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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1971-04-01 · No. 29 (April 1971) · p. Seite 15

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1971
Issue
No. 29 (April 1971)
Date
1971-04-01
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
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Dr. Franz Unikower - 70 Jahre Exkönig August von Sachsen in Sibyllenerf Erinnerungen von Dr. Ernst Warschauer, New York, fr. Oels Der König August von Sachsen war vielleicht der bekannteste Monarch in Deutschland vor Ausbruch des I. Weltkrieges gewesen, bis er 1918 die Krone verlor. Dass er so bekannt war, kam daher, dass ihm seine Frau Louise mit dem Gesanglehrer Toselli durchgegangen war. Das erregte damals ungeheures Aufsehen weit über Deutschlands Grenzen hinaus. Ludwig T h o m a, der unvergessene Dichter, der beissend unerschrockene Satiriker und kraft- und saft-volle Humorist, hat darüber im “Sinplizissimus” die folgenden trefflichen Verse veröffentlicht: Frau Toselli Luischen, ob sich das auch passt, Wie Du. das schöne Innenleben Der Fürsten gänzlich preiszugeben, Den Zeitungen ermöglicht hast? Und wer Dir schliesslich dafür dankt, Erzählst Du eifrig den Parisern , Dass man sich bei gekrönten Spiessern So ähnlich wie bei Meyers zankt? Du hälst es noch für Sensation, Den Schmutz aus vulgo hohen Kreisen Ein bisschen unters Volk zu schmeissen? Wir wissen aber alles schon, Dass Fürsten manchmal Trotteln sind. Und hohe Frauen dumme Gänse Und schöne Prinzen arme Hänse, Das ist nicht neu, mein liebes Kind! 1918 nahm der Exkönig August seinen Wohnsitz in seinem schönen Schlosse Sibyllenort bei Breslau. Das Schloss gehörte zum Amts- und Landgerichtsbezirk von Oels. Er wurde so Gerichtsinsasse unseres Bezirks. Sein Rechtsbeistand in Oels war mein lieber, nicht bloss rednerisch ausgezeichneter Kollege, Justizrat M e r t i n, Reichstagsabgeordneter für unseren Bezirk und Führer der freikonservativen Partei. Aus verschiedenen quellen, auch von Mertin, hörte ich eine Reihe netter Geschichten über August, die ich hier wiedergeben will. I Ich hatte einen Klienten, einen Fleischer, der mir folgendes erzählte: Er fuhr mit seiner Fleischerfuhre irgendwo auf der Chausse, nahe von Sibyllenort. Plötzlich hatte er Schwierigkeiten mit dem Geschirr, in dem die Pferde eingespannt waren. Es hatte sich verheddert. Er hielt an und mühte sich vergeblich damit ab, es in Ordnung zu bringen. Da kam ein Dogcart vorbei, der Lenker hielt an, stieg aus und bot meinem Klienten seine Hilfe an. Im Nu brachte er das Geschirr in Ordnung. Bewunderns sagte der Fleischer: “Sie sind woll auch een Fleescher?” August, — denn das war der Helfer, — entgegnete wörtlich: “Nee, ich seh’ bloss so aus.” II Eines Tages fragte mich Mertin, ob ich am nächsten Tage Zeit hätte, einem Termin als Zuhörer beizuwohnen. Es wäre ein Heidenspass in Sicht, der “Geenig” käme als Zeuge aufs Gericht in einem Dresdener Beleidigungsprozess, wo es sich darum handelte, ob er unerlaubte Beziehungen zu einer Gräfin XY gehabt hätte. Ich konnte nicht zuhören, weil ich anderweit in Anspruch genommen war. Aber Mertin erzählte mir, wie der Termin verlaufen war: Der Richter Potempa, dem wir den Spitznamen Impotempa