Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1972
- Issue
- No. 31 (März 1972)
- Date
- 1972-04-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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! Das Ende der jüdischen Schule in Breslau k I Ich bin erstaunt, dass Uber das Ende des Breslauer Jüdischen Schulwesens so wenig bekannt ist und da ich das Sterben der Breslauer Gemeinde persönlich miterlebt habe, möchte ich Ihnen die folgenden Ergänzrungen und Berichtigungen zur Verfügung stellen. Als ich 1938 in die Rhedigerschule eintrat war sie als Privates Jüdisches Reform-Real-Gym nasium (Oberschule) bekannt. Sie wurde späte; Jüdische Höhere Schule genannt. Diese Umnennungen waren allgemein und nicht nur auf da? Schulwesen begrenzt. Jüdische Ärzte wurden “Krankenbehandler für Juden”, Rechtsanwälte “Rechtsberater der Juden” und die Direktorin der Jüdischen Schule wurden amtlich zur Schulleiterin herunter befördert. Der Artikel “das Ende” gibt die Zahl der Schüler in der Oberschule 1939 mit 80 an und Frl. Dr. G. Weyl ist als Schulleiterin bezeichnet. Die Schulleiterin der Oberschule bis zur Auflösung war Frl. Dr. Frida Goldmann. Frl. Dr. Weyl war meine Klassenlehrerin. Frl. Dr. Weyl wurde Schulleiterin der Volksschule nach der Deportation von Frl. Dr. Goldmann. Die Anzahl der Schüler der Oberschule bis zur Auflösung der Schule war mindestens 180. Das Schulhaus am Rhedigerplatz war folgendermassen aufgeteilt. Kellergeschoss: Jüdische IJmschulungs-Metallwerkstatt. Erdgeschoss: Synagoge, Physiksaal u. 2 Klassenräume. Dachgeschoss: Aula u. Werkunterrichtsräume. Der Rest des Hauses war 50-50 zwischen Oberschule und Volksschule aufgeteilt. Der Lehrkörper der Schule ist mir folgendermassen in Erinnerung: Hebräisch: Frl. Glogauer und Herr Sklarz. Englisch: Frl. Levy. Erdkunde: Frl. Schüller. Geschichte: Dr. Berlinger. Mathematik: Dr Blumenthal u. Frl. Dr. Weyl. Deutsch: Frl. Förder und Frl. Dr. Goldmann. Werkuntericht: Herr A. Hadda. Näharbeit: Frau. B. Hadda. Musik: Herr W. Sander. Turnen: Herr Jürke und Frau Jaretzki. Diese Liste ist nicht komplett und nur auf meiner Erinnerung basiert. Die Deportationen und Einziehung zur Zwangsarbeit in Bieslau brachte dauernd Veränderungen im Lehrkörper und die Klassen waren gross, da hierdurch Lehrer immer wieder ausfielen. Die offizielle Schülerzahl von 80 Schülern und meine Schätzung auf 180 Schüler ist vermutlich folgendermassen zu erklären: da Juden das Abitur nicht mehr machen durften und im schulpflichtigen Alter vom Arbeitsamt zur Zwangsarbeit vermittelt wurden, waren Neuzutritte in die Oberschule nicht mehr gestattet wurden. Die Schule gab aber allen bezahlten Kindern weiter Oberschulbildung. Es ist daher möglich, dass alle offiziellen Angaben nur auf die alten Schüler beschränkt sind, während die neuen Schüler seit 1939 auf der Volksschulliste geführt wurden. Mein Zeugnis “wegen der Auflösung der Höheren Schule in die Volkschule einzutreten” ist vom 9.4.1941 datiert, und mein Zeugnis “im Hinblick auf den behördlichen Druck angeordnete Schliessung des Jüdischen Schulwesens als Abgangszeugnis erteilt” ist 30.6.1942 datiert. Das Haus Rhedigerplatz 3 musste innerhalb 24 Stunden geräumt werden und wurde ein Hitlerjugend-Heim. Wir Schüler haben den Inhalt des Schulhauses auf Handwagen nach dem Freundesaal überführt. Einige Klassen wurden in der Gemeindeverwaltung Wallstrasse untergebracht. Die grossen Räume im Erdgeschoss des Freundesaales wurden alle in kleine Klassenräume unterteilt. Das bunte Glasfenster am Eingang des Schulhauses zum Andenken an Dr. SIMONSOHN wurde noch mitgenommen und am Schuleingang im Freundesaal eingesetzt. Im Juni 1942 bei der Auflösung der Volksschule war die Schülerzahl schon sehr klein (schätzungsweise 150—200) und 6—10 Lehrer. Wir Schüler mussten Inventur aufnehmen und alle Bücher und Eigentum der Schule verladen, da es vom Breslauer Schulamt beschlagnahmt war. Die Auflösung der Schule brachte ein neues Problem für die Gemeindeverwaltung. Die Kinder im Schulpflichtigen Alter mussten beschäftigt werden, deren Eltern Zwangsarbeit zu leisten hatten. Zuerst wurde auf dem Friedhof Cosel eine Spielwiese eingerichtet, die kurz darauf wieder geschlossen wurde. Die Verwaltung des benachbarten Städtischen Friedhofs beschwerte sich über den Lärm und der Weg von der Stadt wurde auch ein Problem. (Juden durften die Strasenbahn