Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1972
- Issue
- No. 31 (März 1972)
- Date
- 1972-04-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Geheimnisse im japanischen Schlafzimmer Als ich meine Jugenderinnerung “Hochzeit mit Hindernissen” in Ihrem Blatt sah und sogar meinen Namen gedruckt las, stieg mir der Ruhm wie Champagner zu Kopf. Schreiben ist doch sehr einfach, und ich sehe mich bereits auf der Bestseller Liste. Ja, worüber soll ich denn jetzt schreiben! Heldentaten habe ich nicht begangen, mit jüdischer Geschichte ist es bei mir nicht sehr weit her; Berühmtheiten habe ich kaum kennen gelernt. Ja, doch, ich kenne zwei Schriftsteller, den Dr. Boss und Salo Translateur. Aber ich will nun zu meiner Geschichte zurückkommen. Zuerst muss man eine interessante Überschrift haben, wie z.B. Dr. Rubin, der mit seinem Buch “Was man immer über Sex wissen wollte und niemals zu fragten wagte” Millionen von Büchern verkaufte. Also jetzt geht meine Geschichte los. VORWORT Wenn mich heute jemand fragt: “Wie sind Sie eigentlich ausgewandert?” gebe ich vor, dass ich am Telefon verlangt werde, was zu meiner Beliebtheit enorm beiträgt. Mein Mann ist mit unser ältesten Tochter im Jahre 1939 nach Cuba augewandert, während ich mit der Jüngsten erst 1940 über Russland, Sibirien, Japan in USA anlangte. Von dieser langen Reise ist mir eine Episode im Gedächnits geblieben. Von Sibirien kamen wir nach Mandschuko, das damals von Japan besetzt war und heute wieder zu China gehört. Der erste Ort war Manchuli, wo wir übernachten sollten. Am Bahnhof sah man eine Horde von kleinen Männern, die entweder Japaner, Chinesen oder Koreaner waren, ich kann darin keinen Unterschied machen und liefen ihre Hotels aus. Zu unserem Erstaunen hörten wir “Hotel Imperial”, “Grand Hotel”, “Orient Hotel”. Wir waren eine kleine Gruppe von etwa 10 Personen, die während dieser merkwürdigen Reise immer zusammenhielten. Wir konnten uns zu keinem Hotel entschliessen und standen am Strassenrand und warteten auf ein Wunder. Und das Wunder kam, in Gestalt eines jüdischen Schneiders, der in Manchuli wohnte. Der Hilfsverein hatte ihm mitgeteilt, dass Refugees durch Manchuli gingen und baten ihn, uns mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. “Kommt”, sagte er, “ich werde Euch führen”. Und allzu willig folgten wir ihm. Er brachte uns in ein grosses Haus, in dem kleine Geishas nur so herumschwirrten. Als sie uns sahen, hielten sie sich den Bauch vor lachen. Sie hatten anscheinend noch nicht viele Westener gesehen. Zuerst zeigten sie uns unser gemeinsames Schlafzimmer. Wir mussten unsere Schuhe ausziehen und stiegen auf eine geflochtene Strohmatte, die den ganzen Fussboden einnahm. Das einzige Möbelstück war ein kleines Toilettenkästchen mit Spiegel. Nachdem wir unsere Schuhe wieder anzogen, führten sie uns in einen Raum, in dem ein riesengrosser Bottich mit warmen Wasser stand und gaben uns zu verstehen, dass wir alle, Männlein und Weiblein zusammen ein Bad nehmen sollten. Wir hatten zwar schon zwei Wochen nicht gebadet, fühlten uns aber nicht so schmutzig, dass wir alle zusammen in eine Badewanne gehen sollten. Mir hat eine Waschschüssel mit warmen Wasser genügt, mit der ich mich in eine Ecke zurückzog. Später servierten uns die kleinen Geishas Abendbrot, aber wie wir später ausfindig machten, war das nicht ihre Hauptbeschäftigung. Im Nebenzimmer war eine Party ln vollem Schwung, und ein Mitreisender, der deutsch sprach, aber etwas geschlitzte Augen hatte, lud uns grossmütig ein, mitzumachen. Wir tranken Bier und tanzten zu den Klangen von “Wiener Praterleben” von Siegfried Translateur, einem Vetter, der in der Familie ehrfürchtig der “Komponist” genannt wurde. Ich glaube, es war die einzige Tanzplatte, die sie hatten, denn es war ein schreckliches Gegröhle, ausserdem hatte die Platte einen kleinen Sprung. Da wir schon müde ankamen und nächsten Tag Weiterreisen sollten, zogen wir uns bald in unser Schlafzimmer zurück. Fünf Personen lagen in einer Richtung und die anderen fünf so, dass wir mit den Köpfen zu- Paul Mühsam in Vor 21 Jahren kristallisierte sich im Anschluss an die Künstlergilde in Wangen im Allgäu ein Kulturverband um eine Gruppe literarischer Persönlichkeiten aus Schlesien, die ihre Aufgabe darin sahen, das schlesische Geistesleben zu pflegen und weiter zu erhalten. Das sind nun nicht jene Schlesier, die in den Vertriebenen-Verbänden das Urteil der Geschichte — den Verlust der deutschen Ostgebiete — nicht annehmen wollen und der heutigen Regierung, die auf dem Wege über die Bejahung des Gewordenen wieder zur Verständigung kommen wollen. Steine in den Weg legen; sondern es sind jene Schlesier, die sich der kulturellen Eigenart Schlesiens bewusst geblieben sind, wie sie zum Beispiel in den