wegen mangelnder juristischer Kenntnisse gegeben hatten, erstarb förmlich vor Ehrfurcht, als er den “Geenig” vernahm. Katzbuckelnd wiederholte er immer wieder, wie unangenehm es ihm wäre, seiner Majestät solche peinliche Frage vorzulegen. Der “Geenig” antwortete auf die kitzliche Frage mit einem wütenden “Nein”. Der Richter nahm zu Protokoll, dass der Zeuge die Frage verneint hätte und August ging ohne jedes weitere Wort aus dem Raum. Mertin, stets auf Spass aus, sagte zu ihn: “Majestät, wollen Sie keine Zeugengebühren?” Darauf August: "Wo ist die Kasse?” Er wäre tatsächlich dorthin gegangen, um sich vlelleich 3 RM Zeugengebühren abzuholen, wenn nicht der anwesende Oberforstmeister, der über das Zeremoniell wachte, gesagt hätte: “Aber Majestät, aber Majestät, sowas machen wir schriftlich!” m In Breslau im Varietö L i e b i c h war der berühmte sächsische Komiker Hans Reimann als Gast eingekehrt und mimte u.a. dort zum Ergötzen des Breslauer Publikums den “Geenig”. Das erfreute August nun garnicht, er war begreiflicherweise höchst ärgerlich und beauftragte einen Kollegen von mir, diesem Unfug ein Ende zu machen. Es erging darauf eine einstweilige Verfügung des Landgerichst Breslau, worin dem Reimann die Fortsetzung der Veräppelung des “Geenig” untersagt wurde. Reimann war ein so grosser Künstler, dass unbeschadet des Verlustets dieser Nummer er weiterhin ausverkaufte Häuser bei Liebich erzielte. IV Es war vielleicht schon um 1933 herum, da verheiratete August seine Tochter Monika Pia in Sibyllenort. Mein Kollege, Justizrat Rimpier, wurde dorthin berufen, um am Hochzeitstage den Ehekontrakt zu notarisieren. Er fuhr ab mit unseren Segenswünschen und versprach uns, genau zu erzählen, was er dort erlebt hätte. Er bereitete uns aber eine grosse Enttäuschung, als er nach seiner Rückkehr berichtete. Er sagte, es wäre nicht zum Aushalten gewesen, weil Mathilde, die Schwester des Königs, die ganze Zeit über Krach gemacht hätte. Sie hat unausgesetzt während der Zeremonie darüber geschimpft, dass ihr August das schlechteste Zimmer im Schloss unterm Dach gegeben hätte, wo sie es vor Hitze nicht hätte aushalten können. Es war höchst unangenehm, sagte Rimpier. V Vielen älteren Leuten wird noch folgendes vielleicht gegenwärtig sein: Der “Geenig” musste zum Schluss seines Lebens ein Gebiss tragen. Er konnte sich nur schwer daran gewöhnen. Am Anfang bekam er mal einen Wutanfall, nahm das Gebiss heraus, warf die Zähne auf den Tisch und brüllte: “Fresst alleene!” VI Bekannt ist vielleicht auch noch, dass August, als er eines Tages als Exkönig nach Dresden kam, von seinen früheren Untertanen mit Hoch- und Jubel-rufen überschütert wurde. Der “Geenig”, der viel Mutterwitz hatte, rief der Menge zu: “Ihr seid mir scheene Republikaner!” Er hatte mit diesem Ausspruch, weiss G”tt, nur all zu recht, und was er sagte, das galt nicht nur für die Sachsen! In Langen Kr. Offenbach/M wohnt unser Landsmann Dr. Franz Unikower, Sohn von Gustav und Jenny Unikower, beide noch in Breslau verstorben. In seiner Heimatstadt Breslau legte er Juni 1918 bereits das Not-Abitur ab und studierte nach Eiriegsende in Berlin und Breslau. Hier legte er, knapp 21 alt, das Referendar- und Dr. jur-Examen ab und bestand März 1927 die Grosse Staatsprüfung in Berlin. Damals jüngster Assessor ln Preussen, war er zuerst Richter in Oels und Breslau und dann Anwalt, bis ihm März 1933 die Praxis entzogen wurde. Er blieb in Breslau, kam am 10.11. 