Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1972
- Issue
- No. 31 (März 1972)
- Date
- 1972-04-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Begegenungen mit Landsleuten in Israel Zweimal im Jahr, im Frühjahr und Herbst, einmal aus Anlass des jüdischen Osterfestes. Fassah, das andere Mal aus Anlass des Neujahrsfestes, erscheinen in Tel Aviv in: deutscher Sprache die “Mitteilungen des Verbandes ehemaliger Breslauer und Schlesier in Israel”. Das von dem früheren Breslauer Dr. Freyhan gegründete Blatt geht weit in die Welt hinaus, überall dorthin, wo heute Schlesier jüdischen Glaubens leben. In Israel gibt es aber nicht nur diesen Verband, sondern auch noch den der ehemaligen Oberschlesier. In Nr. 30 der “Miteilungen” heist es in Chronistenpflicht: “Dr. Hupka und seine Gattin kamen zum dritten Mal ins Land und hatten sich wie auch bei den früheren Reisen keiner Gruppe angeschlossen, die geführt wird und der man sich unterordnen muss, sondern sind allein durchs Land gepilgert, um die Meinungen einzelner aus allen Schichten der Bevölkerung zu hören. Am Flugplatz Lod wurden sie von einer Delegation des Verbandes ehemaliger Breslauer und Mitgliedern des Vorstandes ehemaliger Oberschlesier empfan- (Forts. von Seite 2) ersten Reihe einen Sitzplatz anbot. Hier muss ich wohl besonders innig gebetet haben, ebenso beim Taschlichgebet am Rhein am nächsten Tage. Als ich mich pünktlich vom Urlaub zurück-, meldete, sagte der Kommandeur: “Sie werden nicht mehr bei meiner Truppe bleiben. Sie sind als ordienlerender Chirurg zum Feldlazarett der Division versetzt worden.” — Wer kann heute noch begreifen, was es bedeutete, aus dem Feuerbereich heraus in die frühere chirurgische Betätigung zurückkehren zu dürfen? Wenige Tage später beging man Jom Kippur. Welch ein Gegensatz zwischen dem Kölner grossen Gotteshause und meiner jetzigen Unterkunft in einer kleinen Stube eines Bauernhauses. Ich wollte gerade mit dem Gebet beginnen, klopft es an der Tür und einige jüdische Sanitäter und Beamte bitten um Erlaubnis mit mir gemeinsam Kol Nidrei beten zu dürfen. “Wir hatten nämlich erfahren, dass der neue Chef ein religiöser Herr sei, und da möchten wir ihn nicht in dieser Stunde allein lassen”. In diesem Augenblick kam mir zum Bewusstsein, dass das Wort vom “Erbe im Blut” keine Phrase ist, denn hier im fremden Lande erleben Menschen ihre Zugehörigkeit zu ihren, sonst ziemlich fremden Dingen der Religion und finden es für angebracht, sich andächtig im Gebet zusammenzufinden. Ich trug das Kol Nidrei-Gebet in der bekannten traditionellen Weise vor und die Anwesenden begleiteten es leise. Wir konnten diese kurze Weihestunde nicht lange wahrnehmen. Ein Transport von 42 z.T. Schwerverwundeter wurde eingeliefert und ihre Versorgung nahm uns den ganzen Jom Kippur in Anspruch. Ich selbst stand unentwegt am Operationstisch. Der am Lazarett beschäftigte jüdische Zahnarzt mahnte mich zwar immer wieder: "Sie müssen endlich das Fasten aufgeben, denn Ihr Schweiss läuft ja sonst ins Operationsfeld.” — Ich hielt jedoch durch, allerdings machte sich nach der Überanstrengung meine im feuchten Flandern aquierierte sogenannte “Kriegs-Nierenentzündung” unangenehm bemerkbar. Ich wurde daher ins Kriegslazarett d.h. Valencienne verlegt. Hier schlief ich dauernd ohne Schlafmittel, auch am Tage, bis mich ein Feldgeistlicher vorsichtig weckte. Er war der