Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1994
- Issue
- No. 58 (1994)
- Date
- 1994-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Von Psombüchsen und alten Haggaden Vor wenigen Monaten sah ich im Cluny in Paris die jüdischen Kultgegenstände der Sammlung Rothschild, eine Stiftung der Baronin Natalie von Rothschild. 'Gold- und Silberarbeiten, Bücher und Thorarollen und Manuskripte, Sabbath- und Chanukahleuchter und Psombüchsen. Beschneidungsinstrumente, sehr reiche und zierliche Filigranarbeiten, Stickereien und Vorhänge für Thoraschreine und so fort. Es waren zwei Gefühlsgruppen, die sich dabei regten und seltsam in Widerspruch standen. Die eine war die des Kunstfreundes und des Sammlers, der den artistischen Reiz der Dinge zu sehen gewohnt ist; und die andere war die des persönlich als Jude an diesen Dingen beteiligten Menschen. Ja, mehr als das, ein Gefühl, das ich nicht beschreiben, sondern nur umschreiben kann. Das aber ist der letzte Rest meiner Empfindung bei diesen Kultgegenständen, die aus vergangenen Jahrhundeten kommen ... ein mitzitterndes Gefühl: es hat Menschen gedient, die ähnliche Züge trugen wie ich; es war wie ein Gold- und Silberschimmer in ihrem Leben; und es ist weiter von Menschen geschaffen worden mit ähnlichen seelischen Zügen. Von Handwerkern mit Freude an der künstlerischen Tradition und an der künstlerischen Note. Ich empfinde vor diesen Gegenständen in einem erhöhten Masse das Tatwamasi — das bist Du — als ich es sonst bei der Kunst empfinde. Alle diese Gefühle streiten aber miteinander. Bis vor einigen Jahrzehnten hat man doch überhaupt die Ansicht vertreten, dass der jüdische Tempel und das jüdische Haus in seinen Riten vollkommen kunstfremd waren, und erst durch Sammlungen, wie diese im Cluny und das Museum jüdischer Altertümer in Frankfurt und neuerdings in Berlin, haben weitere Kreise sich eines besseren belehrt. Wir aber sind uns jetzt doch bewusst geworden, dass auch für beides immer Gegenstände von feiner Eigenart geschaffen worden sind, die wir wieder übersehen dürfen, aber die wir — das sagt mir mein langjähriges Interesse an den Werken der bildenden Kunst und vielleicht noch mehr des Kunstgewerbes — auch nicht überschätzen dürfen. Selbst ihre beslen Stücke wandeln doch nur für eigene Zwecke die Stilkomponenten der Zeit ab. Meist haben sie mit einer merkwürdigen — man möchte sagen jüdischen — Zähigkeit längst vergangene Stile sogar Iconserviert. Die silberne Psombüchse aus dem Haus meiner Grosseltern ist noch die gotische Monstranz (wenn nicht die gotische Monstranz überhaupt die Psombüchse ist). Die kleinen alten Synagogenräume, die das Luitpoldmuseum in Würzburg und das städtische Museum in Schwäbisch-Hall ausgestellt haben, mit ihren bemalten Holzwänden in grossen Zügen von Distelakar.'thus, würde jeder für späte Gotik halten, wenn nicht ihre Datierungen sie, soweit ich mich erinnere, in den Anfang des 18. Jahrhunderts wiesen. Diese jüdische Kunst also hat die gleiche Zähigkit im Festhalten einmal aufgenommener Formen, wie, zum Beispiel, alle bäuerische Kunst sie hat, die die städtischen Möbelformen und Trachten aufnimmt, abwandelt und durch Jahrhunderte dann bewahrt, während die Urbilder längst vergessen und antiquiert sind. Der Gefühlswert, das Fluidum, das diese Dinge für uns ausstrahlen, die Aureole, die sie umgibt, ist etwas, das auch dann seine Wirkung ausübt, wenn der Platz, den die religiösen Riten in unserem Leben einnehmen ein sehr geringer geworden Von GEORG HERMANN ist. Etwas beginnt, sowie wir der Dinge ansichtig werden, oder gar sie in der Hand halten, in uns zu vibrieren, ähnlich ungefähr, wie werrn wir plötzlich im Titusbogen die Darstellung des grossen Leuchters gewahren, den die siegenden Römer als Trophäe tragen. Wir empfinden plötzlich nicht symbolisch, sondern als greifbare Tatsache, diese unendlich langen Ahnenreihen, die bis zum Heute, bis zu uns führen, und deren wir uns nicht immer bewusst sind. Das