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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1995-01-01 · No. 59 (1995) · p. Seite 16

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1995
Issue
No. 59 (1995)
Date
1995-01-01
Page
Seite 16 (sequence 16)
Language
German
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DAS AMULETT IM VOLKSGLAUBEN Oie Anfänge der Begriffe, Amulett und Talisman, liegen weit zurück, man benutzt sie seit undenklichen Zeiten, seltene Blätter, Früchte, Nüsse, Wurzeln, denen man ,geheime’ Wirkungen zugeschrieben hat. Ein babylonischer Siegel zeigt Tiersymbole. Oie Menschen suchen nach etwas, die Furcht vor Naturereignissen abzuwehren, Dinge wie Geschehen verständlich zu machen, Katastrophen, für die man keine Erklärungen findet, Schutz gegen Dürre oder Überschwemmungen, Krankheiten, Kindersterblichkeit, denen man ratlos gegenüberstand. Heil-und Zaubermittel, nicht nur als Abwehr auch für Forderungen, um Fruchtbarkeit zu erbitten, Regen in Trockenperioden. — * ■In der jüdischen Tradition widersetzen sich die geistigen Führer dieser 'Mittel, von Moses über die Gesetzeslehrer der Mischna bis zu den Rabbinern. Sie passen nicht in den 'Rahmen des absoluten 'Monotheismus. Immer ist der Glaube — oder Aberglaube — des Volkes stärker. In der Praxis findet man sich mit ihnen ab, vielleicht weil man die psychologische Wirkung derartiger mystischer Formen und Formeln einsieht. Im Talmud .ist man im Prinzip dagegen, aber unterscheidet zwischen erprobten' und anderen Amuletten, „Erprobt” sind solche, die sich dreimal bewährt haben oder an drei Personen. Das Wort, das verwendet wird, Kame'a’ bedeutet, dass sie mit dem Körper verbunden sind. Ein Hinweis, wo die Amulette getragen wurden, die gegen Krankheiten, Neid, Eifersucht und .bösen 'Blick'. Von dem umgehägten Talisman zum Schmuck ist es nur ein kleiner Schritt. Schmuck war nicht nur in der Vergangenheit Ausdruck des Besitzes, er wurde und Wird in Form und Farbe nach den Wünschen des Trägers gewählt, die ihm Glück bringen sollen, insbesondere im Kontakt mit anderen. Ein grüner Stein symbolisiert die Farbe des Lebens, der Prophet Eiijahu wird der Grüne genannt, andere bevorzugen Achat oder Türkis oder glitzerne Steine, Diamanten, die den .bösen Blick’, das ,Ajin hara' brechen sollen. Der 'Beduine schmückt seine Kamele mit bunten Bändern, in denen glitzerne Steine und/oder Glasperlen eingenäht sind, den Tieren wird oft ein metallener Halbmond umgehängt, um sie gegen den bösen Einfluss der Mondstrahlen zu schützen. Säuglingen werden immer noch Ketten umgehängt und bunte Bänder an den Betten befestigt. Die Wände der Wohnungen schmückt man mit Maskottchen, die man auch an die Scheiben des Autos hängt. Es wird erzählt, dass Prof. Einstein ein 'Hufeisen aufbewahrte, und als er gefragt wurde, ob er an den guten Einfluss des Pferdeschuhes glaube, geantwortet haben soll, dass es bestimmt nichts schade,... Das ist vielleicht die Einstellung der Gesetzeslehrer, die Amulette niemals endgültig verbieten. * Die meisten der jüdischen Amulette waren geschrieben, bilderähnliche Vorlagen. Worte, oft durcheinandergewürfelt, um den Text mystischer zu gestalten, den oder die abzuwehrenden Gegner zu verwirren. Den >G”ttesnamen durfte man nicht benutzen, aber man bringt die 'Buchstaben in die gerüttelten Worte. Es wird das Wort Schaddai benutzt, Allmächtiger, das auch auf der Rückseite der Pergamente steht, die 'in der Mesusa stecken, dem Kästchen mit den Toraabschnitten von Heinzwerner Goldstein am Türpfosten, was nach einer Erklärung die Anfangsbuchstaben des Satzes .Schomer delatot 'Israel', Hüter der Tore Israels, sind. — Das Amulett, das umgehängte, angebundene, das geschriebene, soll Schutz gegen böse Geister bieten, schlechte Gedanken wie Angstträume abwenden und Krankböse Geister bieten, schlechte Gedanken wie Angsträume abwenden und Krankheiten, die, wie wir heute sagen, psychosomatische Ursachen haben, heilen. Die Wirkung der Medizinmänner primitiver Stämme beruht auf dem Glauben an sie wie an ihre Mittel. Neben verstellten und umgekehrten Buchstaben wurden in den geschriebenen Amuletten der Juden geometrische Figuren benutzt: Der Kreis, die runde Form, soll die magische Kraft verkörpern, ein Dreieck Zeichen der Weiblichkeit, das Gebärende schützen soll. Das nordafrikanische Judentum hat die fünffingerige Hand, Chamsa, übernommen, die Fatima zugeschrieben wird, der Tochter 'Mohammeds. Das Symbol war in Nordafrika schon zur Zeit Karthagos bekannt. Das zeigt, dass fokale Sitten stärkeren Einfluss haben als politische oder religiöse äussere Bedingungen. In der Mischna tritt ein weiblicher Dämon