Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1971
- Issue
- No. 30 (September 1971)
- Date
- 1971-09-01
- Page
- Seite 2 (sequence 1966)
- Language
- German
- Belongs to
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Traktat über Nächstenliebe Wir alle erinnern uns bestimmt noch des schönen Satzes: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, den wir so oft in unserer Schulzeit flüchtig hergesagt hatten, ohne seinen tiefen Sinn erfasst zu haben. Was bedeuten diese Worte für uns, die in allen Religionen gleich verherrlicht werden? Liebe am Mensch, dem Ebenbild seines Schöpfers? — Anlehnung aus Bedürfnis? — oder vielleicht Liebe aus Furcht vor himmlischer Bestrafung? MFliSg. mm Der Mensch wird geboren und mit ihm die Liebe. Der Säugling liebt anfangs seine Beschützer, später seine Umwelt. Das erwachsene, spielende Kind kann allein nicht fortkommen, es erheischt in Liebe seine Spielkameraden und wehe dem Individuum, das niemanden findet, zu lieben und geliebt zu werden. Erwachsene kommen schon garnicht ohne Liebe vorwärts, der Liebe zur Erhaltung der menschlichen Art. Und wie liebt der Mensch im späteren Alter seinen Nächsten? Mehr als je zuvor müssen Alte Liebe zu ihren Nächsten erkämpfen, erflehen, da sie ja ihrer bedürftiger werden, wird doch der erschöpfte Körper schwächer, bewegungsgehemmter; wer lauert da nicht auf die liebende Hand, die sich einem ausstreckt, aber wo finden wir sie? Seit geraumen Zeiten sind wir um unsere alternde Mitwelt bedacht. Es werden Altersheime errichtet, worin Bedürftige auf die Hilfe ihrer Umgebung rechnen können. Hierin leben alle für sich und jeder für jeden. Wie aber vollzieht sich das Einzelleben in einer Gemeinschaft wirklich? Wandern wir einmal betrachtend durch solch’ ein Institut. Der alternde Mensch, jahrzehntelang gewohnt, seinen ureigenen Gewohnheiten nachzugehen, zu essen und zu trinken wann er hungrig und durstig ist, zu ruhen, sobald e r Müdigkeit verspürt, Veranstaltungen mitzumachen, wann er hierfür aufgelegt ist, begiebt sich “freiwillig”(?) in eine Kommune. Dort müssen Mahlzeiten gemeinsam zu festgelegten Terminen eingehalten werden, die Ruhe ist oft nicht die, an die man gewohnt war, aber es lässt sich nunmal kein Gemeinschfatsleben individuell führen. Es ist verständlich und ebenso unvermeidlich, dass es bei so einem krassen Gewohnheits-Wechsel innerhalb der Gemeinschaft zu Reibungen und grossen Schwierigkeiten kommt, die dem Einzelnen seinen Lebensabend durchaus nicht verschönern, vielmehr verbittern müssen. Man verliert den Kontakt mit lieben Mitmenschen von früher, Angehörige verlängern die Abstände ihrer Besuchszeiten und damit schwindet der individuelle Glückszustand von einst langsam, langsam dahin... Es wäre aber ein unentschuldbares Vergehen, wollte man vor diesen Dingen die Augen schliessen und die Alten hoffnungslos sich selbst überlassen, denn wie kurz ist doch ihr Lebensabend! Das Heim, das wir durchwandern und aufmerksamer betrachten, hat eine Leitung, die diesen Gedanken strikt ablehnt und versucht, seinen Insassen ihre “düsteren” Tage aufzuheitern. Hier giebt es Veranstaltungen am laufenden Band: Vorträge über aktuelle und künstlerische Probleme (z.B. eine Insassin erzählt über das Leben und Schaffen von Michelangelo), Schallplattenkonzerte, Theater-Gruppen führen ihre letzten Stücke auf, Sänger und Musiker unterhalten die Zuhörerschaft, die ihnen begierig lauscht. Filmabende und Televisionen fehlen natürlich nicht. Die Insassen sollen ihren Zustand vergessen und in einer Welt mitleben, die genau so wertvoll sein kann, wie die ihrer Mitmenschen ausserhalb des Heimes. Soweit wäre alles sehr lobenswert und schön, käme nicht der Augenblick, wo der Mensch erkrankt und dies geschieht allzuhäufig. Dann heisst es, auch für diese Etappe vorzuarbeiten. In unserem Altersheim — das schon in seinem Namen den Liebesdienst zum Alter verherrlicht — sie nennen es' “Elternheim”, wurde eine grosse Kranken-Abteilung mit ärztlicher Betreuung und Pflegepersonal für volle 24 Stunden erbaut. Worin besteht denn noch der Lebensinhalt dieser Leidenden? Essen — Schlafen — Tabletten und ihr Bett in den leeren 4 Wänden. Wie wir gleich lesen werden, gelang es auch hierin den lieben Pflegerinnen hilfreich einzuspringen und Wunder zu wirken. Am Bild erkennen wir Kranke, die sich zum Teil nicht recht bewegen können, sie sind mit Handarbeiten beschäftigt. Am Rollstuhl werden sie an ihren "Arbeitsplatz” gefahren, um mitzuarbeiten. Sie verfertigen Handarbeiten, flechten Körbe, Taschen, Untersätze, Teppiche und allerlei andere nützliche Gebrauchsgegenstände. Hilfreiche