Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1994
- Issue
- No. 58 (1994)
- Date
- 1994-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Einiges Unbekanntes aus den letzten Tagen der Breslauer Jüdischen Gemeinde Das Essen Lebensmittelkarten mussten wir uns vom Freundesaal abholen. Die Geschäfte nannten sie „Judenmarken“, weil sie mit „Jude“ überdruckt waren. Alle Sonderzuteilungen waren „ungültig“, überstempelt und die normalen Rationen waren gekürzt. Eo entwickelte sich eine besondere Breslauer jüdische Küche. Falsche Leberwurst Eine Einbrenne aus öl und Roggenmehl, in die in Wasser aufgelöste Backhefe eingerührt wird. Die daraus entstehende Paste war ein üblicher Brotaufstrich. Bratkartoffeln. Man liess sich von einem „Jüdischen Krankenbehandler“ („Arzt“ war nicht erlaubt) Glycerinöl verschreiben. Darin konnte man die Kartoffeln braten. (Sollten Sie das etwa versuchen wollen, öffnen Sie bitte erst das Fenster). Heringspaste. in der Friedrichstrasse, in der Nähe der Markthalle, war ein für Juden zugelassenes Lebensmittelgeschäft. Von den Abfällen der Heringsration für arische Kunden, machten sie eine Heringspaste. Sie war grau, schmeckte nach Fisch, man biss auch auf die zermahlenen Fischgrätenüberreste, man stellte sonst keine weiteren Fragen, denn mit Salzkartoffeln war es eine Mahlzeit. Freibank. Der städtische Schlacht- und Viehhof in der Frankfurterstrasse verkaufte immer schon minderwertiges Fleisch zu billigeren Preisen. Auf Fleischmarken bekam man dort für 100gr Marken 300gr Fleisch. So wurde das gemacht: 1. Ein gutherziges für Juden zugelassenes Geschäft wechselte Judenmarken In deutsche Reisemarken um. 2. Ein arischer Bekannter musste gefunden werden, um auf diese Marken vom Schlachthof die dreifache Menge Fleisch zu kaufen. 3. Um es essen zu können, musste man das Fleisch mit Kaliumpermanganat waschen. 4. Geschmacklich war der Genuss des Fleisches nicht zu rechtfertigen: Pikuach Nefesch war wohl die einzige religiöse Gerechtfertigkeit. Möchten Sie gerne wissen, wie man Kiddusch In Breslau machte als es keinen Wein für Juden zu kaufen gab? Man nahm Magermilch und änderte die ß'racha auf „sh'hakol nihejeh bidwaro“. Kohle, Gas und Elektrizität war für Juden streng rationiert und so gingen wir 1n das Wannenbad der jüdischen Gemeinde in der Krullstrasse baden. Es gab zwei jüdische Frisöre. (Die Namen habe ich vergessen). Man musste endlos für einen schlechten Haarschnitt am Sonntag Morgen warten. Dort erfuhr man, wer mit dem letzten Transport weggekommen war. Transport. Wir durften die Strassenbahn nur mit Genehmigung auf dem Weg zur Arbeit benutzen. Juden 2 erzählt von KLAUS AUFRICHTIG-ARKWRIGHT mussten auf dem Vorderperon des Anhängers stehen. Nach Cosel zu Beerdigungen ist man gelaufen. Nach der Zerstörung der neuen Synagoge bekam ich eine Vorladung zur Gestapo in das Breslauer Polizeipräsidium. Ich war 13 Jahre alt. Meine Eltern waren äusserst besorgt. Eine ganze Gruppe jüdischer Leute trafen sich dort zusammen. Wir mussten das Gestapobureau vom Polizeipräsidium in die Räume der Religionsunterrichtsanstalt 2, am Anger 8 transportieren. Dort in den Räumen der jüdischen Schule und der Wochentagssynagoge der Neuen Synagoge residierte die Gestapo und organisierte die Liquidation der Breslauer jüdischen Gemeinde. Die Namen der Gestapoleiter Hampel, Wagner und Marsch, werden mit Amalek und Haman in unserer Erinnerung bleiben. Gesundheitspflege. Im Kriege bekam ich Scharlachfieber mit nachfolgenden Komplikationen. Das jüdische Krankenhaus war in dem Verwaltungsgebäude des Friedhofs Cosel untergebracht und ich verbrachte dort einige Zeit mit dem Ausblick auf den Friedhof. Der Internist Dr. Hayn schlug für mich eine Bluttransfusion vor. Es war wohl kaum möglich den noch verbliebenen unterernährten jüdischen Breslauern zuzumuten ihr Blut zu spenden. Dr. Hayn wandte sich mutigerweise an das städtische Gesundheitsamt. Die Antwort war: “Deutsche Arier können nach den Nürenberger Gesetzen kein Blut für Juden spenden“. —Ich hatt Glück: Ich habe den Krieg auch ohne das arische Blut überlebt. Frontkämpfer. Im ersten Weltkrieg waren ungefähr 100.000 deutsche Juden 'im Feld und davon ca. 80.000 an der Front. 