Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1995
- Issue
- No. 59 (1995)
- Date
- 1995-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Uber das Jüdische STUFEN DER ZERSTÖRUNG (Fortsetzung von Seite 4) entlassenen Ärzten geleitet un;d besetzt wurden. Noch in der ersten iHälfte des Jahres 1933 wurde eine Abteilung für Nervenkrankheiten eröffnet, die von dem bis dahin am Wenzel-Hancke-Krankenhaus tätigen Neurologen und Privatdozenten Ludwig Guttmann geleitet wurde. Im September 1933 wurde die anfänglich als neurologische Poliklinik konzipierte Abteilung in eine feste Station umgewandelt, nachdem sich herausgestellt hatte, dass die Mehrheit der hier behandelten Patienten einer stationären Behandlung bedurfte. 1935 schliesslich wurde eine Station für Haut- Krankheiten eröffnet, deren Leitung der kurz zuvor wegen seiner jüdischen Abstammung aus dem öffentlichen 'Dienst vertriebene Hans ßiberstein übernahm. Biberstein war seit 1930 ausserordentlicher Professor für Hautkrankheiten an der Breslauer Universität und seit 1931 Chefarzt der Universitätshautklinik. Von seiner Entlassung bis zu seiner Emigration im August 1938 nach Amerika arbeitete er an der dermatologischen Abteilung der 'IKVA. Ebenfalls im Oktober 1935 war der Prorektor am Pathologischen Institut des Allerheiligen-Krankenhauses, Prof. ür. Ernst Mathias entlassen worden. Da er zu diesem Zeitpunkt „in ‘Breslau der einzige Mediziner (war), der dank seiner hervorragenden 'Bedeutung auf dem Gebiete der Pathologie als massgebender Gutachter bei der Beurteilung von Geschwülsten für jüdische Ärzte tätig sein konnte”, beschloss die IKVA am 6. November 1935, ihn als Pathologen einzustellen. Seine Bezahlung wurde zur Hälfte vom Krankenhaus übernommen, während d'ie andere Hälfte aus der Hilfskasse der Vereinigung jüdischer Ärzte in Schlesien aufgebracht wurde. Hinzu trat ausserdem die vermehrte Bereitstellung von Aus- und Fortbildungsplätzen für angehende jüdische Ärzte, die hier eine der wenigen Möglichkeiten zur Beendigung ihrer Facharztausbildung fanden : Zwischen 1933 und 1938 waren 16, zum Teil ausseretatmässige Assistenz- und 21, in der Regel unbezahlte Volontärärzte an der IKVA beschäftigt; eine im Vergleich zu früheren Jahren extrem hohe Zahl, die das Bemühen der IKVA verdeutlicht, möglichst vielen angehenden Medizinern eine Arbeitsmöglichkeit zu bieten. Gleiches galt auch für jüdische Medizinalpraktikanten, also diejenigen, die das an das Medizinstudium sich anschliessende praktische Jahr absolvieren mussten. Auch wenn infolge der Änderung der Prüfungsordnung für Ärzte vom 5. Februar 1935 die Ausbildung zum Arzt für Juden in Deutschland weitgehend versperrt war, wurden bis Anfang 1938 noch Medizinalpraktikanten an der IKVA ausgebildet: 34 waren es insgesamt, die zwischen 1933 und 1938 erste praktische Erfahrungen am Breslauer Jüdischen Krankenhaus sammelten. Bis zu Beginn des Jahres 1938 gelang es der IKVA, trotz der kritischen finanziellen Situation, den Krankenhausbetrieb aufrechtzuerhalten und den veränderten Anforderungen anzupassen. Durch die Umstellung des Krankenhauses auf die wachsenden Bedürfnisse der jüdischen Wohlfahrts- und Aitenpflege sowie die zunehmende Bedeutung der IKVA als Arbeits- und Ausbildungsstätte nahm das Krankenhaus eine zentrale Stellung innerhalb der jüdischen Selbsthilfe ein. Bereits zum 1. Januar 1938 hatte die Kassenärztliche Vereinigung Deutschlands allen jüdischen Ärzten die Zulassung zu den Ersatzkassen entzogen; wenig später wurden sie auch von der Behandlung in der öffentlichen Fürsorge ausgeschlossen. Mit der Vierten Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. Juli 1938 schliesslich wurde den rund 3200 noch im Deutschen Reich tätigen jüdischen Ärzten mit Wirkung zum 30. September die Approbation entzogen, wodurch ihnen jegliche Möglichkeit, ihren Beruf in Deutschland auszuüben, genommen wurde. Lediglich 709 Ärzten wurde auf Widerruf gestattet, als „Krankenbehandler” tätig zu sein; behandeln durften sie ausschliesslich jüdische Patienten sowie Familienangehörige. In Breslau waren — laut einer im Sommer 1937 von der Bezirksvereinigung der Reichsärztekammer zusammengestellten Liste — noch 255 jüdische Ärzte und 11 Medizinalpraktikanten tätig. 