Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1972
- Issue
- No. 31 (März 1972)
- Date
- 1972-04-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Tausend Jahre Breslau / Capistrano 1. Am Tage nach seiner Ankunft in Breslau, also am Aschermittwoch, dem 14. Februar des Jahres 1453, predigte Capistrano in der St. Elisabethkirche. Aber er liebte die geschlossenen Räume nicht. Sei es, dass das der Grund war, sei es, dass die Kirche den Andrang der Frommen nicht fassen konnte, von da ab fanden seine Ansprachen auf dem Salzringe statt, vom Erker seines Hauses oder von einer Tribüne aus. Er predigte auch auf dem Elbing vor dem St. Vinzenzkloster und soll dort einmal nicht weniger als 18.000 Zuhörer gehabt haben und zwar am 22. April. Denn von weither, bis aus Preussen, waren Tausende nach dem “neuen Jerusalem” gekommen, um den heiligen Mann zu sehen. Von “Hören” hätte ja bei einem solchen Andrange unter freiem Himmel und ohne Lautsprecher sowieso keine Rede sein können. Aber hier setzt ja eben das ein, was die Seltsamkeit, das Unheimliche an Capistrano genannt wurde: dass ein redegewandter Fanatiker Massen zu fanatisieren vermag, wenn er in ihrer Sprache zu ihnen redet, das ist nichts Erstaunliches. Ein halbes Jahr, bevor der grosse Mönch nach Breslau kam, wurde zu Ferrara ein anderer Mönch geboren, der seinen Namen noch weit fester in das Buch der Kulturgeschichte eingetragen hat: Hieronymus Savonarola. Dieser aber ist 1498, also im Alter von 46 Jahren, zu Florenz erst gehenkt und dann verbrannt. Capistrano war schon 62 Jahre alt, als er nach Breslau kam, und er ist in dieser Stadt wahrlich weder gehenkt noch verbrannt worden. Im Gegenteil: es wurden ihm hier ganz besondere Ehren zuteil, so dass er die Stadt ganz besonders in sein Herz schloss und oft in seinen Schriften erwähnte. Gewiss, es wurde nach der Predigt der Text ins Deutsche übersetzt, da aber gingen die meisten schon nachhause. Denn nur Capistrano wollten sie sehen. Auch gaben ihnen in den Kirchen die Geistlichen Kommentare zu den Lehren des päpstlichen Komissarius. Aber das alles war ihnen nicht wichtig: sie wollten einzig und allein Capistrano. Wie ist das möglich? Von den 18.000 Hörern können ihn doch keine hundert verstanden haben. Er kannte kein Deutsch und sprach ein schlechtes Latein. Man sagt, er habe nur durch die Artikulation seiner Sprache, durch die Gesten seiner langen Arme und durch das Rollen seiner Augen seine Wirkung erzielt. Rätselhaft. Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, dass dieser sonderbare Mann eine ungemeine Kraft der Suggestion und der Hypnose besessen haben muss, dass er eine Art heiligen Hypnotiseurs war. Solche Männer hat es in aufgeregten Zeiten oft in Deutschland gegeben: man weiss es vom dreissigjährigen Kriege. Alfred Doeblin hat in seinem grossen Roman “Wallenstein” eine solche Szene in einem Ballsaal plastisch beschrieben Kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges sind PAPIERWAREN ROTKOWITZ BtlROBEDAF ROTKOWITZ GESCHENKE ROTKOWITZ ROTKOWITZ Office Equipment and Stationery Tel-Aviv, Rambam Str. 24 Tel. 625420 Hypnotiseure in Deutschland aufgetaucht, die sich gegen Geld in Sälen sehen liessen. Und die Menschen — erregt von Niederlage und Grippe — sind ihnen in Massen zugelaufen und haben ihr Eintrittsgeld bezahlt. — Man darf ferner annehmen, dass die Breslauer damals durch die trüben Erfahrungen des Hussitenkrieges medialen Einwirkungen zugänglich waren; denn dass die Erfolge in Breslau selbst für einen Capistrano ungewöhnliche waren, geht aus seiner späteren Stellung zu der Stadt hervor. Der Rat der Stadt Breslau hatte Capistrano versprochen, ihm einen Platz für ein Kloster und eine Kirche seines Ordens zur Verfügung zu stellen. Das erste Projekt scheiterte an dem Widerspruch der Franziskaner-Minoriten, die Capistrano heftig befeindeten, dar er ihnen ja doch Konkurrenz gemacht hatte. Aber am Sonntag Judika, den 18. März, sollte ein neues Projekt Wirklichkeit werden. Der Tag begann mit einer Feier, die Breslau noch nicht erlebt hatte. Capistrano hatte an die Bürger und Bürgerinnen der Stadt einen Aufruf ergehen lassen, und so sammelte sich auf dem Salzring ein mächtiger Haufen von Tandelkram und Eitelkeit und der Vergnügungssucht: Brettspiele, Würfel, Karten, Spiegel, Larven, Masken, Schleier, Hauben, Armbänder usw. Mit einer Fackel entzündete Capistrano selbst diesen Haufen der Eitelkeit und der Hoffart, und so erlebten die Breslauer ein “Bachanal der Askese”, wie es Breslau bisher nie gesehn”. Als die Flammen niedergebrannt waren, setzte sich ein ungeheuer Zug von Menschen in Bewegung, voran Capistrano in eigener Person mit dem Bischof und der gesamten Geistlichkeit, sowie den Amtspersonen der Stadt. Man ging in die Neustadt, und dort “zwischen dem Ketzer- und Ziegelthore” (nördlich vom Dominikanerplatz) wurde dem heiligen Manne ein Platz übergeben, auf dem ein Kloster und eine Kirche auf den