Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1995
- Issue
- No. 59 (1995)
- Date
- 1995-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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ERINNERUNGEN EINES JÜDISCHEN ARZTES (Fortsetzung von Seite 14) Er war korrekt und so wurden wir alle mit Herr angeredet, was bei früheren Transporten nicht der Fall gewesen war. Im Hof des Gemeindehauses wurden wir numeriert wie die Gepäckstücke. Aus dem uns angehängten Zettel war aus der römischen Ziffer die Kennzahl des Transportes und aus der arabischen unsere eigene, mit der wir in der Liste des Kommandofü'hrers numeriert waren, ersichtlich. Wir wurden nicht angeschrieen und brauchten keinen Viehwagen zu besteigen, sondern konnten einen Personenwagen der 3. Klasse benutzen. Die Wachmannschaft kümmerte sich überhaupt nicht um uns. Die drei Polizisten spielten während der ganzen zwölfstündigen Fahrt Karten. Am Vormittag des 16. Juni 1943 verliessen die letzten 18 Juden, die nicht mit einem arischen Ehepartner verheiratet waren, Breslau. Bel leichtem Regen kamen wir, ermüdet von der langen Fahrt am späten Nachmittag auf dem Bahnhöfe Bauschowitz an, von dem wir noch eine Stunde Fussmarsch bis Theresienstadt zurückzulegen hatten. Nach einer halben Stunde passierten wir den Stacheldrahtzaun, der das Lager umgab. Kann man sich vorstellen, wie uns zumute war, als wir von dem letzten Rest Freiheit, der uns geblieben war, Abschied nehmen mussten? Zwar waren wir in unserer Bewegungsfreiheit immer stärker eingeschränkt worden, aber wir vermochten uns doch eine innere Freiheit aufzubauen und den Zusammenhalt unserer Gemeinde zu wahren. Männer und Frauen wurden getrennt in Massenquartieren untergebracht. Zu dem unseren führte die Breslauer IMänner IDr. Eppstein, der ,,Judenälteste” des Lagers, den ich gut von früher kannte. Nach Verlust seiner Universitätsdozentur nahm er eine leitende Stellung in der Relchsvereinigung der Juden in Berlin ein. Sein schlechtes gesundheitliches Aussehen überraschte mich, hatte ich doch keine Ahnung, unter welchen Bedingungen hier die Menschen leben mussten. Wir wurden auf den Dachboden eines dreistöckigen Hauses geführt, auf dem schmutzige Matratzen lagen, die unser Nachtlager vorstellten. Der als Torwächter des alten Kasernengebäudes eingeteilte Jude war einer meiner früheren Breslauer Patienten. Leider musste er mir bei der Begrüssung die 'Nachricht vom Tode meines Vaters übermitteln. Die unerwartete Auskunft, die ich in dem dunklen Torbogen erhielt, erschütterte mich aufs tiefste. Der dankbare Patient trat mir sofort sein kleines Kopfkissen alb. In den nächsten Tagen wurde unser Dachboden mit 500 Personen belegt. Im Dunkel der Nacht machten wir unserer bitteren Enttäuschung Luft, hatten wir doch angenommen, durch den mit uns abgeschlossenen „Heimeinkaufsvertrag" zumindest menschenwürdig untergebracht zu werden. Dabei lagen in der alten Kaserne, in der ich mich befand, etwa 5000 Männer. Im Laufe von zwanzig Monaten habe ich siebenmal das Quartier gewechselt. Meine Frau war übrigens noch schlechter als ich auf einem völlig durchgelegenen Strohsack auf einem Beden über dem fünften Stockwerk einer alten Kaserne untergebracht. Nach wenigen Tagen wurde ich vom Chefchirurgen des Hauptkrankenhauses in Theresienstadt aufgefordert, mit ihm zusammen die rd. 200 Betten zählende Chirurgische Station zu betreuen. Mein langjähriger Assistent, Dr. Kaiser, hatte ihn auf mich aufmerksam gemacht. Der Leiter, Dr. Springer, war Dozent an der Prager Universität gewesen, ein hochbegabter und sehr gebildeter Mann. Selbstverständlich ergriff ich mit Freuden die Gelegenheit, unter ihm zu arbeiten, befanden sich doch über 1000 Ärzte im Lager, es war also ein sehr grosses Angebot vorhanden. Zu meiner grossen Freude überlebte Dr. Springer das Lager und wurde Leiter eines grossen tschechischen Krankenhauses. Der Tagesablauf war der eines jeden Krankenhauses. Operiert wurde fast täglich, dabei waren sehr oft Notfälle, unter denen eingeklemmte Brüche und Darmverschlüsse infolge der schlechten Ernährung am häufigsten waren. Leider bekamen wir weder die benötigten Medikamente, noch hatten wir genügend Verbandszeug. Vor allen Dingen hatten wir keine Desinfektionsmittel für die Hände, die wir für die Vorbereitung der Operationen notwendig gehabt hätten. Wir bekamen hierfür normale