Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1994
- Issue
- No. 58 (1994)
- Date
- 1994-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Zum Andenken an Prof. Robert M.W. Kempner (1099-1993) (ABTEILUNGSLEITER DER US-ANKLAGEBEHÖRDE BEIM INTERNATIONALEN MILITÄRTRIBUNAL IN NÜRNBERG) Anlässlich seines 90. Geburstages im Jahre 1989 beteiligte sich Prof. Joseph Walk an einer Gratulationsschrift mit folgendem Aufsatz: EINE PERSÖNLICHE ERINNERUNG UND EINE UNPERSÖNLICHE GESCHICHTE Meine erste Begegnung mit Dr. Robert Kemp, ner liegt etwa zehn Jahre zurück. Im Zusammen, hang mit der geplanten Veröffentlichung einer von mir herausgegebenen Sammlung der antijüdischen gesetzlichen Massnahmen und Richtlinien des Dritten Reiches erwog mein Verleger, Dr. Kempner um eine „Einführung“ zu dieser Publikation zu bitten. Obwohl Ich bezweifelte, dass der berühmte Autor dieses Anliegen erfüllen würde, erklärte ich mich bereit, ihm unseren Wunsch persönlich vorzutragen. Auf meine telephonische Anfrage aus Zürich hin, wo ich meine Ferien verbrachte, setzte Dr. Kempner, der sich in Locarno aufhielt, sofort einen Termin für das erbetene Gespräch fest. Als ich nach mehrstündiger Eisenbahnfahrt Dr. Kempner in seinem geschmackvollen Appartement aufsuchte, empfing er mich mit unerwarteter Herzlichkeit. Nachdem er seine Zustimmung zu Inhalt und Aufbau der Gesetzsammlung ausgedrückt hatte, erklärte er sich zu meiner Freude bereit, die gewünschte „Einführung“ zu verfassen. Diese streng sachliche „Einführung“ des Juristen und Historikers ist zugleich ein Dokument des mitfühlenden Zeitgenossen und Augenzeugen. •Nach Beendigung unseres etwa einstündigen Gesprächs lud mich Dr. Kempner zum Mittagessen ein und war zweifellos überrascht, als ich mich aus religionsgesetzlichen Gründen mit einem Obstsalat begnügte. Ich hatte den Eindruck, dass er — der wohl selten Gelegenheit hatte, mit gesetzestreuen Juden zusammenzukommen — meinem Verhalten die Anerkennung nicht versagen konnte. Auch aus dieser Überlegung heraus möchte Ich ihm zu seinem 90. Geburtstag meinen Dank mit einer talmudischen Erzählung aussprechen, die wie kaum eine andere, das Irrationale des Antisemitismus und die skruppellose Politik der Judenhasser zum Ausdruck bringet. Diese 9nekdote wird nicht zufälig dem römischen Kaiser Hadrian (117—138 n.C.) zugeschrieben, der den letzten grossen Jüdischen Aufstand gegen die Römer blutig niederwarf. Sie lautet In freier Übersetzung: „Ein Jude ging an Hadrian vorüber und grüsste ihn. Fragte ihn der Kaiser: „Wer bist Du?“ Antwortete er: „Ein Jude“. Reagierte Hadrian: „Ein Jude geht an Hadrian vorüber und wagt ihn zu grüssen. Schlagt ihm den Kopf ab!“ Kam ein anderer Jude vorüber, sah was dem ersten angetan worden war und grüsste den Kaiser nicht. Fragte ihn Hadrian: „Wer bist Du?“ Antwortete er: „Ein Jude“ Reagierte, der Kaiser: „Ein Jude geht an Hadrian vorüber und grüsst ihn nicht? Schlagt ihm den Kopf ab!“ Wandten sich seine Ratgeber an ihn: „Wir verstehen Dein Vorgehen nicht. Wer Dich grüsst, wird getötet; wer Dicht nicht grüs3t, wird ebenfalls getötet“. Darauf erwiderte der Kaiser ironisch: „Ihr wollt mich beraten, wie ich mich meiner Feinde entledigen soll“ So geschrieben vor etwa 1800 Jahren. Joseph Walk JUDEN IM WIDERSTAND DREI GRUPPEN ZWISCHEN ÜBERLEBENSKAMPF UND POLITISCHER AKTION BERLIN 1939 BIS 1945 Vom 1. April bis zum 31. Mai 1993 ist im Studio 1 und II in der Rosenthaler Str. 38, unmittelbar am Hackeschen Markt, eine Ausstellung über drei Widerstandsgruppen mit meist jüdischen Mitgliedern zu sehen. Trägerverein der Ausstellung ist die 1989 eingerichtete Informationsstelle „Jugend unterm Hakenkreuz“, die aus einer Arbeitsgruppe des Vereins „Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin“ hervorgegangen und dessen Vorsitzender Prof. Werner Vathke ist. Unterstützt wurden die Initiatoren der Ausstellung durch das Kulturamt des Bezirksamtes Mitte von Berlin und dem Museums-pädagogischen Dienst Berlin sowie in finanzieller Hinsicht von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin. Bei den drei Gruppen, denen die Ausstellung gewidmet ist, handelt es sich um die Gruppe Baum, den Chug Chaluzi und die Gemeinschaft für Frieden und Aufbau. Mit Fotomaterial, Briefen und Dokumenten, die z.T. bisher uneröffentlicht waren, mit Untersuchungsakten wird die Geschichte und Entwicklung, Tätigkeit und Wirksamkeit dieser drei Gruppierungen belegt und