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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1972-04-01 · No. 31 (März 1972) · p. Seite 5

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1972
Issue
No. 31 (März 1972)
Date
1972-04-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Julius Ba i DIE ANKUNFT Die Familie B a b, Julius Bab und seine Frau ■wurden, als sie nach Weihnachten 1940 in New York ankamen, von Verwandten und Freunden provisorisch in 2 Kammern in Roslyn, einem Vorort von New York, untergebracht zusammen mit dem Hund Tessa, die sie von Europa mitgebracht hatte. Dort besuchte ich sie mit meiner Frau bald nach ihrer Ankunft. Sie standen völlig mittellos da, doch hatte Julius Bab seine Bibliothek von etwa 13.000 Bänden schon Jahre vorher nach USA schaffen und in Roslyn einlagem lassen. J. B. hatte damals grade eine grössere Anzahl von Gedichten verfasst, die Paris verherrlichten und ferner französische Schauspieler von der Comedie Francaise meist aus der Zeit der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Er las sie uns vor. Ich kannte Paris nicht. Noch viel weniger wusste ich etwas von den französischen Schauspielern, von denen die Rede war. Meine Aufmerksamkeit war daher nicht grade vollkommen. Meine Gedanken irrten ab, und plötzlich schoss mir durch den Kopf, dass die Situation doch eigentlich unglaublich paradox wäre. Ein deutscher Dichter liest da deutsche Gedichte über französische Themen in einer Umgebung, wo nur Englisch gesprochen wird. Im selben Augenblick fiel mein Blick zufällig auf Frau Bab u. ich sah, dass Ströme von Tränen über ihre Backen liefen. Das ging mir an die “Nieren": denn ich wusste damals noch nicht, dass Frau Bab, die ich eben erst kennen gelernt hatte, eine sehr tapfere Frau war und dass “das bischen Weinen”, wie sie mir mal später in einer ähnlichen Situation sagte, “ihr immer sehr gut täte.” Als wir heimkehrend die Treppe herunterklettern, unterbreitete ich meiner Frau den Gedanken, diesen Leuten irgendwie zu helfen. Das klang grotesk, denn wir waren ja damals selbst noch ach so hilfsbedürftig, am Beginn unserer amerikanischen Karriere. Ich schlug vor, alle unseren Bekannten zusammenzutrommeln, es kamen etwa 15—20 Leute in Frage, und Vorträge für Julius Bab ins Leben zu rufen. Jeder sollte 50 cts. pro Vortrag zahlen, sodass etwa 7,50—10 Dollar pro Vortrag für ihn einkommen würde. So geschah es. Es wurde der Beginn einer umfangreichen Vortragtätigkeit J. B.’s in USA in deutscher Sprache, die bis ganz kurz vor seinem Tode 1955 angedauert hat. n JESSICA PLACE Von den 13.000 Büchern verkaufte Julius Bab 10.000 im Ramsch an einen Händler für durchschnittlich 10 cts. das Stück, sodass er etwa 1000 Dollar dafür löste. Damit hielt er sich im ersten Jahre 1941 über Wasser. Das Ehepaar Bab mietete sich ein zwar stark baufälliges, aber grade noch bewohnbares Haus mit hübschen Garten für einen geringen Mietzins Jessica Place, Roslyn. Dort vereinigte sich immer an Wochenenden ein grösserer Kreis von Freunden der Familie, alten von drüben und neuen, die hier hinzugekommen waren. Gegen Erstattung der Selbstkosten erhielten wir gute leibliche Nahrung, von der vorzüglichen geistigen Kost ganz zu schweigen. Die Damen kochten gemeinschaftlich die Mahlzeiten, wir aber, J. B. und ich, pflegten nachher abzuwaschen. Bab’s Bart, wenn er