Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1995
- Issue
- No. 59 (1995)
- Date
- 1995-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Krankenhaus in Breslau Erinnerungen eines jüdischen Arztes 1933-1945 Das Jahr 1933 begann für uns damit, dass ein freund meines Sohnes, ein sehr begabter Student, von SA-Leuten ermordet wurde, als er von einer Versammlung des 'Reichsbanners nach Hause ging. Es folgte die Machtübernahme, die in Breslau nicht anders gewesen ist als sonst irgendwo in Deutschland. Zahlreiche Juden wurden bald darauf in SA-Heime, „'Braune Häuser” usw. geschleppt, gedemütigt und misshandelt. Jüdische Häuser und Wohnungen wurden von der SA nach Waffen durchsucht und dort, iwo keine gefunden wurden, ein Revolver hingelegt, den dann ein anderer SAHMann „fand". Ein schwerer Schock war für uns die Ausschaltung der jüdischen Anwälte aus der Rechtspflege, die zahlreichen begabten und geschätzten Juristen 'Breslaus die Existenzgrundlage entzog. Das Ermächtigungsgesetz gab Hitler im iMärz dazu freie Hand. Das sogenannte „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” ermöglichte ihm, die Juden aus allen 'beamteten Stellungen zu entfernen, obwohl sie alle für ihre Laufbahnen erforderlichen Prüfungen abgelegt hatten. Am 1. April 1933 kam es in Breslau wie überall zum Boykott jüdischer Geschäfte, aber dann beruhigte sich die Lage etwas. Einige Jahre konnten wir Ärzte noch ziemlich ungehindert praktizieren, wenn man davon absieht, dass immer witeder aufgefordert wurde, nicht zu jüdischen Ärzten zu gehen. Viele gingen aber dennoch zum Arzt ihres Vertrauens. Ich hatte die Stelle des Chefchirurgen des Jüdischen Krankenhauses angenommen, weil ich mich mit dem Hause eng verbunden fühlte. Am 25. Juni 1938 drangen SA-Leute 'in die Wohnungen einiger Hundert jüdischer Bürger Breslaus ©in, verhafteten die Ahnungslosen und brachten sie ln Konzentrationslager, meist nach Buchenwald, wo sie etwa vier Wochen bleiben mussten. 'Eine erhebliche Zahl von ihnen musste sofort ins Krankenhaus. Auf meiner Abteilung lagen Patienten mit vernachlässigten) Verletzungen, Phlegmonen, Harnverhaltungen bei Prostatahypertrophie usw. Obvohl sie mir von den Quälereien erzählten, denen sie im KZ ausgesetzt gewesen waren, lag mir der Gedanke, dass diese Verbrechen sich wiederholen und schliesslich regelmässig und systematisch durchgefürt werden würden, damals noch völlig fern. Immerhin lebten wir alle seitdem in Furcht vor unerwarteten Eingriffen in unsere Freiheit. Man fühlte sich im eigenen Hause nicht mehr sicher, besonders dann, wenn dieses, wie unseres, in einer stillen Nebenstrasse lag. Dann konnten wir cft nicht einschlafen, weil man in der schweigenden Nacht jeden Schritt auf dem Strassenpflaster hallen hörte und froh war, wenn es keine SA-Stiefel waren. Mitte August fuhr ich nach England, um meine Auswanderung zu betreiben. Überall wurde ich von den Behörden freundlich empfangen, aber von SIEGMUND HADDA leider konnte ich keine feste Zusage bekommen. Ich musste es bereits als grossen Erfolg ansehen, dass .ich die Einwanderungserlaubnis für meine drei Kinder Anfang 1939 bekam, die ich auf diese Weise vor der Ermordung retten konnte. Am 1. Oktober 1938 verloren die meisten jüdischem Ärzte ihre Approbation. Nur eine kleine Zahl, die sich nach der Kopfstärke der jeweiligen jüdischen 'Gemeinde richtete, durfte weiter praktizieren. Ich gehörte als leitender Chirurg des Jüdischen Krankenhauses zu ihnen. Viele jüdische Ärzte standen nun vor dem Nichts, denn nur, wenn einer der approbierten Ärzte die Auswanderungspapiere erhielt, konnte jemand seine Praxis übernehmen. Dies führte auch zu einer völligen Veränderung in der Belegung unseres Krankenhauses. Viele Krankenhäuser weigerten sich bereits, jüdische Patienten aufzunehmen, die uns nun zuströmten, obwohl sie zu Breslau oder auch nur zu Schlesien keinerlei persönliche Bindungen hatten. Ungeachtet aller Hetze blieben uns aber einige michtjüdische Patienten