Toilettenseife, die den ankommenden Häftlingen aus ihrem Gepäck entwendet und der Zentralapotheke übergeben wurde. Gearbeitet wurde im Krankenhaus sehr langsam mit grossen Pausen, eine Folgeerscheinung der Emährungsmängel. Durch die Einstellung zahlreicher Ärzte konnte Abhilfe geschaffen werden. Viel half mir die Schrecken des Lagers zu ertragen, dass ich meinen Beruf mit einer Befriedigung wie nie zuvor ausüben durfte. Hier hatte ich die Möglichkeit, Leidensgenossen zu helfen, die wie ich unter der Bürde eines unverdienten Schicksals litten. Am meisten musste ich bewundern, dass die meisten unserer 'Gefährten ihr früheres Leben vergessen zu haben schienen. Sie füllten den Platz aus, auf den sie die Lagenleitung stellte. So führte die Witwe eines weltberühmt gewordenen Berliner 'Universitätsprofessors der Medizin die Aufsicht über die Toiletten in der ältesten Kaserne.- -Ein Wiener Obermedizinalrat war als Strassenkehrer tätig, ein Generalarzt der tschechischen Armee leitete die Läusebekämpfung. Allerdings muss zugegeben werden, dass wohl jeder nach einer Möglichkeit suchte, durch irgendeine Arbeit seine kümmerliche Ernährung aufzubessern, denn nur Beschäftigte erhielten eine Zulage, während normale 'Rationen durchweg 1400 Kalorien nicht überschritten. Andererseits war es für viele unerträglich, nichts zu tun zu haben. Da die dänischen Juden durch Verwendung des Königs Pakete mit wertvollen Nahrungsmitteln bekamen und auch tschechische Juden Pakete empfangen durften, war es möglich, Patienten, die an schweren Mangelersoheinungen erkrankt waren, wichtige Vitaminträger in der Krankenkost zu verabreichen. Wir Ärzte erhielten die anderthalbfache Ration und für Nachtoperationen zusätzlich ein mit Margarine und einer sehr fragwürdigen Lebenwurst belegtes Brot. lim. Hetzten Drittel des Jahres 1944 verringerte sich die Belegung des Lagers laufend. Von den ursprünglich 65 000 blieb nur noch ein Fünftel. Damals sah ich wiederholt Eichmann in eleganter Uniform durch das Lager stolzieren. Wenn er dort war, ging sehr bald wieder ein Transport ab, der irgendwo auf bestialische Weise umgebracht wurde. DER WEG IN DIE FREIHEIT Die Nationalsozialisten wandten alle möglichen Tricks an, um die Menschen auf dem Wege zu täuschen, der sie in den Tod führte. Am 4. Februar 1945 wurden wir kurz nach Mitternacht aus dem Schlaf gerissen und gefragt, ob wir uns an einem Transport in die Schweiz beteiligen wollten. Viele befürchteten eine neue Falle, meine Frau und ich sagten dagegen sofort zu. Am 5. Februar fuhr der Transport. Jeder Teilnehmer bekam einen Frühstücksbeutel, in dem sich ein Stritzel aus feinstem weissen Mehl, eine Leberpastete, ein Stück Wurst, etwa 150 g Margarine, ebensoviel Zucker, etwa 50 g dänische Trockenmilch und zehn Vitamintabletten befanden. Als wir nach zehnstündigem Warten im Regen in dem Wagen dritter Klasse sassen, bekam jeder noch zwei je vier kg schwere Brote, 125 g Ovaltine und 250 g dänische Orangenmarmelade. Der Zug fuhr über Eger nach Bayern. Hinter Nürnberg meinte ein Oberschlesier skeptisch, dass es wohl nach Dachau ginge, aber iwir rollten weiter über Augsburg, Ulm und Friedrichshafen in Richtung Konstanz. Plötzlich lief der Befehl durch den Zug „Judensterne abnehmen”! Jetzt erst glaubten wir wirklich alle, dass es in die Freiheit ging. Am 7. Februar morgens waren wir auf Schweizer Boden, herzlich begrüsst von Helfern des Roten Kreuzes und fürsorglich unterstützt durch Schweizer Soldaten. Welches Glück wir gehabt hatten, erfuhren wir erst nach Kriegsende. Wir hatten uns dem einzigen Transport angeschlossen, der aus Theresienstadt in die Schweiz ging, weitere wurden ven Hitler verhindert. (Jahrbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau, 1972 — Band XVII) DAS JU ED ISCHE KRANKENHAUS IN BRESLAU ist eines der Thlernen diar Ausstellung: "JUDEN und MEDIZIN". die im Juni 1995 im ’ Beth Hatfuzolh” (Museum der Juedischen Diaspora) in TeH-Aviv eroeffnet wird. Braslauer, die Bilder des Krankenhauses und seiner Aerzte, Personalien, Daten, Dokumente und persoenliche Erinnerungen besitzen, werden gebeten, diese an Ernst Jakob Medad, P.O.B. 10808, 61107 Tel-Aviv, einzuschicken. (Sohn des Dr. Felix Miodowski, ehern. Leiter der HNO-Abteilung des KH ). Für Nachfragen: Tel. 972-3-6472223, 03-6748792. Verband ehemaliger Breslauer- P.O.B. 3591; 61035, Tel-Aviv. 15