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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1995-01-01 · No. 59 (1995) · p. Seite 14

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1995
Issue
No. 59 (1995)
Date
1995-01-01
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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ERINNERUNGEN EINES JÜDISCHEN ARZTES (Fortsetzung von Seite 7) auf der vorderen Plattform stand, musste der Fahrer halten, weil ein Transport aus Polen kommender Juden die Gleise überquerte. Beim Anblick der erbärmlich aussehenden Menschen, die kleine Bündel trugen, die ihre letzte Habe enthielten, wollten sich Schaffnerinnen über die Unglücklichen lustig machen. Der bereits ergraute Fahrer sagte voller Empörung: „Seid nur still, vielleicht müssen wir Breslau auch einmal so verlassen.” Im Jahre 1941 begann die Verschickung des grossen Teils unserer Gemeindemitglieder in die drei in 'Schlesien liegenden sog. Zwangsgemeinschaften Tormersdorf, Riebnioh und Kloster Grüssau. Hier wurden sie mehrere Monate fast wie Gefangene gehalten. Die hygienischen Zustände waren -in den beiden erstgenannten Orten gewiss nicht gut, in den uralten Klostergebäuden in Grüssau, die leerstanden, seitdem die letzten Mönche verhaftet und 'abtransportiert worden waren, müssen sie furchtbar gewesen sein. Von dortigen Insassen, die wegen chirurgischer Erkrankungen zur Behandlung in unser Krankenhaus gebracht worden waren, erfuhr ich Genaueres über die mangelnde Verflegung, Massenepidemien von Enteritis und Pneumonien wegen der fehlenden Heizung in dem bitterkalten Winter 1941/42. Die drei Zwan-gsgeme'inschaften wurden 1942 wieder nach Breslau gebracht, um von dort nach dem Osten abtransportiert zu werden. Die Möglichkeiten für Juden auszuwandern, hatten mit dem Beginn des Russlandfeldzuges fast ganz und nach dem Kriegseintritt der USA völlig aufgehönt. Als vorübergehende Unterkunft diente ihnen wie allen Deportierten die alte Synagoge, „der Storch” genannt, an der Wallstrasse, die unbenutzt auf dem Grundstück der Gemeindeverwaltung stand, sowie das grosse schöne Haus der Gesellschaft der Freunde, des einzigen jüdischen Clubs Breslaus. Auch der Rest der noch In Breslau verbliebenen Juden wurde bei den folgenden „Aktionen", die letzte fand im Februar 1943 statt, dort interniert. Im Garten des Clubhauses wurde von drei Gestapobeamten die Transportfähigkeit der Verschleppten dadurch festgestellt, dass sie schnell hin- und hergehen mussten, sich plötzlich umdrehen und dann weitergehen mussten. Als Gutachter musste ich an diesem infamen Schauspiel teilnehmen, wurde aber nicht ein einziges Mal gefragt. Die meisten Transporte gingen nach dem Osten, die alten Leute kamen nach Theresienstadt. Die G"ttesdienste fanden in der im Verwaltungsgebäude gelegenen Wochentagssynagoge Stift, solange die für die Abhaltung eines G"ttesdienstes nach jüdischem Ritus erforderlichen zehn Personen vorhanden waren. Der gleiche Raum musste auch als Leichenhalle dienen, von liier aus fanden die Beerdigungen statt. Seit Mitte 1942 wurden Fahrzeuge für Trauergäste nicht mehr von der Gestapo bewilligt, ebenso durften Juden die zu dem ausserhalb der Stadt gelegenen Jüdischen Friedhof in Cosel führende Strassenbahn nicht mehr benutzen. So waren die etwa noch vorhandenen wenigen Angehörigen der Verstorbenen und der Rabbiner — er war gewöhnlich der einzige Teilnehmer an Beerdigungen — gezwungen, auf dem Kutschersitz oder •im Inneren des Leichenwagens, dessen hintere Tür man entfernt hatte, den Sarg zu begleiten. iDIe IMöbel und sonstige in den Wohnungen zurückgelassene Habe der Deportierten wurde laut Verordnung und entsprechend der zwischen Bartel und Regierungsstellen bestehenden Zusammenarbeit von den Finanzämtern verwertet. Beamte dieser Behörde versiegelten die Wohnungen sofort nach Abzug der Bewohner. Am Abend desselben Tages erschienen des öfteren zwei Zivillisten mit -Handkoffern lösten die Siegel, füllten, die Koffer, legten neue Siegel an und verschwanden. Ich habe derartige Fälle von Räuberei zweimal in unserer eigenen Wohngemeinschaft beobachten können. Mir selbst widerfuhr etwas ähnliches, im Herbst 1942 wurde mein Vater in einen der nach Theresienstadt gehenden Transporte eingereiht. Er stürzte -aber in der Nacht, als er die Toilette in dem unbekannten Gebäude suchte und konnte in dem überfüllten Hause sein Lager nicht wiea'erfinden. Er wurde in die Innere Abteilung des Krankenhauses gebracht und dort längere Zeit behandelt. Anscheinend aus Ärger darüber, dass er nicht am Transport teilnehmen konnte, veranlasste die Gestapo bei mir eine Haussuchung, bei der meine kleine Münzensammlung, die noch aus meiner Schülerzeit stammte und mehrere Taler enthielt, gefunden wurde. Da inzwischen den Juden ausser dem Besitz von Radios auch der von Pelzen, Fotoapparaten, Ferngläsern, Schmuck und -Edelmetall aller Art verboten worden war, hatte ich mich strafbar