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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1972-04-01 · No. 31 (März 1972) · p. Seite 8

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1972
Issue
No. 31 (März 1972)
Date
1972-04-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Zur geistigen Unruhe WIE IST ES MÖGLICH, dass trotz eines halben Jahrhunderts von Indoktrinierung durch das totalitäre kommunistische Regime in der Sowjet-Union ein jüdisches Bewusstsein wieder erwacht? Auf diese Frage finden wir vielleicht eine Antwort in dem Schaffen des mit dem Nobelpreises ausgezeichneten Schriftstellers Alexander Solschenizyn. Es zeigt, dass gerade durch Druck eine geistige Selbstbesinnung hervorgerufen werden kann. Solschenizyn ist geistig tief dem russischen Volk verbunden, stammt aber von jüdischen Eltern ab. (Nach Tramer: ‘‘Erneuerung der russischen Literatur”, Mitteilungsblatt, T. A., 17.9.71). Die epische Kraft dieses Schriftstellers ist so gross, dass sich.die “eisernen Vorhänge” wegheben, mit denen die beschränkten Machthaber das Land von der übrigen Menschheit abgetrennt haben. Solschenizyn hat mit ungeheuren Schwierigkeiten kämpfen müssen, um seine Stimme vernehmlich werden zu lassen. Geschichten, die er im Lager nicht zu Papier bringen durfte, musste er auswendig im Gedächtnis behalten. Ein Teil seiner Werke wurde Untergrund gestenzelt und ohne sein Wissen ins Ausland gebracht, wo sie in Übersetzungen veröffentlicht wurden. Nach Stalins Tod hat Chrustchow die Veröffentlichung seines Romans: "Ein Tag im Leben von Iwan Denisowich” erlaubt, weil darin die fürchterliche Wahrheit über die Arbeitslager Stalins enthüllt wurde, ohne antikommunistische Stimmung zu vermitteln. Solschenizyn glaubt an den Kommunismus, hält aber das herrschende bürokratische System für schädlich. In diesem Buch wird ein Tag im Arbeitslager geschildert, das unter den erbarmungslosen Scheinwerfern der grausamen Diktatur steht. Solschenizyn leuchtet hinein mit den unbestechlichen Augen des Menschen, der seine Würde nicht vergessen kann. In kleinen Szenen zeichnet er diese Existenz, den Schmutz, die Gedrücktheit und Enge und den Hunger. Die Häftlinge erkennen mit blossem Auge, ohne jede Waage, wenn die Rationen nicht einmal das vorgeschriebene Gewicht haben. Eine Uhr darf ein Gefangener nicht besitzen. Er muss Sträflingskleider tragen, seine eigenen Kleider werden ihm weggenommen wegen der Fluchtgefahr. Der Erzähler begleitet die Gefangenen, die fest eingepackt in ihrer Lumpenkleidung aus ihren Schlafecken vom Befehl zur Arbeit, herausgescheucht in die bittere Kälte, zu müde sind, um nur ein einziges Wort miteinander zu wechseln. Auf dem Marsch zur Arbeit zerbrechen sie sich den Kopf, ob die Kontrolle das in der Matratze versteckte Brot gefunden hat. Sie marschieren vorbei an Häusern, die sie gebaut haben, Fabriken, Clubs, aber die Filme, die dort gezeigt werden, dürfen sie nicht sehen. Wenn sie ihr trockenes Brot essen, träumen sie von den Schüsseln und Tellern mit Sauce, Brei und Fleischstücken, die vor ihnen standen, als sie noch frei waren. Als Denisowich in einer säubern medizinischen Station im Sprechzimmer eines Arztes fünf unbehelligte Minuten sein Fieber messen darf, empfindet er es als ganz seltsam. Vor dem Einschlafen, nachdem der Tag glücklich vorübergegangen ist, weil er einem besonders grausamen