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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1995-01-01 · No. 59 (1995) · p. Seite 5

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1995
Issue
No. 59 (1995)
Date
1995-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Krankenhaus in Breslau ERINNERUNGEN EINES JÜDISCHEN ARZTES (Fortsetzung von Seite 3) Nach der „Kristallnacht" trat wieder eine gewisse Ruhe ein, aber weder fühlte sich der einzelne Jude sicherer, noch wurde unser Krankenhaus und die jüdische Ärzteschaft von Drangsalierungen verschont. Seit dem 1. August 1938 durften wir keine arischen Patienten mehr behandeln und auch keine mehr ins jüdische Krankenhaus aufnehmen. Nur wenige Ärzte durften noch als „Jüdische Krankenbehandler”, so lautete der offizielle Titel nach der Entziehung der Approbation, tätig sein. Ihre Sprechstunden mussten sie im Jüdischen Krankenhause abhalten. Jhre Praxisschilder am Eingang des Hauses zeigten einen gelben Stern auf blauem Grunde neben dem Namen. Die nicht zur Praxis zugelassenen Ärzte führten ein kümmerliches Dasein. Um gerecht zu sein, muss ich hier bemerken, dass der Vorsitzende der Ärztekammer, der von den Nationalsozialisten ernannt worden war, uns im ganzen keine Schwierigkeiten machte. Es mag sein, dass der Beamte, der das Judenreferat leitete, seine Hand dabei im Spiele hatte, denn er versuchte unsere Lage zu erleichtern, wo er nur konnte. Viele Jahre hatte er im Dienste der Ärztekammer gestanden, war vor der Hitlerzeit als politisch links stehend bekannt gewesen, aber jetzt natürlich Parteimitglied. Da ich der „Verantwortliche für das Jüdische Sanitätswesen Schlesiens" geworden war, hatte ich für gewöhnlich an jedem •Montag ihm Bericht zu erstatten, welche Veränderungen in der jüdischen Ärzteschaft im Laufe der vergangenen Woche eingetreten waren. Er h'at auch meine Arbeit erleichtert, wo er konnte, und ich bin diesem Manne besonders dankbar, weil er indirekt meinem Sohne das Leben rettete. Am Morgen des 14. August 1939 musste ich bei ihm erscheinen, um Bericht abzustatten. Während wir sprachen, schüttelte das Haus vom Dröhnen vorbeirasselnder Fahrzeuge. Herr K. lief ans Fenster und sagte zu mir gewendet: „Sehen Sie, schwere Tanks, der Krieg ist da. Und was geschieht dann mit Ihrem Sohn”? (Er wusste, dass Georg als Volontär auf meiner Abteilung arbeitete). Ohne sich zu unterbrechen, fuhr er fort: „Weg mit ihm aus Deutschland, man weiss nicht, was die (d. h. die Nationalsozialisten) mit den jungen Menschen Vorhaben". So konnte unser Sohn rechtzeitig mit allen Legitimationen versehen, den Zug besteigen, richtiger sich hiineinzwängen, denn er war bis zum letzten Zentimeter besetzt. Nach Vierundzwanzigstündigem Warten erhielten wir ein Telegramm, das seine glückliche Ankunft in London meldete. DAS ENDE DES JÜDISCHEN KRANKENHAUSES Für Mittwoch, den 29. August 1939, wurde ich zum Chef der Gestapostelle iBreslau bestellt, den ich bislang nur aus Telefonaten kannte. Der Verwaltungsdirektor Mehrländer sollte mich begleiten. Als ich bei dem beiter der Gestapo, einem Assessor Senne, erschien, fand ich bei ihm den sog. arischen Treuhänder unseres Hauses. Die Tätigkeit dieses Herrn, der ein im Niedergang begriffenes einst sehr angesehenes Geschäft des Grosshandels betrieb, bestand darin, ein hohes Gehalt von uns zu beziehen, für das er nichts leistete, als uns zu bespitzeln. Sein Verhalten während meiner Unterredung mit Senne entsprach dem was ich von ihm erwartet hatte. Senne erklärte mirmit einem verbindlichen Lächeln, ich hätte als der der 'Regierung verantwortliche ärztliche Direktor des Krankenhauses dafür zu sorgen, dass das Haus innerhalb der nächsten Tage, d. h. bis Freitag, dem 31. August, geräumt sei. Wörtlich sagte er, dabei 'immer lächelnd: „Wenn der erste Schuss fällt und das Krankenhaus noch nicht leer ist, lasse ich Sie, den Verwaltungsdirektor und den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in ein Konzentrationslager sperren!" Auf meine Frage, was mit den bettlägerigen Kranken geschehen solle, erwiderte er, es seien im Süden •Breslaus noch eine Anzahl von Villen von Juden bewohnt. Er gebe mir Vollmacht, unsere Kranken dort zwangsweise unterzubringen. