alle Ausweisungen von Ausländern." Mir war klar, dass das keine Lösung auf die Dauer war. Aber für einige Zeit waren wir gesichert, konnten unsere Arbeit ausbauen und unsere Situation festigen. Aber noch war eine zweite Schlacht zu schlagen: Mit den Vertretern der anderen jüdischen Organisationen, meinen Kollegen im Vorstand des Jüdischen Arbeiterfürsorgeamtes in Breslau. Ich hatte ja hinter ihrem Rücken gehandelt. Sie wussten weder von meiner Unterredung mit Hörsing noch von dem Memorandum, das die Berliner Zentrale auf mein Betreiben an Hörsing gesandt hatte. Das Verhängnis brach sehr bald über mich herein. Einige Wochen nach den soeben erzählten Ereignissen fand eine Sitzung unseres Vorstandes statt. Auf der Tagesordnung standen nur Routine-Angelegenheiten. Aber noch ehe wir begannen, zog Sanitätsrat J., ein Mitglied unseres Kreises, ein ansehnliches Manuskript aus der Tasche. “Meine Herren, ich möchte Ihnen etwas Interessantes vorlesen” so begann er, und dann las er das ganze Memorandum vor. Es dauerte lange genug, und ich konnte Inzwischen überlegen, wie ich mich verhalten sollte. Als er geendet hatte, erklärte ich: “Das Memorandum entspricht genau einem von mir verfassten Entwurf.” Jetzt brach ein Unwetter los: “Herr Kollege, rief Herr Justizrat N., ”ich bin starr. Wie können Sie derartiges tun, ohne uns zu fragen, da wir doch hier zusammensitzen”. Ich liess ihn reden und sagte dann, dass ich als Privatperson und nicht im Namen unserer gemeinsamen Organisation gehandelt habe. Das liess man natürlich nicht gelten. Schliesslich hielt ich es für richtig, alle Diplomatie fallen zu lassen. Ich sagte: “Wenn ich nicht korrekt gehandelt haben sollte, so Ist mir jedenfalls das Schicksal einiger hundert Ostjuden wichtiger als die Korrektheit Ihnen gegenüber. Da aber fiel mir ein sehr alter und gütiger Richter, der den Titel Geheimer Justizrat trug, ins Wort und sagte “Es wäre ja vielleicht schöner gewesen, wenn der Kollege Jacobsohn uns vorher gefragt hätte, aber mit dem Erfolg können wir doch schliesslich sehr zufrieden sein.” Das beruhigte die Gemüter. Wir erledigten die ((nicht sehr wichtige) Tagesordnung und gingen auseinander. Ich war erst einige Minuten zu Hause, da läutete das Telefon. Es meldete sich aus Berlin mein Freund Dr. Hermann Badt s.A. damals Ministerialrat im Preussischen Ministerium des Inneren. “Der Herr Minister hat für morgen Nachmittag eine Zusammenkunft von Vertretern der jüdischen Organisationen angesetzt, um Bestimmungen über den Aufenthalt jüdischer Flüchtlinge aus Osteuropa vorzubereiten. Sie müssen unbedingt dazu kommen, aber nicht nur persönlich, sondern als Vertreter Ihres Arbeiterfürsorgeamtes. "Das war nun eine heikle Situation; es war nicht gerade angenehm, dieselben Menschen, die ich soeben vor den Kopf gestossen hatte, 3