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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1971-09-01 · No. 30 (September 1971) · p. Seite 8

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1971
Issue
No. 30 (September 1971)
Date
1971-09-01
Page
Seite 8 (sequence 1972)
Language
German
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Wie man hoffnungslos zerrissene Schuhe ohne Geld besohlen kann Wahre Erzählung aus der Nazizeit von Dr. Ernst WARSCHAUER Ich hatte einen älteren Vetter in Berlin, Richard Frank, zu dem ich seiner grossen wirtschaftlichen Erfolge wegen mit Ehrfurcht aufblickte. Er war ein Textilindustrieller, dem Fabriken im Eisass gehörten, deren Erzeugnisse er mit blendendem Erfolge vertrieb. Die Hitlerzeit kam heran und Richard gehörte zu denen, die die drohende Gefahr unterschätzten sogar noch, als die meisten Juden bereits zwangweise oder freiwillig Deutschland verlassen hatten. Er hatte den rechten Zeitpunkt zur Auswanderung verpasst. Eines Tages stand er mittellos da, von den Nazis sozusagen bis aufs Hemd ausgeplündert und mit der Gefahr der Deportation über seinem und seiner Frau Haupte. Die Frau nahm sich das Leben, ihm gelang es, auf Grund seiner weitverzweigten Beziehungen, ein Einreisevisum in die Schweiz zu erlangen. Freilich musste seine Tochter, die nach London ausgewandert war, den Schweizer Behörden garantieren, für den Unterhalt des Vaters mit monatlichen Geldüberweisungen aufzukommen. Die wirtschaftliche Lage Englands verschlechterte sich im Kriege sehr; der Betrag, den die Tochter überweisen durfte, wurde genau auf die Summe reduziert, die zur Bezahlung der Pension, in der er lebte, notwendig war. Sie konnte keinen Cent darüber überweisen. Die jüdischen Grosskaufleute in Zürich waren sich ihrer moralischen Pflicht gegenüber ihrem ihnen einst weit überlegenen Kollegen nicht unbewusst. Wenn der Freitag Abend herankam, wurde Richard jedesmal wo anders zu einem opulenten Dinner eingeladen. Wenn er also auch noch genug zu essen hatte, so fehlte es ihm doch oft in anderer Hinsicht an allen Ecken und Enden. Die letzten Paar Schuhe, die er besass, bedurften dringenst der Besohlung, aber woher das Geld nehmen, um den Schuster zu bezahlen? Als er bei einem schwerreichen Kaufmann Freitag Abend eingeladen war, brachte er vorsichtig diese Kalamität zur Sprache. “Warum schreiben Sie nicht an Ihre Tochter”, sagte der Gastgeber, “sie wird schon Mittel und Wege finden, Ihnen zu helfen”. “Danke”, erwiderte mein Vetter, “mit diesem Rat bin ich versehen”. 8 Tage später versucht er wieder bei einem ebenso reichen Geschäftsfreund beim Dinner sein Glück. “Mein lieber Herr Frank”, entgenete dieser, “ein Mann, wie Sie, sollte nicht mehr allein leben, sondern in einem Altersheim, da wird er gut versorgt”. “Danke”, sagte Richard, “mit diesem Rat bin ich versehen”. In der Nacht, die diesem Gespräch folgte, lag Richard schlaflos im Bett. Die erlittene Demüti¬ Melodien die Freude bereifen KLASSISCHE UND MODERNSTE SCHALLPLATTEN in grosser Auswahl warten auf Sie RADIO - UNION H. W. ROBERT (früher Breslau) Tel-Aviv, Dizengoff Str. 116, Tel. 248526 71 3 1 ü fl 1 V gung liess ihn nicht zur Ruhe kommen und seine Gedanken wanderten unaufhörlich um dieses Erlebniss herum. Plötzlich stand er auf, ging an seinen Schreibtisch und schrieb das Erlebniss, wie es sich zugetragen hatte, nieder. Mit der Niederschrift ging er am nächsten Morgen zu einem Züricher Redakteur. Der Redakteur war von dieser Erzählung so begeistert, dass er sie sofort zum Abdruck annahm und meinem Vetter dafür 40 Franken auszahlte. Das war reichlich genug, um die Schuhe besohlt zu bekommen, wie mir Richard stolz nach New York berichtete. Ich meinerseits war von der Begebenheit so angetan, dass ich sie in englischer Sprache niederschrieb und dem Redakteur der “Brooklyn Jewish Center Review” einschickte. Das Brooklyn Jewish Center Review war vielleicht die reichste jüdische Congregation in Amerika, die es sich damals leisten konnte, zur Belehrung und Unterhaltung ihrer Mitglieder ein sehr hochstehendes Magazin monatlich herauszugeben. Ich war dort ca. 10 Jahre lang gelegentlich Mitarbeiter. Der Redakteur war ebenfalls mit dieser Erzählung recht zufrieden und zahlte mir 10 Dollar für den Abdruck. Mein Vetter wollte von diesem Honorar nichts annehmen. Wir blieben gute Freunde, bis er hochbetagt noch vor Kriegsende in Zürich