12.000 sind gefallen und 35.000 haben Kriegsauszeichnungen erworben. Viele erhofften, dass dieses Opfer für Deutschland, sie ein wenig vor der Verfolgung beschützen würde. So trugen viele, bis es verboten wurde, die Miniaturen der Orden im Knopfloch. Die jüdische Gemeinde Breslau teilte mit ihnen diese Meinung. In dem Vorraum der Neuen Synagoge gab es eine Gedenktafel für die im ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten. Nach der Kristallnacht musste die Gemeinde die Ruine der Synagoge abreissen. Dieser Gedenkstein war die einzige Erinnerung an den imposanten Tempel. Er wurde noch in die Mauer in den Vorraum der Storchsynagoge eingebaut. Luftschutzkeller. BRESLAU war von Bombenangriffen bis kurz vor dem Ende des Krieges verschont. Es gab aber von 1939 an regelmässige Luftschutzübungen. Am Anfang dieser Zeit wohnten wir noch in Häusern, in denen auch deutsche Familien wohnten. Wir durften auf Anordnung der Gestapo den für das Haus mit Balken abgestützten Luftschutzkeller nicht benützen. Wir mussten in unserem Kohlenkelier bleiben, der keine Notbeleuchtung und auch keine Deckenabstützung hatte. GERMANIA Mein Goldfisch. jj '■■Cj Obwohl wir schon alle in einem Zimmer wohnten, war ich noch der glückliche Besitzer eines Goldfisches. Am 15.5.1942 wurde Juden das Halten von Haustieren verboten. Ich korrte meine Eltern nicht überezugen, das ein Goldfisch kein Haustier war und so wurde der arme Fisch im Klosett heruntergespült. Abtransport. Wir wohnten einieg Zeit mit Fräulein Schein zusammen in einer Wohnung. Fräulein Schein war eine Englischlehrerin, die vielen Breslauern zur Vorbereitung für die Auswanderung diese Sprache gelehrt hat. Sie hatte nur eine Niere und sie trank auf Anordnung des Arztes stündlich Kreutertee, den sie mit grosser Sorgfalt zubereitete. Am Abend, bevor sie sich zum Abtransport melden musste, halfen wir ihr ein paar Geldscheine in Watte zu packen und dann in ein Federkissen einzunähen. Wir freuten uns mit ihr, dass sie sich noch ein wenig Geld mitnehmen konnte. Sie weinte aus Besorgnis auf der Reise den Kreutertee nicht pünktlich trinken zu können und dadurch weiteren Nierenschaden zu erleiden. Überall waren Federn. Der Anblick ist unvergesslich. Das war unsere letzte Begegnung. Gmeindeküche. im Freundesaal war die Gemeindeküche. Zwischen dem Schulverbot und der Zwangsarbeit habe ich mit vielen anderen Kindern jeden Tag Mittagsessen ausgetragen. Ich ging mit einer Menage vom Freundesaal zum jüdischen Wohnhaus in der Friedrich-Wilhelmstrasse. Dort wohnte In einem kleinen Zimmer der Chordirigent Pulvermacher mit seiner Frau, der ehemaligen Sängerin Jetka Finkeistein von Konzertfotos und vertrockneten Lorbeerkränzen umgeben. Sie warteten täglich auf ihr Essen. Eines Tages kam ich mit dem Essen an und fand die Tür verschlossen. Die Nachbarn sagten, sie hatten sich vergast, denn sie wollten in ihrem hohen Alter nicht mehr mit dem Transport Weggehen. Ich brachte das Essen in den Freundesaal zurück. Barmitzvahgeschenk. Im April 1938 starb meine Grosmutter Emma Aufrichtig an Magenkrebs und wurde in Cosel beerdigt. Sie wusste, dass sie meine Barmitzvah nicht miterleben würde und so hinterliess sie mit ihrer Freundin Jenny Guttmann ein Sparkassenbuch und einen Brief für mich mit dem Auftrag dies mir zur Barmitzvah zu überreichen. Den Brief und das Buch erhielt ich vorzeitig, denn die Deportationen machten Zukunftsplänen eine unmögliche Aufgabe. Das Buch war wertlos — ein Sperrkonto, aber der Brief erinnert mich noch heute an ihre Liebe und meine Barmitzvah. Die jüdische Gemeinde Breslau ist jetzt fast schon ein völlig geschlossenes Buch und es ist nur die Erinnerung, die den Überlebenden eine kleine extra Dimension des Seins zu geben vermag. J CJD AR zar Geschichte oa iudentuKss e.V. 'W/92