Mannheim
Compact Memory

Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1971-09-01 · No. 30 (September 1971) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1971
Issue
No. 30 (September 1971)
Date
1971-09-01
Page
Seite 11 (sequence 1975)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/7411685-7412237-7412260--0343-7412271
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

In Memoriam Willy Rosenthal KANTORSOHN — APOTHEKER — WELTMANN In Büchervorblättem heisst es oft: “...Namensgleichheiten sind rein zufällig...”. So sei auch hier schon eingangs bemerkt, dass ich mit dem Freund unseres Hauses, dessen Andenken diese Zeilen gewidmet sind, nicht verwandt bin, und dass daher auch zwischen ihm und meinen Breslauer Verwandten, “Hut Rosenthal”, vom Blücherplatz, keinerlei verwandschaftliche Beziehungen bestanden. Anlass zu diesen Zeilen sind die hier in der Pessach-Ausgabe veröffentlichen manifachen Erinnerungen an den “Storch” Oberkantor Hermann Josef Rosenthal S.A., von dessen liebenswerter Persönlichkeit, Respekt gebietender Erscheinung und herzerwärmender Kunst ich auch in Berlin als Kind erzählen hörte. Und das liess wieder, nach Jahrzehnten, den Freundschaftsfunken überspringen und zünden. Im alten Berliner deutsch-jüdischen Stadtkern, an der Oranienburgerstrasse, nahe der Neuen Synagoge, der Gemeinde-, Verwaltung-, Bücherei- und Kunstsammlung, der Adass Jisroel, dem Rabbinerseminer, der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und der Chewrat Schass, meinen Spiel- und Lerngründen, gehörte zu den ehrwürdigen, beinahe gesellschaftlichen Mittelpunkten “Brettschneiders Apotheke” noch “privilegiert”, d.h. aus recht alter Zeit, natürlich mit dem Eigentum an dem umliegenden Patrizierwohnungen bergenden Grundstück und Haus verbunden. Die Apotheke hatte die ganze Gegend als Kundschaft und auch die vielen benachbarten Ärzte, Zahnärzte, Laboratorien und Universitäts- Polikliniken sowie Privatkliniken Ihre Atmosphäre war gleichsam geschichtsgeladen; zugleich aber war sie modern in jeder Beziehung und führte auch jederlei Untersuchung durch; denn Besitzer und Angestellte (“Provisoren”) waren bestgeschulte Fachleute, auch wissenschaftlich interessiert. Viele Jahrzehnte war sie in jüdischer — man darf sagen — gutjüdischer — Hand. Bis zu seinem Tode, Ende des ersten Weltkrieges, gehörte sie David Friedländer, der aus einer “Kurfürstlich privilegierten” Berliner Judenfamilie stammte, einem der wenigen altansässigen jüdischen Patrizierhäuser, in dem es wohl kaum eine Taufe oder Mischehe gegeben hat. Friedländer war Vornehmheit, Güte und Berufsgewissen in Fleisch und Blut, und auch Berater seiner Stammkunden, über den Arzeneienbereich hinaus. Bald nach Kriegsende hörte man, Apotheke mit Konzession und Grundstückseigentum sei an einen "ganz anderen” übergegangen — Ex-Korporationsstudenten mit "Schmiss” (im Gesicht, nicht im Beruf), und ‘.Geheimratstochter” als Frau. Was, “Brettschneider fürs Judentum verloren...?” Bald war diese Sorge behoben, und nicht nur sie: Der neue Apothekerbesitzer heisst Willy Rosenthal, Vater der “Geheimratstochter” ist der im jüdischen und allgemeinen Leben angesehene Kommerzienrat Hirsch in Königsberg heute Kaliningrad, wo der jugendliche Rosenthal studiert hatte und Eleve war. Aber der “Schmiss” auf der Wange (nicht entstellend, sondern beinahe kosmetisch-geschmackvoll — ja, so waren eben viele Juden...). Gleich nach dem Einzug des “jungen Neuen” in Apotheke und Apotheker-Wohnung im gleichen Haus, auch das gehörte damals zu Tablean) — eine neue Überraschung: Er erschien in der Alten Synagoge, Heidereutergasse, und erwarb einen von James Yaakov ROSENTHAL, Jerusalem Platz (damals brauchte man zu einem soliden “Seltenheitswert” angesichts des hohen Ansehens dieser schönen, auch geschichtsumwitterten Bet- und Lehrstatt “Protektie”, ja beinahe Schleichhandels-Kunst), und er fand sich dort jeweils regelmässig, gemeinsam mit dem dort amtierenden Rabbiner ein. — Dr. Markus Petuchowski s.A. (sein Enkel Rabbi Dr. Jakob Petuchowski, ist Professor am Hebrew Union College in Cincinnati und lebt dabei, mit Familie, in der privaten Sphäre, ganz auf traditioneller Bahn) — denn Dr. P. war Mieter einer Wohnung im Hause der Apotheke. Schnell freundeten rieh meine Eltern mit Willy Rosenthal an — als treue Kunden der Apotheke von eh und je, durch die Synagoge, und doppelt als mein Vater hörte: ein Sohn von Hermann Rosenthal. Mein Vater s.A., unter dessen Vorfahren Kantoren waren, widmete nämlich der Förderung von Kultusbeamten viel Liebe, Zeit, Mühe und Verständnis und war jahrelang Vorsitzender der “Hilfskasse für Israelitische Kantoren und Kultusbeamte, deren Witwen und Waisen, E.V. ("typische Vereins Namenklatur” alter Zeiten), und pflegte auch intensive private Beziehungen zu Kantoren, so zum Berliner