52 von ihren waren seit dem: 1. Oktober 1938 noch als „Krankenbehandler" zugelassen, unter ihnen sämtliche an der il'KVA tätigen Ärzte. Da ein Teil der als Krankenbehandler zugelassenen Ärzte sich durch den Entzug der Approbation gezwungen sah, ihre bisherigen Praxisräume aufzugeben, räumte die IKVA ihnen die Möglichkeit ein, ihre Sprechstunden in den Räumen des Krankenhauses abzuhalten. Hiervon machten mindestens zehn Ärzte Gebrauch. Ausserdem wurden wenig später weitere Praxisstellen für jüdische Ärzte im Jüdischen Jugendheim, im Waisenhaus der jüdischen Gemeinde sowie in dem der IKVA angegliederten Siechenheim eingerichtet. Parallel zu der in Form von Gesetzen und Verordnungen vollzogenen Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung seit Beginn des Jahres 1938 nahmen auch die gewalttätigen Ausschreitungen und staatlich organisierten Verfolgungsmassnahmerr zu, deren Folgen sich sehr schnell am Krankenhaus zeigten. Im Juni1938 kam es im Rahmen der von den NS-Behörden inszenierten „Aktion Arbeitsscheu (Reich” zu einer grossen Verhaftungswelle, bei der zahlreiche Juden und 'Nichtjuden, die vorbestraft waren, verhaftet und in die Konzentrationslager Buchenwald und Sachsenhausen deportiert und dort zum Teil über Wochen misshandelt wurden. Über den Verlauf der Juniaktion in Breslau berichtet Siegmund Hadda, seit Beginn des Jahres 1939 Leiter des jüdischen Krankenhauses, in seinen Erinnerungen: „Am 25. Juni 1938 drangen SA-Leute in die Wohnungen einiger hundert jüdischer Bürger Breslaus ein, verhafteten die Ahnungslosen und brachten sie in d'ie Konzentrationslager, meist nach Buchenwald, wo sie etwa vier Wochen bleiben mussten. Eine erhebliche Zahl von ihnen musste sofort ins Krankenhaus. Auf meiner Station (d.i. die chirurgische, A.R.) lagen Patienten mit vernachlässigten Verletzungen, Phlegmonen, Harnverhaltungen bei Prostatahyipertropbie usw. Obwohl sie mir von den Quälereien erzählten, denen sie im KZ ausgesetzt waren, lag mir der Gedanke, dass diese Verbrechen sich wiederholen und schliesslich systematisch durchgeführt werden würden, damals noch völlig fern.”2) Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten die gewalttätigen Ausschreitungen gegenüber der jüdischen Bevölkerung schliesslich in dem inszenierten Pogrom in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Wie in zahlreichen anderen Städten auch, wurden in dieser Nacht in Breslau die meisten der in der Stadt bestehenden Synagogen und ße.tstu-ben sowie zahlreiche jüdische Geschäfte geplündert, verwüstet und zerstört. ßl'ieb das Krankenhaus in der Pogromnacht zunächst von direkten Ausschreitungen ausgenommen, so wurden am Morgen des 10. November sämtliche leitenden Ärzte in ihren Wohnungen verhaftet, jedoch nach kurzer Zeit wieder freigelassen. Bei ihrer Rückkehr in das Krankenhaus fanden sie zahlreiche Opfer des Pogroms vor. für die zum Teil jede medizinische Hilfe zu spät kam: „Oer erste Tag -nach der „Kristallnacht” war für uns Ärzte des Jüdischen Krankenhauses angefüHt mit Arbeit -und voll tiefster seelicher Belastungen. Mit nur kurzen Unterbrechungen rollten Krankenautos heran, die fast ausschliesslich Selbstmordfälle brachten. Die Unglücklichen waren bei der Ankunft bereits tot oder schwer bewusstlos. Ich musste die ganze Nacht immer wieder heraus, um entweder den Tod eines Eingelieferten festzustellen oder die Aufnahme des Selbstmörders auf eine der Abteilungen zu veranlassen.”3) Einen Tag später, am Morgen des 11. November 1938, wurde das Krankenhaus von der Geheimen Staatspolizei durchsucht und alle gehfänigen männlichen Patienten, die Assistenzärzte und das gesamte übrige männliche Personal verhaftet. Auch der Röntgenologe der Anstalt, Dr. Carl Fried, wurde wegen „respektlosen Verhaltens” In das Konzentrationslager Buchenwald gebracht, aus dem er erst im Januar 1939 zurückkehrte. Im Anschluss an die Pogrcmnacht bemühten sich die meisten der noch in Deutschland lebenden Juden um die Ausreise; etwa 120 000 verliessen zwischen November 1938 und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges Deutschland. Die (Fortsetzung auf Seite 8) -) Siegmund Hadda. Als Arzt am Jüdischen Krankenhaus in Breslau, in: Jahrbuch der Schlesichen Friedrich-Wilhel-m-Universität zu 'Breslau, 17 (1972), S. 198—238, S. 219. Möglicherweise irrt Hadda sich in der Datumsangabe; wie aus den Personalunterlagen des Krankenhauses hervorgeht, begann die Verhaft-ungsaktion in Breslau am 13. Juni; vgl. Aktennotiz vom 13. Juni 1938; dito vom 19. Januar 1939 in; ZfH, W'R 724 (Blut) (unfolÜber die Lage der während der Juniaktion Verhafteten im KZ Buchenwald vgl. Harry Stein, Juden in Buchenwald 1937—1942, Buchenwald 1992, bes. S. 16—28. n) Hadda, Als Arzt (wie Anm. 1), S. 221. 6