Meinung, ich sei ein Katholik, denn an einer Tafel über meinem Kopf war ohne mein Wissen ein grosses K angebracht worden, sodass der Feldgeistliche Dr. HERBERT HUPKA M.d.B. Vorsitzender der Landsmanschaft Schlesien gen. Von der ersten Minute — beide sind uns allen von ihren früheren Reisen gut bekannt — war ein besonders freundschaftliches Verhältnis zwischen den Ankommenden und uns zu spüren.” Hier sei die Wiedergabe des mit E. L. gezeichneten Berichtes abgebrochen. E. L., das ist Erich Lewin, ein Oberschlesier aus Rosenberg, der dort als Kantor tätig war. Er führt die Geschäfte des “Verbandes ehemaliger Breslauer und Schlesier”, aber das sagt zu wenig über ihn aus. Der Endsechziger ist in Schlesien ebenso zu Hause wie er über die besten Verbindungen bis in das Parlament Israels, die Knesset, verfügt. Und nicht nur das; was er in die Hand nimmt, klappt auch. “Wir werden zusammen in die Kneset gehen”, so hatte er es in Tel Aviv angekündigt, und zehn Tage später in Jerusalem war es dann so weit. Die Vizepräsidentin des Parlaments empfing uns, annahm, ich wäre der katholischen Religion angehörig. Als ich dem freundlichen Geistlichen Herrn darauf aufmerksam machte, ich wäre Jude, meinte er, das störe doch keinesfalls. Wir kamen in ein interessantes Gespräch, bei dem die Bibel das Hauptthema bildete. Dabei machte ich darauf aufmerksam, dass die Luther Übersetzung an einer eben besprochenen Stelle nicht ganz wörtlich, vielleicht höchstens sinngemäss zutreffend sei. Der Feldgeistliche erstaunt über mein Wissen, verabschiedete sich mit warmen Worten und dem Wunsche baldiger Genesung. Erst nachträglich erfuhr ich, dass der geistliche Herr der Dekan der kathol.-theologischen Fakultät der Universität Strassburg war. Mein behandelnder Arzt meinte, ich würde noch längere Zeit liegen müssen. Ich dachte mir, das könnte ich doch auch im Garnison-Lazarett Breslau Abtlg. “Jüd. Krankenhaus” erledigen. Allerdings erklärte der Arzt, eine solche Überweisung könnte nur durch die Division erfolgen. Es gelang mir an den kommandierenden General heranzukommen. Als er mich bemerkte, sagte er: “Wir kennen uns doch noch von Flandern her, was wollen Sie denn hier, etwa Urlaub?” — “Jawohl, Herr General”. Zu seinem Adjutanten gewendet, bemerkte er: “Tapferer Mann”. Wohin? war die nächste Frage, nach Schlesien, Breslau. “Schreiben Sie auf: 3 Wochen Urlaub.” Am nächsten Tage sass ich bereits im D-Zug Lille-Berlin. In dem überfüllten Abteilen fand ich keinen Platz, nur im Speisewagen am Tisch eines jungen Artillerie-Offiziers, mit dem ich mich gut unterhielt. In Brüssel setzte sich an den einzigen noch freien Tischplatz ein Zivilist. Sofort erzählte er von seiner verantwortlichen Stellung als Leiter einer Leder-Verwertungsabteilung für das Militär. “Unter meinen Angestellten können Sie viele Herren mit dicken Bäuchen und krummen Nasen und Rücken sehen”. Ich stand sofort auf, versetzte ihm eine Ohrfeige links und eine rechts. “Das ist ein Gruss von jüdischen Frontsoldaten aus dem Schützengraben und von einem vor ihnen stehenden Sanitäts Offizier, der nicht einen krummen Rücken, sondern sogar ein “Eisernes Kreuz” besitzt. Dies war meine letzte Betätigung an der Westfront. Dr. Seew William Boss, Tel-Aviv, Jad Elijahu, Margolinstr. 