Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1972
- Issue
- No. 31 (März 1972)
- Date
- 1972-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Erlebnisse eines jüdischen Frontarztes im Ersten Der 2. August 1914 war der erste Mobilmachungstag im Welkriege. Am 10. Mobilmachungstage hatte ich mich im Hauptlazarett — Breslau — zu melden. Als ich dies bereits am 5. Tage tat, um in die sogenannte Mediziner-Kompanie eingereiht zu werden, war sie bereits komplett. Der leitende Chefarzt des Hauptlazarettes riet mir, mich inzwischen bei der als Garnisonlazarett ernannten Abteilung “Israelisches Krankenhaus” zu melden. Der dortige Chefchirurg Prof. Dr. G. Gottstein bittet dringend um ärztliche Versorgung, da seine bisherigen Assistenten bereits sämtlich eingezogen waren. “Sie werden also dort”, decretierte der Herr Generaloberarzt, “als sogenannter Assistentenarzt tätig sein.” In dieser Stellung als einziger Assistent hatte ich die Möglichkeit, mir ein grundlegendes medizinisches Wissen und chirurgisches Können zu erwerben unter der Anleitung von Professor Gottstein, der als langjähriger Schüler von Prof, von Mikulicz, dessen hervorragende Methoden in unüberbetrefflicher Form bis ins kleinste Detail überlieferte. Neben dem Krankenhausdienst hatte ich Gelegenheit in der benachbarten Kürassierkaserne “dienstlich” als Reitersmann ausgebildet zu werden — und als ich im Mai 1917 zur Westfront abkommandiert wurde — inzwischen war der frühere Assistent Dr. B. aus dem Felde zurückgekehrt — hat mir diese Reitkunst mehr Achtung eingebracht als mein ganzes medizinisches Wissen. Meine erste Tätigkeit als Bataillonsarzt der Infanterie bestand in der Teilnahme an einer Parade vor dem Divisionskommandeur. Man hatte mir ein schönes Pferd anvertraut. Mein Pferdepfleger erklärte mir: “Der Reinhard” ist ein gutes Tier, nur sollte man ihm nie die Sporen geben. Freilich hatte der gute Mann mir verschwiegen — ich weiss nicht ob absichtlich, — dass er keine Musik verträgt. Als nun nach Abschluss der Parade die Regimentsmusik einsetzte, blieb mein guter Reinhard stehen. Die Mannschaften schienen nur darauf gewartet zu haben, sie drehten neugierig ihre Köpfe und warteten grinsend, was nun der neue Unterarzt beginnen würde, der befehlsgemäss das marschierende Regiment abzuschliessen hatte. Ich versuchte mit der Hand und Gerte dem Gaul zum Anschluss an die vorrückende Kolonne zu bewegen. Als ich ihn trotz Warnung mit den Sporen auch nur andeutungsweise kitzelte, ging Reinhard in schärfsten Galopp über und hätte den an der Spitze reitenden General sicher überholt, hätte ich nicht im letzten Augenblick den beim Reitlehrer s.Zt. eingedrillten Trick des sogenannten Schenkelweichens angewandt. Der General, der den plötzlich unterbrochenen Galopp bemerkte, legte seine Hand an den Helm und sagte vernehmlich: “Gut, der Doktor”. Das aber bedeutete für mich die beste Anerkennung bei der Truppe. Die Tätigkeit eines Bataillonsarztes bestand abgesehen von der regelmässigen Gesundheitskontrolle der Mannschaften, die auch von meinem intelligenten Sanitäts-Feldwebel hätte erledigt werden können, in der regelmässigen Teilnahme an den Mahlzeiten im Kasino. Als der einem alten Adel entstammende Bataillonskommandeur zum Gaskurs nach Berlin abkommandiert wurde, vertrat ihn ein Oberleutnant der Reserve, von Beruf Kaufmann aus Berlin. Sein erster Batallionsbefehl lautete: Am Essen im Kasino nehmen nur Offiziere teil. Ich war damals als Unterarzt der Reserve zwar Bataillonsarzt, kam also dem Range nach unmittelbar hinter dem Bataillonskommandeur. Sofort meldete ich mich bei meinem