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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1971-04-01 · No. 29 (April 1971) · p. Seite 5

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1971
Issue
No. 29 (April 1971)
Date
1971-04-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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rr RICHTUNG BRESLAU" DR. ASRIEL CARLEBACH. “Breslau wird von zwei Richtungen aus angegriffen” — so meldet das Radio, und für einen Augenblick vergisst du, wo du dich befindest, und du fragst dich verwundert: “Ist denn das etwas Neues? Selbstverständlich wird Breslau von zwei Seiten aus angegriffen, das war immer so und wird immer so sein...”. Seit meiner Jugendzeit ist das der Fall. Einmal im Monat, wenn die grauen Hefte der “Monatsschrift für die Geschichte' und Wissenschaft des Judentums” eintrafen, sass man im Vaterhaus am Schabbat nach dem G”ttesdienst und griff Breslau an, und aus zwei Richtungen... Die Richtung Breslau wurde durchbrochen, aber irgendwie stand die Linie, und vielleicht gerade weil sie von zwei Seiten her angegriffen wurde... Jedesmal endete die Diskussion mit der gleichen Frage: “Gibt es eine Richtung Breslau — Manche sagten: es gibt sie, und sie wurde vor 90 Jahren festgelegt mit der Gründung dieses Rabbinerseminars, des ersten in Deutschland, mit der Zweckbestimmung “auf jüdisch-historischem und positiven Boden zu bauen”, mit anderen Worten, die Richtung ist fortzubauen, das Judentum zu entwickeln und es zu erweitern, und gleichzeitig das Bestehende, die praktischen Gebote, zu wahren, unter Würdigung alles Kulturgutes in objektiver Weise. Andere sagten dagegen: Das ist überhaupt keine Richtung. Entweder-oder. Entweder den Knoten mit der Vergangenheit zerschneiden, wie es die Reform tat, oder das Bestehende erhalten, ohne Fortentwicklung, wie es die Orthodoxen tun. Aber — auf Grund des Bestehenden entwickeln, was soll das bedeuten? Und trotzdem wuchsen auf diesem Boden, und gerade während des Entwicklungsprozesses, wundersame Sprösslinge. Eine Pflanze von der Art des “MATMID” (stets Lernbeflissenen) wie sie das Judentum nirgendwo ausserhalb Breslaus kannte. Es wuchsen Geschlechter von beflissenen Gelehrten heran. Hunderte von Rabbinen, die in irgend einer entfernten Stadt in Deutschland, Böhmen oder Ungarn sassen, und mit den Beziehungen eines Minjan von Viehhändlern zu ihrem Vater im Himmel sich zu befassen hatten, von Zeit zu Zeit eine schöne Predigt oder Trauerrede haltend, widmeten ihre freie Zeit der Erforschung des Judentums. Dieser suchte lange Jahre hindurch die korrekte Lesart einer vergessenen Mechiltah, jener entzifferte jeden Grabstein auf dem alten Friedhof des benachbarten Dorfes, ein anderer wiederum übersetzte altfranzösische Vokabeln, die sich im Raschi-Kommentar finden, in Schrift-Französisch und ein weiterer verteidigt mit Verve Philo von Alexandria gegen die Angriffe eines Geistlichen in einer fast unbekannten lutheranisch-protestantischen Zeitschrift. Kleine Arbeiten, wenn ihr wollt, Sandkörner, aber wenn sie sich zusammenfinden, eine Biehenarbeit, die zu einem grossen Bau wird. Viele Städte bildeten Rabbiner aus, aber Breslau übertraf sie alle. Sie war die erste, und erst nach ihr, und nach ihrem Vorbild, enstanden das von Hildesheimer begründete Berliner Seminar, und ihm gegenüber, das der Reformer, ebenfalls in Berlin. Breslauer Schüler gründeten die Wiener und Budapester Seminare, und formten die Gestaltung des Jews College und des Montefiore College in London, beeinflussten