Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1971
- Issue
- No. 29 (April 1971)
- Date
- 1971-04-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Meine Taetigkeil im Breslauer Sladtlheater _ VON DB. SEEW WILLIAM BOSS, TEL AVIV _ Unser für Musik und Theaterwesen bewährter Mitarbeiter Julius Sachs, wird es mir hoffentlich nicht verübeln, wenn ich die Grenzen dieses seines Gebietes überschreite; jedoch werde ich Dinge über das Breslauer Theater schreiben, die selbst ihm nicht bekannt sein dürften, an denen ich jedoch persönlich beteiligt war. Bekanntlich hat Gerhard Hauptmann für die Jahrhundertfeier der Befreiungskriege an der Breslauer Universität ein Deutsches Reimen-Festspiel verfasst, das die Missbilligung Sr. Majestät des Kaisers Wilhelm n gefunden hatte und nach ganz wenigen Aufführungen abgesetzt wurde. Gegen die Aufführung hatten unter Leitung des Universitätsprofessors Koch auch die vereinigten Kriegervereine Schlesiens Protest erhoben. Gewissermassen als Ersatz dafür wurde Kleist’s patriotisches Schauspiel “Arnim der Cherusker” im Stadttheater von den Studenten der Universität aufgeführt. Die Rolle Herrman des Cheruskers lag in den Händen des Studiosus Koch, Sohn des eben erwähnten Professors. Figur und Sprache waren bestechend, seine schauspielersichen Leistungen entsprachen jedoch nicht den Anordnungen des bewährten Regisseurs des Stadttheaters Herrn Kirchner. Die Erstaufführung war ausverkauft und Einlasskarten waren nicht zu erlangen. Ich beschloss daher, diesem seltenen Festspiel als Statist beizuwohnen. Man reihte mich unter die römischen Legionäre des Varus ein und zog mit diesen die unwegsamen Sümpfe des Teutoburger Waldes. Ich glaubte dies besonders auffallend darstellen zu müssen. Auf einmal merkte ich, dass ich mich völlig allein auf der Bühne befand, und auf der anderen Seite der Bühne erschien bereits Arnim mit seinen Mannen. Im letzten Augenblick konnte ich noch gerade die Seitenkulisse erreichen, in der jeweils der wachhabende Feuerwehrmann postiert war. Mein gerade noch gelungenes Verschwinden war freilich von den im Parkett sitzenden Commilitonen schmunzelnd bemerkt worden. Als ich nun nach der Vorstellung das gegenüber dem Theater liegende Cafe Fahrig betrat, wurde ich mit starkem Applaus begrüsst. Es war mein erster unverdienter Beifall. War ich schon in meiner Studentenzeit schauspielerisch tätig, wirkte ich weiter in meiner Zeit als Assistent im sogenannten “Extrachor” mit, der zur Verstärkung des ständigen Stadtheaterchors bei grossen Choropern eingesetzt wurde. Chormeister war der intelligente Dirigent Debelag, der die musikalisch und stimmlich begabten Mitglieder unermüdlich von der Kritik zu anerkannten Leistungen zu bringen verstand. Einigen Schwestern des Jüdischen Krankenhauses war diese meine ausserordentliche Betätigung nicht unbekannt. Als einmal der Intendant des Stadttheaters Woldemar Runge auf der Abteilung meines Chefs Prof. Dr. Gottstein lag, fragte die Oberschwester Emma: “Warum bekommt man überhaupt nicht mehr eine Oper wie die “Meistersinger” zu hören?’ Es fehlen uns dazu die notwendigen grossen Chöre, erwiderte der Intendant. Aber unser Dr. Boss ist doch wieder aus dem Felde zurück. “Wer ist der Dr. Boss?”