auf, Lillit. Der Name kommt vielleicht von Leila, die Nacht, das 'Nachtgespenst. Sie stellt die Verkörperung der bösen, frustrierten Frau dar, wie sie in europäischen Märchen auftritt, von Hänsel und Gretel bis 'Dornröschen. Sie kann oder will keine Kinder haben, bedroht Gebärende und Kleinkinder. Der Dämon wird durch Amulette, darunter rote Bänder gebannt und vertrieben. Ais 'Rabbi betreute Michael 'Schudrich, 38, zuerst Giaubensforüder in der japanischen Diaspora. Nun hat der Beruf den 'New Yorker in das Land geführt, aus dem vor dem Ersten Weltkrieg seine Grosseltern nach Amerika auswanderten. In einem engen 'Büro der Warschauer Twarda-’Strasse 6, umgeben von dicken Bänden jüdischer Sohriftgele'nrter und mobilen Telefonen, konferiert er mit Kollegen auf polnisch und vertröstet Bittsteller auf jiddisch. Schudrich soll den ausgedünnten jüdischen Gemeinden des Landes neues Leben einflössen. Den Holocaust in Warschau hatten nur ein paar hundert der 400 000 Juden überlebt, ln der Stadt, vor dem Vernichtungswerk der Deutschen das grösste jüdische Zentrum in Europa, gab es keine Gemeinde mehr. Die Davongekommenen betrachtete die KP später als Zionisten und Agenten Israels; 1968 wurden sie Opfer einer wüsten antisemitischen Kampagne, mit der die Kommunisten innerparteiliche Gegner ausschalten wollten. Tausende flüchteten nach Skandinavien, in die USA oder nach Israel; Synagogen und Schulen mussten schliessen. Seine Mission betrachtet der Rabbi, der von der New Yorker 'Roland S. Lauder-Stiftung bezahlt wird, nach zwei Jahren Arbeit in Polen bereits als Erfolg: “'Die Gemeinden beginnen wieder zu leben. Überall sehe ich ein enormes Bedürfnis, etwas zu tun." 'Der Kampf in der deutschen Judenheit des 18. Jahrhunderts zwischen den Anhängern Jakob Emdens und denen Jonathan Eibenschütz ging nicht um Amulette als solche, sondern dem letzteren wurde vorgeworfen, den Namen Schabbatai Zwis, dem Pseudomesslas, in seine von ihm geschriebenen Amulette zu verschlüsseln. Ein Weg Dämonen und Geister abzuwenden ist auch, sich zu verkleiden, sich unkenntlich zu machen, es bestand und besteht in vielen Kreisen die Sitte, sich im Krankheitsfall' den Namen zu ändern, oft in Chajj'im, das Leben. Das Wort Amulett kann aus dem arabischen kommen, andere bringen es in Verbindung mit dem lateinischen Amuletum, einen lokalen Namen für eine Cyclamenart. Talisman hat den Ursprung im arabischen Tilsum, der Zauberspruch. Die Modernen nennen sie Maskottchen, Glücksbringer, die man sich umhängt wie einst die jKame'a' um die Träger vor Unheil zu schützen. Rührige Unternehmen preisen immer wieder metallene Bänder an und 'Ringe, die bei denen, die an ihre magische Wirkung glauben, vielleicht neuralgische Beschwerden und kleine Wehwehchen wirklich lindern. Angehörige gefährlicher Berufe, wie Piloten, tragen Scharms oder Maskottchen, mit vielen Anhängern um den Hals und/oder am Arm. Unter welchen Namen wir sie auch immer tragen, Amulette erfüllen auch in unserer hektischen Zeit ihre Aufgabe, wie einst primitive Schnitzereien, oder verschlüsselte Schreibereien, — sie sollen und viellicht riTachen sie es auch, bei ihren Trägern, Angstzustände überwinden helfen. Es geht vielen wie dem Gelehrten mit dem Pferdeschuh, der bestimmt nicht schade... Mittlerweile gibt es in Warschau einen Kindergarten, einen Jugendklub und die „Polnische Union Jüdischer Studenten" mit ihrer Zeitschrift Jidele. Im Makkabi-Sportklub fechten polnische Juden, üben Karate und spielen Bridge. Regelmässig treffen sich die “Kinder des Holocaust", eine Organisation von Nachkommen der KZ-Opfer mit rund 300 Mitgliedern. Nach langer 'Pause wird im September die jüdische Grundschule ihre Tore öffnen. Neben den Pflichtfächern sollen die Kinder Englisch, Hebräisch und jüdische Traditionen lernen. Jüdisches Leben 'blüht nicht nur in Warschau aut. Auch in Lodz, Kattawitz und Breslau entstehen Jugendklubs, treffen sich Gläubige zum Sabbat-Essen. In Danzig, wo die Gemeinde nahezu ausgestorben war, kamen zum letzten Pessach- Fest über 80 Menschen ins Gebetshaus. Unter den Kommunisten seien “Zebntausende Juden” in die innere Emigration gegangen und hätten ihren Glauben verleugnet, sagt Schudrich: “Jetzt ist die Furcht weg, und sie kommen aus dem Schrank.” Junge Polen entdecken jüdische Wurzeln, von denen sie bislang nichts wussten. “Genauso wie man seine Mutter nicht fragt, ob sie bei der Hochzeit noch Jungfrau war, fragte man In Polen nicht, ob die Eltern Juden seien”, erklärt der Rabbi. (Fortsetzung auf Seite 19) Jüdische Gemeinden erwachen zu neuem Leben, JUGENDLICHE BESINNEN SICH AUF IHRE WURZELN 16

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