das Seminar in Florenz und das in Cincinnati, das Dropsie College, und sie gelangten bis zu den Lehranstalten der Allianz in Frankreich und Istambul. Und noch in unserer Periode reichte ihr Einfluss bis nach Polen, mit dem Versuch der Errichtung eines Rabbinerseminars unter der Leitung des Warschauer Oberrabbiners Prof. Schorr, der ebenfalls ein Schüler des Breslauer Seminars war. Durch Generationen beeinflusste die Breslauer Richtung direkt und indirekt hunderte und tausende von geistigen Führern der Diaspora in Europa, Amerika und Afrika. Während eines Zeitraums von hundert Jahren waren die meisten Rabbiner und Lehrer Breslauer Absolventen, oder Schüler von Breslauer Absolventen, und alles Volk, das aus Shrem Munde Torah vernahm, erhielt sie ohne es feu wissen — aus Breslau. Es ist aber leichter Torah zu empfangen — als sie zu definieren. In Wahrheit stammte diese Lehre aus einer der Eheverbindungen, wie wir sie von Zeit zu Zeit mit dem Zeitgeiste eingehen, und solche Verbindung hat uns jeweils eine kostbare Mitgift eingebracht, in der späteren Entwicklung uns aber verarmen lassen, und schliesslich mit einer Scheidung, mit einem “Get”, geendet. Der Geist jener Zeit, in der Mitte des letzten Jahrhunderts, war der des modernen Liberalismus. Gedankenfreiheit, kalte Logik, die mit Vorurteilen aufräumt, ungefesselte Forschung. Im Geiste dieser Periode entdeckte man in der Thorah ein neues Gesicht: Wissenschaft, und durch die Wissenschaft werden sich uns die Tore zu der Welt der Nichtjuden öffnen. Wenn erst die Führer des Judentums nicht mehr aus dunklen Batei Midrasch, sondern aus Universitäten hervorgehen werden, werden sie ganz von selbst die Anerkennung der Nichtjuden finden. Wenn erst der Unterschied zwischen dem christlichen Geistlichen und dem Rabbiner nicht grösser sein wird als der zwischen dem katholischen und dem protestantischen Priester, wird kein grösserer Unterschied mehr zwischen dem Volk Israel und den Nichtjuden bestehen... Die Idee von Zunz, Geiger und Philippsohn war eigentlich, dass die Ausbildung der Rabbinen Sache der Universitäten sei. Die christlichen Universitäten werden eine Fakultät für die Wissenschaft der jüdischen Religion errichten, und dort werden jüdische Studenten "Theologie” studieren, und mit Abschluss ihrer Studien von der Universität des Königs August von Sachsen oder eines Habsburgischen Fürsten, “Hetter Hora’a,” die Lizenz zur Ausübung des Rabbinerberufs, empfangen... Wie alle Ideen des “Lasst uns sein wie alle Völker” scheiterte auch dieses Programm, und nicht weil wir etwa nicht wie sie hätten sein wollen, sondern weil sie nicht wie wir sein wollten, und solche theologisch-israelische Fakultät von dieser Art entstand in keiner deutschen Universität. So waren wir darauf angewiesen, für uns selbst zu sorgen, auf unsere eigenen Kosten... Durch die Grosszügigkeit eines grossen Stifters, des Kommerzienrats Jonas Fraenkel, enstand in Breslau das erste jüdische theologische Seminar. An und für sich ist ja die Annahme richtig, dass auch ein Jeschiva-Bachur ein Student ist. Aber so wie jüdischer Kapitalismus keine Kapitalismus ist, und jüdischer Sozialismus nicht identisch ist mit dem der Völker, so steht es auch mit der Theologie: Es gibt wohl viele gemeinsame äussere Anzeichen für das, was wir und die Nichtjuden mit dem gleichen Namen benennen, aber trotz alledem gibt es keine nichtjüdische Lehre, die unseren Bedürfnissen entspricht. Und wir, in dieser unserer Generation, selbst Hitler hat uns nicht gelehrt, dass ein