gemacht. Das Kästchen mit den rd. 30 Geldstücken in der Hand haltend, fragte mich der Beamte: „Was soll ich machen, Herr Doktor? Ich müsste den Fund angeben, dann kämen Sie in ein Konzentrationslager.” Ich we-iss nicht, wo ich den Mut hernahm, ihm zu erwidern, er möchte die Münzen doch bitte in seine Tasche stecken und ins Wasser werfen. Ich hörte nie wieder von der Sache und in der Folgezeit war. dieser Gestapomann, der des öfteren ins Krankenhaus kam, nie unhöflich zu mir. Ich bin sicher, dass er die Geldstücke weder ins Wasser geworfen noch seiner Behörde abgeliefer-t hat. Im April 1943 wurde mein -Vater mit den im Altersheim lebenden Gemeindemitgliedern nach Theresienstadt transportiert. Am Abend vorher konnte ich mich von ihm verabschieden. Seine letzten Worte klingen mir heute noch im Ohr: „Bleib gesund, ich danke Dir für -alle Deine Liebe." -Meine Hoffnung, ihn in jenem Lager wiederzusehen, erfüllte sich nicht. In der Nacht zum 1. Mai ging er während des Schla-fes in die Ewigkeit. Seit März 1943 waren wir letzten Breslauer Juden wie in einem Ghetto zusammengepfercht, wo wir an der Wallstrasse in wenigen Häusern, die der Gemeinde gehörten und 'in der Nachbarschaft des Verwaltungsgebäudes standen, ha-us-en mussten. Die wenigen Geschäfte, iin denen wir unsere kleinen Lebensmittelrationen kaufen durften, lagen ebenfalls ganz in der Nähe. Nur wir Ärz*e und das Krankenpflegepersonal durften uns noeä, solange die Chirurgische Abteilung ausserhalb des Ghettos lag, der Strassenbahn bedienen, später hörte auch das auf. Aus dieser Einengung wurde ich nur einmal am 1. Mai 1943 befreit, als ich zu einer Konsultation nach Sosnowice fahren musste, dessen jüdisches Krankenhaus keinen Chirurgen mehr besass. Dort wollte mich der Leiter des Ghettos überreden, als Leiter der Chirurgischen Abteilung nach dort zu kommen. Zwar zählte jene Stadt noch rd. 30 000 Juden, während in Breslau nur noch wenige hundert lebten, aber ich genoss in meiner Heimatstadt doch wenigstens einen Rest Achtung, während in Sosnowice jeder Jude mit Du angeredet wurde. Auf der Rückfahrt wurde ich in dem überfüllten Zuge trotz meines Judensternes von den Mitreisenden, fast alles Soldaten, nicht im mindesten belästigt. Ein offensichtlich von der Front kommender Urlauber, der in meiner Nähe stand, erzählte ununterbrochen gewagte politische Witze, die mich zunächst fürchten Messen, die anderen würden den Unvorsichtigen lynchen. Aber die Soldaten quittierten jeden Witz mit tosendem Gelächter. 'Dennoch war ich froh, in Breslau den Wagen verlassen zu können. Hieran merkte ich besonders deutlich, wie sehr der Glaube der Deutschen an ein siegreiches Kriegsende und das Vertrauen in die Führung erschüttert waren. Auch wir, die wir in dem engen Raume um die Storchsynagoge herum isoliert leben mussten, merkten davon. Allen Verboten zum Trotz betraten die Mitglieder der Breslauer Gemeinde der Sieben- Tage-Adventis-ten, die gleich uns den Sabbat feiern, das Ghetto, grössten uns höflich, wenn wir die Synagoge verliessen, und ermunterten uns mtit treundlichen Worten auszuharren, ungeachtet dessen, dass Deutsche längst nicht mehr mit Juden sprechen durften. Ein sehr angesehener Arzt, der mich solange es möglich war, auf der Strasse grösste, benutzte später die Gelegenheit eines Krankenbesuches in dem Hause, in dem -ich wohnen musste, mich am späten Abend zu besuchen. Über zwei Stunden sassen wir zusammen und schütteten uns gegenseitig das -Herz aus. Ohne solche Zeichen der Verbundenheit wäre unser Leben in Breslau noch viel trüber gewesen. Merkwürdigerweise sollte ich am letzten Tage, an dem ich in Breslau weilte, aus dem Munde eines Gestapobeamten erfahren, dass es auch unter jenen Leute gab, die weiter dachten. Als wir letzten Breslauer Juden im Hof des Verwaltungsgebäudes standen, musste eine Schreibmaschine herbeigeschafft werden, um ein Protokoll aufzunehmen. Eilfertig lief die Sekretärin der Gemeinde, um eine solche zu holen. Da hörte ich plötzlich einen der Beamten, mit dem ich des öfteren dienstlich zu tun gehabt hatte, halblaut zu seinen Kollegen sagen: „Vielleicht werden wir einmal wie dieses Mädel laufen, um ein Stück Brot zu bekommen. Ich melde mich morgen an die Front.” Am 10. Juni 1943 schlug die Todesstunde des Jüdischen Krankenhauses zu Breslau. An diesem Tage wurden die Kranken in einem geschlossenen Transport auf Tragbaren nach Theresienstadt gebracht. Am 16. folgte ihnen der Vorstand des Krankenhauses und der Gemeinde und mit mir der nur noch aus vier Personen bestehende ■Mitarbeiterstab des Krankenhauses. Wir achtzehn waren die letzten Juden, die Breslau verliessen. IM KONZENTRATIONSLAGER THERESIENSTADT Es muss zugegeben werden, dass unser Transport i-n menschlicher Form vor sich ging. Der Leiter war -ein Gestapobeamter, der mir beiläufig sagte, dass ich seine Schwägerin operiert hätte. (Fortsetzung auf Seite 15) 14

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