1938 nach Buchenwald, Januar 1939 zurück und wurde mit Kriegsbeginn zur Rüstungsarbeit eingeteilt. Am 5. März 1943 wurde er mit dem sog. RÜ- STUNGSARBEITER-Transport nach Auschwitz verbracht, wo insgesamt über vierhundert Männer dieses Transportes zur BUNA-Fabrik in das Lager III — Monowitz — überstellt wurden. Nur etwa dreissig davon überlebten. — Der Weg der Transporte und Todesmärsche ging dann über Gleiwitz O/S auf Umwegen nach Thüringen in das Lager DORA-MIttelbau, dann nach Ravensbrück und Wöbbelin, wo er am 2. Mai 1945 in Mecklenburg in Freiheit kam. Er durfte nicht wieder Anwalt werden, sondern kam zunächst auf fünf schwere Monate ln das Stadt-Krankenhaus Schwerin, wo er eine schwere Lungenoperation überstehen musste. Er arbeitete bei der Justiz, war Senatspräsident, bis er Ende 1952 auf eigenen Wunsch ausscheiden konnte. Zulassung wurde ihm verwehrt; er musste dann Oktober 1956 nach der Bundes-Republik flüchten, ohne Gepäck, weil ihm erneute Schwierigkeiten gemacht wurden. Er hatte die JÜDI¬ SCHE LANDESGEMEINDE MECKLENBURG gegründet, die Juden in Mecklenburg gesammelt, regelmässige Gottesdienste in Schwerin durchgeführt und die Gemeinde geleitet. Als er sich aber weigerte, Oktober 1956 im Sender Schwerin gegen die “Aggression Israels” zu sprechen, wurde ihm sein Ausweis entzogen, er fuhr nachts nach W-Berlin und ging später nach Frankfurt/M. wo er bei der URO Arbeit als Jurist finden und ab Frühjahr 1958 den bekannten WOLLHEIM-Vergleich der fr. Auschwitz-Zwangsarbeiter gegen die IG-Farbenwerke iL durchführen konnte. Diese Arbeit wurde über Erwarten schnell und mit grösster Genauigkeit durchgeführt und führte zu vielfachen Anerkennungen, u.a. 1966 zur Verleihung des Grossen Bundes-Verdienst-Kreuzes durch den Bundespräsidenten. Er Hess sich als Anwalt beim Landgericht Frankfurt/ nieder und arbeitete bis in die letzte Zeit besonders in Wiedergutmachungssachen. 1958 gründete er in Hessen die AUSCHWITZ- Gruppe, die einzige, aktive Gruppe dieser Überlebenden in West-Deutschland. Diese Gruppe leistete durch Beschaffung von Zeugen und Unterlagen starke Hilfe bei den AUSCHWITZ-Prozessen in Frankfurt/. Alljährlich treffen sich die Kameraden zum 18. Januar, dem Abmarschtage, und am 8. Mai, dem Tage der Befreiung. Seit 1958 ist Dr. Unikower der Justitiar des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen und hat in den Jahren alle die vielen Rechts- und auch Friedhofsangelegenheiten der früheren und jetzigen Gemeinden des Landes Hessen betreut und erledigt. Zwei Jahre war er Vorstandsmitglied der Gemeinde Frankfurt/M und weitere zwei Jahre in deren Gemeinderat. Er wirkte beim Globalvergleich mit dem Lande Hessen mit. Der Zentralrat der Juden wählte ihn in den Finanzausschuss und als Vertreter in die BUNDESPRÜF-Stelle in Godesberg und in die FILM-Selbst-Kontrolle in Wiesbaden. Seit 1961 ist er Mitglied des Rundfunkrates von Hessen und seit vier Jahren der Vorsitzende des Finanz-Ausschusses. Wr wünschen ihm weitere Jahre befriedigender Arbeit. 15

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