. Ich stellte mich als Assistent der Abteilung im weissen Mantel vor. “Na, da werden wir sehen, ob wir es schaffen werden, wenn Dr. Boss wieder mitwirken wird.” Und in der Tat wurde mit den Proben zu den Meistersingern begonnen. Noch einmal sollte ich den Intendanten in Erstaunen versetzen. Während der Proben sass ich mit einigen Damen und Herren des Extrachors im Parkett, um den Zauber der “Johannesnacht” zu gemessen. Da bemerkte ich, dass der Mond über dem Hause des Hans Sachs eine unmögliche Stellung einnahm. Auf diese meiner Meinung nach bescheidene Bemerkung drehte sich der wenige Reihen vor, uns sitzende Intendant plötzlich um und sagte mit seiner scharfen Stimme: “Wer ist eigentlich hier noch Spielleiter ausser mir? Ach, Sie, Herr Dr. Boss! Ich dachte, Sie betätigen sich hier im Theater nur als Sänger, jetzt sogar als Regisseur.” Aber er kam an meinen Platz und bestätigte, dass ich mic meiner Beobachtung Recht hätte. Als anerkannten Wagnerdirigent galt im Stadttheater Julius Priiwer. Ich entsinne mich an eine der Proben zum Bühnenweihfestspiel “Farsival”, in dem der ungefäht 50 mitwirkende umfassende Chor die ergreifende Musik zu: “Der Glaube lebt, die Taube schwebt” zu Gehör brachte. Plötzlich unterbricht Prüwer, gibt dem ersten Geiger Hamirichs den Dirigentenstab, stürmt die den Orchesterraum mit der Bühne verbindende Treppe. Schon steht er im Hintergrund des Gralstempels und gibt dem Konzertmeister das Zeichen mit der Probe fortzufahren. Nach noch nicht 5 Takten packt er einen Jungen des Kinderchores am Kragen: “Du also bist es, der immerfort detoniert oder, wie er sagte: “Schusterbass singst” und draussen ist der verblüffte Junge, und der Dirigent ist auch schon wieder auf seinem Sessel im Orchester. Ein so feines Gehör hatte eben Prüwer, der bei mitwirkendem Orchester und grossem Chor eine Dissonanz störend empfand. Prüwer beherrschte auch die Scene selbst und die auf ihr agierenden Personen. Es war im letzten Akt der Meistersinger, wenn auf der Festwiese die Zünfte aufziehen. Der Extrachor stellte bei diesen die ehrbaren Schuster und Bäcker. Unter diesen befand auch ich mich. Um den Einsatz und das Auftreten genau zu treffen, behielt ich meinen Zwicker bis zum letzten Moment auf der Nase. Und schon rief Prüwer, seine Hand neben den Mund schützend vorhaltend: “den Zwicker runter.” Als routinierter Künstler steckte ich aller Ruhe den Zwicker in meine Seitentasche, die ich ja als Mitglied der mittelalterlichen Innung umgehängt trug. Noch von einem Ereignis bei der Auffühung der Meistersinger möchte ich berichten, das aber nur indirekt mit meiner Mitwirkung bei einer Aufführung zu tun hat. Unter Mitwirkung berühmter Gäste als Hans Sachs (Fritz Feinhals) und des Walter v. Stolzing wollte ich mir den zu erwartenden Kunstgenuss nicht entgehen lassen. Der Zufall wollte es jedoch, dass ich gerade für diesen Abend als diensttuender Krankenhausarzt angesetzt war. Ich wandte mich daher an den stets zuvorkommenden Dr. Leo Münz mit der Bitte, ob er für mich einspringen möchte. Ich hätte nämlich im Stadttheater mitzusingen, jedoch könnte es wegen der Anwesenheit illustrer Gäste etwas spät werden. “Gehen Sie nur ruhig, ich vertrete Sie schon, wenn es notwendig ist sogar bis Mitternacht”. Der gute Kerl war ebenso collegial wie unmusikalisch. Als wir tags darauf im Ärztekasino versammelt waren, studierte er die Besprechung der Aufführung (von Paul Mittmann). “Na lieber Freund, eine sehr grosse Rolle scheinen Sie ja nicht gerade gespielt zu haben”, indem er mir freundschaftlich auf die Schulter klopfte. — Aber Sie glauben doch nicht — erwiderte ich, dass ich unter meinem Namen spielen würde, ich trete vielmehr als Löltgen auf. Der "reine Tor” um mit Wagner zu