verschied. Dr. Ernst Warschauer Im "Aufbau” vom 22. Januar 1971 berichtet Gabriele Tergit über die Familie Holländer und zeigt an diesem Beispiel, wie so viele aus kleinsten Verhältnissen stammende Juden, zu Geld und Ansehen gekommen, dem Judentum den Rücken kehren. Der Grossvater erfror als wandernder Hausierer in den schlesischen Wäldern, der Vater stieg aufwärts, seine Kinder wandten sich teilweise vom Judentum ab. Teilweise, aber nicht sämtlich. Frau Tergit beschäftigt sich insbesondere mit den musikalisch und literarisch befähigten Nachkommen des Sanitätsrats Dr. Holländer, der aus Leobschütz nach Berlin in die Oranienstrasse zog. Frau Tertig fährt fort: “Im gleichen Hause wie die Holländers lebte auch der Rabbiner Landsberger, dessen Sohn Hans Land ein Fischerroman-Autor wurde. Es muss schon toll anregend im Hause Holländer zugegangen sein.” Mehr Fehler können schon nicht auf so engem Raum niedergeschrieben werden. Als Neffe des angeblichen Rabbiners Landsberger (er hies Landsberg), möchte ich die Fehler richtig zu stellen versuchen. Mein Onkel Moritz Landsberg war ein streng orthodoxer Mann, aber kein Rabbiner. Er hat nie in der Oranienstrasse gewohnt, sondern hatte zusammen mit seinem Vetter Salomonski, dem Vater des Rabbiners Martin S., ein am Schabbat geschlossenes Geschäft am Hohen Steinweg und wohnte dort auch. Er setzte sich frühzeitig zur Ruhe und wohnte dann noch bescheidener im (heute noch erhaltenen! Hause Alte Schützenstrasse 7. Sein Bruder Salomon Landsberg hatte eine am Schabbat geschlossene Lederhandlung in Breslau in der Agnesstrasse, gegenüber der grossen Synagoge. Moritz Landsberg hatte damals nichts mit den Holländers zu tun, auch der erwähnte Sohn aus erster Ehe Hermann Landsberg nichts. Dieser war, nicht im Sinne seines Vaters, einen ganz anderen Weg gegangen, er war ein Bohemien, legte sich damals schon einen Künstlernamen bei: Hans Larg (nach den Anfangs- und Endbuchstaben seines Namens. Nicht Erinnerung Der Frühlingswind, der wehte Ein Blättchen mir ins Haus, Und dieses Blättchen löste Die Sehnsucht bei mir aus: Ach, war’ ich doch aus Breslau Und nicht aus Glogau nur, Denn Breslau lebt hier weiter, Von Glogau keine Spur! Und ist’s auch Wroclaw — Breslau steht noch, Doch Glogau ist zerstört. Von Breslau zeugt ein Blättchen, Von Glogau man nichts hört. Von Heimweh nicht zu reden Nur hier ist Heimat jetzt, Und wer will dort schon leben, Wo man uns einst verhetzt? Ob nun aus Breslau stammend, Ob sonst vom Oderstrand, Gedanken weilen gerne Im alten Herkunftsland. Erinn’rung heisst der Garten Eden, Zu dem das Blättchen führt, Wofür von ganzem Herzen Ihm Leserdank gebührt. Miriam Kuttner Tel-Aviv, Chowewei Zion 44 Land!). Er hat etwas geschrieben, aber er war wohl nicht ein “Fischerroman-Autor”, d.h., Verfasser von Romanen im Verlag von S. Fischer. Wenn er dort etwas verfasst hätte, hätte man wohl in der Familie, die sehr eng zusammenhielt, davon gewusst. Ob es im Hause Holländer “toll anregend” zuging, mag Frau Tergit wissen; jedenfalls ging es im Hause Landsberg nicht toll anregend zu, sondern so, wie in guten jüdischen Häussern. Man iebte nach dem Luach, und der Schabbat prägte die jüdische Atmosphäre des Hausös. Mit der Familie Holländer kam die Familie Landsberg erst viel später in Kontakt, als der Sohn aus zweiter Ehe, Dr. Ismar Landsberg, Rechtsanwalt und Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde Spandau, die Tochter Susi des vielumstrittenen Leiters des Stern’sch Konservatoriums Gustav Holländer heiratete. Die jüdische Trauung wurde im Frühling 1914 von dem Berliner Gemeinderabbiner Dr. Weisse vollozgen. Die erwähnte Susi, die sich später Susi Landsberg-Holländer nannte, verdient auch, von Frau Tergit genannt zu werden, da sie von so vielen Literaten und Künstlern spricht. Ismar Landsberg starb schon 1923. Susi ernährte sich und ihre beiden Söhne Peter und Günter nachher als Sängerin, sang auch im Chor einer Berliner Synagoge und später im Kulturbund und leitete zuletzt, in den schwersten Jahren, das Bet Hachasanim, in dem Kantoren ausgebildet wurden. Sie ist leider mit ihrem Sohn Peter umgekommen. Der jüngere Sohn Günter wurde vor mhr als zwanzig Jahren von seinem Lehrer Rabbiner Dr. Löwenstamm aus Spandau in London getraut und lebt wohl heute in England. Rabbiner Dr. Neufeld Die Familie Holländer aus Leobicfiufz 8

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