Mitarbeiter erscheinen regelmässig jeden Montag und Donnerstag und bringen ihnen das nötige Rohmaterial zum Tisch und bewirten sie mit kalten Getränken in den heissen Sommermonaten. Wozu dient dies eigentlich? Für wen arbeiten die Alten? Will man vielleicht mit ihren Waren “ausser Haus” Geschäfte machen?... Ja, ja bestimmt, die Produkte werden verkauft! Die Kanken arbeiten, schuften und wissen sogar wofür. Einmal im Jahr — zu Chanuckah — werden bei einem Bazaar im Heim ihre Arbeiten einem kauffreudigen Publikum feilgeboten. Der Erlös hieraus fliesst aber wieder zurück in die Kasse, die für die Erhaltung der Heime sorgt. Ausserdem strecken noch viele, viele, allzuviele Bedürftige ihre Hände aus, um mit dem Mindesten bedacht zu werden, damit sie sich erhalten können. Sonderbar, man beschäftigt Leidende, um Leidenden zu helfen! Steckt vielleicht noch ein anderer Sinn hinter dieser Aktion der Arbeit? Alte, Kranke, Gebrechliche und Sieche werden zu produzierenden Menschen verwandelt. Man bedarf ihrer Arbeiten, sie werden Mitarbeiter wie jeder andere, gesunde Arbeiter am Spinnrad, in Fabriken und sonstwo, Ware zu produzieren, die später veräussert wird. Schaffende Menschen und keine Kranke auf Krücken mehr! Was für ein erhebendes, prachtvolles Bewusstsein muss wohl in so einem Alten erwachen, der da mitwirken kann, befähigt ist, anderen Leidenden seinesgleichen zu helfen, mit seiner Hände Leistung, Linderung einem anderen Leidenden zu bringen? Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!, solang es dir gegeben ist, denn wie lange noch wird die Sonne deinen Augen Licht u. deinen Armen Kraft spenden, um Helfer für die imbekannten Leidenden zu bleiben und sie in ihren trostlosen Abenden zu beglücken? Das Leben naht sich dem Ende, mwn wki (Fortsetzung von Seite 1) Gefühl haben, dass sie in ihrem Leid nicht allein sind. Das bekannte Sprichwort sagt ja: “Geteiltes Leid ist halbes Leid”. Ganz besonders aber das Wort n^W XDVl .dass ER die Kranken heilt, sondern durch den EWI¬ GEN, welcher ja alle Geschicke lenkt, sind die Ärzte berufen, ihr alleräusserstes Können einzusetzen; aber Dein innere Stimme sagt Dir, dass DU dazu beitragen musst, den Kranken in ihrem oft Wochen- oder gar monatelangen Krankenlager das Gefühl zu geben, dass sie nicht nur auf die Ärzte angewiesen sind! Vielmehr können öftere Besuche und entsprechende gute Zusprache, evtl, verbunden mit einer kleinen persönlichen Aufmerksamkeit schon manches Mal Wunder im Heilungsprozess bewirken! Wie viele dieser Armen sehen die anderen Kranken, welche stets Besuche haben! Und hier soll es unsere heiligste Pflicht sein, uns gerade dieser alleinstehenden Menschen anzunehmen, damit auch sie das Gefühl haben, nicht ganz verlassen zu sein! Auch wenn wir unsere Sündenbekenntnisse noch so oft wiederholen, sei es der erste Satz aus dem “Awinu-Malkenu” oder das am Jom-Kippur oft wiederholte “Oschamnu”, so bleiben es nur leere, nichtssagende Worte, wenn wir nicht durch Taten beweisen wollen, dass wir unser Verhalten anders gestalten wollen! Denn nur durch Taten können wir Erhörung der Bitten aus dem “Awinu- Malkenu "-Gebet erhoffen nach Parnassah, dJi., Erfolg in unserer Tätigkeit etc. u. die Bitte nach “Briuth-Schlemah”, dJi., Gesundheit! Die Aufforderungen nach “Tschuwah”, "Tefillah”, “Zedakah” in unserem Gebet am Jom-Kippur sind ja bereits in den Worten des am Rosch- Haschanah gesungenen Gebetes enthalten! "Tschuwah” "Umkehr zu G-TT” heisst ja doch nur: AUF Euren Wandel seid bedacht “TEFILLAH”-„Gebet” heisst ja doch nur: Ein Armer vor Dir steht Vernimm, o HERR, mein Rufen laut Und hör mein Still Gebet! Es kommt hierbei nicht auf die Art des Gebetes an, auch nicht das “Rufen laut”, sondern auch das “Stille Gebet” kann Erhörung finden, aber nur wenn unser Gebet aus voller Überzeugung, d.h. aus tiefem Herzen kommt! “ZEDAKAH” heisst nicht nur wörtlich übersetzt: “Gerechtigkeit”, sondern ist bereits in dem “Stillen Gebet” enthalten, indem man beschliesst, seinen Mitmenschen in jeder Lage beizustehen, denn nur in einem solchen Verhalten kann man den Ruf eines “Isch Zedek” haben! Nur, wenn wir diese 3 Worte und Gebote in die Tat umsetzen, können wir hoffen, auf den zweiten Teil dieses Satzes mnn yn nx p-pnyn “Wenden ab das Verhängnis”. Chanoch (Heinrich) Cohn, Ramat Gan, Renanimstr. 16 die Schatten der langen Nacht ziehen hinauf und auch Ihr könnt möglicherweise einmal die Gaben benötigen, mit denen Euch dann anders, liebende Unbekannte beglücken werden, daher liebt den Nächsten, den Menschen, den der Schöpfer in SEINEM Ebenbild geschaffen hat! K. S. Stapler, Ramat-Gan (früher Hindenburg O/S 2