nur mit besonderer Genehmigung benutzen und mussten auf dem Vorderperron des Anhängers stehen. Später wurden die Kinder zu den folgenden Aufgaben eingeteilt: Essenaustragen von der Gemeindeküche im Freundesaal zu älteren Gemeindemitgliedern und zu Aufräumungsarbeiten im Friedhof Lohestrasse. Die Lehrer gaben noch nach Möglichkeit Privatunterricht. Der erste Osttransport von Breslau wurde im Schiesswerdersaal zusammengestellt, alle weiteren Transporte wurden im Freundesaal zusammengestellt und die Kinder wurden damit beschäftigt, Essen auszuteilen, Strohsäcke zu füllen, Gepäck zu tragen und zu verladen. Die Schultage von 1939 bis 1942 in Breslau waren eine ganz besondere Lebenserfahrung. Zwischen Schülern und Lehrern gab es eine Freundschaft. Ich glaube, die Lehrer haben uns nicht nur Wissen vermittelt, sondern ein wenig Lebensfreude ersetzen wollen, und wir, wir wollten lernen; — soviel wie möglich bevor Zwangsarbeit und Deportation. Der Lehrplan wurde nicht eingehalten, sondern soviel wie möglich gelehrt. Wir kannten jedes Gesicht auf dem Schulhof im Freundegarten und die fehlenden Schüler und Lehrer nach jedem Transport wurden genau von uns registriert. Die Schule war während des Transportes geschlossen, da der Freundesaal gebraucht wurde und wenn wir wieder zur Schule kamen, fragten die Lehrer: “wer weiss, ob die fehlenden Schüler nur krank sind oder ob sie mit dem Transport deportiert sind?” Unser Lieblingslehrer war Frl. Förder. Sie war jung, hiess bei uns nur “die Fö” und ihre Deutschstunden waren das Ereignis der Woche. Eines Tages kam Frl. Dr. Weyl in die Klasse, um uns zu sagen, dass sie nicht mehr am Leben war und wir vorläufig keinen Deutschunterricht mehr haben. Sie hat sich das Leben genommen, ein häufiges Ereignis vor Transporten und eines der vielen dramatischen Momente im Leben der Rhedigerschule 1939—1942. Ein anderes Mal wurde die Schule zusammengerufen. Einer der älteren Schüler ist in eine Eisdiele gegangen, was für Juden verboten war, und war verhaftet worden. Er kam nie wieder zur Schule oder zu seinen Eltern zurück. Als ich 1938 als Schüler der privaten Jüdi- Salo Tranlaieur 90 Jahre alf Am 19. Dezember 1971 beging Salo Tranlateur, Belle Plaza, 20 Island Ave. Miami Beach, Fla. 32139 seinen 90. Geburtstag. Wir wollen ihm auch von dieser Stelle aus herzlichst gratulieren, zumal er seit Gründung unseres Verbandes mit zu den “Treuesten” gehört. Er ist an dem Gedeihen und der Arbeit unserer Vereinigung besonders interessiert. Seine zahlreichen Artikel sind unseren Lesern in den verschiedensten Auflagen unserer Zeitung bestens bekannt. Solo Translateur ist seit 1898 Zionist, im Metallhandel hat er sich einen bedeutenden Namen erworben. 1904 wurde er bereits Direktor "der Zink-und Metallhütten, Berlin”. Im Jahre 1939 wanderte er nach Amerika aus, wo er in New York führend in seinem Fach geworden ist. 1962 zog er sich von seiner Arbeit zurück und ging mit seiner Gattin nach Miami Beach. Neben seiner kaufmännischen Tätigkeit war er ein Liebhaber und Sammler von Werken der bildenden Kunst, ein begeisterter Freund der zionistischen Bewegung, Mitarbeiter der ersten zionistischen Zeitschrift "Der Zionist” in Breslau und arbeitete auch an der Jüdischen Rundschau mit, susammen mit seinem Freund Heinrich Löwe. Besondere Freundschaft verband ihn in Berlin mit Salman Rubaschow, dem jetzigen Staatspräsidenten der Medinat Israel, Salman Schasar. (s. Dankbrief des Präsidenten Israels an Salo Translateur, Zeitung Nr. 30, S. 22). Wir wünschen Herrn Salo Translateur und seiner Gattin noch viele gesunde Jahre und dieselbe geistige Frische. Verband ehemaliger Breslauer in Israel. Ernst Tauber, Erster Vorsitzender. sehen Vorschule Gertrud Wohl und der Liberalen Religionsunterrichtsanstalt I am Anger 8 in die Rhedigerschule kam, war die Rredigerschule noch eine “orthodoxe” Schule. Von 1939—1942 wurde sie zur “Jüdischen” Schule und war in der Zeit der Naziverfolgung eine Oase der Toleranz, Humanität und Hilfsbereitschaft. Sie wurde gegründet, um das Jüdische im Menschen zu betonen. In den Jahren ihrer Reife hat sie viel mehr erreicht. Sie hat das Menschliche in den Juden Breslaus zu einem einmaligen Erlebnis gestaltet. ANMERKUNG DER REDAKTION Der Artikel “DAS ENDE DER JÜDISCHEN SCHULE" ist aus der Feder von Ken Arkwright (früher Klaus Aufrichtig) 96 Holmfirth St. Mt. Lawley, Western Australia.