Kontrollbeamten ausweichen konnte fällt, ihm ein, dass früher Betten und Decken mit weissen Laken bezogen waren und er wundert sich darüber. Solschenizyns Roman “Krebsstation”, für den er in der Sowjet-Union mit Nobelpreis geehrt wurde, ist keine leichte Lektüre. Er hat dieses Krankenhaus, in dem er selbst gelitten hat, zum Schauplatz gewählt, weil sich hier in zahlreichen Gestalten niederschlägt, was aus einer Menschenwelt geworden ist, die sich “verbessern” wollte und wieder irr gelaufen ist. Es gibt dort Unterhaltungen zwischen Kranken und fast Todgeweihten, die sonst nirgends geführt werden können. So sagt einer: “Wir haben uns eilfertig umgestellt und dachten, es genügt, die Produktionsweise zu ändern — und dann ändern sich die Menschen — kein bisschen!” Er sieht, dass man schon in der Schule Hass predigt, “denn das gesellschaftliche Leben kann sich nicht auf Hass gründen! Zu des Teufels Grossmutter mit Eurem Hass! Wir wollen endlich lieben!” Bei den Unterhaltungen der Kranken berichtet einer von Forschungen, die zeigen, dass das Verhältnis zwischen Natrium und Kalium im Körper die Sperre ist gegen Krankheit oder Gesundheit. Und wovon hängt das ab? Von der Stimmung des Menschen! Der optimistische Mensch produziert mehr Natrium! Diese Theorie führt einer weiter: Ein gutes Gewissen sorgt für die richtige Kontrolle im Körper, dass die Zellen nicht zu einer Geschwulst ausarten können. (202) Daraus entstehen aufgeregte Diskussionen zwischen Kranken, die vielleicht bis ins Innerste getroffen sind und deren Gewissen zu schlagen beginnt. Zwischen den Helden und Un-Helden der Krankenstation befindet sich ein hoher Beamter, für den der Besuch seiner Frau zu einem “Tag des Gerichts” wird. Er erfährt durch sie, dass ein Ingenieur, der durch seine Anschuldigung zum Arbeitslager verurteilt wurde, freigelassen ist. Damit weiss er, dass sein tückisches Netz von Fragebogen, mit dem er den einzelnen in der Hand hielt, ausgedient hat, denn der Hohe Gerichtshof, der 25 Jahre an der Macht war, ist abgesetzt! Hinter dem, was Solschenizyn uns hier zeigt, schlagen uns wie Glocken die Worte: “Mach’ Unterdrückte frei und zerbrich’ jegliches Joch” (Jesaia 58), die zu jedem Menschen gesprochen sind, ob Juden, ob Christen, ob Kommunisten! Dass wir das ganze Buch mit seinem Titel “Krebbsstation” als Paradigma des Lebens in jenem Land zu sehen haben, spricht sich aus in den Worten eines endlich aus der Behandlung Entlassenen, als er erfährt, dass eine grosse Amnestiewelle für alle “Politischen” bevorstände: “Ein einzelner Mensch stirbt an einer Geschwulst — wie kann ein Land leben und gedeihen, das von Lagern und Verbannungsorten überzogen ist!” In einem Brief an drei Studenten (Von der Verantwortung des Schriftstellers, Arche-Verlag, Zürich) drückt Solschenizyn seine tiefe Überzeugung aus, dass die vor Jahrhunderten erkämpfte Errungenschaft der Gerechtigkeit unverlierbar ist. In diesem Zusammenhang spricht er auch davon, dass “die besten unter den Arabern heute gut verstehen können, dass Israel nach Recht und Gerechtigkeit leben und existieren darf”. In einem anderen Aufsatz sagt er: ...Da der Einfluss der Religion auf der ganzen Welt abnimmt, ruht auf dem Schriftsteller eine ganz besondere Verpflichtung. Er hat einen verwaisten Platz einzunehmen”. Diese Verpflichtung hat Solschenizyn in seinen Romanen verwirklicht. Anni Löwenstein (Priebatsch) Ramat-Chen, Haggaistra. 