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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1972-09-01 · No. 32 (September 1972) · p. Seite 2

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1972
Issue
No. 32 (September 1972)
Date
1972-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2020)
Language
German
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MAX JACOBSOHN Ostjuden in Breslau ERINNERUNGEN AN EINE KÄMPFERISCHE PERIODE MEINES LEBENS In den letzten Dezembertagen des Jahres 1918 kehrte Ich vom russischen Kriegsschauplatz nach meinem Wohnort Breslau zurück. Man übertrug mir sofort wieder die Leitung der Breslauer Zionistischen Vereinigung, deren Vorsitzender ich schon kurze Zeit vor dem ersten Weltkrieg geworden war. Wenige Monate später — es muss im April oder Mai 1919 gewesen sein — rief mich ein Unbekannter telefonisch an und teilte mir mit, dass in der vergangenen Nacht die Polizei eine Razzia veranstaltet und dabei über 80 Ostjuden verhaftet habe. Er bat um meine Intervention. Dies war der Auftakt zu einem der interessantesten und erregendsten Abschnitte meines Lebens. Ich wusste damals nur sehr wenig über die physischen und kulturellen, die sozialen und politischen Bedingungen, unter denen Ostjuden in Deutschland im allgemeinen und in Breslau im besonderen lebten. Wie schon erwähnt, war ich “im Felde” — und also der genaueren Kenntnis mancher Dinge entrückt. Zwar hatte die Zionistische Vereinigung für Deutschland mitgeteilt, dass die zentralen jüdischen Organisationen Deutschlands sich in Berlin zu einem Dachverband unter dem Namen “Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands” zusammengeschlossen hätten, und hatte uns Breslauer Zionisten nahegelegt, uns in die Verhandlungen einzuschalten, die in Breslau über Errichtung einer ähnlichen örtlichen Stelle im Gange waren. Aber in Breslau hatten der Zentralverein, die Bnej-Brith-Logen, der Hilfsverein der Deutschen Juden und einige andere unter Mitwirkung der Synagogen-Gemeinde und unter Ausschluss der Zionisten bereits begonnen, eine Art Hilfs-Komitee vorzubereiten. Die Dinge lagen dort in den Händen entschiedener Gegner der Zionisten, zumeist recht bejahrter Herren, denen meine Mitwirkung aus drei Gründen imbequem war: 1) Weil ich mindestens 25 Jahre jünger war als der jüngste von ihnen; 2) weil ich Zionist war, 3) weil sie in ihrer Methode, dem Ostjuden eine Geldunterstützung in die Hand zu drücken unc ihn zum nächsten Ort zu schicken, nicht gern gestört sein wollten. Die Herren lehnten also meine Mitwirkung dankend ab. Als ich nun jene Nachricht von der Festnahme von mehr als 80 Ostjuden erhielt, rief ich Justizrat N. an, von dem ich wusste, dass er an der Gründung des Komitees beteiligt war, aber immerhin eine etwas positivere Haltung einnahm als die meisten seiner Kollegen. Seine Antwort war vernichtend: “Herr Kollege — so titulierte er mich, den jüngeren Anwalt, — der Fall ist völlig hoffnungslos. Die Leute werden über die Grenze abgeschoben werden. Ich habe viel Erfahrung mit ähnlichen aussichtslosen Fällen hinter mir und habe es aufgegeben, weitere aussichtslose Anstrengungen zu machen.” Ich befand mich in einer mir völlig neuen fremden Situation. Um nur irgend einen Ausweg zu suchen, rief ich noch für denselben Nachmittag den Vorstand der Breslauer Zionistischen Vereinigung zusammen. Niemand von uns verfügte über sachdienliche Erfahrungen, und wir kamen schliesslich dahin überein, dass zwei von uns, nämlich mein Freund Joseph Marcus (damals Regierungsrat und später Oberregierungsrat) und ich von der Polizei Aufklärung über die Gründe der Verhaftungen und über die Absichten