ärztlichen Vorgesetzten, dem Regimentsarzt, dem die Angelegenheit peinlich war. Der später unter dem Hitler-Regime zum Professor avancierte aktive Oberarzt empfiehl mir einen zweitätigen krank- Weltkriege heits-Urlaub. “Ich fühle mich aber kerngesund”, erklärte ich und bereits am gleichen Nachmittag erschien eine Ordenanz des Regimentskommandeurs, der mich zum Abendbrot in seinem Kasino einlud. Ich dulde keine Hausknechtsparagraphen in meinem Regiment. Das war eine deutliche Ohrfeige für den antisemitisch angehauchten stellvertretenden Bataillonskommandeur. Um meine chirurgische Technik bei der eintönigen Tätigkeit als Bataillonsarzt nicht einzubüssen, machte ich im Einverständnis mit dem Divisionsarzt, der meine Zeugnisse als Chirurg zu schätzen wusste, an den herumsträunenden Hunden Darm-Operationen unter Mithilfe des intelligenten Sanatäts-Feldwebels, der auch Narkose zu geben verstand. — Bei einem solchen übrigens unter allen Kautelen erfolgten Eingriffe erschien kontrollierend der Divisionsarzt. “Lassen Sie sich nicht stören, machen Sie nur ruhig weiter,” meinte er ganz vertraulich. Aus dieser relativ ruhigen Stellung in Frankreich wurde unsere Division nach Flandern “Heeresgruppe Ypern” überführt. Hier pfiff ein schärferer Wind nicht nur vom Meere aus, sondern auch von den gegenüberliegenden Engländern. Die Namen unserer neuen Stellung bei Moorsiede und Paschendaale galten als Soldatenfriedhöfe der Welt. Die Kämpfe waren schwer, die Zahl der Verwundeten gross und der Transport der Schwer- Verwundeten aus der vordersten Linie lag im Argen. — Auf einmal erinnerte sich der Divisionsarzt meiner, von Ihm selbstbeobachtenden chirurgischen Betätigung und nach kurzer Zeit wurde ich mit 4 Sanitätern in den vorgeschobenen Verbandsplatz “Kuckuck-Hock” abkommandiert. Er befand sich in einem Betonblock unmittelbar neben dem Kampftruppenkommandeur, dem als Herrenreiter bekannten Rittmeister von Platen.— Ein von der Gegenseite gefangengenommener englischer Truppenarzt betätigte sich bereits. Wir taten nun gemeinsam pausenlos bei den z.T. schwer Verwundeten erfolgreiche Arbeit, sodass sie wenigstens transportfähig wurden. Da hörte ich die Stimme des benachbarten Kommandeurs von Platen: “das heisst, der Jude benimmt sich gut.” Das konnte sich nur auf mich beziehen. Ich schnallte daher mein Seitengewehr um, setzte den Stahlhelm auf und nach erlaubtem Eintreten meldete ich ganz gehorsamst: “Assistentenarzt d. Reserve Dr. William Boss”. Der Herrenreiter begriff sofort. Eine weitere Belehrung musste er sich von dem englischen Kollegen einstecken, als dieser eine ihm hingeworfene Zigarette später anrauchte, um sie bald fortzuwerfen. “Fragen Sie doch mal den Kerl, ob ihm meine Zigaretten nicht gut genug sind”. Die Antwort lautete: “Das Feuer, das mir der Adjutant fair geboten hatte, nahm ich entgegen, die mir hingeworfene Zigarette zertrat ich”. Der Herr Rittmeister kniff sein monokeltragendes Auge zu. Dieser unerquicklichen Szene machte ein dringender Telefonanruf vom Divisions-Quartier ein Ende. Der General tobte: “Der verrückte Chirurg, der durch das Trommelfeuer Verwundete abtransportieren lässt, hat sich hier sofort zu melden.” Im Innern war ich zufrieden, dass ich unerwartet rückwärts gehen durfte. Den Transport hatte mir ein verwundeter englischer Offizier angeraten, ich sollte eine Rote Kreuzfahne auf langer Stange von einem Sanitäter vorantragen lassen, dann würde kein Engländer schiessen. Und so geschah es tatsächlich. — Mit rotem Kopf — er war röter als seine Generalstreifen — tritt der General mir mit geladenem Revolver entgegen. “Wissen