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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1971-09-01 · No. 30 (September 1971) · p. Seite 12

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1971
Issue
No. 30 (September 1971)
Date
1971-09-01
Page
Seite 12 (sequence 1976)
Language
German
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Zum Gedenken an Prof. Dr. Isaak Heinemann Rabb. EGON ISRAEL LOEWENSTEIN, Jerusalem Am 29. Tarnus — einen Tag vor dem Jahrzeitstag — war es mir ein Bedürfnis an die Stätte seiner ewigen Ruhe zu gehen. Seit meiner Kindheit war es mir vergönnt, mich des Wohlwollen dises Grossen in Israel erfreuen zu dürfen. So stand ich — wenige Monate nach meiner Alija — am Grabe dieses Mannes, in dessen Stein auf seinen ausdrücklichen Wunsch nichts weiter als sein Name, Ort und Datum seiner Geburt und seines Hinscheidens eingraviert ist. Am 28. Juli 1957 ist mit Prof. Dr. Isaak Heinemann in Jerusalem ein bedeutender Repräsentant des einstigen Judentums in Deutschland dahin gegangen. Wir Breslauer haben alle Veranlassung seiner in Ehren zu gedenken. Er, dessen Wiege in Frankfurt am Main stand, wurde einer der hervorragendsten Zierden dieser Gemeinde. Wann und wo immer Isaak Heinemann im jüdischen Gemeindeleben' einen Vortrag hielt wussten die Zuhörer, dass ihnen ein geistiges Erlebnis bestimmt war. Dieser Mann mit den tiefdurchgeistigen Augen schöpfte nicht nur aus der Fülle des Geistes, sondern auch aus seinen Tiefen. Am 5. Juni 1876 ist er als Sohn des ehrenamtlichen Dajan, der Frankfurter Gemeinde, Dr. Heinrich Heinemann, daselbst geboren. Tief beeinflusst von dem weiten Wissen dieses Mannes und seiner strengtraditionellen Einstellung zum Judentum, hat er sich immer mit Stolz zu den besonderen Traditionen der Ir Wa'Em B’Jisrael — Frankfurt a/M. — bekannt. In Strassburg, Göttingen und Berlin studierte er Alter tum Wissenschaft. Seinem Lehrer, dem bedeutenden Philologen Ullrich von Wilamowitz-Möllendorf blieb er stets verbunden. Ihm, der ihn in seiner Methode sehr beeinflusste, widmete er im Jahre 1897 als 21jähriger die Doktordissertation. Heinemann blieb Zeit seines Lebens ein Philologe, aber er verstand es, aus der scheinbar so trockenen Philologie ein lebendiges Instrument wissenschaftlicher Durchdringung erstehen zu lassen. Noch in der Zeit, als er die Leitung, der von seinem Vater gegründeten Privatschule in Frankfurt übernahm, entwickelte er eine fruchtbare literarische und jüdisch-wissenschaftliche Tätigkeit, von der Beiträge im “Hermes” und im “Jeschurun” Zeugnis ablegen. Vor allem widmete er sich der Erforschung der jüdisch-hellenistischen Literatur und dabei galt sein Interesse vor allem dem Alexandriner Juden Philo, dessen Werke er nach dem Ableben von Prof. Leopold Cohn (Breslau) im Jahre 1915 herausgab. Im Jahre 1919 wurde er als Dozent an das Breslauer Rabbinerseminar berufen, wo er seine Schüler im Geiste des traditionellen Judentums und erfüllt von Liebe zu “Klall Jisrael” zu Rabbinern und Lehrern jüdischer Gemeinden heranbildete. 1921 wurde ihm das ehrenvolle Amt des Schriftstellers der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums” übertragen, mit der die Namen ihrer Herausgeber Secharja Frankel, Heinrich Graetz und Markus Brann verbunden bleiben. Er verlieh ihr einen lebensnahen und doch streng wissenschaftlichen Charakter, wie es seinem eigenen Wesen entsprach. Seine Beiträge, seine Arbeiten für die Jahresberichte des Seminars, seine Werke über die hellenistisch-jüdische Literatm- und Philosophie sind auch heute noch grundlegend für alle wissenschaftliche Tätigkeit auf diesem Gebiet. 