Altmeister dieser Kunst, Musikdirektor Aron Friedmann s.A., dessen grosses Sammelwerk (von meinem Vater mitorganisiert), “Lebensbilder berühmter Kantoren”, eine der in dieser Zeitung abgedruckten Würdigungen von Hermann Rosenthal entstammt. Und in Willy Rosenthal fand er eine wahrhaft verwandte Seele. Rosenthal lebte förmlich das Dichterwort: “Wer seiner Väter gern gedenkt”, und er war stolz auf seinen Vater, pflegte sein Andenken in grosser Liebe und tat viel für notbedrängte Kultusbeamten-Familien (alles in Pietät für seinen Vater). Für alles Jüdische war er aufgeschlossen — in all seinen Interessen herzenswarm, unprätentiös, und bei aller Wärme unfanatisch und jedem Parteigetriebe abhold, wenn auch seine wurzelhafte Förderung traditionellen Werten und Einrichtungen galt. Seine Erscheinung ist mir noch, blutvoll und plastisch, vor Augen: gross, schlank, gefällig, aufgeschlossen und doch klug zurückhaltend, taktvoll und feinfühlig, gepflegt im Äusseren, sei es im stets blühenden Labormantel, sei es in Strassen- oder gar Schabbat-Kleidung, hilfsbereit aus Instinkt, sportlich trainiert — und der “Schmiss". Er war wirklich ein Aristokrat — niemals laut, humorvoll, aber hie berstend loslachend, und am liebsten einem “jüdischen Wort” lauschend oder etwas Wohlerzogenes zu jüdischer Aussprache beisteuernd. Da, durch die Stütze aus dem Hause seiner Frau, und energiebegabt, entwickelte er seine Apotheke und ging, erfolgreich, auch zur Arzneien-Fabrikation über — strikt fachmännisch, ohne jemand etwas als "grossartige Kur” aufbindend, eben seriös in allem. Dabei vernachlässigte er auch das Kleinste nicht und blieb, noch als Fabrikant, auch der pedantische Reagenzglasprüfer und Mikroskopist. Und auf seine “Zettel” war absoluter Verlass. Und das wusste auch jeder Arzt. Wie er meinem Vater in schwerer Krankheit als Freund und Fachmann, treu war und dann, nach dem Ende, uns verbunden blieb, erhärtete für uns das Charakterzeugnis. In Pietät für meinen Vater, übernahm er dann den Vorsitz der “Hilfskasse”. Und wie er sich der Erziehung seiner einzigen Tochter widmete, mit der ihn zarteste Familienliebe verband, ist gleichsam der Schlussbogen zum Persönlichkeitsgebäude. All seine nichtberuflichen Interessen kreisten um Jüdische. Und dabei pflegte er stets die "Korporationsbande” und “stand zu den Farben” — seiner Reformburschenschaft, in deren Dienst und Ehr“ er auch gefochten und den zierenden Schmiss” erhalten hatte. Ja, so war eben das Bild des guten Juden (und G”tt behüte, ohne Anführungszeichen, sondern von ihm aus gesehen und im Gedenken an ihn mit ehrlicher Liebe und unvergänglichem Respekt!) des Milieus in der Generation vor uns. Mit als erster machte er, vor etwa 50 Jahren, schon bewährter Fachmann und auch Familienvater, von dem damals ersten Zahnärzten und Apothekern gewährten Recht Gebrauch, den Doktorgrad zu erwerben u. er promovierte ”mit Hochglanz”. Elegant, geschliffen, immer ganz der Weltmann — ob im Betrieb, in Gesellschaft oder... Jom Kippur im “Kittel” — war er in Wahrheit nüchtern, bescheiden und bienenfleissig, und zu allem lern- und wissbegierig (traditionell-jüdisches Erbgut) , die Nähe von Geistesmenschen suchend (Erbgut aus den Werten des Vaterhauses) und nie etwas Nichtgerades Uber einen anderen sagend. Später zog er in den Grunewald und führte dort ein seinen Neigungen ganz entsprechendes, ästhetisch-intellektuell gepflegtes Haus. Bis das grosse Unheil auch ihn traf. Als Kriegsteilnehmer hatte er wohl noch eine “Gnadenfrist”. Aber er war ein stolzer Mensch: In dem Lande, dem er, wie wir alle, sich als Sohn zugeordnet gewähnt hatte, war seines Bleibens nicht. Er wollte ln England vorfühlen. Aber unmerklich war der Baum von der Erschütterung der Lebenswurzel tief getroffen. Auf der Erkundungsreise versagte das Herz — es war wohl zur Zeit der Nürnberger Gesetze — und sehr schnell war alles vorüber. Uns erreichte die Trauerpost in Jerusalem, von wo wir in Verbindung geblieben waren. Und wir betrauerten ihn, als sei die Namensgleichheit ein Familienband gewesen. Und als Epilog ein kleiner, bezeichnender Charakterzug: Ein Jerusalemer Nachbar, bekannte Figur aus dem Alten Jischuw, klagte uns sein Leiden und sein Leid: er brauche eine bestimmte Arznei, bestimmter Fabrikation, nur in Deutschland auftrelbbar, aber anscheinend nicht mehr in Herstellung. Was tun? Wir schreiben (es war schon Hitler Zeit!) an Dt. Willy Rosenthal: Postwendend kam eine Packung wie gewünscht, Bezahlung "weil nichts ins Gewicht fallend” nbgelehnt. Der Nachbar erging sich in Segenswünschen. Gleich darauf — das tragische Ende. Ehemalige Breslauer, gleich mir, sollten “ihres Hermann Rosenthal s_A. gedenkend, auch von seinem Sohn wissen, der der besten “Breslauer JUdischkeit” tätig treu geblieben ist. 11

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.