12 Israel — Unterhalfungsabend —. ..„der Centra!. Im vollbesetzten Gil-Saale in Tel-Aviv veranstaltete die Organisation Centra (Coordinationsausschuss der deutschsprachingen Landsmannschaften) zu dem unser Breslauer Verband gehört am 31. Januar 72 einen Unterhaltungsabend anlässlich Tu Beschwat (dem Neujahrsfest der Bäume). Nach Begrüssung der Gäste durch den Vorsitzenden des Verbandes ehemaliger Kölner, Herrn Dr. Kaufmann und nach Information des Publikums über Ziel und Zweck der “Centra”, nämlich Schützenhilfe für Neueinwanderer aus Südamerika in jeglicher notwendigen Form insbesondere die geistige Eingliederung in den Staat Israel und nach Begriissungsworten von Herrn Ernst Tauber, Vorsitzenden der ehemaligen Breslauer, gab Herr Rabbiner Israel Egon Löwenstein, Jerusalem, früher Santiago de Chile (vom Breslauer Rabbiner Seminar) in einem gutdurchdachten und augewogenen Referat lichtvolle Erläuterungen zum Thema “Tu Beschwat”. Seine Ausführungen wurden mit höchstem Interesse vom Publikum zur Kenntnis genommen. Anschliessend gab es unter der Leitung von Julius Sachs einen künstlerischen Teil, den er selbst arrangiert hatte und witzig konferierte. Als Sängerin des Abends stellte er die bekannte Tel- Aviver Künstlerin Sara Lipton vor. Die von ihr in mehreren Sprachen mit Talent und Temperament vorgetragenen Lieder — Operette und Folklore — von Goldfaden bis zu Kalman und Robert Stolz — fanden freudigsten Anklang und lebhaften Beifall des Publikums, das mehrfach Zugaben erbat und erhielt. Die Sängerin wurde wirksam von ihrem Begleiter auf dem Akkordeon, Kurt Nitkewitz, unterstützt. Beide Künstler gaben ihre Bestes und wurden stürmisch applaudiert. Diese Veranstaltung war in jeder Hinsicht gelungen und befriedigte alle Teilnehmer. Die Tische waren mit Früchten des Landes geschmückt. Sie erhielt ihre besondere Note dadurch, dass die in Tel-Aviv zuständigen Landsmannschaften ziemlich vollzählig vertreten waren, desgleichen viele Neueinwanderer aus Südamerika. Die Organisation lag in den Händen eines Comittees, das je einen Vertreter ihrer Landsmannschaft entsandte. A. D. GEORG ZIVIER: DAS ROMANISCHE CAFE (HAUDE UND SPENER, BERLIN) Man könnte es schon fast historisch nennen, das “Romanische Cafe” in Berlin an der Tauentzienstrasse. Es war einmal —■ in den zwanziger Jahren — und wer verkehrte dort nicht? Einstige Berühmtheiten kamen täglich, Leute vom “Bau”, vom Theater also, Dichter und wer sich dafür hielt. Natürlich war Hans-Heinz Ewers da, auch Wedekind, Anton Kuh, die Lasker-Schüler, Lotte Pritzel, Renö Schickele, Erich Mühsam, Emil Orlik, Ludwig Hardt, Pirandello, — eine Leporello-Liste von Literaten und Künstlern. Manche die mehr Geist hatten als Geld. Oder die sogar beides hatten. Cassirer, Slevogt, Roda-Roda, u.a. bevölkerten die Tische dieses Cafe-Hauses ebenfalls. Dann die Theaterleute: die Bergner, Agnes Straub, Alexander Granach, Jessner, ventilierten hier die Besetzung eines kecken, neuen Stückes. Nicht zu vergessen, die Kritiker! Wie es also zuging in diesem Mittelpunkt solchen interessanten Künstler- und Menschenkreises, das schildert treffend Georg Zivier in diesem Bündchen der Reminiszenzen. Man möchte dabei gewesen sein. Das Milieu wird auch Nicht-Berliner interessieren. Julius Sachs 8

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