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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1995-01-01 · No. 59 (1995) · p. Seite 2

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1995
Issue
No. 59 (1995)
Date
1995-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Über das Jüdische Stufen der Zerstörung: Das Breslauer Jüdische Krankenhaus während des Nationalsozialismus Tätigkeit und Wirken jüdischer Wohlfahrts¬ und Selbsthilfeeinrichtungen in der Zeit des Nationalsozialismus sind — von einzelnen Ausnahmen abgesehen — bisher nur selten Thema der historischen Forsohung gewesen. Ich möchte daher im folgenden am Beispiel des Breslauer Jüdischen 'Krankenhauses Bedingungen und Formen jüdischer Selbsthilfe angesichts der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik, die schliesslich auf die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung abzielte, darstellen. Formen und Ausmasse jüdischer Selbsthilfe während des Nationalsozialismus gründeten zunächst auf dem im 19. Jahrhundert entstandenen Netz jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen; in ihrer Arbeits- und Funktionsweise jedoch wurden sie, je länger das nationalsozialistische 'Regime andauerte, schrittweise eingeschränkt und schliesslich bis auf wenige Ausnahmen aufgelöst. Stellten diese Einrichtungen bis 1n das Jahr 1938 hinein ein wichtiges Mittel jüdischer Selbsthilfe dar, mit der die Folgen der Boykott- und Ausgrenzungspolitik in begrenztem Masse aufgefangen werden konnten, so wurden sie spätestens seit dem Pogrom ihrer Selbständigkeit beraubt, wirtschaftlich ausgeplündert und schliesslich, sofern sie nicht zu Beginn der Massendeportationen aufgelöst wurden, von den Nationalsozialisten für deren Vernichtungspläne 'instrumentalisiert. Die in mehreren Stufen vollzogene Zerstörung jüdisoher Wohlfahrtseinrichtungen wird deutlich an der 'Entwicklung der jüdischen Krankenhäuser: in den Jahren 1933—1938 bildeten sie einen zentralen Bestandteil der jüdischen Selbsthilfe; seit dem Novemberpogrom 1938 wurden sie beschlagnahmt und ihrer Ausstattung weitgehend beraubt; die hier Beschäftigten wurden gezwungen, sich an der Zusammenstellung der Transporte in die Vernichtungslager zu beteiligen, bis sie schliesslich selbst deportiert wurden. Anders als die meisten anderen Fürsorgeeinrichtungen jedoch wurden die Krankenhäuser auch nach Beginn der Deportationen auf Befehl der Gstapo weitergeführt und der Krankenbetrieb unter äusserst provisorischen Bedingungen bis in die letzten Kriegstage aufrechterhalten. * 'Das 'Breslauer Krankenhaus zählte zu den traditionsreichsten und grössten der insgesamt 14 jüdischen Krankenhäuser, die es 1933 im Deutschen Reich gab. Seine Ursprünge reichen bis weit in das 18. Jahrhundert zurück. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts entwickelte sich aus dem kleinen, ganz in der Tradition des in den jüdischen Gemeinden 'Mitteleuropas weitverbreiteten “Hekdesch” stehenden 'Hospitals, das ausschliesslich zur Versorgung und Aufbewahrung armer jüdischer Kranker diente, ein modernes Krankenhaus, das unterschiedslos Patienten aller Konfessionen offenstand. 1903/04 errichtete die Israelitische Kranken-Verpflegungs-Anstalt und Beerdigungs-Gesellschaft zu Breslau (IKVA), wie von ANDREAS REINKE sich die Trägergesellschaft des Krankenhauses nannte, im Süden der Stadt einen ausschliesslich durch private Spenden und Legate finanzierten Gefoäudekomplex, in dem bis zu seiner Beschlagnahme im Jahre 1939 das jüdische Krankenhaus untergebracht war. Mit schliesslich 350 Betten und insgesamt sieben Fachstationen war das Breslauer Jüdische Krankenhaus nioht nur eines der modernsten und bestausgestattesten Krankenhäuser in der Stadt, sondern neben dem Krankenhaus der Berliner jüdischen Gemeinde auch die grösste jüdische Einrichtung dieser Art im Deutschen Reich. Die Tätigkeit zahlreicher hochqualifizierter Ärzte an der IKVA trug in erheblichem 'Masse dazu bei, dass das Krankenhaus weit über die Grenzen der Stadt hinaus einen ausserordentlich guten Ruf genoss. Hinzu kam, dass das Krankenhaus in seiner Aufnahme- und Behandlungspraxis sich weitgehend an sozialen Kriterien orientierte: Jüdische Arme und Wohlfahrtsempfänger wurden grundsätzlich kostenlos behandelt und bei Patienten der III. Klasse war es den Ärzten untersagt, Honorare zu erheben. Angeschlossen