Sie”, brüllt er, “ich kann Sie ohne Kriegsgericht auf der Stelle erschiessen, denn Sie haben Ihre Dienstpflicht als Arzt mit Füssen getreten. Anstatt für einen ordnungsgemässen Abtransport von Verwundeten Sorge zu tragen, haben Sie diese ins Trommelfeuer geschickt.” “Herr General”, erwiderte ich, “die von mir Zurücktransportierten waren 3 englische Offiziere, die ich mit ihrer Einwilligung gewissermassen als Probekandidaten vorgeschickt habe.” Der General entspannte seine Gesichtszüge und seinen Revolver, den er wieder einsteckte. An seiner Stelle holte er aus seiner Brusttasche sein Cigarren-Etui und offerierte mir eine dicke “Graf Bernsdorf” (Preis 50 Pfennig und zwei handbreit lang). Ich war zufrieden, dass er zum Telefon gerufen wurde. So entging ich, der gewohnheitsmässige Nichtraucher, der Gefahr die “Friedenspfeife” anstecken zu müssen. Der sonst nicht gerade übermässig interessante Divisionsbefehl ordnete für sämtliche Mannschaften einen Feld-Dank-Gottesdienst an. Ich war an diesem ganz besonders interessiert, da ich noch im Trauerjahr nach meinem Vater s.A. einmal wieder selbst Kaddisch sagen wollte. Ungefähr 150 Teilnehmer kamen zusammen, einen grossen Teil bildeten gefangene polnisch-russische Juden, die hier Schanzarbeiten leisten mussten. Sie kamen unter militärischer Aufsicht mit deren Anwesenheit ich als Vorbeter nicht einverstanden war. Ich verbürgte mich bei deren Leiter für die Zuverlässigkeit der gefangenen jüdischen Beter. Diesen erklärte ich nun, sie würden mich in schwerste Verlegenheit bringen, wenn sie hinter meinem Rücken — ich stand doch als Vorbeter mit abgewandtem Gesicht zu ihnen — Störungen oder gar Fluchtversuche machen wollten, die aussichtslos sein mussten, da die Posten draussen weiter Wache hielten. Noch nie habe ich bei einen Schabbat Nachmittagsgebet soviel weinen gehört. Und nach dessen Beendigung drängten sich die z.T. graubärtigen gefangenen Juden, um mir die Hände zu drücken und sie zu küssen. Noch nie hätten sie gewusst, dass ein deutscher Offizier, noch dazu ein Arzt, mit solcher Würde und Innigkeit (Kawone) vorbeten konnte. In diesem Augenblick kam mir so recht zum Bewusstsein, in welchem Lager meine Freunde zu suchen wären. Beim weiteren Stellungswechsel, der stunden lang zu Fuss erfolgte, und bei dem ich gewöhn heits- und befehlsgemäss den Abschluss zu Pferdbildete, bemerkte ich einen Mann, der aus dej: hintersten Reihen vorsichtig heraustrat und neben mir Halt machte. Ich glaubte schon, es handle sich um notwendige, ärztliche Hilfe. Da greift er unter seinen Waffenrock, zieht ein Monokel hervor und klemmt es sich ein. “Sind Sie verrückt geworden?” fragte ich den mir schon als Witzbold bekannten, früheren Conferencier des Berliner Cabaretts “Schall u. Rauch”. “Bitte, Herr Doktor, melden Sie mich nicht. Aber, wenn mir mitunter das Soldatenleben recht mies wird, denke ich an mein früheres Auftreten in Frack und mit Monokel und den oft rauschenden Beifall des begeisterten Publikums. Dann geht es wieder etwas besser im öden Trott.” Nach einer erfolgreichen Kurzbehandlung des Bataillonskommandeurs erhielt ich zu den eben bevorstehenden Neujahrsfeiertagen einen ätägigen Urlaub nach Köln. Dort wollte ich mich mit meiner Verlobten treffen, die als Rote Kreuz Kilfsschwester am Festungs-Lazarett Breslau tätig war und von dort Rekonvalescenten in die Heimat begleiten sollte. — Mit meinen Stiefeln am Vorabend von Rosch-Haschana im letzten Augenblick, an denen noch d. zähe Schmutz des Schützengrabens klebte, kam ich in das festlich erleuchtete Gotteshaus, wo man mir in der (Farts. Seite 3) 2