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde berief sofort eine Sitzung ein, auf der beschlossen wurde, das auf dem Grundstück des Krankenhauses stehende aber von ihm völlig unabhängige Jüdische Siechenhaus mit den bettlägerigen Kranken zu belegen. Die einigermassen gehfähigen und die für eine Behandlung in der eigenen Wohnung geeigneten Fälle sollten sofort entlassen werden. Das Siechenhaus war dreistöckig. Die Pflegebedürftigen waren überwiegend in Einzelzimmern untergebracht. Sie wurden im obersten Stock zusammengedrängt, während wir im Hochparterre und ersten Stock unsere Patienten notdürftig betteten. In nicht mehr als sechs Räumen mussten alle Schwerstkranken Unterkommen. Zwischen den Betten blieb gerade ausreichend 'Platz, um Ärzten und Pflegepersonal den Zugang zu gestatten. Die leichter Erkrankten wurden auf den Fluren und in den Badezimmern untergebracht. Der grosse Vorraum der Toilette diente als Verbandsraum. Für die wenigen seit Oktober 1938 noch zur Praxis zugelassenen jüdischen Ärzte musste ein gemeinsam zu benutzender Raum als Sprechzimmer genügen. Es gab für die nach meiner Schätzung noch etwa 5000 Breslauer Juden noch zehn Ärzte, einschliesslich der in unserem Hause tätigen. Abgesehen von der Beschränktheit des Raumes, wurden unsere Schwierigkeiten noch dadurch besonders gesteigert, dass uns von der Gestapo für die Räumung des Krankenhauses nur 48 Stunden Zeit bewiligt worden waren. Etwa 100 Patienten konnten zur weiteren Behandlung nach Hause entlassen werden, so dass nur rd. fünfzig umzuquartieren waren. Das Siechenhaus war als Gynäkologische und Neurologische Abteilung unseres Krankenhauses gebaut, wurde aber, als die Verkleinerung der Gemeinde eintrat, nicht mehr benötigt und nun als Siechenheim benutzt, in das sich rund hundert alleinstehende Leute eingekauft hatten. Diese glaubten, bis an ihr Lebensende ein gemütliches gesichertes Heim zu haben und wurden nun in ihren Hoffnungen schwer getäuscht. Sie zu trösten, war für uns eine weit schwerere Aufgabe als die Räumung. Diejenigen, welche nicht mehr untergebracht werden konnten, standen mit kleinen Bündeln im Anstaltsgarten und waren in ihrer Gebrechlichkeit ein erschütternder Anblick. Dank der rastlosen Bemühungen des Pflegepersonals und des Gemeindevorstandes war am Abend jeder in einem der beiden Jüdischen Altersheime Breslaus oder in einer Privatpflege aufgenommen worden. Es dunkelte bereits, als wir die allerletzten Patienten, elf Geisteskranke, nach der Provinzialirrenanstalt in Leubus bringen lassen konnten. Es war eine besondere Vergünstigung, dass jene Anstalt die Kranken durch eigenes Personal und Gefährt abholen liess. Mit Gewalt mussten einige der 'Unglücklichen in den Pferdeomnibus zu steigen gezwungen werden. Ihr Toben und Schreien hörten wir noch, als sich der Wagen bereits ausserhalb des Areals des Krankenhauses befand. Der neue Chef, ein Oberstabsarzt der Reserve, der schon vor der Nazizeit führendes Mitglied der antisemitischen Ärztevereinigung gewesen war, verlegte aus eigener Machtvollkommenheit den Räumungstermin um mehrere Stunden vor und befahl mir in gröbster Weise, „dass die Räumung bis Freitag um fünf Uhr nachmittags beendet zu sein habe. Nach fünf Uhr dürfe sich kein Jude mehr lim Krankenhaus blicken lassen". Es war gerade Sabbatbeginn, als wir das Haus, mit dem ich seit 1906 so eng verbunden gewesen war, verliessen, übrigens unter entwürdigenden Umständen. Es durften nur wenige Medikamente und Verbandsmaterial mitgenommen werden, aber kein einziges Instrument. Auch unser persönliches Gepäck wurde wie bei einem Grenzübertritt durchsucht. Am schmerzlichsten war es für mich, dass noch während unserer Anwesenheit die Schändung der Synagoge begann. Die Thorarollen konnten von uns in Sicherheit gebracht werden, aber der Thoraschrein, das Betpult und die Bänke wurden in vandalischer Weise zerschlagen. In der Synagoge wurde ein Vorratsraum für Küchengeräte eingerichtet. Man brauchte zwei Tage, um den die Kuppel des Leichenhauses zierenden Davidstern a'bzureissen, aber alle Erinnerungen en die Vergangenheit des Hauses sollten getilgt werden. Innerhalb weniger Tage hatten wir in den uns zugewiesenen beschränkten Räumen einen notdürftig geordneten Betrieb eingerichtet. Unser Röntgenologe Dr. Schmoller hatte sogar einen kleinen Röntgenapparat aufgetrieben, den wir sehr bald zur Diagnosestellung für einige Frakturen benötigten. Fälle dieser Art waren in den ersten Kriegstagen, als die Treppenhäuser wegen der Fliegergefahr verdunkelt werden mussten, häufiger als wir angenommen hatten. Was uns fehlte, war ein Operationssaal. Schon in den ersten Wochen kamen Patienten mit chirurgischen Erkrankungen, deren operative Behandlung keinen langen Aufschub duldete. Durch Zufall hatte ich schon früher erfahren, dass eine alte Privatklinik, die aus zwölf Zimmern und zwei leidlich guten Operationssälen bestand, unbenutzt leer stünde. Der für die jüdischen Ärzte (Fortsetzung auf Seite 7) 5

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