1928 wird Isaak Heinemann von der Breslauer Universität zum Honorarprofessor für hellenistische Kultur ernannt. Trotz seiner Hingabe zur Wissenschaft gehörte er nicht zu jenem Typ des weltfernen Wissenschaftlers, der ohne Beziehung zu den aktuellen Ereignissen lebt. Als Mensch und als Jude werden Wissenschaft und Leben stets konfrontiert. In seinen Beiträgen — vor allem im “Morgen” — und in seinen populär-wissenschaftlichen Vorträgen, in denen er stets ein zahlreiches und immer wieder aufs Neue ergriffenes Publikum um sich schaarte, wandte er sich an den denkenden und um die Lösung der Probleme ringenden Menschen. Seinen Schülern war er der sie führende und lenkende Meister, der auch an ihren persönlichen Problemen Anteil nahm. Wie oft durften wir in jenen aufregenden Jahren des Studiums mit ihm durch den Garten des Seminars gehen und fanden stets sein aufmerksames Ohr. Mit poetischem Pathos und jugendlichem Schwung führte er seine Hörer in die Geisteswelt des Judentums ein und doch blieb er stets der tiefgründige Philologe, dem die Wissenschaft Herzensanliegen war. 1939 kam er ins Land und liess sich in Jerusalem nieder. Hier hat er lange am Lehrerseminar gelehrt imd die letzten Lebensjahre in stiller Zurückgezogenheit, aber ununterbrochener schöpferischer Forschung verbracht. So hat er eine abgekürzte Ausgabe des Kuzari von Jehuda Halevi — dem “Augendenker” in englischer Sprache herausgegeben und über eines seiner Lieblingsthemen “Darke Haagada” ein tiefgründiges Werk geschrieben. Dem Sinn der Mizwot ging er in einem zweibändigen Werk “Taame Hamizwot b’Sifrut Israel”, nach, das er der Jugend Israels widmete. Heinemanns besondere Fähigkeit lag in seiner Kraft der Darstellung, durch die er die Herzen und Gedanken der Zuhörer und Leser zu fesseln verstand. Er sprach zu den Menschen urid nicht über ihre Köpfe hinweg. In seiner wissenschaftlichen Arbeit hatte er stets das Gesamtziel der Forschung vor Augen und ordnet es in das Leben des jüdischen Volkes ein. Für ihn war Wissenschaft keine Aneinandereihung trockener Tatsachen, sondern Führer durch das Leben. Darin knüpfte er an die besten Traditionen unserer Weisen an. Er suchte die Persönlichkeit der Denker der mittelalterlichen Philosophie Israels aus ihrer eigenen “Mitte” zu erfassen und ihre Problematik und Widersprüche aus der Tatsache zu erklären, dass Religion und Wissenschaft aus verschiedenen Tiefen stammen. Aus dem Versuch diese beiden grundverschiedenen Mächte zur Deckung zu bringen, ergeben sich die Schwierigkeiten der Denker der jüdischen Religionsphilosophie des Mittelalters Damit tritt die Persönlichkeit des Denkers und ihr Lebensraum — ihr Urerlebnis und ihr Bildungserlebnis — in seiner wissenschaftlichen Arbeit in den Vordergrund. Selbstverständlich wird auch ihre Stellung innerhalb der Problemgeschichte der Philosophie berücksichtigt. Aber dies allein erklärt nicht den Menschen mit seinem Widerspruch. Unsere Religionsphilosophen wurden von Prof. Heinemann, wie in vielen wissenschaftlichen Arbeiten vor ihm, nicht nur aus ihrer Abhängigkeit von Vorgängern und Zeitgenossen verstanden, sondern gerade aus ihrer Selbständigkeit. Dadurch kam er zu einer stärkeren Betonung der jüdischen Note mittelalterlichen Religionsphilosophie. In seinen eigenen Worten: “Die jüdische Philosophie gehört als Philosophie zum Strome des wissenschaftlichen Denkens, der von Hellas ausgehend