jüdischer Arbeiter nicht ist wie ein nicht jüdischer, ein jüdischer Kapitalist nicht wie ein nichtjüdischer, ein jüdischer Nationalist nicht wie einer der Goyim — wir sind gewiss nicht berechtigt, Steine auf Jene Generation zu werfen, die ihren Irrtum in der liberalen Welt beging, die sich so gab als ob sie den Eifer der Juden, es den Goyim gleichzutun, mit Freuden begrüsse. Und dies umsomehr, als diese nichtjüdische Umwelt die Tore ihrer Wirtschaft weit für Juden öffnete, deren ökonomische Situation daraufhin so fundiert wurde, dass es einer Anstrengung ihrerseits bedurfte, um ihnen in Erinnerung zu bringen, dass sie trotz allem im Galuth lebten... Sie konnten doch in der Tat irren und glauben, der Übergang vom Jeshiva-Bachur zum Studenten sei nur ein formaler, nicht aber einer des Inhalts. Aber — die Synthese ist Sache des Genius. Ein solcher, gross an Geist und Herz, kann aus eigener Kraft zwei Kulturen in sich vereinigen, und alle, die ihre Beweise von Maimonldes bringen, der ein grosser Arzt und Wissenschaftler war, oder von Abarbanel und anderen, vergessen, dass es bei diesen kein System war, sondern eben Genius. Wer dem Maimonides es nicht an jüdischer Gelehrsamkeit gleichtun kann, kann ihn auch nicht in der Medizin imitieren... Als man aber das System der Synthese als Ausbildungsweg auch für kleine Gehirne anwenden wollte, musste man natürlich scheitern. Ein “Huj” (genialer junger Talmudgelehrter) kann morgens die Universität besuchen und die Nacht dem Torahstudium widmen, und gleich gross in Torah und Wissenschaft werden, aber wenn man einen einfachen Jüngling aus einer der deutschen Kleinstädte nach Breslau bringt, und ihm auferlegt, die Hälfte seines Tages der Universität, und die andere dem Rabbinerseminar zu widmen, so wird er auf beiden Seiten kahl ausgehen. Von den ersten Lehrern und Gründern des Breslauer Seminars war Graetz ein Genius und ein Iluj, der erste Historiker, den das jüdische Volk nach hunderten von Jahren hervorbrachte, und den man später nachzuahmen versuchte, ohne auch nur von weitem an ihn zu gelangen. Es war aber auch unmöglich von den Studenten, die im Seminar die Vorträge von Graetz hörten, zu verlangen, dass sie es ihm gleichtun sollten an Tiefe seines Ausblicks und seiner Begeisterung, und wir sollten uns nicht wundern, dass viele von ihnen es nicht einmal fertigbrachten, auch nur in seinen Anmerkungen und Seitenbemerkungen herumzustöbern. Diese Art von Breslauer Studenten fand den Kompromiss. Sie standen im Leben der europäischen Gemeinden in der Mitte zwischen den Reformern auf der einen und den Orthodoxen auf der anderen Seite, und ihre Kompromissbereitschaft äusserte sich in der Hauptsache darin, dass sie zustimmten, mit den Reformern gleichberechtigt zu sein. Alle waren sie Anhänger des Friedens, in Breslau, der Gemeinde, deren Rabbiner unter den ersten waren, die Moses Mendelsohn in den Bann taten. In Breslau, wo die Flamme des Streites zwischen Geiger und Rabbi Schlomo Tiktin loderte, die beide für sich den Rabbinatssitz in Anspruch nahmen, ging der Riss durch die Gemeinde und drohte, wie an vielen Orten später, die Gefahr, dass sich zwei getrennte Gemeinden bilden würden. Das Breslauer Seminar handelte als Friedensstifter. Während andere, wie Rabbi Samson Rafael Hirsch der Reform die Lebensberechtigung aberkannten, und halachisch entschieden, dass diese nicht zu Israel gehörten, kamen die Breslauer und sagten: diese und auch Jene gehören zu Israel. (Forts. S. 12) 5

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