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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1993-01-01 · No. 57 (1993) · p. Seite 12

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1993
Issue
No. 57 (1993)
Date
1993-01-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Ein interessanter Grabsteinfund in Breslau Saxa loquuntur. Ihre Aussagen sind die wichtigsten Wegweiser für die Geschichtsschreibung. Jeder neue Fund ist geeignet, unsere Kenntnis der entschwundenen Zustände zu erweitern. Als der staatskluge König Johann von Böhmen am 27. September 1345 den Ratsherrn der guten Stadt Breslau erlaubte, „alle Steine vom Friedhof der Juden, die über oder unter der Erde sich finden, zu nehmen, auszugraben und fortzuführen und zum Mauerbau zu verwenden“, hatte er zunächst gewiss nur die Absicht, den neuerworbenen Untertanen ganz besonders zu Willen zu sein Die den Ungläubigen angetane Gewalt fiel daneben kaum Ins Gewicht. Freilich besassen diese einen Freibrief von Ende Dezember 1315 oder Anfang Januar 1316, der ihnen die Zusicherung gab, dass „das Grundstück für alle Zeiten steuerfrei bleiben und dass die Leichen, die darin ruhen, niemals ausgegraben werden dürfen, sondern so bleiben sollen, wie sie seit alten Zeiten da lagen“. Dieses ihnen verliehene Recht wurde ja aber auch nicht einmal dem Wortlaut nach angetastet. So roh und rücksichtslos uns der Vorgang erscheint, so wenig nahmen die Menschen des 14. Jahrhunderts daran Anstoss. Es erschien ihnen vielmehr ganz angebracht, dass die ohne Ermächtigung der christlichen Obrigkeit errichteten Denkmäler zu einem gemeinnützigen Werke verwendet wurden. Der Jammer über den Raub ist längst verstummt. Für die Nachlebenden bleibt es ein schwacher Trost, dass auch in diesem engen Bereich die Kraft, die das Böse gewollt, wenigstens etwas Gutes geschaffen hat. Die Inschriften der Steine, die zu Bauten verwendet und häufig in den Grund neu errichteter kirchlicher und obrigkeitlicher Gebäude versenkt wurden, sind gerade dadurch hin und wieder in nahezu tadellosem Zustande erhalten worden. Das gilt in DIE JUDEN IM ELSASS, 1784 (Fortsetzung von Seite 11) In Bouxweiler — interessant ist die Schreibweise, halb französisch, halb deutsch — lebten nach den Stand vom 7. Oktober 1784, 50 Familien sowie ein Witwer, 297 Personen. In jedem Ort wurde die Zählung an einem anderen Tag durchgeführt, beispielsweise in Rossheim am 2. März 1785. Die Familien werden aufgeteilt in den Familienvorstand, Chef, Ehefrau, Söhne, Töchter, Diener, Servant oder Servante, drei Familien haben Erzieher, Precepteur. Der Rabbiner Wolff Jacob Reichhoffer und seine Ehefrau Blümel, haben zwei Söhne, einen Säugling, einen Hauslehrer und eine Bedienerin, 7 Einzelpersonen, Totaux des Individus. Im Ort leben ein Rabbinervertreter, Substit. du Rabin, wie vier Lehrer. In Rossenweiler lebte nach dem Stand vom 12. Januar 1785 nur eine jüdische Familie, Lippman Dreyfus, seine Frau Göttel, die Söhne Fohlen und Raphael, die Tochter Merlen. „Rossenweiler compose de 1 Familie, & de cinq Individus, ci 45“. Rossenweiler besteht aus einer Familie, das sind 5 Einzelpersonen. Beispiele, die zeigen, wie sorgfältig die Zählungen vorgenommen wurden. Nicht nur der Forscher auch der Nichtfachmann liest sie aufmerksam. Hier gibt es detaillierte Angaben über eine jüdische Gemeinschaft im ausgehenden 18. Jahrhundert, einige Jahre vor der Revolution in Frankreich. Der König hat der Geschichtsforschung einen Gefallen getan, und in dem Dokument ein Kapitel jüdischer Geschichte hinterlassen. Von M. BRANN Breslau von dem Denkmal, das 1846 im Grunde des Pfarrhauses in Deutsch-Lissa gefunden worden ist und sich jetzt auf dem Friedhof in Cosel befindet, und gilt in noch höherem Masse von dem neuen Funde, der die älteste im östlichen Europa aus dem Mittelalter erhaltene hebräische Steininschrift aufweist. Man stiess auf dieses neue Grabdenkmal Anfang September 1917 beim Ausgraben eines Heizkellers für die neu anzulegende Domheizung auf der nördlichen Seite des Domes in einer Tiefe von 2 -21/2 m unter dem angrenzenden Erdreich des vorbeiführenden Bürgersteigs zwischen diesem und den äusseren Umfassungsmauern des Domes. Der Stein lag in 5,0 m Entfernung von