die Völker der römischen, christlichen und islamitischen Welt ergriff. Als jüdische Gedankenarbeit ist sie eines der Symptome jüdischen Wesens, wie es sich in Mystik, Schrifterklärung, Sage und Dichtung, Recht und Brauch entfaltet hat. Und so leicht es sich erkennen lässt, dass sich der jüdische Geist auf allen diesen Gebieten von seiner Umwelt anregen und befruchten liess, so deutlich wird die Selbständigkeit, die er in Auswahl und Umbildung des Fremden bewahrte". So war für Heinemann nicht nur das Wichtig, was gesagt und gedacht wurde, sondern auch das, was in der Geschichte des Denkens des Judentums seinen Ausdruck gefunden hat: “Wenn, der denkende Jude im Altertum niemals den Versuchungen der Skepsis und den Reizen der epikuräischen Denkweise erlag, wenn er sich im Mittelalter nie zu jener krassen Verdammung des Fleisches verstand, die er bei so manchen christlichen und arabischen Vorgängern vorfand, wenn die Ehebruchslyrik geistlicher und weltlicher Dichter des Mittelalters im Judentum fast ohne Nachhall blieb und in die ungebildete Masse zwar mancher Aberglaube aus der Umwelt eindrang, niemals aber unsittliche oder grausame Riten, so ist es offensichtlich die eigenartig-jüdische Lebensform, die in den höheren wie in, den niederen Schichten die Auswahl trifft”. Indem Heinemann jedoch dem spezifisch Jüdischen im Denken unseres Volkes nachspürt, dient er auch der allgemeinen Kultur, die sich erst durch den Zusammenklang aller Instrumente zu einer wahren Symphonie der Werte entwickeln kann. Damit wird auch dem modernen Juden, der vor dem Problem der Auseinandersetzung mit der nichtjüdischen Welt steht, der Weg gewiesen: “Nicht da ist die Synthese des Judentums und der Weltbildung, wie sie uns vorschwebt, in vollem Masse geglückt, wo der Strom der Kultur nur durch trübe Seitenbäche den Weg ins Judentum fand, wie fast durchweg in der Zeit rabbinischer Weisheit —, nicht da ist sie auch nur einigermassen. gelungen, wo die führenden Lehrer des Judentums die heilige Sprache vergassen mit ihrem unübersetzbaren religiösen Inhalt, wie in der Zeit des alexandrischen Judentums. Nur wenn der Jude es verstanden hat, “in Eigenen Meister sein und Schüler aller echten Geister sein”’, konnte und kann jenes kulturfrohe und geschichtsbewusste Judentum erwachsen, nach dem wir uns sehnen”. Jahrzehnte sind vergangen seitdem diese grundlegenden, Gedanken formuliert worden sind. Sie haben über die Jahre hinweg nichts an Wert und Bedeutung verloren. Das ist die Grösse eines Mannes, der vielen Rabbinern und Lehrern in der weiten Welt Meister war und sie seiner in Verehrung und Dankbarkeit gedenken. Ich hätte noch so manche Anekdote aus seinem Leben und Wirken berichten können, die wir uns immer wieder erzählen, wenn wir dieser ehrfurchtsvollen Gestalt gedenken .Aber damit wäre ich dem Gedenken an ihn nicht gerecht geworden. Dessen gedachte ich auch nicht als ich am 29. Tamus dort stand, wo seine sterbliche Hülle ruht. Es ist der Mensch und Lehrer, der in unserer Mitte unvergessen bleibt. .ro-n^ P’TX 73T Unsere teuere geliebte Mutter, Grossmutter und Urgrossmuter Susi Clarfeid geh. Luifinger geb. in Czernowitz, früher Breslau, Shanghai, Meschek Jagur, hat uns im Alter von 87 Jahren für immer am 3. April 1971 verlassen. Wir werden sie nie vergessen. Friederike u. Josef Lustig, Meschek Jagur, Cläre u. Hans Seidenberg, Los Angeles Lisbet u. Ernst Falk, Jerusalem, Bajit Wegan Erika u. Arthur Heymann, Melbourne. 12

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