bis zum Oktober jenes Jahres treu. Einen entscheidenden Einschnitt brachte der 26. Oktober 1938, an welchem Datum uns Juden die Pässe entzogen wurden. Unsere Lage wurde aber plötzlich in unerwarteter Weise verschlimmert, als Anfang November 1938 die Nachricht von der Ermordung des Botschaftsrates vom Rath in Paris durch den Rundfunk und die Zeitungen verbreitet wurde. Die bis dahin relativ ruhige Stimmung der nichtjüdischen Bevölkerung wandelte sich im Handumdrehen 'in ausgesprochenen Hass um, das erwünschte Resultat der ordinären antisemitischen Stimmungsmache von Goebbels. Sie hatte den Boden für eine Saat vorbereitet, die in der ,;Reichskristallnacht” am 10. November auch in Breslau mit rasender Schnelligkeit aufschoss. Ich hatte von den Ereignissen jener Nachtstunden noch nichts gehört, als ich wie gewöhnlich um sieben Uhr morgens im Jüdischen Krankenhaus erschien, um zu operieren. Damals hatte ich nur noch drei Assistenten, den Oberarzt, der im Hause wohnte und zwei chirurgische Fachärzte, die jahrelang praktiziert hatten, aber ihre Approbation wie viele Leidensgenossen verloren und sich mir zur Verfügung gestellt hatten. Sie hielten sich nur in den Dienststunden im Hause auf. 'Mit Verspätung erschien der ältere von ihnen, erschöpft und in tiefster Erregung. Er berichtete, man habe ihn unter Schmährufen herumgehetzt und bedroht. Es sei ihm nur auf Umwegen gelungen, das Krankenhaus zu erreichen. Wir operierten den ganzen Vormittag ungestört, wie es mir schien. Ich war mitten in einer komplizierten Gallenoperation, als der Röntgenologe des Hauses im Operationssaal erschien. Das war nichts Ungewöhnliches, denn er hatte die Patientin vorher geröntgt und pflegte in solchen Fällen im Laufe der Operation sich kurz von mir den anatomischen Befund demonstrieren zu lassen. Dieses Mal war er nur eine Minute im Raum, fragte mich, wie lange ich noch zu tun habe und ging dann, ohne sich von mir über den erhobenen Befund unterrichten zu lassen, wortlos weg. lieh operierte bis In den frühen Nachmittag hinein und erfuhr dann schliesslich von dem erwähnten Kollegen, er sei mit zwei Gestapomännern im Operationssaal gewesen, ich hatte sie deshalb nicht gesehen, weil sie in dem hinter meinem Rücken gelegenen Eingang zum Waschraum stehengeblieben waren. Oie Herren wollten sich anscheinend überzeugen, ob ich wirklich operiere. Ich wurde danach von der Gestapo nicht mehr direkt belästigt, hatte aber das zweifelhafte Vergnügen, sie während der nächsten Zeit des öfteren zu sehen. Der erste Tag nach der .Kristallnacht” war für uns Ärzte des Jüdischen Krankenhauses angefüllt mit Arbeit und voll tiefster seelischer Belastungen. Mit nur kurzen Unterbrechungen rollten Krankenautos heran, die fast ausschliesslich Selbstmordfälle brachten. Die Unglücklichen waren bei der Ankunft bereits tot oder schwer bewusstlos. Ich musste die ganze Nacht immer wieder heraus, um entweder den Tod eines Eingelieferten festzustellen, oder die Aufnahme des Selbstmörders auf eine der Abteilungen zu veranlassen. Am nächsten Morgen wurde das Krankenhaus von der Gestapo durchsucht, alle gehfähigen Patienten, die Assistenten und das übrige männliche Personal wurden verhaftet. Um die der Krankenhausbehandlung unbedingt bedürftigen Kranken zurückhalten zu können, mussten die Chefärzte vor den die ganze Aktion durchführenden Gestapobeamten erscheinen. Unser Röntgenologe Dr. Fried, der gerade mit Durchleuchten beschäftigt war, erschien, um weiter adaptiert zu sein, mit einer roten Brille vor den „hohen Herren”, wurde wegen dieses respektlosen Verhaltens verhaftet und blieb bis Anfang 1939 in Buchenwald. Nachdem alle im November 1938 nach Buchenwald deportierten Ärzte Anfang Januar 1939 aus der Haft zurückgekehrt waren, konnten wir unseren Betrieb bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in normaler Weise weiterführen, soweit das bei den uns in jeder Hinsicht auferlegten Beschränkungen möglich war. (Fortsetzung auf Seite 5) 3