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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1994-01-01 · No. 58 (1994) · p. Seite 10

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1994
Issue
No. 58 (1994)
Date
1994-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Die Bedeutung d. Deutschen Judentums für das Erziehungs- und Bildungswesen in Deutschland Das Wirken von Juden im Erziehungs- und Bildungswesen Deutschlands basiert auf zwei geistesgeschichtlich begründeten, dem Denken der Aufklärung entstandenen Prämissen, die beide im 18. Jahrhundert wirksam wurden: — Die erste war die Lösung der Schule aus dem Herrschaftsbereich der Kirche, deren Relikt sie im Grunde genommen bis auf das Erscheinen von Jean-Jaques Rousseaus pädagogischem Lehrbuch „Emile“ im Jahre 1762 trotz aller vorausgegangenen Trennungsversuche geblieben war. Dem Werk nämlich, das die neuzeitlichen Erziehungstheorien nachhaltig beeinflusste, ist die „Profession de foi d'un vicaire savoyard“ angeschlossen, worin sein Verfasser an die Stelle des christlichen Gottes einen aus Natur und Gemütsekstase erfüllten Gott setzt sowie eine aus der inneren Schau hergeleitete Morallehre darlegt. — Die zweite Voraussetzung bildete die Emanzipation der Juden. Entsprechend der dialektischen und kasuistischen Tradition der jüdischen Gelehrten wandten sich nunmehr zahlreiche von ihnen der westeuropäischen Forschung auf sämtlichen Gebieten der Sozial-, Geistes, und Naturwissenschaften zu. Durch die Berliner Salons der Romantik, so Rahel Varhagens und Dorothea Schlegels, vorbereitet, traten seit dem „Jungen Deutschland“, in steigendem Masse seit dem Naturalismus, jüdische Namen in Literatur, Kunst, Musik und Wissenschaft hervor. Im Rahmen dieser Entwicklung wurden nicht nur die deutsche Sprache und Profanfächer im jüdischen Schul- und Erziehungswesen eingeführt. Darüber hinaus war man nunmehr auch bereit, nichtjüdische Bildungsanstalten und Einrichtungen zu besuchen. Doch vollzog dieser Prozess sich nicht ohne Widerstände; sie kamen sowohl von jüdischer als auch von nichtjüdischer Seite. So wurde noch im Jahre 1780 der Besuch christlicher Schulen durch Juden als etwas Ungewöhnliches, ja sogar Unerhörtes betrachtet. 1786 bedurfte es in Braunschweig dazu einer ganz besonderen Erlaubnis. Und strenggläubige Hamburger Juden empfanden es 1804 als ein Übel, dass jüdische Kinder nichtjüdische Schulen besuchten. Doch insgesamt gesehen vollzog sich der Übergang jüdischer Schüler von jüdischen auf nichtjüdische Bildungseinrichtungen, ob man nun an das staatliche Schulwesen, Universitäten oder Akademien denkt, ohne Schwierigkeit, zudem in steigender Zahl. Dies war nicht zuletzt ein Ergebnis des Industrialisierungsprozesses und der mit diesem einhergehenden Zusammendrängung der jüdischen Bevölkerung in den Städten. Und eine Konzentrierung der jüdischen Bevölkerung auf die Stadt war vor allem daher motiviert, dass die über Jahrhunderte hinweg. massgebende Bodengesetzgebung der deutschen Länder die jüdischen Bürger von der Landwirtschaft ferngehalten hatte, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Geistige Regsamkeit, Zähigkeit des Willens sowie das Bestreben, höhere soziale Achtung zu erlangen, bewogen die Kinder jüdischer Familien, sich einer erfolgreichen Schul ausbildung zu widmen, nicht selten übrigens unter grossen Entbehrungen. Zur gleichen Zeit entschlossen sich jüdische Schulen und sonstige Bildungseinrichtungen, auch christliche Kinder aufzunehmen. Angesichts dieses Prozesses war Von Prof. Dr. KONRAD FUCHS es nur eine Frage der Zeit, bis es zur Gründung der ersten ausgesprochenen Simultanschule in Deutschland kam. Sie wurde 1805 in Seesen durch Israel Jacobsen eröffnet. Im Zuge dieser Entwicklung kam es auch zur Anstellung christlicher Lehrer an jüdischen Schulen.1) Ausserordentlich schwierig war es demgegenüber für jüdische Lehrer, Eingang in das deutsche Schul- und Unterrichtswesen zu finden, zumindest in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts.2) Seit etwa den 70er und 80er Jahren kamen Einstellungen jüdischer Lehrer im höheren Schuldienst häufiger vor. Doch gilt es darauf hinzuweisen, dass die Übernahme in den Schuldienst den Übertritt in eine der christlichen Konfessionen erforderte, vorausgesetzt, dass die Übernahmen nicht die naturwissenschaftlichen Fächer betrafen. An Volksschulen hingegen konnten jüdisohe Lehrer nach wie vor nicht unterrichten, da hier die Erteilung von Religionsunterricht obligatorisch war. Selbst die deutsche Reichsverfassung vom 11. August 1919, durch die sämtliche Vor. und Nachteile der Geburt, des Standes oder der weltanschaulichen und rassischen Zugehörigkeit aufgehoben wurden, gab deutschen Juden gleichwohl nicht die Möglichkeit, ohne Einschränkung in den Schuldienst einzutreten. Das Verhalten der Verwaltungen