Namen des heiligen Bemhardin gebaut werden sollte. Der Bau wurde, wie damals üblich, zunächst in Holz aufgeführt und derart schnell bewirkt, dass schon im März und April Teile der Kirche standen u. Capistrano Ende Mai eine Zelle des neuen Klosters zu St. Bernhardin bewohnen konnte. Das war auch notwendig, denn er verfiel in eine schwere Krankheit, von der er sich aber alsbald wieder erholte. Trotz aller Ehren war Capistrano von einer grossen Bescheidenheit und Demut. Sein anstrengender Tag teilte sich in Beten, Kasteiungen, Krankenbesuche und Wundertaten. Namentlich soll es sich um Heilung, von Blinden und Gelähmten durch Handauflegen gehandelt haben. Und gerade diese Wunder waren es, die viel Widerspruch fanden. Er soll in Breslau etwa 25 solche Wunder getan haben, doch versichert sein Begleiter und Sekretär Christofore de Varese in seinem “Leben des Meisters”: “Und noch mehr andere, wohl vier- bis zehnmal soviel wurden in dieser christlichen Stadt geheilt, die unter allen Städten Deutschlands die grösste Neigung und Ehrfurcht gegen Capistrano geäussert, daher er auch sie vor allen anderen Städten geliebt und ihrer oft in seinen Reden und Schriften gedacht”. Er nannte sie “seine liebste Stadt auf dem Erdkreise”. — Über seine Wunder wird von seiten der verärgerten Franziskaner die folgende boshafte Anekdote berichtet: Capistrano habe einen seit 33 Jahren blinden Kleriker gefragt, ob er lieber blind und selig oder sehend und verdammt sein möchte. Als der Blinde darauf die Seligkeit wählte, habe im Capistrano gesagt: “nun, so bleibe blind.” Am 30. April begleitete Capistrano den Bischof nach Neisse. Mit ihm waren die Ratmannen der Stadt, etwa zwei Meilen weit. Beim Abschied nun soll er zu ihnen gesagt haben: “Liebe Freunde, ziehet heim. Ihr werdet dort neue Maer erfahren und dabei bedürfte es wohl, dass ihr Euch wohl bewähret und weisslich haltet”. Diese rätselhaften Worte sollten alsbald eine furchtbare Bedeutung erhalten. Es ist deutlich, dass Capistrano systematisch und nach einem alten Schema vorging: zuerst die aufwühlenden Predigten, dann ein Feuer aus “Tandelkram” und schliesslich die damals wohlbekannten Gerüchte. — Er hatte im allgemeinen gegen drei Arten von Ketzern gepredigt: gegen die Hussiten; da brauchte es nicht viel Hetzerei, um die Breslauer aufzuregen: sie waren gegen die Böhmen erbittert genug. Abr sie wussten freilich auch, dass mit diesen böhmischen Brüdern nicht gut Kirschen essen war und dass es besser war, sie blieben samt ihren “Stücken” hinter dem Sudetenwall. — Die Türken angehend, so war es grade um diese Zeit mit ihnen freilich besonders schlimm und ein zweiter Peter von Amiens, der zu einem Kreuzzug aufgerufen hätte, wäre jetzt am Platze gewesen. Denn gerade im Frühling 1453 war es Mohammed II. mit seiner Riesenarmee gelungen, mit Hilfe der Grossen Kanone eine Bresche in die Mauer von Konstantinopel zu schiessen. Der Fall des byzantinischen Reiches, von Ostrom also, hatte das Bild Europas grundlegend geändert. Dieses Ostrom war der Hort des orthodoxen Christentums und des Humanismus gewesen. Sein Fall war der erste schwere Schlag gegen die Ostkirche (der zweite war die russische Revolution von 1917). Aber wohl keiner v. Capistranos Zuhörern in Breslau wird sich bewogen gefühlt haben, Weib, Kind und Beruf aufzugeben, um gegen die Ungläubigen zu ziehen, weil “hinten weit in der Türkei die Völker aufeinander schlagen”. Ganz anders aber lag es mit dem dritten Objekt von Capistranos Hetzpredigten: den Juden. Die wohnten ganz in der Nähe: sie waren vom Salzring nur soweit entfernt wie eben die Ursulinerstrasse vom Blücherplatz. Sie waren eine winzige Minderheit und körperlich untüchtig. Und sie waren reich oder galten doch wenigstens dafür. Die “neue Maer”, die den Ratmannen in Breslau entgegenhallte, war die im Mittelalter gängige Beschuldigung, die Juden hätten die Hostie geschändet und Christenkinder für rituelle Zwecke getötet. Es klingt heute unsinnig, aber damals war es durchaus glaubhaft. Ein Zeuge fand sich in diesen Fällen immer:dieses Mal war es eine christliche Magd, die die Hostienschändung mitangesehen haben wollte. Im übrigen: wozu gab es die Folter? Hier tritt ein neuer Charakterzug in dem düsteren Bilde des Johannes von Capistrano zutage: der Sadismus. Denn es wird berichtet, “er war selbst dabei, da der Nachrichter die Juden martete, er selbst gab ihm Unterweisung, wie man sie martern sollte”. Er war nicht umsonst General Grossinquisitor. — Im Verfolg dieses “Prozesses” sind auf dem Salzringe von Breslau 41 Juden eines grauenvolles Todes gestorben. Der kleine, bärtige italienische Mönch Giovanni aus dem Abbruzzendorfe Capistrano ist 1690 von der katholischen Kirche heilig gesprochen worden. W. B. G. Melodien die Freude bereifen KLASSISCHE UND MODERNSTE SCHALLPLATTEN in grosser Auswahl warten auf Sie RADIO - UNION H. W. ROBERT (früher Breslau) Tel-Aviv, Dizengoff Str. 116, Tel. 248526 6