da waren ihre Lebenssymbole. Zuviel Dinge, an denen der Hauch von etwas Heiligem hängt, und die ausser unserer schriftlichen und religiösen Überlieferung greifbar mit der Vergangenheit verbinden, gibt es ja nicht bei uns. Oie wenigen aber sollten geschützt werden und sollten erhalten bleiben für d'ie, die nach uns kommen. Dafür zu sorgen und mehr zu sorgen, als es bisher geschah, ist ein ganz primitives Gefühl, das nichts mit fromm oder unfromm gemein hat, und das — ob wir es wahr haben wollen oder nicht — in jedem jüdischen Menschen >/.y Bescmimbüchse aus Silberfiligran, aus dem 19. Jahrhundert. In gleicher Stärke lebt, und naturgemäss leben muss, weil eben alle Gegenwart stets nur der Bindestrich zwischen einer langen, unbekannten Zukunft ist. Alles, aber, was wir tun können, ist, diese Vergangenheit in die Zukunft weiterzureichen . .. bevor wir selbst Vergangenheit werden. Ich habe mir oft überlegt, in welcher Welse die Sammlungen jüdischer Altertümer fortzusetzen wären. Denn wir können es nicht leugnen, dass eine nennenswerte Ritualkunst heute nicht mehr besteht, oder wenn sie besteht, doch in einer durchaus anderen Art, als es jene von einst war. Und doch — das kann ebenso wenig angezweifelt werden — besteht heute das Judentum noch, und zwar kaum weniger ausgesprochen als ehedem. Nur ist es heute in seinen Äusserungen weniger leicht zu finden, und weniger einfach zu deuten. Denn dieses Judentum besteht nicht mehr im rein-religiösen und kulthaften und ist keineswegs mehr nach aussen so abgeschlossen, wie früher. Was aber —so frage ich mich — wird davon nun bleiben? Bewahrt werden? Wo wird man die Möglichkeit haben, sich darüber zu informieren, sich davon ein Bild zu schaffen? Das aber ist schon heute kaum möglich, und späterhin wird es noch viel schwieriger sein. Mich reizt, z.B., die Soziologie der jüdischen Familie heute. Mich drängt es genau zu wissen, welchen Anteil haben wir deutschen Juden an den deutschen und europäischen Kulturleistungen auf künstlerischen, wissenschaftlichen, sozialen, philosophischen, merkantilen, kurz in allen schöpferischen Gebieten? Wer kann mir darüber Bescheid geben? Wo kann 'ich das Bild davon sehen? Und wenn zwanzig, vierzig Jahre verflossen sind, wo werde ich sehen können, was heute war? Ich möchte mir vielleicht gern den Aufbau einer jüdischen Familie von 1880 bis heute vergegenwärtigen ... aber wo und wie kann das geschehen? Nirgends! Nirgends! Bislang kann weder das eine noch das andere irgendwo in der Welt geschehen. Das aber erscheint mir eine grosse Aufgabe des jüdischen Museums. Zuerst einmal .. . jüdische Familienarchive zu führen, anzuregen, zu beraten und zu überwachen. Von meiner Familie sind drei, vier, fünf Generationen Bildnisse, Photos, Dokumente, Bücher, Zeugnisse von Leistungen, charakteristische Einrichtungsgegenstände und Erinnerungswerte überall zerstreut, ... sicher wäre es lehrreich, diese Dinge irgendwo bei einem Mitgliede zu vereinigen. Niemand ergreift dazu die initiative, und sie werden in zehn, zwanzig Jahren fast ganz vergessen und auseinandergerissen sein. Dafür — seht Ihr — müsste eine private oder öffentliche Stelle sein, die sorgt, dass es nicht geschieht, dass sie eben zusammenbleiben. Wo, aber, können wir sehen, welchen Anteil die deutschen Juden in den letzten dreissig Jahren an der deutschen Malerei, Literatur, Musik und dem Theater hatten? Nirgends! Nirgends! Dass jemand Bücher über Juden sammelt, kommt öfter vor (nicht nur in meiner Bibliothek hat diese Art von Literatur sein eigenes Fach), aber dass eine Stelle solche von jüdischen Autoren sammelt, habe ich noch nicht bemerkt. Oder gar eine Übersicht über das Schaffen jüdischer Maler oder eine solche, die die Lebensarbeit eines Ehrlich uni Neisser zeigt (um gleich zwei Breslauer zu nennen). Alle diese Dinge jedoch gehören ebenso zu einem jüdischen Museum, wie die Silberfiligranarbeiten alter Psombüchsen und eine Formensammlung altjüdischer Grabsteine. 15