war dem Krankenhaus ausserdem die seit dem 18. Jahrhundert bestehende Haus-Armenkrankenpflege, in der mehrere hundert arme jüdische Familien kostenlos ambulant versorgt wurden. Für die Inanspruchnahme sämtlicher poliklinischer Einrichtungen der Anstalt wurden ebenfalls keinerlei Gebühren erhoben. Die IKVA war jedoch nicht nur ein Ort der 'Krankenversorgung, sondern übernahm zugleich Funktionen eines Lehrkrankenhauses. So wurden in den verschiedenen Abteilungen der Anstalt zahlreiche angehende jüdische Ärzte ausgebi'ldet; für die Ausbildung von Krankenpflegepersonal war der IKVA bereits um die Jahrhundertwende ein jüdisches Sohwesternheim angegliedert worden. Wie in den meisten anderen deutsch-jüdischen Krankenhäusern auch, war die überwiegende Mehrheit der Patienten nichtjüdisch — eine Tatsache, die den Vorstand der IKVA im Jahre 1928 zu der 'Feststellung veranlasste, “dass die Wirksamkeit unseres Krankenhauses als erfolgreiches Kampfmittel gegen den Antisemitismus und gegen Glaübenshass bezeichnet werden kann.” * Die Entwicklung des Breslauer Jüdischen Krankenhauses in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft war bestimmt durch einen grundsätzlichen Funktionswandel der Anstalt von einer konfessionell geführten Einrichtung der allgemeinen Gesundheitsversorgung zu einer zentralen Institution der jüdischen Selbsthilfe. In Reaktion auf die noch im Frühjahr des Jahres 1933 einsetzende Boykott- und Ausgrenzungspolitik gegenüber der jüdischen Bevölkerung hatten die jüdischen Gemeinden Im Deutschen Reich sehr rasch mit dem Aufbau von Hilfseinrichtungen begonnen, die sich vor allem um die Organisation einer umfassenden Wirtschaftshilfe sowie um die Vermittlung von Arbeitsplätzen bemühte. Eine wichtige Rolle innerhalb dieses entstehenden Netzwerkes jüdischer Selbsthilfe kam den jüdischen Krankenhäusern zu, die nicht nur einen wesentlichen Teil der Versorgung der schrittweise aus der öffentlichen Gesundheitsfürsorge ausgegrenzten jüdischen Bevölkerung trugen, sondern auch entlassenen Ärzten und Pflegekräften eine Fortsetzung Ihrer Arbeit und Ausbildung ermöglichten. Die Anpassung des Breslauer Jüdischen Krankenhauses an diese neuen Anforderungen vollzog sich für die IKVA unter äusserst ungünstigen Bedingungen. Seit Beginn der zwanziger Jahre befand sie sich in einer schweren finanziellen Krise, die ausgelöst worden war durch den fast vollständigen Verlust des Stiftungsvermögens der IKVA infolge der Inflation. Die wenige Jahre später einsetzende Weltwirtschaftskrise hatte einen spürbaren Rückgang der 'Einnahmen sowie einen starken Anstieg der Wohlfahrtspatienten für das Krankenhaus zur Folge, so dass die finanzielle Situation der IKVA weiterhin prekär blieb. Trotz umfangreicher Sparmassnahmen, wie der im Jahre 1933 erfolgten Zusammenlegung sämtlicher Stationen im Hauptgebäude des Krankenhauses, nahm diese Krise bedrohliche Ausmasse an, so dass der technische Direktor der Anstalt Im Sommer 1934 für den Fall, dass “dem Krankenhaus nicht von anderer Seite Hilfe wird, (...) die Notwendigkeit der Schliessung des jüdischen Kram kenbauses zu Breslau (...) in absehbarer Zeit" prognostizierte. Ursache dieser dramatischen Prognose war der spürbare und wesentlich als Folge der nationalsozialistischen Boykottpolitik zu begreifende Rückgang der Patientenzahlen seit Beginn des Jahres 1933. Wurden 1932 noch 3698 Patienten in 87 354 Verpflegungstagen behandelt, so waren es 1933 nur noch 2658 in 71 234 Verpflegungstagen; bis 1937 sank die Zahl der Patienten auf 1947, für die 42 115 Verpflegungstage aufgewendet wurden. Bezogen auf das Jahr 1932 hatte sich die Zahl der Patienten bis 1937 um mehr als ein Drittel verringert; die im gleichen Zeitraum geleisteten Verpflegungstage waren sogar um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Verbunden war dieser Rückgang mit einer veränderten Zusammensetzung der Patientenschaft: Da die überwiegende Mehrheit der Patienten der IKVA vor 1933 Nichtjuden waren, ist zu vermuten, dass der Rückgang im wesentlichen auf das Fernbleiben dieser Patienten zurückzuführen ist. Bestätigt wird diese Annahme durch zwei Angaben aus dem Jahre 1933: Waren Anfang Juni dieses Jahres noch 60% der Patienten Nichtjuden und 40% Juden, so hatte sich im November dieses (Fortsetzung auf Seite 4) 2

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