zu lang geworden war, tunkte manchmal ins Abwaschwasser ein, was ich tunlichst zu verhüten suchte. Sonst aber erledigten wir unsre Arbeit zufriedenstellend. Aufatmend pflegte J. B. immer, wenn es vorbei war, zu sagen: “Abwaschilles und Appatroklus, na haben wir das nicht wieder fein gemacht?” b im Exil Ich hatte damals eine Anstellung als Verkäufer in einem Kiosk auf einem Bahnsteig der Untergrundbahn, wo ich Zeitungen, illustrierte Zeitschriften, Süssigkeiten, Kaugummi u. dgl. feilbot. Wenn mich dann und wann “das heulende Elend” packen wollte, begann ich in geschäftsstillen Stunden in leere Gewölbe hereinzubrüllen: Ich sang "Im tiefen Keller sitz’ ich hier, bei keinem Fass voll Reben” oder ich machte mir Luft mit solchen Kraftausdrücken deutscher Provenienz, dass sie sich der Wiedergabe hier entziehen. Als ich grade wieder mal so brüllte, tauchte plötzlich J. B. auf, der grade in der Nähe gewesen war und mich besuchen wollte. Er war sehr erschrocken, denn er dachte, ich wäre übergeschnappt. Ich klärte ihn auf, dass ich noch ganz richtig im Oberstübchen wäre, freilich nur mit solchen Ausbrüchen des Galgenhumors meine Situation ertragen könnte. Er meinte, “Ja, aber Ihre Stimmbänder, die sollten sie doch mehr schonen, Sie könnten sie doch noch mal brauchen.” Am nächsten Tage bekam ich von ihm einen Brief. Er tröstete mich, es ginge ihm auch nicht viel besser. Seine Vorträge in USA seien eine Karikatur der Vorträge drüben und im übrigen sei er doch nichts als Unterkellner im Wochenendbetrieb seiner Frau! III DIE NIE GESCHLOSSENE GELDSAMMLUNG Das Haus Jessica Place wurde allmählich so gefährlich baufällig, dass der Hauswirt eines Tages J. B. kündigte. Was tun? sprach Zeus. Wohnungen waren nämlich damals noch ungeheuer knapp und kaum erschwinglich. Ausserdem waren Babs Freiluftmenschen und wollten nicht in die Stadt ziehen. Ferner hatten sie inzwischen mehrere Hunde und Katzen und auch die Bücher hat¬ ■■ Wiedersehen mit dem Meer Dein Spiegel scheint unzerstörbar, Als könnt Dir kein Unheil nahn, Noch ziehn die silbernen Zeilen Uber die blaugrüne Bahn. Und immer noch zaubert die Weite Unendlichkeit vor den Blick, Trägt Stille und Sturm wie ein Gleichnis Für unsres Lebens Geschick. Wie einst streut das Licht Juwelen Den flutenden Plan endlang, Am Rand der schwimmenden Wiese Neigen sich Gräser und Tang. Ihr uralten Melodien Der Welle vergeht am Strand — Wie Namen ins Wasser geschrieben Von der Parze Hand. Dr. Else Meidner, London, NW.2, 77 St. Gabriels Road ten sich inzwischen wieder stark vermehrt. Wo u. wie war das alles unterzubringen? Ein mit Bab bekannter Millionär in einem anderen, nahe von Roslyn gelegenen sehr feudalen Vorort versprach, unter seinen Freunden eine Sammlung zu veranstalten für eine Anzahlung, um ein Haus für Babs zu kaufen. Das scheiterte bald. Bab zog mich jetzt zu Rate. Er sagte, er wundere sich nicht über das negative Ergebniss. Wenn man sammle, dürfe man das nicht unter Millionären tun. Reiche Leute gäben nie etwas, nur arme Leute waren freigebig. So etwas müsste anders aufgezogen werden. Er bat mich, das zu übernehmen, und ich konnte nicht nein sagen. So teilten wir ganz New York in 3 Bezirke, ich übernahm einen, als Sammler für die beiden anderen Bezirke stellten sich 2 andere Herren zur Verfügung. Wir versuchten also, Geld .für eine Ehrengabe zum Erwerb eines Hauses