nämlich sowie die angesprochenen Schranken im Volksschuldienst verwiesen den jüdischen Lehrer wie bisher an die höhere Schule. Diese Tatsache stimmt um so nachdenklicher, als die Leistungen von Juden in der allgemeinen Pädagogik sowie in der Sozialpädagogik, wenngleich unterschiedlicher Art, so doch in ihrer Gesamtheit sehr hoch einzuschätzen sind. Sie erstrecken sich einmal auf methodische oder allgemeine Reformen innerhalb der pädagogischen Provinz, sodann auf selbstständige wissenschaftliche Leistungen einzelner jüdischer Pädagogen, schliesslich auf die im 19. Jahrhundert neuentstehende Sozialpädagogik. Gerade hier haben sie schöpferisch innerhalb neuer Aufgabengebiete und produktiv im Bereich bereits vorhandener Forschungsansätze gewirkt.; In der eigentlichen Schulreform spielte Fritz Kaisen eine wesentliche Rolle. Seit 1911 Studienrat in Berlin, verwirklichte er als Leiter einer höheren Schule seine Idee einer Einheits- bzw. Arbeitsschule. Unter Arbeitsschule verstand er eine Bildungseinrichtung der arbeitenden Gesellschaft, die ausschliesslich von denjenigen Lebensbereichen ausging, die die Schüler interessierten. Den Lehrplan erstellten Lehrer und Schüler gemein sam, der Unterricht war Gemeinschaftsarbeit, bei der die Person des Lehrers in den Hintergrund trat. Der von derartigen Grundsätzen her bestimmte Schulversuch Karsens fand innerhalb und ausserhalb pädagogischer Kreise grosse Aufmerksamkeit. — Karsen war übrigens auch der erste, der junge Arbeiter durch Unterrichtskurse zum Abitur führte.3) Auf dem Gebiet der Erziehungswissenschaft, namentlich der Kulturpädagogik, ist als einer der führenden Repräsentanten Jonas Cohn zu nennen, der seit 1901 als Professor in Freiburg wirkte. Cohn entwickelte auf dem Boden einer kritizistischen Theorie der Didaktik die Philosophie der Wertwissenschaft, wobei er sich völlig am Erziehungsziel orientierte, „als welches er die durch Teilnahme am geschichtlich-kulturellen Leben erfüllte autonome Persönlichkeit ansah“. Das dermassen definierte Erziehungsziel ist nach Cohn bestimmt „durch die Kulturlage der Gegenwart, die deutsche Nation, die Kirche und die Familie“, darüber hinaus durch den künftigen Beruf des zu Erziehenden. Dargelegt hat Jonas Cohn seine Theorie in seinen pädagogischen Hauptwerken „Geist der Erziehung. Pädagogik auf philosophischer Grundlage“; „Befreien und Binden. Zeitfragen der Erziehung überzeitlich betrachtet“ und „Erziehung zu sozialer Gesinnung“.4) Ähnlich wie Jonas Cohn suchte auch der Neukantianer Richard Hönigswald, der als Philosophie-Professor in Berlin und München wirkte, nach einer philosophischen Begründung des Erziehungsziels. Er ging davon aus, dass die Pädagogik auf der einen Seite Geltungen vorauszusetzen habe, auf der anderen Seite im Sinne dieser Geltungen determinierende Subjekte. Nach Königswalds Auffassung liegt der Sinn des pädagogischen Verhaltens darin, dass man die jeweils geltenden Werte, mithin die Kulturgüter, im Bewusstsein der heranwachsenden Generation lebendig macht.5) Der Beginn einer neuen jugendkundlichen Einstellung wird durch das Werk des Philosophen und Psychologen William Stern markiert. Von seinen Arbeiten auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendpsychologie, der Begabungsforschung sowie der differentiellen Psychologie ist vor allem seine „Psychologie der frühen Kindheit“ hervorzuheben, ein Werk, das zwischen 1914 und 1930 sechs Auflagen erlebte. Hinzuweisen gilt es ebenfalls auf die Darstellungen „Die Intelligenz der Kinder und Jugendlichen“ sowie „Erinnerung, Aussage und Lüge in der frühen Kindheit“. Sterns wissenschaftliches Werk ist die erste, zudem die bisher einzige systematische Gesamtdarstellung der frühesten menschlichen Entwicklungsstufe, da es sämtliche durch ihrr und durch andere beobachteten seelischen Tatsachen der frühen Kindheit heranzieht.0) Neben William Stern sind als Erforscher des Kieinkin'deralters zwei weitere Hauptvertreter zu nennen: der Psychologe Max Wertheimer, Mitbegründer der Gestaltunspsychologie7), und Kurt Lewin, der in Anlehnung an die Psychoanalyse mit neuartigen experimentellen Verfahren fruchtbare Ergebnisse zur Psychologie der Bedürfnis. Spannungen erarbeitete.") Die Emanzipation, die mit den Fragen des Erziehungs- und ßildungswesen in engem Zusammenhang steht, haben die Juden in Deutschland nicht nur in ihrem eigenen Interesse mitgetragen; darüber hinaus haben sie sie aus gesellschaftspolitischen Gründen: als ein alle Gruppen und Schichten essentiell berührendes Anliegen betrachtet und sie daher engagiert durchzusetzen versucht. Deshalb ist ihre Mitwirkung auch und gerade in der Frauenbewegung bemerkenswert ausgeprägt. Die Frauentage, mit den übrigen gesellschaftlichen Reformfragen, die seit dem Ende [Fortsetzung auf Seite 11) 10

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