4 Tawa Sanhedrai, Angehörige der National-Religiösen Partei, die mit zehn Prozent der Knesset- Abgeordneten im Parlament vertreten ist und zwei Minister in der Regierung stellt. “Einer der lärmreichsten Tage der letzten Zeit”, so hiess es am nächsten Tag in der Zeitung, und es war in der Tat eine stürmische Sitzung, in der auch Israels Aussenminister Abba Eban das Wort genommen hatte. In Jerusalem hatte der Breslauer Maler Isidor Aschheim ein neues Zuhause gefunden. Hier ist er vor drei Jahren im Alter von 77 Jahren gestorben. Beim Besuch seiner Witwe, die aus Gleiwitz stammt und selbst eine bedeutende Malerin ist, halten wir Rückschau auf das Oeuvre des Schülers von Otto Mueller und stehen gleichzeitig den neuesten Schöpfungen von Margot Aschheim gegenüber. Man ist versucht zu fragen, steht das abgeschlossene Werk dem noch im Werden begriffenen im Wege oder verdrängt das neue Werk die hier gestapelten Schöpfungen von gestern? Die Fragen bleiben verstänndlicherweise ungestellt, denn sicher gäbe es keine zutreffende Antwort. Dass Isidor Aschheim in der Eröffnungsausstellung des neuen Museums in Tel Aviv mit einem sehr schönen Blatt vertreten ist, könnte vielleicht bereits eine erste Antwort sein. Die Gespräche in Israel, auch das mit Margot Aschheim, kreisen selbstverständlich immer wieder um die besondere politische und militärische Lage Israels. Wie wird es, wird es weiter gehen? Ein Taxfahrer in Tel-Aviv hatte die solomonische Antwort bereit: Noch in zehn Jahren werden wir uns über den Frieden unterhalten, womit gesagt sein sollte, dass dann immer noch nicht Frieden sein wird. Das Vertrauen in die eigene Kraft ist gross, aber was nützt die eigene Kraft, wenn die Gegenseite mehr und mehr fremde Waffen erhält, während man in Israel Zusehen muss, wie sich die USA mehr und mehr distanzieren, um nicht in einen neuen Konflikt hiningezogen zu werden. Die Malerin Ascheim drückte es so aus: “Schlimm ist es, dass wir über uns nicht mehr selbst bestimmen, sondern die Russen und die Amerikaner, also ihr Verhältnis zueinander über uns entscheidet.” Die Frage noch der Zukunft Israels erörterte ich auch mit dem Redakteur der deutschsprachigen Tageszeitung Israel, Martin Bielski, einem gebürtigen Breslauer. Jede Frage zieht eine neue Frage nach sich. Weiche Vorstellungen hat Israel selbst vom Umfang seines Landes, will es die Eroberungen behalten (es ist heute mehr als doppelt so gross als vor dem Sechstagekrieg), wird es lediglich auf Jerusalem und den Golan-Höhen bestehen, wie stark ist Sadat in Kairo, wie gross ist der Druck des ägyptischen Militärs auf ihn, welchen Einfluss hat die Sowjetunion auf die ägyptische und die arabische Politik, könnte es zu einem Arrangement am Suezkanal kommen? Hier sei der Fragenkatalog unterbrochen. Das Wort, das immer wieder die Runde macht lautet: Lieber Sicherheit ohne Frieden als Frieden ohne Sicherheit. Ein Ratiborer Tierarzt, der mit Stolz auf seinen Orangenhain verweisen kann, denn er hat ihn selbst gepflanzt und gepflegt, setzte zu diesem Wort dem Kommentar: Erst in zwei Jahren wird man wissen, ob Israel zu Ende geht oder ob es überlebt. Dr. Richard Fröhlich, einst Schüler des Humanistischen Gymnasiums in Ratibor und dort Schüler meines Grossvaters, kennt vierzig Adressen von ehemaligen Ratiborern, die heute in Israel leben, unter ihnen auch zwei Schulkameraden, mit denen ich seit langem in Verbindung stehe und die ich auch dieses Mal wieder besuche. (Forts. Seite 4) Erlebnisse eines jüdischen Frontarztes... 3