der Polizei verlangen sollten. Das aber war nicht einfach. Denn es gab ln Breslau damals drei Polizei-Behörden: die gewöhnliche Polizei mit ihren bürgerlichen Aufgaben, die Landes-Grenzpolizei und die Polizei der Festungs-Kommandantur. Wir hatten Pech; denn wir versuchten es zunächst bei den beiden zuletzt genannten Amtsstellen; dort wusste man nichts, und das Ergebnis war Zeitverlust. Um 7 Uhr abends wussten wir, dass die Aktion von der ordentlichen Zivil-Polizei ausgegangen war. Die Büros waren natürlich schon geschlossen. Wir gingen also in die Privatwohnung des Polizeipräsidenten — eines sozialdemokratischen Funktionärs mit leicht antisemitischem Einschlag. Er war über unseren Besuch nicht entzückt. Auf unsere Frage erhielten wir den recht kurzen Bescheid, die Leute seien wegen unerlaubten Grenzübertritts verhaftet und dem Gericht übergeben worden. Wir dankten — und der Dank war sogar aufrichtig. Denn wir wussten, dass Richter die Dinge anders sahen als Polizei beamte. Am nächsten Morgen sprachen wir beide bä dem zuständigen Richter vor und fragten ihn, was er mit den Verhafteten zu tun gedenke. Er antwortete sehr korrekt, dass er nach den Vorschriften der Strafprozessordnung sie bald vernehmen werde; je nach Ausgang der Vernehmung würde er entweder einen Haftbefehl gegen sie erlassen — oder, wenn kein hinreichender Grund für Untersuchungshaft vorliegt — sie freilassen. Wir baten ihn darauf, er möge den Menschen, soweit er sie freiliesse, nahe legen, sich am gleichen Nachmittag um 4 Uhr im Büro der Zionistischen Vereinigung, Karlstrasse 15 einzufinden; wir wollten die Sorge für sie in die Hand nehmen. Er behielt keinen einzigen in Haft und setzte alle auf freien Fuss. Als ich nachmittags kurz vor 4 Uhr in unser Büro in der Karlstrasse kam, glich der ziemlich enge Raum einem Bienenstock. Sie waren alle gekommen. Jeder stürmte mit seinen Sorgen und Nöten auf uns ein. Die wenigsten verlangten Geld. Es ging um ganz andere Probleme: Aufenthalts-Erlaubnis, Arbeit, Wohnungsfragen, Gewerbe-Scheine, Zertifikate für Palästina (damals gab es noch nicht einmal Einwanderungs- Bestimmungen) , Ausweisungsbefehle, schwebende Strafverfahren (wegen Grenzübertritts) usw. Im Laufe von drei Tagen hatten wir jedem einzelnen irgendwie geholfen; einen grossen Teil von ihnen brachten wir in Arbeitsverhältnissen unter, davon nicht wenige bei Bauern auf dem Lande. Aber nun befanden wir uns in der merkwürdigen Situation, dass wir Zionisten es mit lebendigen Menschen zu tun hatten — und die Vertreter der anderen Organisationen sich in Sitzungen trafen und über Statuten berieten. Wir meldeten ihnen, was geschehen war, und erboten uns, die Dinge fortan gemeinsam zu behandeln. Die Herren stimmten zu; es mag sie nicht wenig Selbstüberwindung gekostet haben. Hier muss einiges über die Menschen gesagt werden, mit denen wir es zu tun hatten. Es gab auch vor dem ersten Weltkrieg jederzeit eine (übrigens nicht sehr grosse) ständige Zuwanderung von Juden aus Osteuropa nach Deutschland. Aber diese Einwanderung liess sich in Eerlin und im Innern Deutschlands nieder. In Breslau (und überhaupt in Schlesien) wurde Ausländern in der Regel Aufenthalts-Erlaubnis verweigert, weil das wilhelminische Regime sich in den Grenzgebieten vor Spionage sichern wollte. In den beiden letzten Kriegsjahren änderte sich das Bild: die Militärverwaltung brachte jüdische junge Menschen aus Polen nach Deutschland, um sie als Arbeiter in den kriegswichtigen Betrieben einzusetzen. Menschen dieser Kategorie waren auch in Breslau und blieben dort auch nach Kriegsende. Als nach Unterzeichnung des Waffenstillstandes neue Staaten entstanden