der westlichen Wand der an den nördlichen Ostturm nach Norden vorgelegten St. Johanniskapelle, etwa in der Mitte zwischen dem Bürgersteig und der äusseren Umfassungsmauer der Peter- und Paulkapelle, mit seiner Aufschrift nach unten ganz frei in der Erde inmitten von Gebeinen der hier früher bis zu einer Tiefe von 3—4 m Begrabenen, und zwar der Länge nach parallel zu dem Aussenmauerwerk der Peter- und Paulkapelle. Er besteht aus weisslichgrauem schlesischen Granit, ist 1,64 m hoch, oben 0,16, unten 0,12 m dick und 0,67 m breit. Die Inschrift ist 1,0 m hoch und 0,54 m breit und besteht aus neun Zeilen. Die Zeilen sind 0,12 m von einander entfernt und durch Querlinien abgeteilt, eine Technik, wie sie nur an den ältesten Wormser und Mainzer Grabsteinen aus dem 11. bis 13. Jahrhundert sich befindet. Die Buchstaben sind 0,05—0,06 m hoch. Die Inschrift lautet: mtpa nx anin^ d’»’ nm D’£^>x nyaTx n^iyn 'xnaV aop : rma rasa pxn nxt Tn t rinap Ta Q’yJ Vip 'IDXJW TB? ,T'aa nauis u’^a mm & wM -i~X Intimi - V .**••*. Hiernach starb R. David, Sohn des R. Sar Schalom, am Montag, den 25. Ab 4963, d. i. am 4. August 1203. Joseph und Chaskel, die Ende 1203 oder Anfang 1204 die Besitzer des Falknerdorfes Sokolnice oder Tocholnici gewesen sind, müssen danach darauf verzichten, als die „ältesten Breslauer Juden“ angesehen zu werden. Sicherlich aber waren sie Zeitgenossen des Mannes, dessen Namen das neu aufgefundene Denkmal uns überliefert. Interessant ist schon sein Name und in gewissem Sinne auch der seines Vaters. Was soll die „liebliche . Stimme“ (Zeite 3) hinter seinem Namen bedeuten? Soll sie nur ein Begleitname sein und etwa an die Bibelstelle II. Sam, 23,1, woselbst David als der „lieblichste Sänger Israels“ bezeichnet wird, erinnern, oder will sie aussagen, dass unser David damals der Vorsänger der Breslauer Judengemeinde gewesen ist? So ein Vorsänger besass nämlich in jenen Tagen eine ganz andere Würde und Ehrenstellung, als ein heutiger Vorbeter. In Polen — wozu damals Schlesien gehörte — Preussen und Ungarn waren, nach einer zuverlässigen, zeitgenössischen Schilderung, zu Beginn des 13. Jahrhunderts die Verhältnisse so, dass es Gelehrte, die in der nationalen Literatur gründlich bewandert waren, nirgends gab. Darum verschafften sich die kleinen jüdischen Ansiedlungen in jenen Gegenden einen mehr oder minder sachverständigen Mann und übertrugen ihm gegen Besoldung aus gelegentlichen Spenden an Feiertagen und bei häuslichen Festen das Amt des Vorbeters, Rabbiners und Jugendlehrers, das er schlecht und recht, wie es eben anging, ausübte. Gerade für Breslau erfahren wir sogar urkundlich, dass noch hundert Jahre später, im Jahre 1315 der hiesige „episcopus judeorum omnia judeorum pecora in ipsorum cristianorum mactatorio... juxta ritum gentis judaice“ zu schlachten hatte. Der damalige Breslauer „Judenbischof“ vereinigte also wirklich in seiner Person die Ämter des Rabbiners und Schächters, des Vorbeters und Religionslehrers. Unterstützt wird die Annahj me durch die Tatsache, das heute noch im Orient , auf zahlreichen Grabsteinen hinter dem Namen J des Vorsängers die Bezeichnung jvn’ÖT □’>yj ^XTira oder in Abkürzung v'atl d.h. „ein lieblicher Sänger in Israel“, sich findet. Möglich ist auch eine andere Deutung. Es kann ( die liebliche Stimme ein 'Beiname sein, wie etwa „Libegeselle“, „Libirknecht“, „Libiskint“, „Lobiswort“ u. dgl., die in Schlesien nachgewiesen sind. Endlich können die beiden Worte die Abkürzung eines Wunsches bezeichnen, wie er auch sonst im früheren Mittelalter nicht selten hinter Personennamen vorkommt, also etwa D’tornT “pp n»m mm1? uan map m.TÖ (oder ^X“l®’ “py) d.h. „sammle ur/s ein u. mach uns würdig, bald die Tröstung deiner Stadt Jerusalem (oder: deines Volkes Israel) zu schauen, oder dgl. Die Auswahl unter diesen Deutungen muss ich dem geneigten Leser anheimstellen. Wie immer aber er sich entscheide, ist und bleibt unser David nach den bisherigen Ermittlungen jedenfalls der Zweitälteste Einwohner unserer Vaterstadt, den wir mit Namen kennen lernen. Einigermassen seltsam ist auch seines Vaters Name Sar Schalom. Er weist bekanntlich auf Jes. (Fortsetzung auf Seite 13) 12

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