für die damals noch ganz imbemittelte Familie zusammenzubringen, um sie vor Obdachlosigkeit oder Verelendung zu schützen. Das Unternehmen gelang wider alles Erwarten gut: zwei Verehrer, ein sehr wohlhabender und generöser Industrieller und eine Dame, die unerwartet grade 7000 Dollar geerbt hatte, stifteten jeder tausend Dollar, ich fiel vor Staunen und Bewunderung fast auf den Rücken. In etwa 8 Wochen hatten wir über 4000 Dollar zusammen, was als Anzahlung für das Haus in Roslyn langte. Als wir soviel Geld zusammen hatten, dass wir ans Kaufen denken konnten, sagte ich zu J. B.: “Na, nun könnten wir doch eigentlich die Sammlung schliessen!” — “I woher”, meinte er, “neee, die wird nie geschlossen!" IV ERBEN: FREUD UND LEID Einige Jahre später, es mag etwa 1950 gewesen sein, fiel J. B. eine Erbschaft zu. Eine Arztwitwe, die ein Vermögen von etwa 18.000 Dollar hinterliess, hatte ihn zum Erben der Hälfte ihres Nachlasses ernannt. In die andere Hälfte sollten sich Freunde und Verwandte teilen. Sie war eine grosse Bewunderin von J. B. gewesen. Daraufhin plante J. B. eine Europareise für 1951. Aber St. Bürokratius ist in USA nicht weniger am Werk als drüben ln Europa. Ein gestrenger Testamentsvollstrecker übernahm die Verwaltung des Nachlasses und Geld war nicht zu sehen, es dürfte nichts ausgezahlt werden, bevor nicht die hohen Erbschaftssteuern berechnet und beglichen waren. Inmobilien waren vorhanden, deren Wert und Erlös bei Verkauf ungewiss war. Auf Jahre hinaus lag alles fest. Wieder bat J. B. mich um Hilfe. Es gelang mir, mit dem Beistand von amerikanischen Kollegen J. B. einen Vorschuss auf die Erbschaft bei einer amerikanischen Versicherungsgesellschaft zu erwirken. Einfach war das freilich auch nicht, denn die Gesellschaft sicherte sich nach allen Kanten und Ecken und verlangte immer neue Unterlagen, ehe sie ja sagte. Schliesslich hörte ich jedoch, das Geld sei bewilligt worden und Babs seien programmgemäss abgefahren. Meine Überraschung war daher gross, als ich von J. B. einen an Bord des Schiffes geschriebenen S.O.S. Hilferuf bekam — abgestemptelt in Southhampton: Das Geld wäre abredewidrig nicht vor Abfahrt gezahlt worden!! Seine Frau schwämme zwar im Moment kreuzfidel und munter im Bassin des Dampfers, er aber könne nachts nicht schlafen und bei Tage sich an nichts freuen bei dem Gedanken, was in Paris aus ihnen werden würde, ohne Geld, um Logis und Kost zu bezahlen. Er käme sich vor wie ein Hochstapler! Ich stellte sofort fest, dass der Kollege, der die Zahlung fest zugesagt hatte, in die Ferien gefahren war, offenbar ohne noch diese Sache erledigt zu haben. Er war in einem Bergnest hoch oben in Colorado. Ich schickte ihm sofort einen Flugbrief und wies daraufhin, dass von dem Geld auch jetzt fällige Hypothekenzinsen beglichen werden sollten und, wenn Babs etwa wegen nicht rechtzeitiger Zahlung das Haus verloren gehen sollte, dann derjenige haftpflichtig wäre, der an der Verzögerung schuld wäre. Innerhalb von 24 Stunden war daraufhin das Geld telegrafisch angewiesen und Julius Bab’s Europareise finanziell gesichert. Ich glaube, es hat sehr lange gedauert, bis die letzten Reste dieser endlosen Erbregulierung aufgearbeitet worden sind, lange nachdem Julius Bab seine Augen für immer geschlossen hatte. Dr. Ernst Warschauer 5

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