mit einstweilen ungewissen und auf alle Fälle ungenügend bewachten Grenzen, wurde der (in der Regel illegal) Übertritt von Juden aus den osteuropäischen Ländern nach Deutschland zu einer täglich sich wiederholenden Erscheinung. Die Mehrzahl der Flüchtlinge war im Jugend-Alter. Sie kamen, weil ihre Heimat buchstäblich (oder kulturell) zerstört war, oder weil sie in dem neu erstandenen Staate, in dessen Gebiet sie wohnten, keinen Erwerb fanden, oder weil sie der Militär- Dienstpflicht entgehen wollten. Wem sie eigentlich militärischen Dienst schuldeten, war unklar; ich kannte einige Menschen, die z.B. in Rumänien als “Deserteure” mit Gefängnis bestraft und dann von dem gleichen Staate als “Ausländer” ausgewiesen und nach Polen abgeschoben wurden; worauf sie dann in Polen abermals zuerst als Deserteure bestraft und nachher als Ausländer vertrieben wurden. Die Juden, die in jenen Jahren kurz nach Kriegsende nach Deutschland flüchteten, waren in ihrer grossen Mehrzahl weder materiell noch geistig fundiert. Sie gehörten allermeist Jahrgängen an, für deren Bildung und Erziehung in den Jahren 1914—1918 das Entscheidende hätte geschehen müssen. Statt dessen war ihre Schulbildung empfindlich gestört, das Elternhaus oft zerrüttet, ihre ganze Umgebung dem demoralisierenden Einfluss einer mehrjährigen militärischen Etappenwirtschaft ausgesetzt. Was Wunder, dass der Wille zu ernster Arbeit und zu einer untadeligen Lebensführung nur bei der Minderheit vorhanden war, und dass es an asozialen Elementen nicht fehlte. Uns Zionisten galt es aber als selbstverständliche Pflicht, ihnen allen zu helfen, und dies aus zwei Gründen: Es waren Juden, und jeder Jude hatte Anspruch auf unsere Hilfe; das deutsche Judentum wurde seit der Emanzipation ständig durch Taufen und Mischehen reduziert, es wäre bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts vielleicht ganz verschwunden, mindestens aber zu einer völlig bedeutungslosen und rettungslos assimilierten kleinen Gruppe zusammengeschmolzen, wenn ihm nicht die Zuwanderung aus Osteuropa dauernd neues Blut zugeführt hätte. — Erst der Fortgang der Ereignisse, von dem die Rede sein wird, lehrte uns, dass wir durch unsere "Ostjuden- Hilfe” einen erheblichen Einfluss auf die assimilierten deutschen Juden ausübten: indem wir ihnen die Mitarbeit an dieser Sache (und gerade an unseren Methoden) aufnötigten, weckten wir in ihnen die Erkenntnis für die Solidarität aller Juden (siehe hierzu die Darstellung der Entwicklung bei S. Adler-Rudel “Ostjuden in Deutschland 1880—1940” — Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo Baeck Instituts — J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen, 1959). Ich kehre zur chronologischen Schilderung zurück. Das Jüdische Arbeiterfürsorgeamt in Breslau konstituierte sich sehr bald nach jenem ersten “Blitz-Erfolg” der Zionisten. Ich wurde zum Vorsitzenden gewählt — entweder weil wir Zionisten nun einmal die Initiative zur Tat ergriffen hatten, oder weil kein anderer sich der Arbeit unterziehen wollte. Wir eröffneten ein eigenes Büro. Sein Leiter war Eugen Samson s.A., ein damals noch sehr junger Mensch, der, obwohl aus Kreisen jüdischer Indifferenz stammend, der Sache des Zionismus und dem Dienste an den jüdischen Flüchtlingen leidenschaftlich ergeben war. Aus einer restlosen Hingabe an unser Werk erwuchs eine herzliche Freundschaft zwischen uns beiden. Er war später ein leitenlder Beamter im Wohlfahrts-Ministerium Israels und ist leider in jungen Jahren gestorben. Die Synagogen-Gemeinde Breslau stand im Anfang noch abseits. Es bedurfte eines besonde- 2

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