reden, studierte darauf hin die Kritik noch einmal und staunend las er von der grossartigen Leistung des Sängers und Darstellers. Nur hatte der Kritiker ganz nebenbei auszusetzen, dass der edle Ritter nicht so jugendlich hätte auftreten sollen, vielleicht hätte er sich einen kleinen Bart ansetzen sollen. “Nah, sehen Sie”, meinte Dr. M. “Hätten Sie mir das nicht von vornherein sagen können und wären etwas früher von der Station wegge- Dr. Hugo Gold 75 Der bekannte Schriftsteller und Verfasser vieler grosser Werke zum Gedächtnis der Juden in Österreich, im Burgenland, der über Max Brod und Professor Chajes tiefgründig geschrieben hat, feiert in diesen Tagen seinen 75. Geburtstag. Ausserdem sein 50jähriges Berufsjubiläum, 50jährige Zugehörigkeit zur Zionistischen Organisation. Ein Ehrenkomittee von bekannten Geisteswissenschaftlern, dem auch viele namhafte Persönlichkeiten in der ganzen Welt angehören, hat es übernommen, diesen Tag besonders festlich zu begehen und Dr. Hugo Gold für seine grosse Arbeit zu ehren. Wir schliessen uns dem Wunsche Aller an, die diese gewaltige Arbeit zu schätzen wissen, und wünschen dem Jubilar viele, viele Jahre derselben Arbeitskraft und des Erfolges. Dr. Gold und seine Gattin sind sehr oft Gäste unserer Abende, und wir ■ wissen das — trotz seiner gewaltigen Arbeit, die schon am sehr frühen Morgen beginnt, — besonders zu schätzen. Ad mea Weesrim mit Ihrer Gattin und der Familie. Nachruf in der Breslauer Zeitung Redakteur Dr. öhlke Nach langer segensreicher Tätigkeit verschied in Breslau Hermann Rosenthal, der erste Kantor der altehrwürdigen Storchsynagoge. Mit diesem Kollegen ist einer der ausgezeichnetsten Chasanim Deutschlands dahingegangen; ein prachtvoller Sänger, ein Beherscher der gesamten chasanischen Singeweisen, ein Thoraleser, pK"ira Dp KP ein edler Mensch, ein herrlicher Charakter. In nimmerermüder Arbeit widmete er sich mit ganzem Herzen seinem von ihm so geliebten Berufe, und er, der aus winzigen Anfängen durch Fleiss und Ausdauer zu sonniger Höhe emporstieg, konnte die Träume und Ideale seiner Jugend bis an sein Lebensende verwirklich sehen. War auch sein Lebensabend kein schimmernder, wärmender Sonnenuntergang, mit dem ein arbeitsreicher Tag zur Neige geht monatelanges Siechtum hatte seine Riesenkraft gebrochen, so sah er sich doch von seiner Gemeinde bis zu letzten Atemzuge geehrt und geliebt, sein ungetrübtes Glück blieb ihm in seiner edlen Lebensgefährtin, in seinen trefflichen Kindern. Die so ausserordentlich grosse Liebe, und Verehrung die Rosenthal in aller Welt genoss, erklärt sich vorzüglich daraus, dass er die pontifikale Aufgabe des tos mp® nicht durch den Ohrenkitzel allein erschöpft hielt, sondern der ideale, achtungswürdige, charakterfeste Mensch blieb, auch wenn das Lied verklungen. Wer ihn jemals gehört, sei es nur im einfachen Wochentagsgebete, dem wird seine Kunst wohl unvergesslich bleiben. Das Andenken des Menschen und Kollegen Hermann Rosenthal, es bleibt mit goldenen Griffel in unserem Gedächtnis eingegraben. Oberkantor Singer — Kattowitz gangen, Sie hätten dann Zeit gehabt, um sich richtig vorzubereiten.” Das Gelächter der Tafelrunde war unbeschreiblich, merkte man doch, dass hier kein Theater gespielt wurde, sondern wie die Rollen richtig besetzt waren. Der gute Dr. M. war gütig und gescheit genug, um mitzulachen als man ihm die Sache erklärte. Unsere langjärige, wahrhafte Freundschaft hat durch diese imfreiwillige Scene keinen Abbruch erlitten. 13