dargestellt. Zeugenberichte, die durch Kopfhörer abgefragt werden können, und ein Videofim ergänzen das Archiv. materiai. Der „Chug Chaluzi“ oder Pionierkreis war eine Gruppe jüdischer Jugendlicher, die sich am Abend der Fabrikation am 22.2.1943 gründete, um sich der Deportation zu entziehen. Sie lebte in Berlin illegal im Untergrund und fand Unterstützung durch eine tapfere Frau, Edith Wolff, und durch den Helferkreis um Franz Kaufmann. Die Gruppenmitglieder versuchten, sich regelmässig zu treffen, um Nachrichten über Unterkunft urrd Unterhalt auszutauschen und durch Unterrichtung in jüdischer Tradition im geistigen Widerstand gestärkt zu werden. Leiter der Gruppe war bis zu seiner Flucht in die Schweiz 1944 der Pädagoge Jizchak Schwersenz und später sein Schüler Gad Beck. Verantwortlich für diesen Teil der Ausstellung ist Frau Christine Zahn. Für die „Gruppe Baum“ zeichnet Herr Michael Kreutzer verantwortlich. Er hat im Zuge seiner Untersuchung ermittelt, wie unterschiedlich die Herkunft und Haltung der einzelnene Gruppenmitglieder waren, ein Tatbestand, der bisher nicht genügend herausgearbeitet wurde. Schon vor 1933 bestand diese Gruppe als jüdischer kommunistischer Jugendverband, dessen Widerstandsarbeit nach 1933 in Flugblattaktionen, Geldsammlungen für politische Gefangene und in politischen Schulungen bestand. Bei Aktionen arbeitete sie mit nichtjüdischen politischen Freunden von Herbert Baum zusammen. Bekannt wurde die Gruppe vor allem durch den Brandanschlag am 18. Mai 1942 auf die antisowjetische Ausstellung „Das Sowjetparadies“ auf dem Berliner Lustgarten, der zur Verhaftung und Verurteilung ihrer Mitglieder und damit zur Auflösung der Gruppe führte. Die dritte Gruppe, bestehend aus Juden und Nichtjuden, operierte in Luckenwalde und Berlin und nannte sich „Gemeinschaft für Frieden und Aufbau“. Hauptinitiatoren waren Hans Winkler und Werner Scharff, die vom Herbst 1943 bis Oktober 1944 Flugblattaktionen durchführten und untergetauchten Juden halfen. Oktober 1944 wurden die meisten Mitglieder der Gruppe verhaftet; Werner Scharff, der sich bereits 1945 seiner Deportation als Jude durch eine Flucht aus Theresienstadt entziehen konnte, wurde im März 1945 in Sachsenhausen ermordet. Die nichtjüdischen Angehörigen der Gruppe, unter denen Hans Winkler, wurden zwar noch angeklagt, entkamen aber der Verurteilug durch die Befreiung im Mai 1945. Für die Gruppe liegt ein Videofilm vor, in dem Luckenwalder Schüler Zeitzeugen befragten. Dieser Teil der Ausstellung wurde von Frau Barbara Schieb-Samizadeh erarbeitet. Auf der Ausstellungeröffnung am 31. März sprachen nach den Begrüsssungsworten von Prof. Werner Vathke und des Projektleiters Wilfried Löhken, Dr. Arnold Paucker vom Leo-Baeck-Institut in London und die Schriftstellerin und Journalistin Inge Deutschkron. Dr. Paucker wies auf die untergeordnete Rolle ihn, die der jüdische Widerstand in der deutschen historischen Wissenschaft noch immer spiele. Es gehe nicht nur um den politischen Widerstand, wobei Juden meist in linken Gruppierungen mitgearbeitet haben, sondern auch um die Form der Selbstbehauptung und des Widerstehend in den Zeiten der NS-Verfolgung. Er erinnerte aber auch an den bewaffneten Widerstand, der mit der Teilnahme in den Brigaden des Spanischen Bürgerkrieges begann. Nach 1939 nahmen 20.000 deutsche Juden — unter ihnen mehr als 6.000 Berliner Juden — die aus Deutschland vertrieben worden waren, in den alliierten Armeen an der Befreiung Europas von Hitlers Gewaltherrschaft teil. Hinzu kamen die Mitglieder von Partisanenbewegungen in Italien und dem österreichisch-slowenischen Grenzgebiet. Der jüdische Widerstand gegen den Nationalsozialismus müsse weiterhin untersucht werden. Frau Deutschkron erinnerte an die Rosenthaler Str. 39, wo sich im Seitenflügel die Blindenwerkstatt von Otto Weidt befunden hat. Otto Weidt half in der NS-Zeit vielen Juden, Indem er sie beschäftigte und sie unterstützte. So half er auch der jungen Deutschkron, ebenfalls später, als sie mit ihrer Mutter in die Illegalität ging. Otto Weidt hat den jüdischen Menschen Selbstachtung wiedergegeben und damit ihren Willen zur Selbstbehauptung gestärkt. Frau Deutschkron erinnerte dann daran, dass die Ausstellung zu einer Zeit eröffnet werde, in der junge Deutsche wieder Naziparolen aufgriffen und die Demokratie angriffen. Sie berichtete von beleidigenden Brie, fen und Telefonrufen, die sie erhalten hätte. („Die Mahnung“, 1.5.1993) 9