Büchern des Wahlschlesiers Hugo Hartung ausdrückt, der davon spricht, dass das Land im Laufe seiner wechselvollen Geschichte von Polen, Deutschen, Wenden besiedelt, schicksalhaft zu einer Stätte der Begegnung manigfaltiger Kulturen wurde und in seiner schöpferischen Eigenart vom ‘”R eich” oft nicht erkannt wurde. Zu den Themen, die in den jährlichen Zusammenkünften des Wangener Kreises (letztes Treffen 8. Oktober 1971 in Konstanz) behandelt werden, gehören nicht nur Informationen über tschechische und polnische künstlerische Leistungen (Vortrag: Deutsche und Polen in ihren literarischen Wechselbeziehungen), sondern insbesondere die Aussöhnung zwischen dem deutschen und dem jüdischen Volk. So wurde im Inselhotel in Konstanz im Rahmen dieser Tagung in feierlicher Ansprache eine Gedenk-Medaille an Else Levi-Mühsam verliehen in Anerkennung ihrer Bemühungen, das Werk ihres 1960 in Jerusalem gestorbenen Vaters Paul Mühsam der Vergessenheit zu entreissen. Bis 1933 waren zahlreiche Werke von ihm erschienen, von denen einige hier genannt seien: “Gespräche mit G”tt, “Aus dem Schicksalsbuch d. Menschheit”, “Worte an meine Tochter”, “Vom Glück in Dir”, ‘Der ewige Jude”, “Sonette aus der Einsamkeit”, “Stufen zum Licht”. Die tiefe Innerlichkeit, mit der dieser Dichter sein Leben gelebt, kommt zum Ausdruck in seinen Worten: “Wir fingen an zum Ziel zu fahren (Stufen I, S. 32) / Als wir noch Unerwachte waren”; und folgende Zeilen “und sind gefaltet so wie Fächer / Weil wir durch viel Gehörten gehen” erscheinen als Anklänge, sowohl schlesischer wie jüdischer Mystik. Die Verantwortung, die dem Menschen auferlegt ist, drückt sich in folgenden Versen aus: “Als sammen stlessen. Die Geishas brachten für jeden eine weiss überzogene Steppdecke und für die Damen ein hufeisenförmiges “Kopfkissen”, das mit kleinen Holzklötzchen gefüllt war, (damit die japanische Frisur nicht kaputt geht). Am nächsten Tag bekamen wir noch Frühstück, und unser Retter erschien wieder, um uns zu der anderen Reisegesellschaft zurückzubringen. Der Schneider fragte uns, wie wir geschlafen hätten. “Grossartig”, sagten wir. Dann fügte er hinzu: “Ihr habt nämlich in einem Bordell übernachtet, das ist der einzige saubere Platz in Manchuli”. Und wir glaubten ihm, denn als wir die übernächtigt aussehenden Kollegen fragten, wie sie geschlafen hätten, schimpften sie furchtbar und kratzten sich noch. Und dann ging es weiter. Erna Schutz, 11, Riverside Drive, New York, N.Y. 10023 Wangener Kreis bleibende Bilder im Wandel der Sonnen / hat G”tt unsre Seelen zu malen begonnen / Aber er führt sie nicht selbst zuende / Er stellt sie halbfertig vor unsere Schwelle... Denken, erdulden, nehmen und geben / Irgendwie prägt es sich aus auf dem Bild / Alles erscheint, alles bleibt, alles gilt!” In seinen “Gedichten an den Tod” spricht sich Menschenlos, wie es im dichterischen Schaffen dieses Jahrhunderts selten geworden ist, unwiderruflich aus. Am Anfang seines “Schicksalsbuches der Menschheit” das Mühsam geschrieben hatte, um sich von dem furchtbaren Erlebnis des ersten Weltkriegs zu befreien, sieht er in ergreifender Vision die auferstadenen Toten, die zu den Lebenden reden, — denn die “Menscheit hat nur einen Feind — sich selbst”. Zum Schluss sieht er prophezeiend, dass nach Hunderttausend Geschlechtern der Krieg nur noch als ein Ahnen eines plötzlichen Schrecken, ein trüber Gedanke, ein unerklärliches Etwas. im Gedächtnis der Menschheit bleiben wird. (108). In seiner Würdigung des Mühsamschen Werkes nennt ihn Dr. Alois Kosler “einen neuen Nathan den Weisen, dem Stern, Kreuz und Halbmond nur verschiedene Wege sind, die zu dem einen Ziel weisen, zur Erkenntnis G”ttes. Wie in der Tradition der Mystik trachtet Paul Mühsam, die Gegensätze in einem Ur- und Gesamtbegriff als zu sammengehörige Teile zu erkennen. Seine Gedankenwelt hat er in der sprachlichen Form des Gedichts geäussert.” Durch zahlreiche Vorlesungen und erneute Drucklegung, — 1970 erschien: “...seit der Schöpfung wurde gehämmert an deinem Haus”. (Seekreis-Verlag, Konstanz) “Tao, vom Sinn des Lebens” (Drei Eichen Verlag, München, 1970) — ist es Else Levi-Mühsam gelungen, das Werk ihres Vaters wieder der heutigen Generation ins Bewusstsein zu bringen. Sie glaubt, dass es erst jetzt in seiner ganzen Tiefe auf genommen wird. (Nachwort zum neugedruckten Band). Der Wangener Kreis, der sich darum bemüht, seine kulturelle Selbstidentifikation nicht zu verlieren, hat den in Jerusalem verstorbenen Dichter- Philosophen geehrt und wir fühlen uns dadurch erinnert an die Worte eines andern Schlesischen Dichters, Max Hermann Neisse: “Denn die Heimat bleibt bestehen, in dem Lied verstossener Söhne”. Anni Löwenstein (Priebatsch) Ramat Chen, Haggaistr. 12 Ehrung des israelischen Dichter-Philosophen 16